Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage).pdf/77

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Jeder steht und fällt seinem Herrn. Der Herr aber hat eine unendliche Liebe in Christo Jesu: er liebt unsere Todten mehr, als wir mit aller unserer Liebe sie zu lieben vermögen. Geht drum ein Todter verloren, konnte das liebreiche Vaterherz im Himmel über dessen Verderben sich zufrieden geben; so muß auch unsere Liebe, die da klein ist, sich an jenem Tag zufrieden geben, wo allein erst offenbar werden wird, wer gewonnen und verloren ist. Getrost können wir also hier der Vaterliebe Gottes trauen. Am Tag der Offenbarung selber aber wird aller Frommen Wille mit Gottes Willen völlig eins geworden seyn – und unser ganzes Wesen wird so ganz in Gotte ruhen und erfreut seyn, daß auch der Jammer der für alle Ewigkeit Verfluchten unsre Seligkeit eben so wenig stören wird, als Gottes Seligkeit. – Das ist der einzige Trost, welchen man wegen derjenigen geben kann, welche allem Anscheine nach im Unglauben dahingefahren sind. Freilich ein Trost, welcher eine große Fülle alleiniger Liebe und Ergebung in Gottes Liebe voraussetzt, – ein Trost, den wenige fassen, – ein Trost, der in uns selbst die Sehnsucht weckt, daß man, ihn anzuwenden, seltener gezwungen seyn möchte. –

 Gewissen Trost bietet die heilige Schrift nur in Rücksicht Solcher dar, welche als Gottes Kinder dahingeschieden sind, auf daß kund werde, daß sie noch einen Vorzug vor den Kindern der Welt haben.

 Ehe wir jedoch den in unserm Texte enthaltenen Trost genauer vor Augen legen, bemerken wir, daß sich derselbe nur auf das bezieht, was an den Sterblichen sterblich ist: nämlich auf den Leib und Leichnam. Denn er beweist allein, daß der Leichnam nicht verloren ist, wenn er in’s Grab und zur Verwesung hinabgesenkt wird. Von den Seelen redet unser Text nichts. Aber gerade in diesem Schweigen liegt ein großer Trost für die abgeschiedenen Seelen der Frommen. Daß diesen kein Leid geschehe, setzt der Apostel voraus. Denn wie könnte die Seele verloren