Zum Inhalt springen

Selbstanzeige

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Selbstanzeige
Untertitel:
aus: Die Fackel Nr. 301–302, S. 45–47
Herausgeber: Karl Kraus
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 3. Mai 1910
Verlag: Die Fackel
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Wien
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Internet Archive, Commons
Kurzbeschreibung:
[[d:{{{WIKIDATA}}}|Datenobjekt bei Wikidata]]
Eintrag in der GND: [1]
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[45]
Selbstanzeige

Aus einem Wiener Brief der ,Frankfurter Zeitung' vom 15. April:

G. Wien, 13. April     

Ein eigenartiges journalistisches Jubiläum ist zu verzeichnen: von der ‚Fackel‘ ist die 300. Nummer erschienen. Wiener journalistischer Brauch verbietet eigentlich, von der ,Fackel‘ und ihrem Herausgeber Notiz zu nehmen. Wir fügen uns diesem Brauche nicht. Nicht weil sein Bruch mehr ehrt als die Befolgung, sondern weil er dumm [46] ist. Die Totschweigetaktik der Wiener Journalistik hat noch niemanden umgebracht, oder auch nur verhindert, mächtig zu werden. Im Gegenteil. War der Totgeschwiegene nur hinreichend wehrhaft, so hatte er sehr bald noch die Sympathien aller Jener auf seiner Seite, die ein Monopol der Zeitungen auf die Bildung der öffentlichen Meinung nicht anerkennen und den Opfern eines unberechtigten Zunft- oder Korpsgeistes an Ruhm und Anerkennung verdoppelt heimzahlen, was ihnen der täglich amtierende Chorus vorenthält. Der Betroffene selbst hält sich gewöhnlich durch eine Hypertrophie des Selbstbewußtseins schadlos für den ihm entgangenen Zeitungsruhm, und – hartnäckig verkündete Autoreklame findet oft ebenso begeisterte Apostel wie wirkliche Größe. Si licet parva componere magnis … Der Fanatismus der Wagnerianer hatte seine tiefste Wurzel in der Verstocktheit der Gegner, Luegers Triumph in in der extremen Feindseligkeit der Presse, und wenn Karl Kraus heute im Reiche draußen wie in Österreich Parteigänger hat, die gewogen und nicht gezählt werden müssen, so verdankt er das gewiß in erster Linie dem Umstande, daß in der Tagespresse niemand seinen wirklichen Gaben Gerechtigkeit widerfahren läßt. Er hat es der Presse schwer gemacht, sich mit ihm zu befassen. Er hat sie maßlos beschimpft und Urteile in Bausch und Bogen gefällt, bei denen ihm zweifellos mehr die Freude an boshaften Pointen als der Wille, gerecht zu sein, die Feder führte. Er hat auch Einzelne, und nicht die Schlechtesten, mit einer Wut verfolgt, die nicht entschuldigt werden kann, zur Freude aller Neidlinge, denen jeder gute Name ein Dorn im Auge ist. Aber den Neidlingen allein verdankt er es doch nicht, daß er in zehn Jahren 300 seiner brandroten Heftchen in die Welt schicken konnte, und was mehr ist, daß diese Heftchen auch wirklich gelesen werden. Der Skandalsucht dienen ja auch andere »Zeitschriften«, die kein Mensch in die Hand nimmt, und daß er der erste war, der dem Bedürfnis nach einer Kritik der Kritik Rechnung trug, hätte ihm gewiß nicht die Treue seiner Leser durch zehn Jahre hindurch gesichert. Dazu bedurfte es schon des Talents und, da es in Wien auch an Talenten in der Presse nicht fehlt, noch eines ganz bestimmten Talents, einer persönlichen Physiognomie. Die hat nun Karl Kraus, der Schriftsteller, – der Mensch ist uns unbekannt – ganz sicher. Und wir können nicht umhin, die Kollegen von der Presse mögen es uns verzeihen, manche Züge dieser Physiognomie sympathisch zu finden. Vor allem sein bis ins Extrem reinliches und peinliches Sprachgefühl. Man darf es ihm glauben, daß ihn der Schliff eines einzelnen Satzes mehr (freudig geleistete) Arbeit kostet, als andere ein ganzer Essay. Das Ergebnis ist dann auch darnach. Kraus ist ein Künstler der Pointe, wie wir ganz wenige haben. In ein halbes Dutzend sorgfältigst gewählter Worte preßt er den Extrakt langer Gedankenarbeit, und hinter seinen Witzen liegt oft genug, wie hinter denen Lichtenbergs, ein System verborgen. Es ist wahr, er scheut die Zote nicht, aber bei der reichlichen Konkurrenz gerade in diesem Genre würde er auch damit nicht weit kommen, wäre ihm die Zote Selbstzweck. Sie dient ihm aber nur dazu, der landläufigen Schicklichkeit ins Gesicht zu schlagen. Das [47] ist überhaupt seine Leidenschaft und vielleicht läßt sich ein Teil seiner zynischen Sexualtheorien auf diesen Drang zurückführen. Auch sonst kann ich das Gefühl nicht loswerden, daß hinter der Grimasse eines wütenden Menschenfeinds und Verächters sich ein überempfindliches, durch alltägliche Trivialitäten und Niedrigkeiten bis aufs Blut gereiztes Künstlergemüt verbirgt, das einen grimmigen Lebensschmerz vergeblich zu betäuben sucht. Und Thersites, der die Buckel seines Größenwahns kreischend zur Schau stellt, ist wahrscheinlich im tiefsten Innern ein bescheidener, mit schmerzhafter Selbsterkenntnis ringender Mensch, der zu schamhaft und zu stolz ist, vor der Kanaille sich in seiner wahren Gestalt zu zeigen. Schon hat er sich vom Eintagssatiriker zum Sozialkritiker emporentwickelt, der kaum mehr ohne großen Gegenstand sich regt. Der Stadt aber, die er mit der ganzen Leidenschaft seines Spottes geißelt, wird er vielleicht noch einmal das Zeugnis ausstellen, daß sie allein ihm die Möglichkeit der Entwicklung geben konnte, weil sie Kulturmenschen genug beherbergt, die ein sich selbst erst suchendes und findendes Talent mit Anteilnahme von seinen Anfängen bis zur Höhe verfolgen.