Seite:Wilhelm Löhe - Zum Gedächtnis meines Pathenkindes Lorenz Wilh. Friedr. August Kündinger.pdf/14

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wahr, daß Sünde und Unglück zusammenhängt, muß denn auch Unglück und Sünde allemal zusammenhängen?“ – Was wollen die, welche also mit mir rechten? Stehe ich außerhalb dieser Familie oder mitten in ihr? Wißt ihr beßer, was diese Seelen bewegt, als ich? Ich sage euch, hie ist keine Selbstgerechtigkeit, sondern eine Erfahrung, die vielleicht mancher von euch noch nicht gemacht hat, aber sie ist wahr und wer sie gemacht hat, sagt Amen. Die Erfahrung ist folgende: „Im Christenherzen weckt Unglück Buße – und wenn man auch nicht weiß, ob aus einer besondern Sünde das Unglück wuchs und aus welcher, so weiß man doch nie mehr, als am Tage des Unglücks, daß man von Sünde durchdrungen ist. Man legt sich in den Staub, man legt ab seinen Schmuck, alles Rühmen ab und aus der tiefsten Seele kommt als Wirkung des Unglücks ein unabweisbarer Gedanke: „Ja, ich bin ein Sünder und du, o HErr, bist gerecht!“ So ist’s – und so ist’s auch bei dieser trauernden Familie. Nicht eine Beschuldigung ist es, die ich auf sie bringe, sondern eine Offenbarung dessen, was in diesen trauernden Herzen lebt. In ihrem Namen und mit ihnen sprech ich’s aus: „Ja, der Text paßt! Ja, wir sind Sünder und Gott ist gerecht! Ihm allein die Ehre – und uns Thräne und Beschuldigung!“

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 Eine andere Frage ist freilich die, ob nicht der Jammer sehr, sehr groß ist – und ob, wenn diese Seelen sich zum HErrn kehren, auch wirklich schon jetzt die Gnade Gottes in dieser Führung zu erkennen ist? ob das Tröstende im Texte den Jammer und die Betrübnis zu überwinden vermag? – Ich weiß, meine Freunde, ich weiß, wie das Unglück thut und daß es oftmals wie ein Grabstein lastet, der nicht zu heben und zu bewegen ist! Nicht aus Mangel an Theilnahme, nicht aus einem starren Herzen, nicht aus Leichtsinn, sondern aus Anbetung eines ewigen Erlösers von aller Qual kommt meine Behauptung: „Ja, die Tröstung überwindet; ja, es ist Hoffnung vorhanden, daß meine