Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/465

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Bibel. Hätte der gelesen, was zur Seligkeit notwendig war und ist, hätte er z. B. Röm. 1–3 gelesen, so würde er, wenn auch nicht verstanden, doch aber geahnt haben, daß ein seliges Verständnis dahinter sei, so würde er fortgefahren haben, so würde der HErr seine Treue im Lesen angesehen haben, und ihm würden erleuchtete Augen des Verständnisses geschenkt worden sein, Gottes Lehre zu verstehen.

 So war es beim Kämmerer, aber bei ihm erscheint noch mancher andere Umstand, welcher sein Lesen gesegnet machen mußte. Er las, und Philippus lief nun auf Befehl des heiligen Geistes hinan und fragte, obwohl ein armer Mann, den vornehmen Herrn freundlich und treumeinend: „Verstehst du auch, was du liesest?“ Der Kämmerer antwortete: „Wie kann ich, so mich nicht jemand anleitet?“ und ermahnte ihn, in seinen Wagen zu steigen. Philippus stieg schweigend ein und wartete, nachdem er des Geistes Befehl, sich zum Wagen zu machen, vollendet hatte, das Weitere ab. Der Kämmerer aber ließ ihn nicht lange warten, sondern alsbald wandte er sich zu Philippus, gegen welchen die göttliche Gnade ihm das Herz aufgethan hatte, und sprach: „Ich bitte dich, von wem redet der Prophet solches, von ihm selbst oder von jemand anders?“

 Liebe Brüder! Wenn ein vornehmer Herr dahergefahren käme auf der Straße von Veitsaurach hierher und läse in der Bibel, und ich armer Diener Christi wollte mich bei seinen Wagen machen, obwohl auf des Geistes Befehl, des Amt ich trage, und ihn fragen: „Verstehst du auch, was du liesest?“ meint ihr, der würde auch antworten, wie der Kämmerer: „Nein, ich verstehe es nicht, aber es leitet mich auch niemand an“? Meint ihr, er würde mich auch auf seinem Wagen sitzen lassen, ohne sich meiner zu schämen? Ich meine es nicht! Solche Demut ist nicht in dieser Welt, am wenigsten bei den Hohen und Herrlichen dieser Erde. Bei uns meint einer über alle Dinge nicht nur selbst genug Bescheid zu wissen, sondern noch obendrein andere belehren zu können, wenn er von hohem Stande ist und über andere gesetzt. Wenn einer zu befehlen hat, glaubt er die ganze Weisheit der