Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/466

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Bibel nur so weggeschmeckt zu haben, wenn er auch eine Bibel nur einmal gesehen und keinmal in dem dicken Buch gelesen hätte. Es ist natürlich, daß einer nicht weiß, was er nicht gelernt hat, aber jetzt haben die Leute einen unnatürlichen Stolz durch des Teufels Gnade, daß sie nichts lernen und doch alles wissen wollen. Es ist aber nicht allein bei den Vornehmen so, sondern auch bei den Bauern. Darum muß, wer in der Bibel etwas lernen soll, fein demütig sein und auch noch ein Schüler sein wollen. Demut studiert gut, und die Unmündigen sind es, über denen Christus den Lobgesang (Matth. 11) singt: „Ich preise Dich, Vater und HErr Himmels und der Erde, daß Du solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den Unmündigen geoffenbart.“

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 Ferner, Brüder, sehet nur, wie heilsbegierig ein Kämmerer von Mohrenland ist, wie sehnt er sich, die Schrift zu wissen. Ich will wohl wetten, die Heilsbegier hat ihn so demütig gemacht, daß er den Philippus, den armen Bettler, auf seinem Wagen sitzen läßt und sich nicht schämt, ihn zu fragen und von ihm zu lernen. Bei uns sind ja die Bauern nicht so heilsbegierig, als dieser vornehme Herr zu der Apostel Zeit. Er war nach Jerusalem gefahren von Äthiopien, um seiner Seelen Seligkeit zu lernen und Gottes Wort zu suchen, und fährt heim und liest in Gottes Wort, und fragt voll Verlangen: „Sage mir, von wem redet der Prophet solches, von ihm selbst oder von jemand anders?“ Bei uns braucht man nicht nach Jerusalem zu fahren, um Gottes Wort zu bekommen. Ihr habt’s nahe, eine Stunde, eine halbe Stunde, eine viertel Stunde ist nötig, so könnt ihr Gottes Wort hören. Aber ihr möget nicht, ihr wollet’s auch euren Kindern teilweise nicht gönnen, sondern hättet lieber, daß sie das Vieh hüten und die Kühe warten, als daß sie in der Schule und Kirche bei Gottes Wort sitzen. Ihr redet euch entweder so heraus, daß ihr, wenn man euch religiöse Vermahnungen giebt, sagt: „Das weiß ich schon,“ oder ihr sagt: „Wir haben halt nicht so viel Verstand, sind nicht so weit gelehrt!“ Ach, daß eure und eurer Kinder Seelen bei euch nur so teuer