Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage).pdf/55

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Ich habe vergeben, Ich bin versöhnt, der Strick ist entzwei, und ihr seyd frei! – wenn da nicht unsere Versöhnung durch Christi Tod in ein sonnenklares Licht gestellt wird, wenn sie dadurch nicht unüberwindlich gewiß erscheint: dann ist nichts mehr gewiß auf Erden, dann fang’ ich an an Allem zu zweifeln, selbst am Licht der Sonne, ja, verzweifelt frage ich mit Pilatus: „Was ist Wahrheit?“

 2. Aber, sagen Etliche – daß Christus auferstanden sey, glaube ich, aber daß er todt war, glaube ich nicht, Er schlief drei Tage in einer tiefen Ohnmacht und am dritten Tage wachte Er wieder auf. Ich glaube eine Auferstehung, aber keine Auferstehung von den Todten. Darauf antworte ich: glaub’, was du willst: ich bau’ mein ganzes Heil darauf, daß Christus wahrhaftig gestorben ist. Die Gewißheit meiner Versöhnung fällt und steht mit der Gewißheit des Todes Jesu. Ist Jesus nicht wahrhaftig gestorben, so bin ich auch nicht wahrhaftig erlöst. Aber ganz ruhig sage ich: so gewiß Jesu Tod ist, so gewiß ist meine Versöhnung, ich setze mein Heil auf Seinen Tod, und werde sicher nicht verspielen.

 Was für eine unglückliche Keckheit ist es nicht schon, eine Todesgeschichte, welche die edelsten und frömmsten Seelen seit achtzehn Jahrhunderten als unwidersprechliche Wahrheit zum Grunde ihres Glaubens und ihrer Seligkeit gelegt haben, mit leichtfertigem Uebermuthe wegzuläugnen! Ist etwa die Art des Todes Jesu nicht genau genug erzählt? kann ein Zweifel übrig bleiben? Der Leib des Herrn, im Kampfe von Gethsemane so in die Arbeit unserer Sünden hineingezogen, daß Ihm blutige Schweißtropfen entfallen, – mit Geißeln gehauen, daß das heilige, unschuldige Blut aus den Adern fließt, – von einem ungerechten Richter zum andern wie ein Schlachtschaf geschleppt, gekrönt mit einem grausamen Dornenkranze, ermüdet und ermattet in allen Gliedern vom Gang nach