Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/110

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Durst zeitlicher Lust und zeitlichen Vergnügens ausläuft, das ist Jammer genug und liefert eben das endlose Register leiblicher Sünden und Verbrechen. Sagen doch die Erfahrenen, daß das ganze Heer der Jugendsünden seinen Mittelpunkt in der bösen fleischlichen Lust habe, und daß, wer diese wegnehmen könnte, das Feuer der Jugendsünde auf dem Herde löschen, und das ganze wuchernde Gewächs mit der Wurzel ausrotten würde! Und könnte man doch das gleiche von den Sünden der älteren Tage behaupten, wenn sich da auch alles etwas anders formen und gestalten müßte. Daran laßt uns denken, und dann wieder heimkehren zu dem Worte JEsu: Mich dürstet. Dieser Mann am Kreuze hat sich niemals auch nur mit Einer Begier Seiner Seele von dem graden Weg zu dem einig richtigen Ziele, dem Wege zu Seinem Gott verirrt. „Ich muß sein in dem, das meines Vaters ist,“ das ist Sein kindlich und Sein männlich Wort, darin bleibt Er sich völlig gleich. Darum sollte Er auch niemals ein Gefühl des Mangels, der Armuth und des Elends gehabt haben, am wenigsten in den bittern Stunden Seiner Todesleiden. Wird Ihm etwas davon auferlegt, so geschieht es nicht, weil Er es so verdiente, sondern Er trinkt fremden Trank und leidet fremde Pein. Sein heißer Durst am Kreuze, den Er öffentlich bekennen, ja ein wenig stillen muß, um vollenden zu können, ist daher, wie wir aus dem allgemeinen Gedanken der Stellvertretung schließen müßen, nichts anderes, als die Büßung und Versöhnung aller unserer unlauteren Begier und bösen Lust, der wir von Anfang unseres Lebens und von unserer Mütter Brüsten an unterworfen gewesen sind, und eben dadurch am allermeisten das Bild des lebendigen Gottes, welches uns anhangt, verunreinigt und entwürdigt