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hatte und auf die Gestaltung und Entfaltung der deutschen poetischen Literatur jener Zeit den wesentlichsten Einfluß übte. Poesie und Philologie zogen Voß so mächtig an, daß er dem theologischen Studium endlich völlig entsagte und nach Vollendung seiner akademischen Laufbahn sich ganz der literarischen Thätigkeit widmete. Er zog nach Wandsbeck, lebte dort mit Claudius im angenehmsten Verhältniß, verweilte auch in Hamburg und Altona, redigirte den Hamburger Musenalmanach, begann die Übertragung der Odyssee, und verheirathete sich im Sommer 1777 mit Boie’s jüngster Schwester. Im darauf folgenden Jahre wurde Voß, in welchem die Neigung für das Lehrfach erwacht und zu welchem er als ausgezeichneter Philolog voll befähigt war, die Stelle des Schulrectors zu Otterndorf im Hannoverschen, im Lande Hadeln, zu Theil. Die Odyssee wurde mit großem Beifall begrüßt und stellte die gleichzeitig erscheinende Ilias des Grafen Friedrich Leopold von Stolberg stark in Schatten. War auch in ihr der deutschen Sprache möglichst Gewalt angethan, sie der griechischen Sprachform ähnlich zu machen, so legte doch diese und die späteren noch vollendeteren Uebertragungen von Voß die ganze Fülle hellenischer Poesie in sein Werk, wie es noch keinem seiner Vorgänger gelungen war, die in klappenden Reimpaaren oder martervollen Alexandrinern Homer und Virgil übersetzt hatten.

Krankheit veranlaßte Voß, Otterndorf schon 1782 zu verlassen und sich nach Eutin zu begeben, wo ihm eine gleiche willkommene Stellung winkte, und hier waltete und wirkte er nun, gleich heimisch am Busen deutscher Poesie als einer ihrer liebenswürdigsten Günstlinge, wie im Schosse der klassischen Muse als deren vollendeter Jünger, und es war kaum ein Gewinn für seinen Ruhm, daß er sich mit diesen Gunstbezeigungen der Unsterblichen nicht begnügen ließ. Mit großem Glück war Voß als Lyriker aufgetreten, seine Lieder und Gedichte, sowohl in platt- als in hochdeutscher Sprache, befriedigen noch immer größtentheils die Anforderungen des guten Geschmacks; schwungvolle Hymnen, liebliche Idyllen, feurige Oden entströmten seiner Lyra. Seine Luise errang sich nicht blos den ungetheilten Beifall der Menge, sondern auch den der hochbegabtesten Dichtergeister; Klopstock, Wieland und Goethe erkannten sie freudig an. Daß aber Goethe, Voß und Baggesen sich gleichzeitig zum Hervorbringen einer Idylle verabredet, daß dadurch »Hermann und Dorothea«, »Luise« und die »Parthenais« hervorgerufen worden seien, ist eine obschon oft wiederholte Sage ohne Begründung. Angeregt nur wurden durch Vosses Luise jene beiden Sänger zu ähnlichen Versuchen.

Als Uebersetzer stand Voß einzig da durch die Fülle seiner Arbeit, die beispiellose Gewalt, mit welcher er die Sprache beherrschte; nur ein durch und durch vom Hauche ächter Poesie beseelter Dichter konnte die Poesie des klassischen Alterthums so verstehen, so wiedergeben, während die mühsam schulgerecht zusammengeleimten Hexameter der Alltagsphilologen wie Nüsse knacken. Aber Voß übersetzte nicht nur mit einem erstaunlichen und bewunderungswerthen Fleiße den ganzen Homer, den ganzen Virgil, er übersetzte auch die griechischen Dichter Hesiod, Theocrit, Bion, Moschos, Aratos, Aristophanes und den halbmythischen Orpheus, und die römischen Ovid, Tibull, Lygdamus und Horaz; er übersetzte ferner im Verein mit seinen Söhnen Heinrich und Abraham die Werke Shakespeare’s mit gediegenen Erläuterungen und strebte auch auf dem Gebiete der Mythologie und Archäologie nach dem Ruhmeskranze. Nach Luther dankte die deutsche Sprache keinem Dichter so mannichfaltige Bereicherung, Ausbildung, ja Verherrlichung, als Voß, sowohl im Gedicht als in der Prosa, er zeigte ihre Mächtigkeit und Fülle, ihre Fähigkeit, den Wohllaut ausländischer und namentlich der alten Sprachen mit gleichem Wohllaut nachzutönen, wodurch er andern zum rüstigen Weiterbau ermunternd voranging.

Als Schulmann wirkte Voß mit Eifer und Liebe und aller Treue bis zum Jahre 1801, wo der Herzog von Holstein-Gottorp zu Eutin ihm durch einm ansehnlichen Jahrgehalt das Glück gewährte, frei von Berufes- und Geschäftesbanden nur den Musen und den eigenen gelehrten Arbeiten zu leben. Voß begab sich nach Jena, betheiligte sich lebhaft und mehr als für einen selbstschaffenden Geist ersprießlich ist, an Recensionen und verwickelte sich in gelehrte Kämpfe, die ihm bei vielen schadeten und ihn in ein falsches Licht setzten, aber ein viel höheres und sittlicheres war es um den Kampf, den Voß voll Feuereifers und Feuergeistes gegen die um sich greifende Macht des Mysticismus, gegen die Hinneigung, ja die förmlichen Uebertritte bedeutender Protestanten zum Katholicismus begann; da schlug er drein mit des Wortes Schwertschärfe, wie Luther, derb und tüchtig gegen Pfaffenthum und Junkerthum, und kämpfte seinen guten Kampf unerschrocken bis zum Ende durch. Jenes empörten Kampfes Wogen, die viel unreinen Schlamm auswarfen, glättete die rastlos vorüber rollende Zeit; es wurde nicht so schlimm, als die Schwarzseher fürchteten, aber immer möge der Hinblick auf den wackern und treuen Kämpfer Voß den Nachkommen zurufen: »Seid wachsam, denn eure Widersacher gehen umher, nicht wie brüllende Löwen, sondern wie schleichende Nattern! Bestehet in der Freiheit, damit uns Christus befreit hat, und lasset euch nicht wiederum in das knechtische Joch fangen!«

Aus dem Kampfe zum Frieden ging Voß als Greis von 75 Jahren zu Heidelberg ein, wohin er 1805 gezogen war und wo der Großherzog von Baden, Karl Friedrich, ihm ein ansehnliches Jahrgehalt verlieh, ohne Amt und Dienstleistung zu heischen, nur daß des bedeutenden Mannes Anwesenheit die Hochschule schmücke. Auch hier war Voß bis an sein Lebensende thätig, und bewährte sich dauernd als einen herrlichen und ächt deutschen Mann, durch dessen Dichtungen gar vielen seiner Landsleute das dürftige Leben geschmückt und verschönt wurde.