Seite:Wilhelm Löhes Leben Band 1 (2. Auflage).pdf/53

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unter dem Einflüsse dieses Schriftstellers, des erklärten Lieblings der Leserwelt am Ende des vorigen und am Anfange dieses Jahrhunderts, geschah es, daß Löhe’s Wesen in jenen Jahren selbst einen Anhauch von Sentimentalität und Empfindsamkeit gewann, der sich freilich bald genug wieder verlor. „Wenn der Abend alle Welt beschattet mit dämmerndem Flügel, wenn die Nachtblumen ihre Kelche öffnen, die Nachtfalter ihre Schwingen heben, da beginnt er erst zu leben, da zaubert ihm dann die Phantasie ihre Welt vor seinen Augen.“ Ist er daheim, so ist sein Lieblingsgang am Abend zum Gottesacker.[1] Da geht er bis zu dessen nordwestlichem Ende. Dort an dem sanften Abhang, seinem „Todtenberge“, läßt er sich nieder, um dem armen Herzen Ruhe und Trost zu holen. Von den Gärten, die sich abhängig am Flußufer hinziehen, dringen in gedämpften Lauten Citherklang und Liederweisen und klagende Flötentöne an sein Ohr. Er selbst aber ist versunken in ernste feierliche Gedanken. „Dämmere nur, Abend“, – ruft er – „Nacht, breite deinen Mantel über die prangende Erde: mein Auge wird scharf werden und die Geister der Abgeschiedenen herwandeln sehen über die Juniusblumen.


  1. Die Liebe zur einsamen Stille des Friedhofs und die Pietät des Andenkens an die Verstorbenen blieb in Löhe’s Wesen ein mächtig hervortretender Zug lebenslang. „Ich bin so sabbathlich gestimmt“, sagte er später, „Psalter und Harfe dringt mir so kräftig ans Ohr, wenn ich im Glockenklang, mit Auferstehungsgesang durch die stillen Thore des Friedhofs gehe.“ Es war ihm schmerzlich zu sehen, wie schnell Todte vergessen zu werden pflegen und wie oft schneller über ihrem Andenken als über ihrem Hügel das Gras wächst. Er wünschte eine „protestantisch-liturgische Ausbildung des Allerseelentages, an der unsere Kirche ihre unleugbare Sehnsucht nach dem Memento mortuorum tadellos füllen könnte.“ Dieser Sehnsucht verdankt auch jene herrliche Stelle, die er in das allgemeine sonntägliche Kirchengebet eingeschaltet hat („Endlich um alles, darum Du, ewiger Gott, gebeten sein willst“ etc.) ihren Ursprung. Wie er selbst das Gedächtnis seiner Todten ehrte, davon später.