Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/104

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Kreuzigung besonders groß und heftig waren. Wenn man auch sagen wollte, der Körper eines Gekreuzigten habe in der Mitte des Kreuzes eine Art hölzernen Nagel oder doch etwas gehabt, auf dem er hätte aufsitzen können, und die Füße seien oft auf einen hervorragenden Pflock oder gar ein Brett aufgestellt und so befestigt worden; so weiß man doch einerseits nicht, ob es auch beim Kreuze des HErrn gerade so war, andererseits würde man aus den angegebenen Umständen gar wenig tröstliches und die schwere Pein des Kreuzes erleichterndes nachweisen können. Dazu überlegt man bei alle dem nicht, daß ja Christus kein gewöhnlicher Gekreuzigter ist, daß Seine Person, Seine Leiblichkeit, wie man sie annehmen muß, Sein sündloses Wesen eine tiefere Leidensfähigkeit bedingt, daß schon bei dem Kampf im Garten eine leibliche Anstrengung, eine Ermattung und eine Ermüdung muß stattgefunden haben, welche mit einem ganzen Leben der gewöhnlichen Schmerzen eines gewöhnlichen Menschen nicht verglichen werden kann. Gar nichts zu sagen von den Leiden vor dem geistlichen und weltlichen Gericht, namentlich der Geißelung, wohl aber noch überdies zu betonen die grausame, Leib und Seele des Gekreuzigten angreifende, keinem anderen Menschen erträgliche oder auch nur verständliche Noth der Gottverlaßenheit! Wenn uns von jenem bei Damaskus gekreuzigten Sklaven erzählt wird, daß das ganze versammelte Volk beim Anblick seiner Leiden, insonderheit aber seines lechzenden erquickungslosen Durstes vor Mitleid in Jammerthränen ausgebrochen sei; was wollen wir denn von unserem Erlöser am Kreuze sagen, von Seinen Schmerzen und von Seinem Durste! Der Blutverlust, das Fieber Seiner Wunden, die Mehrung aller Schmerzen durch die