Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/46

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um die Oeffentlichkeit, in welcher Er nun alles thun und reden muß, Seiner Mutter zu, ohne daß irgend ein Wort aus Seinem Munde kommt, das von Anfechtung des Gewißens Zeugnis gäbe. Zwar wäre es nicht unmöglich, daß der Versucher es gewagt hätte, dem Reinen, Heiligen und Unbefleckten unter den schweren Leiden, welche Er nun zu erdulden hatte, auch Seine Wege und Werke als tadelhaft und verfehlt hinzustellen, und das „warum, warum hast Du mich verlaßen,“ welches später Seinem Munde entflieht, gestattete für eine solche Versuchung Raum, sie anzunehmen. Aber ob der HErr, den niemand einer Sünde zeihen konnte, und Deßen Bewußtsein allezeit unbefleckt blieb, irgend einmal für solche Versuchung empfänglich war, ob sie an Seiner Seele haftete, das ist und bleibt dennoch eine andere Frage. Jedenfalls erscheint auf der Stufe des Leidens, auf welcher der HErr beim Ausspruch Seines zweiten Wortes am Kreuze stand, noch keine Spur von einer solchen Anfechtung; die volle Ruhe Seiner reinen und ungetrübten Seele war, so zu sagen, die Grundlage, auf welcher Er sich bei Seinem Worte an die Seinen ergieng. Er weiß, was Er vorhat; ganz Seiner HErr und mit der Majestät des Heiligen Gottes bestellt Er Sein Haus. Er erscheint hier wie später in jener sittlichen Erhabenheit, welche dem Hauptmann am Kreuze Glauben und Bewunderung abgenöthigt hat. Alles ist an Ihm untadelig. All Sein Thun gibt Zeugnis von Seiner Sündenreinheit, ebenso all Seine Leiden und die Art, wie Er sie trägt. Und so ist auch das Wort, von dem wir reden, das zweite des HErrn vom Kreuze, dem sehenden Auge und hörenden Ohre ein Zeugnis der Lauterkeit und Reinheit