Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/42

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Liebe die andere Liebe erstickt, die Er theils mit der Muttermilch eingesogen, theils in einem dreijährigen Umgang groß gezogen hat, die bei Ihm ohnehin durchläutert und durchgeistet ist, wie bei niemand sonst, daß sie im Gegentheil schnell nach der erstgenannten Liebe auf den Plan tritt und ihr Zeugnis ablegt, daß sie auch am Kreuz noch lebt, und mitten in der Heilandsarbeit ihren Platz behauptet. Wie schön ist, meine lieben Brüder, diese Vereinigung der Feindesliebe und der süßen Liebe zu den Angehörigen in Christo JEsu! Als der HErr in Cana Sein erstes Wunder that, und in die Werke Seines Berufes die edelste aller Mütter, die je gewesen, sich durch ihre Fürbitte, sei es auch in der bescheidensten Weise, mengen wollte, da weist sie Sein majestätisches Wort ab und scharf wie Schwertesklang tönt es von Seinen Lippen: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen.“ Nun aber ist es ganz anders. O wie viel mehr als in Cana ist Er jetzt in der Erlösungsarbeit begriffen; auch die hohe reife Seele der Gebenedeiten wird bei aller Tiefe, mit der sie glaubte, doch kaum nach Würden erfaßt und erkannt haben, welch einen Heldengang der Erlösung ihr zitterndes bebendes Kind am Kreuze nun gieng. Was wär’s zu verwundern, wenn sich neben dem großen, wahren, ihr geziemenden heiligen Mitleid auch ein falsches menschliches, irdisches eingemischt hätte, das Er nicht merken durfte, das nicht für Seine Stimmung paßte? Aber siehe, das Gegentheil! Seine Seele und Sein Leib sind nicht so hingenommen von dem Todesleiden und dem Erlösungskampfe, daß nicht Sein Geist die Mutter gesehen und Sein Auge sie bemerkt hätte. Er durchschaut ihr Inneres, Er durchforscht das Mitleid ihres Leibes und ihrer Seele. Mit derselben Hoheit, wie dort zu Cana redet Er