Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/35

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geopfert hat im heiligen Geiste, einen Grund der Gerechtigkeit geltend macht, dann muß er gelten. Wenn in die Wagschale neben den Grund ein Tropfen Seines Blutes fällt, dann sinkt sie brausend nieder. O diese Bitte des Erlösers hat nachgehalten. Wer daran zweifelt, der lese St. Petri Reden in der Apostelgeschichte! Sie hält auch jetzt noch nach, in der Zeit der Blindheit Israels, und das erste Wort JEsu Christi vom Kreuze hebt eine wehende Fahne der Hoffnung Israels, welche ohne dies Gebet blutig für immer untergegangen sein würde. Der blutende Erlöser betet für Sein armes, blindes, vom Satan getriebenes Volk, und in dem Lichte dieser Seiner Fürbitte ragt er über die Wolken und Nebel Golgathas wie eine sonnenhafte Höhe in den klaren Himmel. O wundervoll schöner, aller Menschen Gedanken übersteigender Eintritt JEsu in die Leiden Seiner Kreuzigung! Stellt dies Bild voll Mildigkeit über die Pforten eurer Kirchtürme, daß es die Leute auf dem Markte der Welt sehen, und schreibt in den himmelblauen Bogen drüber mit goldener Schrift, wenn ihr könnet, mit unauslöschlicher Flammenschrift: „Vater, vergib, sie wißen nicht, was sie thun.“ Laßt diese Worte wirken auf Israel und alle Heiden, auf daß geschehe was dieser Hohepriester am Kreuz gesagt hat; „wenn Ich erhöhet werde von der Erde, will ich sie alle zu mir ziehen.“ Dir, o JEsu, müßen alle Herzen zufallen, alle Geister Dir zufliegen, schon am Anfang Deiner sechs bittern Stunden, bei den ersten Worten; denn es hat nie jemand gelitten wie Du, so viel, so tief, so schuldlos, so sanftmüthig, und es hat nie jemand gebetet wie Du, weil nie ein Mensch in Deiner Lage gewesen ist, nie einer darin sein konnte!