Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage).pdf/83

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 Liebste Seelen! Der Tag des Herrn wird kommen, ohne daß es Jemand ahnt. Es wird an jenem Tage Alles seinen Gang gehen in größter Sicherheit, wie alle Tage. Es wird die Sonne aufgehen, still und jung, eilend, ihr liebes Tagwerk zu vollenden: – die Erde wird ihr Vermögen geben, je nach der Jahreszeit: – die Bäche werden in die Flüsse, die Flüsse meerwärts eilen – – wie alle Tage. Die Menschen werden an ihr Tagwerk gehen und auf den Abend hoffen: der Greis – der Mann, sie werden leiden oder thun, wie’s ihnen aufgelegt ist. Die Kindlein eilen in die Schule, für ein langes Leben sich Kenntnisse zu sammeln. Kurz, wie heute, so am jüngsten Tage! Niemand merkt, daß die Stunde vor der Thür ist, welche der Vater seiner Macht aufbehalten hat. Da mit einem Male bricht das Licht der Ewigkeit in die Zeit herein: des Erzengels Geschrei und Stimme, der Engel laute Posaunen hallen in tausendfachem Echo die alten Berge entlang. Zu Ende auf einmal ist Alles – alles Sorgen, alles Jauchzen, alles Seufzen und Weinen und Arbeiten. Stille wird die Welt: aller Augen schauen auf und sehen und erkennen in der Engel Mitte Den, deß verborgenes Leben nun auf einmal offenbar wird. Wer nie Kniee gebeugt hat, wird Kniee beugen. Wer nie vom Herzensgebet etwas gewußt hat, wird jetzt beten und seufzen. – Und die Todten in Christo Jesu stehen auf; die Erde und das Meer geben sie wieder; die Lebendigen werden verwandelt, das Verwesliche zieht Unverwesliches an. Alle, welche im Herrn starben, alle, die in Ihm leben werden an jenem Tage, – erfahren eine wundersame Wiedergeburt ihrer Leiber! Welch ein Wiedersehen, welche Scenen wird es geben!

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 An jenem Tage werden hie und da Aeltern an den Sterbebetten junger Kinder stehen. Die Kindlein entschlafen, die Mütter weinen sammt den Vätern. Da erscheint der Herr. Er ruft zur Auferstehung. Da stehen