Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/418

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 Man darf um alles das nicht beten, was den Geboten und der Ehre Gottes widerspricht, denn solche Bitten können unmöglich von Ihm erhört werden. Darum darf niemand um das Gedeihen einer Sünde beten, kein Dieb um das Gelingen einer Dieberei, kein Tänzer für seinen Tanz und Tanzmusik, kein Schauspieler für sein Schauspiel, die Welt nicht für ihre heidnischen Vergnügungen und Sabbathsschänderei, die Jugend nicht um Erfüllung ihrer fleischlichen, das Alter nicht um Erfüllung seiner geizigen Hoffnung beten. Dergleichen gedeiht nur durch des Teufels, nicht durch Gottes Gnaden, des heiliger Name dadurch entheiligt, des Reich in Seinem Kommen aufgehalten, des Wille damit gehindert wird.

 Sonst aber dürfen Kinder Gottes ihren Vater um alles bitten. Jedoch ist ein Unterschied zwischen dem Gebet um das, was nicht unumgänglich und dem um solches, was durchaus nötig ist zum zeitlichen Bestehen des Leibes, wie zu der Seele ewigem Heil.

 Wer um etwas nicht unumgänglich Nötiges recht beten lernen will, der belausche den Erlöser in Gethsemane. Sein heiliges Beispiel und Leidensbild hat hier die Überschrift: „Lernet von Mir, denn Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ Der bis in den Tod betrübte Heiland betet hier zuerst: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht wie Ich will, sondern wie Du willst.“ Dann aber betet ER noch einmal und spricht: „Mein Vater, ist’s nicht möglich, daß dieser Kelch von Mir gehe, ich trinke ihn denn, so geschehe Dein Wille“ (Matth. 26, 39-42).

 Der Kelch, den ER trinken mußte, war das Leiden des bittern Todes für die Sünden der Welt, der Sünden Stachel und bitterer Sold war in dem Kelch. Dieser bittere Trank preßt Ihm den Wunsch aus, sein überhoben zu werden. Seine Seele ist so hingenommen im Gefühle unserer Strafen, wir sehen Ihn so geängstet und gequält, daß es wahrlich niemand wunder nehmen darf, daß ER diesen Wunsch thut. Dennoch aber sehen wir in Ihm auch hier den, welcher ohne Sünde versucht ist. Sein menschlicher Wille war ja immer