Seite:Zwei Gespräche von der Kunst und vom Leben.pdf/98

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

ist, und enthüllt uns ein Geheimnis, von dem es in Wahrheit nichts weiß, und die Musik der mystischen Prosa klingt unsern Ohren so süß wie die Musik jenes Flötenspielers, die den Lippen der Gioconda diese feinen und tödlich schönen geschwungenen Linien gegeben hat. Fragst du mich, was Lionardo gesagt hätte, wenn jemand ihm von diesem Bilde gesagt hätte, „alle Gedanken und alle Erfahrung der Welt hätten da an dem gezeichnet und gebildet, was in ihrer Macht stand zu veredeln und als äußere Form expressiv zu machen, der Animalismus Griechenlands, die Wollust Roms, die Träumerei des Mittelalters mit seinem geistigen Hang und seinem Liebesleben in der Phantasie, die Rückkehr der heidnischen Welt, die Sünden der Borgias?“ Wahrscheinlich hätte er geantwortet, er habe an keines dieser Dinge gedacht, habe sich vielmehr lediglich mit gewissen Gruppierungen von Linien und Massen befaßt und mit neuen und seltsamen Farbenharmonien von Blau und Grün. Und gerade darum ist die Kritik, die ich zitiert habe, von der höchsten Art. Sie behandelt das Kunstwerk lediglich als Ausgangspunkt für eine neue Schöpfung. Sie beschränkt sich nicht darauf – nehmen wir das wenigstens für den Augenblick an – die wirkliche Absicht des Künstlers aufzudecken und diese als endgültig zu akzeptieren. Und darin hat sie recht, denn der Sinn eines schönen geschaffenen Dinges lebt mindestens ebenso sehr in der Seele dessen, der es beschaut, wie es in der Seele dessen war, der es gestaltet hat. Ja, es ist eher der Beschauer, der dem schönen Ding seine tausenderlei Bedeutungen schenkt und es uns zu einem Wunder macht und es in ein neues Verhältnis zu unserer Zeit bringt, so daß es ein Lebenszubehör für uns wird und ein Symbol dessen, worum wir beten