Seite:Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen.pdf/70

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der Kriegsbedrängnisse, welche Hamburg und den Schwiegersohn, den berühmten Buchhändler Friedrich Perthes in verhängnißvoller Zeit betrafen. Als ihm das Scheiden vom Irdischen nahte, und die letzte Krankheit zunahm, ließ er sich nach Hamburg in das Haus seines Schwiegersohnes bringen, um da seinem Arzte näher zu sein, und brachte noch 7 Wochen auf dem Krankenlager zu, bis ihn der Tod erlöste.

Asmus war bei aller Schärfe der Satyre, die bisweilen in seinen Schriften hervortritt, ein liebenswürdiger Dichter; die Signatur seines ganzen Wesens, durch die er auf seine Leserkreise wirkte und sich zahllose Freunde gewann, war Empfindung. Herzlichkeit und Gutmüthigkeit treten fast in allen seinen Dichtungen selbst in der Satyre unverkennbar zu Tage, daher das Wohlgefallen das er fand, das Wohlwollen das er erregte. Sein Rheinweinlied, »Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher«, machte ihn geradezu unsterblich, denn es konnte fast durch ein halbes Jahrhundert kein frohbelebter deutscher Kreis mehr sein, in welchem man sang, darin nicht auch dieses Lied gesungen wurde, oder doch des Liedes Melodie, andern Gedichten untergelegt, an den alten Asmus erinnerte. Auch einige andere Gedichte von Claudius ergreifen durch ihren schönen Gedanken und durch edle Einfachheit. In vielen Gedichten aber und fast in allen Prosaaufsätzen ist die Einfachheit eine gesuchte und erkünstelte, und dies bricht ihr den Stab. Die populären Schriftsteller zur Blüthezeit des Wandsbecker Boten, die Prosaisten Cramer, Spieß, Müller, und selbst Dichter wie Bürger nicht ausgenommen, hatten sich durch einen Ton, den Goethe im Götz angeschlagen, sammt und sonders eingeredet, man müsse zum Volke so alltagsmäßig als möglich reden, formlos, kurz angebunden, mit ’n und ’s und ’nmal etc. auf jeder Seite einigemal und sie hatten gar keine Ahnung davon, daß der Dichter, dem es Ernst ist auf sein Volk erfreuend, erhebend und sittigend einzuwirken, nicht in dessen Sphäre herabsteigen darf, sondern es zu sich emporziehen muß. Ein Dichter, der dieser Ansicht nicht huldigt, kann wol eine Zeit lang die armseligen Triumphe feiern, welche die Trivialität ihm bereitet, aber wenn er sonst nichts höheres leistet, wenn nicht ein tüchtiger innerer Kern, wie Asmus einen solchen in sich hatte, nachhält, so fliegt er die Bahn der Ephemeren dahin – in das Reich des Vergessenwerdens, wenn er auch noch so sehr eine Zeitlang eine urtheillose Menge hinriß. In reiferen Jahren wandle sich Claudius’s schon von Natur fromm angelegtes Gemüth dem Religiösen zu; er übersetzte neben mehreren andern Schriften auch Fenelons Werke religiösen Inhalts, zeigte merkliche Neigung zur Mystik, schrieb auch ungleich weniger freisinnig als früher, für Aufklärung des Volkes, Preßfreiheit u. dgl., was sich psychologisch von selbst erklärt. Jeder jugendliche Dichtergeist wird sich für edle Freiheit entzünden und entflammen, wird sein Vaterland und sein Volk lieben, und wird in solcher nur naturgemäßen Liebe ein Feind der Volksunterdrückung, der Tyrannei und der Sklaverei sein. Wenn er aber in gereifteren Jahren Revolutionen erlebt, wie Claudius eine erlebte, wenn die Weltgeschichte ihn in ihren Spiegel blicken läßt, und wenn er gewahrt, daß auch Revolutionen nicht die Freiheit, sondern die Tyrannei im Schooße tragen, daß sie nie und nirgend hin einen Segen, und überall hin nur den Fluch bringen, da wird er kühler und stiller werden, wird an jenes ewig Eine sich halten, das hoch über den irdischen Irrsalen und Wirrsalen steht, und gern auf den Ruhm verzichten Das zu sein, was man so gewöhnlich »volksthümlich« nennt.