Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage).pdf/67

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man es gar nicht mehr für Gottes Wort hält. Am Ende des vorigen Jahrhunderts ist es so weit gekommen, daß, ich schäme mich, es zu sagen, daß in der evangelischen Kirche geborene, deutsche Männer ihre mühsam erworbenen Kenntnisse, Geschicklichkeiten und Fertigkeiten in den Dienst des Bösewichts begaben, die heiligen Schriften zu bestreiten und zu behaupten, sie seyen nicht von Gott. Da die Weisen also vom Geist der Verläugnung hingerissen waren, ging derselbe Geist der Verläugnung von ihnen auf das Volk über und sein Same ist nun unter Bürgern und Bauern schauderhaft wuchernd aufgegangen. Ehedem war die evangelische Kirche der Haufe derjenigen, denen Gottes Wort das Theuerste und Liebste war. Nun gibt es in ihr Menschen jeden Standes, die sich schämen, gleich ihren Vätern am Morgen und am Abend Licht und Leben aus Gottes Wort zu holen: es giebt Familien, bei denen Monden und Wochen verstreichen, ohne daß man’s der Mühe Werth hält, einen Bibelspruch anzusehen, Familien, die alles kennen, haben und begehren, nur nicht Gottes Wort. Man findet Menschen, die es zum Gegenstand ihrer Ruhmredigkeit machen, wenn sie Jahre lang, ja, seit dem Tage ihrer Confirmation die heilige Schrift nicht mehr angesehen, oder, wie sie es nennen, gebetet haben. An vielen Orten folgt denen Achtung nach, welche die Gabe ihres Witzes und ihre Lust zu Hohn und Spott an Gottes Wort üben. Das geschieht in der evangelischen Kirche, so vertheidigen die meisten ihrer Kinder das von den Vätern ererbte, theure Kleinod! Den Grund der Apostel und Propheten achten sie für Sand. Den Stein, welchen der Herr Herr selbst zum Eckstein gemacht hat, verwerfen sie, gleich jenen Bauleuten, abermals. Die Standarte ihres Königs Jesus, das unvergängliche, ewige Wort, behandeln sie mit Ekel und die eitle Weisheit der Zeit, die gleich dem Grase blühet und verwelkt, gleich dem Winde spurlos kommt und geht, die ehren sie, als wäre sie der menschgewordne Gott. So