Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/422

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hast, steigst du oft in die stille Herzenskammer und lässest von dieser aus deine Bitte Gott und JEsu kund werden? Nicht wahr? da fehlt es, du betest nicht, darum lachst du mich aus. Würdest du ein eifriger Beter sein, so würdest du dich gewiß nicht wundern, daß ich dem stillen Beter in der Kammer eine größere und weiterhin reichende Wirksamkeit zuschreibe, als Kaisern und Königen der Erde.

 Oder zweifelst du noch? Als Elias im Kämmerlein über den toten Knaben zu Sarepta, Elisa über den der Sunamitin betete, thaten sie Thaten der Allmacht, denn die Knaben wurden lebendig. Das Gebet wirkt bis ins Reich der Toten! Als Elias auf dem stillen Gipfel des Karmel um Regen betete, mußte die Sonne seinem Gebete folgen, Dünste und Wolken aus dem Meere saugen, und der Wind mußte sie von Westen her über Judäa führen, das Land zu wässern. So hat das Gebet seine Wirkung bis an die Sonne und verschafft Segen für ein ganzes Land. Als Israel mit den Amalekitern im Kampfe war, hob Mose den ganzen Tag betende Arme zu dem Allmächtigen empor, und sein Gebet stärkte den kämpfenden Israeliten, welche es nicht hörten, Herzen und Hände, daß sie den Sieg gewannen. So kann das Gebet über Herz und Kraft entfernter Menschen eine göttliche Kraft ausgießen. Als ebenderselbe Mose mit 600 000 Mann im Thal Pisachiroth stand, vor ihm die Meeresflut, rechts und links die steilen rettungslosen Berge, ringsum das murrende, trotzige und verzagte Volk, hinter diesem Pharaos Heeresmacht: da hatte er nur einen stillen Punkt, Sein Herz, dahin flüchtete er sich und fuhr mit seinem Glauben von da aus kräftig seufzend über alle Berge weg zu den Himmelsbergen, da antwortete der HErr dem stillen Beter mächtig: „Sage den Kindern Israel, daß sie ziehen!“ und die Meereswellen fuhren auseinander und gaben Raum, eine trockene Bahn war mitten durchs Meer, die Wasser legten sich ruhig rechts und links, wie Wächter, und Israel ging trockenen Fußes hindurch. Da vermochte das Gebet das Element zu bezwingen.

 Ist’s also nicht wahr, daß der Betende eine größere Wirksamkeit hat, als alle Könige und Kaiser der Erde. Über