Seite:Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen.pdf/86

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Insgemein wird Eber als Melanchthon’s Famulus genannt; das war er vielleicht auch als Studirender eine Zeitlang, aber dieses Verhältniß akademischer Dienstbarkeit hob ihn bald auf eine ungleich edlere und höhere Stufe. Alle Geheimnisse vertraute Melanchthon unbedenklich seinem Eber an, und durfte dieß mit getroster Zuversicht thun; oft mußte Eber für ihn schreiben, und bald wurde er Melanchthon’s rechte Hand, bald Philippi repertorium genannt. In Leid und Kummer tröstete Eber’s Freundestreue den oft schwer gekränkten Melanchthon, und sein Zuspruch erhob ihn über die erfahrenen Unbilden. Als Melanchthon in bedrohlicher Zeit von Wittenberg nach Zerbst geflüchtet war, blieb Eber zurück und verwaltete des Freundes Hauswesen. Aber auch Luther schätzte Eber überaus hoch und sprach einst zu ihm: »Du wirst Paulus gerufen, darum vermahne ich Dich, daß Du nach Pauli Beispiel strebest, beständig die Lehre aufrecht zu erhalten und zu schützen, welche Paulus überliefert hat«. Melanchthon war es auch, der Eber eine Lebensgefährtin, Helena Kuffner aus Leipzig, zuführte, mit der der letztere in glücklicher Ehe und mit Kindern reich gesegnet lebte. Im Jahre 1544 wurde Eber Professor der Grammatik, und las nächst dieser über mehrere griechische und römische Klassiker, über Physik  u.s.w. Im Jahre 1550 war er Decan der philosophischen Facultät und kündigte ein Magister-Examen in lateinischen Distichen an. Doch war Eber nicht blos befähigt, in lateinischer Sprache der Poesie zu huldigen, auch als geistlicher Liederdichter zeichnete er sich aus und vermehrte in entsprechendster Weise den Liederschatz der evangelischen Kirche; zwar nicht der Zahl, wohl aber dem Gehalte nach sind seine Lieder bedeutend, und es genüge, hier nur das bekannte Trostlied: »Wenn wir in höchsten Nöthen seyn« anzuführen. Als im Jahre 1556 Dr. Johann Förster, der Reformator eines guten Theils des nordöstlichen Frankenlandes und der Grafschaft Henneberg, gestorben war, welcher Prediger an der Hofkirche zu Wittenberg und Professor der Theologie und hebräischen Sprache gewesen, schlug die Universität dem Kurfürsten August – Eber zu Förster’s Nachfolger vor, und der Kurfürst bestätigte gern den Vorgeschlagenen, der aber bald von der Stelle eines Schloßpredigers, welcher nur Sonntags und Mittwochs zu predigen hatte, zum Amte eines Stadtpfarrers und General-Superintendenten ernannt wurde, und sonach die höchste geistliche Würde im Kurstaate Sachsen erlangte. Mit tiefem Schmerz erfüllte Eber der 1560 erfolgte Tod seines geliebten Melanchthon, der ihm bis zum Grabesrande ein treuer Freund geblieben war. Eber lebte und lehrte mit Eifer und Thatkraft; seinem wichtigen Amte mit voller Hingabe treu, war er auch als geistlicher Schriftsteller thätig, schrieb eine »Geschichte des jüdischen Volkes«, einen »historischen Kalender«, gab in Verbindung mit Peucer eine »kleine Naturgeschichte« heraus, und wurde als Liederdichter völlig volksthümlich, was daraus erhellt, daß – was vielleicht nicht allgemein bekannt sein dürfte – die Bettler in den ostfränkischen Gauen, gewohnt, mit längern oder kürzern Gebeten vor den Thüren oder in Häusern das Mitleid anzuflehen, nichts so häufig herbeten, als aus Ebert’s Lied »In Christi Wunden schlaf ich ein« die Stelle:

Christi Blut und Gerechtigkeit
Ist mein Schmuck und Ehrenkleid.
Damit will ich vor Gott bestehn.
Wenn ich zum Himmel werd’ eingehn.

In den theologischen Streitigkeiten, an denen die Zeit, in welcher Eber amtlich wirkte, so überreich war, zeigte er sich zunächst als abgesagter Gegner des Interims, litt im Stillen mit seinem Melanchthon über die diesem und auch ihm selbst gemachten Beschuldigungen, und neigte sich im Abendmahlsstreit wohl innerlich zu dem Zwingli’schen Bekenntniß hin, vermied indeß, als Kämpfer im Für und Wider aufzutreten, zeigte vielmehr die schöne und edle Mäßigung seinen bis in den Tod geliebten Meisters Melanchthon, und konnte keine Freude an dem zur Schlichtung der adiaphoristischen und synergistischen Streitigkeiten angeordneten Kolloquium zu Altenburg (1563) haben. Die Mehrzahl dieser Kolloquien trug das Stigma der ganzen deutschen endlosen Schwatzsucht, Rechthaberei, hartnäckiger Einseitigkeit der verschiedenartigsten Meinungen und des Hervortretens jugendlicher höchst anmaßender Persönlichkeiten an der Stirne, die noch durch alle Jahrhunderte dahin gestrebt und gewirkt haben, Eintracht nie aufkommen zu lassen, wie die deutsche Geschichte in alter, neuer und neuester Zeit in schlagenden Beispielen gelehrt hat. Die leidige unversöhnliche Rechthaberei aller theologischen Parteien verkümmerte und trübte Eber’s Dasein, kränkte ihn tief, indem eine Anzahl der streitenden Theologen ihn für unwürdig der Theilnahme an den beiden Sakramenten erklärt hatte. Dieß und schweres Hauskreuz, was ihm zu tragen auferlegt war, zehrten die Lebenskraft des ohnehin schwächlichen Mannes bald auf, dessen Andenken aber in hohen Ehren bei der dankbaren Nachwelt fortblüht.