Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/90

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Mensch ist von Anfang her auf Erden nicht gewesen. Daher auch nicht bloß Sein eigenes Gewißen Ihn ermächtigt, in größeren Qualen, als Hiob, ich sage nicht, litt, sondern ahnen konnte, und in schönerer Weise als Hiob sich auf Gott den HErrn Selbst zu berufen und das freieste Gewißen auszusprechen; sondern Gott Selbst wie Seine Werke, so Seine Heiligkeit anerkannte und Ihn Seinen lieben Sohn nannte. Und dieser also nicht bloß größte Wolthäter, sondern heiligste Mensch, dieses unerreichbare, einzige Beispiel der Lauterkeit und Reinigkeit, diese, man möchte sagen, persönliche Vereinigung aller Vollkommenheit und Tugend hängt da am Kreuze und in der finstern Nacht der Gottverlaßenheit.

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 Wenn wir damit auf den höchsten Gipfel der Betrachtung gekommen wären, und die Frage, wer ist Der, der da litt, keiner weiteren Erledigung bedürfte: so würde uns schon das Gesagte große Verlegenheit bereiten. Diese Person und dies Ergehen und Leiden bis zur Gottverlaßenheit stimmen so durchaus nicht zusammen, daß wir uns bereits im schreiendsten grellsten Widerspruch befinden. Aber wir sind ja noch nicht einmal in der vollen Kenntnis der Person, sondern wir dürfen nur einen Schritt weiter gehen nach der katechetischen Erkenntnis, die uns von Jugend auf mitgetheilt ist, so wird uns der Widerspruch der Würdigkeit und des Ergehens bis zu einer schwindelnden Höhe führen, auf der wir nichts mehr begreifen, als das eine, daß hier Gottestiefen sein müßen, aus denen sich alles erklären müßte, wenn man sie erkennen würde. Dieser Mensch am Kreuz ist ja der Menschensohn, der andere Adam, der Christus Gottes, ja nicht bloß ein Mensch, auch nicht bloß ein Geschöpf, sondern Er hat zwei Naturen,