Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/419

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dem Willen Seiner göttlichen Natur unterthan, und wie schön, wie erschütternd schön, wie tief beschämend für uns Sünder spricht sich hier dieser Gehorsam des menschlichen Willens gegen den göttlichen aus; schwer leidend, bis in den Tod betrübt, mit blutrünstigem Angesichte fühlt ER doch, daß die Versöhnung entweder durch den bitteren Todestrunk von Ihm, oder nie und von keinem vollendet wird, fühlt, daß ER wohl nicht in diesem Tode bleiben und untergehen werde, wohl aber die Welt ohne Seinen Todestrunk, fühlt, daß die Erfassung des Kelches für Ihn nicht durchaus, aber wohl für uns durchaus not ist, und setzt darum gleich bei dem ersten Gebete in stiller Ergebung hinzu: „Nicht Mein, sondern Dein Wille geschehe!“ Und da ER zum zweiten Male betet, da ist ER bereits entschlossen, Seine Seele ist gefaßt zur schweren Arbeit, ergebungsvoll streckt ER die Hand aus und spricht: „Ist’s nicht möglich, nun denn, so geschehe Dein Wille!“ ergreift den Becher und fähet an zu trinken und trinkt ihn bis zur Hefe aus. Gottes Lamm beugt sich unter die Stunde der Finsternis und denkt, sie wird vorübergehen und nach der Arbeit lasse sich’s wohl ruhen!

 Lernet von diesen großen Beispielen recht beten in Bezug auf alles, was nicht unumgänglich nötig ist, vergesset nie, hinzuzusetzen: „nicht mein, sondern Dein Wille geschehe!“

 Brüder, groß ist der Beter, welcher mit starkem Glauben Berge versetzt und große Güter gleichsam Gottes Händen entwindet, aber größer scheint mir doch, wer in völliger Aufgebung seines eigenen Willens im Vergänglichen nur eine Bitte hat: „nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.“ Denn in einer Seele dieser Art ist der Glaube am größten und völlige Einigung mit Gott. So war St. Paulus. Dreimal betete er inbrünstig um Entfernung des Pfahls im Fleisch und des Satansengels, der ihn mit Fäusten schlug; weil aber der HErr antwortete: „Lasse dir an Meiner Gnade genügen!“ weil er erkannte, daß er trotz der schweren Kreuze dennoch im Frieden leben und sterben konnte, so fügte er sich in Gottes Willen und traute dem, der auch in Schwachen mächtig ist.