| P.: Zweites Tafellied gesungen am 25jährigen Stiftungsfeste des Erzgebirgischen Gartenbauvereins zu Chemnitz am 27. November am 1884 | |
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Heut’ vor 26 Jahren
War in Chemnitz ein Gebaren,
Wie man’s jetzt wohl kaum noch glaubt,
Und wie’s sonst auch überhaupt
:|: Hätte nicht sein sollen. :|:
Gärtner gab es zwar schon viele,
Aber in dem Stadt-Gewühle
Lief ein jeder ganz allein,
Denn der Gartenbauverein
:|: War noch nicht gegründet. :|:
Jeder baute Kraut und Zwiebeln;
Oleander auch in Kübeln,
Aber Landschaftsgärtnerei
Galt damals für Schwindelei,
:|: Fragt nur an bei Klensky. :|:
Äpfel, Birnen, Kirschen, Zwetschen
Blieben hart – kaum zu zerquetschen,
Denn das lag ja auf der Hand,
Sorten nahm man aus dem Land,
:|: Wo’s Klima viel milder. :|:
Rosen wurden auch gezüchtet,
Doch die Namen meist erdichtet,
Denn sah man sie an genau,
War der Unterschied sehr flau,
:|: ’s war nur eine Sorte. :|:
Wollten liebestrunkne Leutchen
Blumen spenden ihrem Bräutchen,
Gab es nichts als Rosmarin,
Vogelmeier, Immergrün
:|: Und Studentenblumen. :|:
Aber so konnt’ es nicht bleiben,
Anders musste man’s betreiben,
Als zur Grossstadt Chemnitz ward;
Klensky fasste sich anm Bart,
:|: Sprach: „Ich hab’s gefunden.“ :|:
Gründen will ich mit Collegen
Einen Klub und darin pflegen
Kunst- und Landschaftsgärtnerei,
Auf dass abgeholfen sei
:|: Unserer Blamage. :|:
So vor 25 Jahren
Steuerte er dem Gebaren,
Denn er schuf – zuerst ganz klein, –
Unsern Gartenbauverein
:|: Für das Erzgebirge. :|:
Der Verein der wuchs ganz schnelle,
Denn wir Sachsen seien helle,
Jeder Gärtner sagte sich:
Da springt auch was ab für mich,
:|: Der Verein ist praktisch. :|:
Jeden Donnerstag war Sitzung,
Gegenseit’ge Unterstützung,
Jeder teilte mit, was er
Wusst’ von seiner Praxis her,
:|: Und die andern staunten. :|:
Doch die Sache ging noch weiter,
Um zu werden noch gescheiter,
Trieb man auch fein Theorie,
Drum von der Philosophie
:|: Kam gar mancher Doctor. :|:
Nun ging’s an ein Disputieren,
Bücher-Lesen und Studieren,
Gärtnerzeitungen hielt man,
Sah sich drin die Bilder an, –
:|: Einer referierte. :|:
Zur Beseitigung der alten
Irrtümer wurde gehalten
Mancher Vortrag hochgelehrt,
Fleissig auch das Glas geleert
:|: Und gequalmt ward riesig :|:
Und so war es denn kein Wunder,
Brennen musste bald der Zunder;
Bildung macht den Menschen frei,
Drum nahm uns’re Gärtnerei
:|: So ’nen mächt’gen Aufschwung. :|:
Alles wurde umgekrempelt,
Jede Pflanzenart gestempelt,
Und aus dem Vermehrungshaus
Ward geliefert mancher Strauss,
:|: Und das machte Kasse. :|:
Teils zur Anregung des Eifers,
Teils zur Anregung des Käufers
Macht’ man öfters Ausstellung.
Und so kriegten grössern Schwung
:|: Unsre Handelsgärtner. :|:
Blumen aller Art nebst Früchten,
Obst und andere Geschichten,
Kürbisse und Sauerkraut,
Alles wurde aufgebaut,
:|: Hoffend auf Prämiierung. :|:
Aber alles hat zwei Seiten,
Das lässt sich wohl nicht bestreiten,
Einseitig der Gärtner ist,
Hält sehr viel auf guten Mist
:|: Und auf Composthaufen. :|:
Findet er wo eine Raupe,
Sagt er gleich: Du alte Schraube,
Wie kannst du mir fressen hier
Meines Gartens schönste Zier?
:|: Wart’, du sollst es büssen. :|:
Wär’ er auch Entomologe,
Nicht bloss Gärtner, Pomologe,
Kästelt’ er die Raupe ein
Und erzöge dann ganz fein
:|: Bunte Schuppenflügler. :|:
P.: Zweites Tafellied gesungen am 25jährigen Stiftungsfeste des Erzgebirgischen Gartenbauvereins zu Chemnitz am 27. November am 1884. J. W. Geidel, Chemnitz 1884, Seite 1. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zweites_Tafellied_Erzgebirgischer_Gartenbauverein_1884.pdf/1&oldid=- (Version vom 24.3.2026)