Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/83

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1.

 Gottverlaßenheit, was ist Gottverlaßenheit? Als der HErr im Garten Gethsemane den Jünger Petrus dreinschlagen sah, weigerte er sich seiner Hilfe und verzichtete auf sie und zugleich auf die Hilfe und den Beistand der Engellegionen, dieweil die Schrift erfüllet werden müße. Zu dem Haufen aber sagte Er: das ist eure Stunde und die Macht der Finsternis. Schon dort also redet er von einer Zurückziehung der Menschen, der Engel und in der That auch Gottes, weil nur in Folge des Zurückgangs Gottes die Menschen und Engel weichen. Schon dort redet Er von einer Macht der Finsternis, von einer Stunde Seiner sichtbaren und unsichtbaren Feinde. Und wenn man nun das mit dem Inhalt des zweiundzwanzigsten Psalms vergleicht, und bedenkt, was alles der Satan und seine Rotten an dem Heiligen Gottes ausüben durften, so könnte man auf den Gedanken kommen, daß eine Gottverlaßenheit in allen den schweren Leiden JEsu liege, den leiblichen und den geistlichen, die Ihm von Creaturen zugefügt wurden. Die Leiden Anderer sind keine Gottverlaßenheit, sie können im Gegentheil Gottes Nähe und große Gnade Gottes sein; dagegen aber die Leiden JEsu hätten allerdings nicht stattfinden können, wenn er sich nicht von aller eigenen Macht entkleidet und alle Macht Seines Vaters und der himmlischen Heerschaaren entbehrt hätte, und es möchte daher das tiefe Gefühl JEsu Christi, welches im ersten Verse des 22sten Psalmes ausgesprochen ist, zum Theil schon auf diese Weise gedeutet werden können. Er fühlte an seiner schweren Kreuzespein, wie einsam sein Weg ist, und wie hilflos sein Gang.