Seite:Wilhelm Löhes Leben Band 1 (2. Auflage).pdf/31

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gestreckter Länge auf den Rücken in die Straße. Es war so schön, daß mir auf dem hellbesonnten Giebel des letzten hohen Hauses in der Straße ein paradiesisches Licht zu ruhen schien. So lag ich, vergnügt an Leib und Seele, und was mich störte, war auch schön. Es kam ein alter Herr, ein Freund meines Vaters, die Straße herauf, blieb bei mir stehen und sagte: „Wilhelm, vergiß nicht, daß es viel tausend Kinder gibt, die kein solch Stück Brod zu schmausen haben wie Du.“

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 So giengen meine Tage hin – und Spuren einer Neigung zum heiligen Amte gab es damals schon viele. Im kleinen Haushof stand der Hackstock, um den versammelte ich die Kinder der Miethsleute, die im Hause wohnten, ich legte einen schwarzen Schurz als Chorrock an, bestieg den Hackstock als Kanzel, predigte[1], sang und betete, und meine Mutter sagte zuweilen zu meinem Vater: „Es verdirbt ein Pfarrer an ihm, wenn Du


  1. Wir hatten alle Gabe zu lesen, zu „declamieren“. Denn damals „declamierten“ die Kinder in den Schulprüfungen viel. Meine Schwestern fielen durch diese Gabe auf, und auch ich hatte manchen Beifall, als ich im Jahre nach meines Vaters Heimgang auf dem Altar der St. Michaelskirche den „Jüngling zu Nain“ declamierte. Ein paar Jahre darauf starb der Decan Dr. Pabst, der meinem Vater die Leichenpredigt gehalten hatte und meiner Familie und mir viel Liebe erwies. Ich redete an seinem Grabe ein „Redchen“, das ich mit Hilfe meiner Schwester Babette zusammen gestoppelt hatte. Als ich fertig war, sprang ich davon, um den Leichenzug heimgehen zu sehen. Ich stand auf einem Haufen Schutt. Da trat mein Lehrer, der Rector der lateinischen Schule, Küchle, heraus, hob mich vom Haufen und küßte mich öffentlich ob der gelungenen Leistung. Gewiß wurde die Neigung meiner Mutter, mich dem Altar zu widmen, hiedurch bestärkt. – Ich möchte freilich meinen Kindern, auch wenn sich Gabe zeigte, keinen Anlaß zu so frühem Reden geben. Mir wurde der Hochmuth gelegt, wenn er sich etwa geregt haben sollte, was ich nicht weiß. Meine Stimme mutierte so langsam, daß meine Lehrer auf dem Gymnasium mich deshalb selten reden ließen. Die Hoffnung aufs Pfarrerwerden wurde zwar in mir keinen Augenblick erschüttert, wohl aber verloren sie andere in meinem Namen, und ein Leid war mirs doch.