Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage).pdf/36

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bei alle dem ein verkappter Wolf, ein Heuchler seyn kann: das hätte ich nimmermehr geglaubt, wenn es Der nicht gesagt hätte, dem gegenüber jeder Zweifel schweigen muß. Können aber solche große von aller Welt angestaunte Gaben einem gleißnerischen Herzen nur zur Decke dienen: du lieber Gott! wie viel weniger kann man dann von andern Dingen einen sichern Schluß auf das Christenthum des Herzens machen, – z. B. vom Almosengeben, Schulen und Anstalten, Kirchen und Spitäler errichten und bedenken. Ein einziger Tropfen wahrer Geistesarmut!) im Herzen eines gedemüthigten Dieners Gottes ist Gott angenehmer, als diese rauschende Thatenpracht.

 6. Ob uns nun wohl der Herr ein Mißtrauen gegen solche äußerliche Gaben einflößt; so müssen wir doch bedenken, daß Er sagt: „Nicht alle, die zu mir Herr, Herr sagen, werden in’s Himmelreich kommen!“ und nicht: „Alle, die zu mir Herr, Herr sagen, werden nicht in’s Himmelreich kommen!“ Es müssen allerdings auch fromme Christen ihren Herrn nennen, was Er nun einmal ist: „Herr, Herr!“, sie müssen in Seinem Namen reden und Thaten thun. Wer ihnen daraus ein Verbrechen machen wollte, der wäre einem thörichten Manne gleich, welcher allen Schafen gram seyn wollte, weil einmal der Wolf ein Schaf erwürgt und ihm den Pelz gestohlen hat. Dem Schafe ist sein Pelz, dem Christen der Name Seines Herrn zum Kleid und Schmuck gegeben: beide tragen ihr Kleid mit Ehren. Ja, selbst an Wölfen ist nicht der Schafpelz das Schändliche, sondern daß sie zum Schafpelz nicht passen, daß ihre verkehrte, böse Art desto greller in’s Licht tritt, wenn sie gegen den Schafpelz betrachtet wird. Es ist leider die schwere Schuld der Heuchler, daß nicht allein sie heucheln, sondern durch ihre Heuchelei auch alle andern frommen Seelen in den Geruch pharisäischen Wesens kamen. Darum muß auch das Mißtrauen seine Schranken haben.