Seite:Zerstreute Blaetter 6.pdf/154

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In einigen Strichen dieser Länder haben sich Meinungen, Sagen, abergläubische Gebräuche dieser alten Zeit noch unter dem Landvolk erhalten, die desto geheimer und heiliger fortgeerbt werden, eben weil man sie nicht äußern darf, und weil sie so innig an der Sprache und Liebe ihrer Vorfahren haften. Im Jahr 1763. also hatte ein vierzehnjähriges Bauernmädchen in Liefland einen Traum, der sie in das Land der Seelen zu ihren abgeschiednen Vorfahren versetzte: es war ihr daselbst so wohl, sie genoß ein so neues Vergnügen, daß sie sehnlich wünschte, immer da zu bleiben. Eine der verstorbnen Seelen gab ihr den Rath, sich, vom Umgange der Menschen weg, in einen Wald zu begeben, da ohne Speise und Trank, an einen Baum gelehnt, zu warten; so werde sie, ohne Tod, zu ihrem Wunsche gelangen, mit den abgeschiednen Seelen sprechen, umgehen, und sich vergnügen können bis an den jüngsten Tag. – Das erwachte Mädchen, ganz dieses

Empfohlene Zitierweise:
Johann Gottfried Herder: Zerstreute Blätter (Sechste Sammlung). Carl Wilhelm Ettinger, Gotha 1797, Seite 132. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zerstreute_Blaetter_6.pdf/154&oldid=- (Version vom 1.8.2018)