Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage).pdf/17

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Auge an, ist sie, was oft Weltmenschen, sich selbst belügend, behaupten, ist sie ein Paradies? Daß die Erde in weiten Länderstrecken wüst und leer, verödet und versandet, oder in Sümpfen und Morästen daliegt, daß sie ohne Aussaat und Pflanzung, ohne Schweiß des Arbeiters nur an wenig Orten die Nothdurft trägt, – daß sie da, wo ihr Ansehen noch am meisten einem Paradiese gleicht, in jenen vielgepriesenen südlichen Ländern, auch so viele Plagen, Giftpflanzen, giftige Thiere und andere Schrecken des Tages und der Nacht hervorbringt, – daß Unkraut, Dorn und Distel den treuen Fleiß des Landmanns verhöhnen und als Zeugen göttlichen Fluches über die ganze Erde hingestreut sind, – bedenken Jene nicht, welche so gern sich durch die Natur in ein Entzücken versetzen lassen, ihr dienen, wie ihrem Gott, und ihren Gott die Natur nennen. Die kahlen Berge, die nackten Felsen, die wie alternde Gebeine zum Himmel starren, triefen vom ängstlichen Warten auf Erneuerung. Das Abendroth und der Sonne täglich Abschiednehmen predigen die Sehnsucht dieser Welt nach der Offenbarung jener Welt. Nur wer selbst keine Sehnsucht hat und auf die Zukunft eines vollkommenen Lebens nicht harret, kann die Natur vergöttern, wie die Heiden. Wer aber den Himmel von ferne gesehen hat, im Spiegel der Verheißung, wer gehört hat vom Strom des Lebens, vom Gehölz des Lebens in jener Welt und von der neuen Erde, auf welcher Gerechtigkeit wohnet, – wer nur je die verheißene Herrlichkeit des Reichs Gottes in der Schrift mit gläubigem Herzen betrachtet hat, der kann sein Herz an diese irdischen Naturschönheiten nicht hängen, der fühlt sich auf den Gipfeln und in den Thälern der Alpen und auf den immer jungen Frühlingsinseln der Südsee nicht daheim, der kann diese Erde, diese Sonne nicht so gar schön heißen, da sie Menschen dienen, welche ohne Christum, den schönsten Helden und Heiligen Gottes, leben können. Was ist alle Herrlichkeit dieser