Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/85

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bringt unserer Seele die Gnade Gottes irgendwie nahe: wir können die Nähe Gottes mehr oder minder inne werden, aber verlaßen von Gott ist doch keiner, so lange die Gnadenzeit währt. Wir fühlens dem Worte „Gottverlaßenheit“ an, was für ein grauenvoller und furchtbarer Zustand der sein muß, den es andeutet; es mag uns zuweilen eine Ahnung durchzittern, oder ein Blick in die grausige Nacht durchzucken, aber die Hand des HErrn hat es uns dennoch gnädig verhüllt, was Gottverlaßenheit sei. Man könnte zwar sagen, das Wort sei klar: Verlaßen sein von Gott, sei nicht eine Zurückziehung des Menschen aus der Nähe Gottes, sondern eine Zurückziehung Gottes von dem Menschen, Gott laße da den Menschen seine Wege gehen, regele und leite nicht, greife nicht drein und helfe nicht und das sei, wol überlegt, etwas so Erschreckliches, daß die Herzen darüber beben sollten, wie die Bäume im Walde. Es ist auch wahr, schon diese Worterklärung kann Herzen beben machen. Aber es ist auf der andern Seite auch wahr, daß damit für uns vielleicht irrende, aber von dem HErrn immerdar gesuchte Schafe doch noch kein Innewerden und kein Ergreifen des Zustandes vorhanden sei, von dem wir reden. Die Auffaßung des Wortverstandes kann unsere Herzen beben machen, wie viel mehr aber wird das reine gottverlobte Herz Christi durch die volle tiefe Erfahrung des Zustandes selbst durchdrungen gewesen sein. Wovor wir bei einem bloßen Versuche, es begrifflich aufzufaßen, bei einer bloßen Ahnung, bei einem bloßen aufgethanen Blick erschrecken, – was unsere Seele schon tödtlich erkranken macht, wenn uns ein kleines Tröpflein davon gereicht wird, das hat der HErr am Kreuz mit vollen Zügen getrunken, das hat ihn überflutet. Der Zustand,