Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/100

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vor- und hinzunehmen. So laßt uns denn nun, meine lieben Brüder, das fünfte Wort JEsu Christi genauer betrachten.

 Bei dieser Betrachtung haben wir vor allen Dingen eine Verschiedenheit in der Auffaßung dieses fünften Wortes vorzulegen, sodann die richtige Auffaßung genauer zu erwägen und endlich das fünfte Wort Christi nach der richtigen Auffaßung im Zusammenhange der Leiden des HErrn zu würdigen.

 I. Es ist Euch vielleicht allen, meine lieben Brüder, bereits bekannt, daß die Gewohnheit, die Texte der heiligen Schrift geistlich auszulegen, sich auch auf Worte erstreckt, die, an und für sich ganz klar und verständlich, der geistlichen Deutung gar nicht zu bedürfen scheinen. Die Ansicht von einem mehrfachen, von dem heiligen Geiste selbst beabsichtigten Schriftsinn, nach welcher die wörtliche Auffaßung nur gleich dem Leibe als Trägerin eines höheren und tieferen Sinnes angesehen werden müßte, hat bei alledem, was man hie und da an derselben bedenkliches gefunden hat, doch so viel Nachwirkung in der Kirche gefunden, daß die Ankündigung einer geistlichen Deutung von heiliger Stelle gegen den Prediger durchaus nicht mistrauisch macht, sondern im Gegentheil viele zu größerer Aufmerksamkeit reizt. So hat man es denn auch je und je gerne vertragen, wenn nach Verlesung des fünften Wortes Christi vom Kreuz als Predigttextes die Frage aufgeworfen wurde: Von was für einem Durste redet der HErr in diesem Texte? Obwol Ihm auf Sein Wort „mich dürstet“ der Trank gereicht wird und Er denselben nicht verschmäht, also ganz einfach geantwortet werden könnte: Der HErr redet von Seinem leiblichen Durste, so kann man doch