Seite:Wilhelm Löhes Leben Band 1 (2. Auflage).pdf/56

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Wesen der Freundschaft, jenes Sich-selbst-aufschließen, das Sich-ausleben in den andern und das Zurücknehmen des eigenen Ich aus dem Andern war seine geistige Natur nicht geschaffen. Die Hoheit seines Wesens hatte etwas Fernendes, welches auch denen, die mit ihm vertrauter waren, immer eine eigenthümliche Scheu und Zurückhaltung auferlegte. Das Gefühl der Verehrung ließ ihm gegenüber die Freiheit eines gewissermaßen auf gleichem Fuße sich bewegenden freundschaftlichen Verkehrs nicht aufkommen. In diesem Stück war die Eigenthümlichkeit seines Wesens schon bei dem Jüngling ziemlich bestimmt ausgeprägt.

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 Sein christlicher Standpunkt dagegen war damals, wie es kaum anders zu erwarten, ein noch ziemlich unreifer zu nennen. Ein Ingrediens seines Lebens war ihm das Christenthum und der Glaube an den gottmenschlichen Erlöser unbestritten schon in seinen Jünglingsjahren, aber mannigfach durchsäuert von der die Zeit noch beherrschenden rationalistischen Denkweise. „Wenn es in seiner Seele mystisch dämmert und er sich zu dem großen Gedanken: Gott und Unsterblichkeit erhebt – dann wird er voll des Geistes Gottes.“ „Wahrlich groß“ – sagt er ein ander Mal – „ist Seneca’s Tugendhafter, der ungebrochen von der Last des Kummers wie ein Fels im Meer ewig fest steht, ruhig sein Haupt zum Himmel hebt, unten aber es stürmen und toben lässet. Solche Tugend bet’ auch ich an und will sie durch mein ganzes Leben zu erkämpfen suchen.“ Noch charakteristischer ist eine andere Stelle: „Mein Gott, öffne mir oft Deinen Himmel, laß mich Dich finden in der Natur, auf der Erde und in den Sternenfeldern, im Menschen wie im Wurme, unterm ewigen Himmelsbogen wie im Tempel von Menschenhand gebaut. Und willst Du, mein Gott, noch mehr thun, ach ich flehe darum, so laß mich frei in den Feldern des Wissens mich bewegen, meinen Glauben auf Verstand und Ueberzeugung gründen