Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage)/Lasset euch versöhnen mit Gott I

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« Von den falschen Propheten Wilhelm Löhe
Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage)
Lasset euch versöhnen mit Gott II »
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Mittwoch, den 2ten Julius 1834.
2 Cor. 5, 20.
Lasset euch versöhnen mit Gott.




Morgengebet.
Sey gepriesen, Herr, dreieiniger Gott, sey gepriesen, daß Du uns alle bis auf diesen Tag erhalten hast! Habe herzlichen Dank, Du Gott voll Gnade und Erbarmung, denn Du hast unsere Seelen in dieser Nacht, an diesem Morgen noch nicht aus dem Lande der Lebendigen hinweggerissen. Nun treten wir mit Danken vor Dein Angesicht, kehren uns zu Dir, so gut wir es vermögen, und rufen Dich an: komm in unsre Mitte! Ja komm! Gebenedeiet seyst Du, der Du kommst mit Gnade und Wahrheit, mit Versöhnung und Frieden! Leg’ Deine segnende Hand auf mein Herz, daß meine kranke Seele in frischem Glauben genese, und mein Geist fröhlich werde in Dir! Rühre mit Deinem Finger meine Zunge und meine Lippen, damit ich rede, wie Du es gerne hast, damit ich rede in Deinem Segen und Ohren und Herzen in meiner Stimme Deine Stimme hören! Ja, komm, leg’ Deine Hand auf die Herzen der Gemeinde, daß sie unter Deiner Hand sich öffnen, wie die Blumen für den Thau zur Zeit der Morgenröthe! Komm, laß mich und die Gemeinde nicht allein, sey mitten unter uns, gieb uns zu trinken lebendiges Wasser, damit unsre Herzen in Frieden erquicket werden!| Stärke uns mit Deinem Worte, wie mit Morgenbrod! Um Deiner unergründlichen Liebe willen! Amen.




 Achtzehnhundert Jahre sind vorüber, meine Lieben, seitdem unser treuer Heiland, Jesus Christus, mit dem Wort: „Es ist vollbracht“ das Werk der Versöhnung vollendet hat. Der himmlische Vater ist nun versöhnt und wartet seitdem mit ausgebreiteten Armen auf die Rückkehr der verlornen Kinder. Seine Knechte gehen seitdem in die Welt aus, um allen Völkern das edle Wort von der Versöhnung zu predigen, und jede Seele insbesondere zu bitten: „Laß dich versöhnen mit Gott! Sieh’, Gott ist versöhnt, nimm doch du auch die Versöhnung deines Vaters an!“ Aber die Welt hört die selige Botschaft nicht; die breite volle Straße lachet ihrer, nur wenige treten von ihr ab, und suchen statt der Träber dieser Welt den reichen Tisch des Vaters. Welt bleibt Welt, bis an’s Ende der Tage; der himmlische Vater ist und bleibt auch barmherzig und gnädig über dieser elenden Welt bis an’s Ende der Tage, gebietet auch Seinen Dienern bis an’s Ende der Tage zu bitten und zu predigen: „Lasset euch versöhnen mit Gott!“ So will denn auch ich heute dies Gebot des himmlischen Vaters bei euch ausrichten und predige auch in Seinem Namen und an Christi statt: „Lasset euch versöhnen mit Gott!“

 Ich bitte an Christi statt: „Lasset euch versöhnen mit Gott“: denn


1.

 Wäre die Versöhnung nicht geschehen, wie wünschenswerth wäre sie, und wie lieblich muß sie seyn, nachdem sie geschehen ist! – Darüber höret, was nun folgt.

 Die Welt träumt zwar, als könne Gott nicht zürnen, weil sie keinen andern, als einen sündlichen Zorn kennt,| nach ihrem Gewissen, und einen solchen kann man dem grundguten und heiligen Gott freilich nicht zuschreiben. Die heilige Schrift hingegen kennt einen reinen und heiligen Zorn, und schreibt diesen reinen, ungetrübten, aber eben deshalb höchst ernsten und unbesieglichen Zorn Gotte zu. Der Herr zürnt über alles Böse und haßt es; der Stellen, wo Sein eigenes Wort es versichert, sind so viele, daß kein fleißiger Bibelleser daran zweifeln wird. Und weil in uns Menschen das Böse ist, so zürnt Gott auch über uns: auch davon zeugt das Wort des lebendigen Gottes unwidersprechlich. Nicht allein aber zürnt Gott mit den Menschen (das wäre nicht mehr, als recht ist, denn unsere Sünde ist zu groß); sondern auch der Mensch, d. h. wir zürnen mit ihm, dem dreimal Heiligen, der trotz Seines Zorns, den Er über uns haben muß, dennoch nach Seiner großen Geduld uns Tag für Tag Gutes erweis’t an Leib und Seele. Der Mensch zürnt mit seinem Gott, das Geschöpf mit seinem Schöpfer. Oder habt ihr noch nicht so tief in euer eigenes Herz hineingesehen, ihr Menschenkinder, daß ihr den tiefen Widerwillen erkannt hättet, welcher sich in dessen Tiefe gegen Gott verbirgt? Die Welt spricht: ei, wer sollte mit Gott in Feindschaft leben? Dennoch aber setzt sie feindlich ihre Weisheit gegen Gottes Weisheit, ihren Willen gegen Gottes Willen, ihre Wege gegen Gottes Wege, Gottes Seligkeit und Weg zur Seligkeit gefällt ihr nicht; kurz, sie ist Ihm in Allem zuwider, und doch behauptet sie, sie sey Ihm gut. Sie übertritt alle Seine Gebote, und will doch nicht Namen haben, daß sie mit Ihm zürne. Sie hält Seine Forderungen für übertrieben und rächt sich durch Spott und Hohn an denen, welche ihr dieselben einschärfen, und will dennoch Gottes Freundin heißen. Gott spricht: „Der Welt Freundschaft ist Gottes Feindschaft.“ Die Welt spricht: man kann Gott dienen und auch der Welt. Ich denke, meine Theuren, es leuchtet ziemlich ein, daß Gott und die Welt wider einander| seyen, daß die Welt alle Tage mehr Gottes Zorn reize, daß die Welt mit höchstem Unrecht, Gott mit höchstem Rechte zürne, und damit wir nur die Hauptsache nicht vergessen, ich denke, es leuchtet ein, daß Gott über uns zürne wegen unserer Sünden, und wir mit ihm, weil er uns unsern Sündenwillen nicht gönnt, noch lassen will. – Was soll nun aus dieser Feindschaft, aus diesem Kriege werden? Wenn die Welt immerzu sündigt und den Zorn häuft auf den Tag des Zorns: wie wird’s enden? Werden wir oder Gott den Sieg behalten? Was ist doch die ganze Welt gegen Gottes Macht? Wenn er Seinen Odem wegnimmt, hat sie ausgestritten wider Ihn, denn Seine Kraft ist es, welche sie gegen ihn mißbraucht. Schon redet er von einem ehernen Scepter, mit welchem er sie zerschlagen will, wie man Töpfergefäße zerschlägt. Schon steht es fast 3000 Jahre im Psalm: „sein Zorn wird bald entbrennen“ (Ps. 2, 9–12). Bald kann dies „bald“ hinausgehen, bald können wir’s erfahren, wie schrecklich es ist, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.
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 Brüder, lasset mich von euch hoffen, daß ihr Alle wünschet, dem zukünftigen Zorn zu entrinnen, und wenn ihr wirklich dies wünscht, sagt: was wünscht ihr eben damit, wenn nicht, daß die Feindschaft zwischen Gott und euch hinweggenommen werde, daß ihr mit Gott und Gott mit euch versöhnt werden möge? daß Friede werde nach dem langen Krieg und die Herzen wieder vereinigt werden, die von Anfang an zusammen gehörten, nämlich: die Herzen der armen Kinder, und das große, liebevolle Herz des Vaters, an welchem die ganze Welt Platz findet? Wie wünschenswerth ist die Versöhnung mit Gott der feindschaftmüden Seele, der Seele des verlornen Sohnes, der mit Träbern sich behelfen mußte lange Zeit, während sein Geist des frohen Lebens in seines Vaters Hause gedachte! Wie lieblich wären dem zerschlagenen Geiste die Füße der Boten, welche Frieden, Frieden von dem ewigen| Vater brächten! Wie lieblich, hochbeglückte, gebenedeite Seelen müssen euch selbst meine Füße, meine Stimme seyn, wenn ich euch anstatt Gottes und Seines Sohnes Versöhnung und Frieden bringe, wenn ich euch dringend bitte an Seiner Statt: „Lasset euch versöhnen mit Gott!“ Und ihr wolltet mir – nein, nicht mir, denn was bin ich? – ihr wolltet Gott nicht Gehör geben. Ihm Seine Bitte abschlagen, von Ihm euch kehren, der euch so freundlich vergebend anschaut? Lau und kalt wolltet ihr weggehen von dem Herrn Herrn, und der Welt das Herz geben, welches Er begehrt? Das wäre der Dank für die erwünschte Versöhnung, für das schönste Evangelium von der Vergebung eurer Sünden? Schickt ihr mich so weg, zu Dem zurück, der mir gebietet: „Tröste, tröste mein Volk!“? Soll ich Ihm diese Antwort von euch bringen, Ihm sagen: „Vater, Deine Kinder mögen Dein nicht, sie haben die Welt zu lieb!“ soll ich das? – O, meine Brüder, laßt euch mit Gott versöhnen! Ich bitte, Christus bittet, der Vater bittet! Nehmet, nehmet hin, Versöhnung und Frieden, und freuet euch!


2.

 Meines Gottes und Heilands Bitte, euch mit ihm versöhnen zu lassen, bringe ich zu euch zweitens mit der Behauptung: die Versöhnung ist aller Annahme werth, denn sie ist köstlich.

 Köstlich ist, was viel kostet, was aber hat mehr gekostet, als unsere Versöhnung? Wisset ihr nicht, wie wir im Katechismus beten: „Er hat uns erlöst, erworben, gewonnen, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit Seinem heiligen und theuern Blute, mit Seinem unschuldigen Leiden und Sterben?“ Wie hoch achtet die Welt Gold und Silber? Wie viel kann man mit Gold und Silber in der Welt ausrichten, und nun lehrt uns Gottes heiliger Geist durch den Mund des heiligen Apostels Petrus (1 Petr. 1,| daß alles Gold und Silber der Welt nicht nütze gewesen wäre, Gott zu versöhnen. Denn wahrlich Silber und Gold sind Sein, was will man ihm das Seine geben, um Seinen gerechten Zorn zu stillen? Es steht geschrieben Ps. 116, 15.: „Der Tod Seiner Heiligen ist werth gehalten vor dem Herrn“, und doch konnte kein Bruder den andern von Gottes Zorn erlösen, und wenn er gleich sein Leben in den Tod gegeben, und sein Herzblut verspritzt hätte: „es kostet zu viel“ Ps. 49, 9. Ein Blutstropfen ist mehr werth als alles Gold und Silber der Welt, denn Blut ist Lebenssitz. Und doch, alle unzähligen Blutstropfen der zahllosen Menschen reichen nicht hin, für Eine Seele genug zu thun, Einer Seele Gottes Frieden zu erwerben. Denn Er zürnt über alles Blut, und kein Blut ist rein und tauglich, für uns vergossen zu werden. – Die Engel sind heilig und stark, aber kein Engel kann das Werk der Versöhnung auf sich nehmen. Was von ihnen geschrieben stehet, ist: „Sie sind allzumal dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um dererwillen, die ererben sollen die Seligkeit.“ Ebr. 1, 14. Dienen können sie, Handreichung können sie thun, aber sonst nichts, versöhnen können sie nicht; singen können sie zum Lobe der Versöhnung, freuen können sie sich, wenn sich die Sünder versöhnen lassen mit Gott; aber alle ihre Heere vermögen nicht, auch nur Eine Seele von Fluch und Feindschaft zu befreien, da stehen sie am Ende ihrer Macht.
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 Keine Creatur vermag Frieden zu stiften, Gott und Menschen zu versöhnen. Wohl steht geschrieben, Matth. 5, 9: „Selig sind die Friedfertigen, d. i. die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen“, aber unter Menschen und Engeln fand sich kein solches Gotteskind, welches zwischen Gott und uns hätte Frieden stiften können. Da trat aus der Seligkeit des höchsten Himmels, aus dem Lichte, in welchem Gott wohnt, wohin kein Mensch kommen kann, ein Friedfertiger heraus: selig ist dieser| Friedfertige! Der sprach freiwillig: „Siehe, ich komme, im Buche steht vornehmlich von mir geschrieben, daß ich thun soll, Gott, Deinen Willen; Brandopfer und Sündopfer gefallen Dir nicht, den Leib aber, den Opferleib hast du mir zubereitet.“ Hebr. 10, 5–7. Ps. 40, 7–9. Der Sohn, der in des Vaters Schooße lag von Ewigkeit, legte Seine Herrlichkeit an der Thür des Himmels nieder, die Herrlichkeit, welche Er hatte bei dem Vater, ehe die Welt war, und nahm Knechtsgestalt an im Leibe einer Jungfrau, ward geboren wie andere Menschenkinder, genährt an der Brust seiner Mutter, lag auf Heu in der Krippe, lernte Gehorsam und Verläugnung, Niedrigkeit und Demuth, und erfüllte bis zu Seinem letzten Hauche das Gesetz Gottes ohne Tadel, also daß sogar das Auge des Hassers und des Neiders, ja das Auge des allerheiligsten Gottes an Ihm keinen Fehl aufzufinden vermochte. Dieser Gottessohn, vor dem selbst im Stande Seiner Niedrigkeit die Winde schwiegen, und die Wellen sich legten, welcher, da schon Seine Seele betrübt war bis in den Tod, und Er bereits nicht einem Menschen, sondern einem Wurme gleich war, mit einem einzigen Worte Seine Feinde und Häscher zu Boden warf, mit Schrecken verborgener Majestät: – Der ward von Angst des Todes so übernommen, daß Ihm am Oelberge Blut statt Schweißes vom Angesichte floß. – Von Mördern gebunden, von Leuten, die dem ewigen Gericht anheim gefallen waren, verdammt, von Heiden gekreuzigt, schüttete er all sein Blut am Kreuz heraus, wie Wasser, durch die Wunden Seiner Hände und Seiner Füße, auf daß Er alle unsere Feindschaft mit Gott am Marterpfahle tilgete. Da Er am Kreuz erhöhet war, war Sein erstes Wort vom Kreuze die hohepriesterliche Fürbitte um unsere Versöhnung: „Vater, vergieb ihnen, sie wissen nicht, was sie thun.“ Dieser Bitte Gewährung uns zu verschaffen, unterzog Er sich selbst, der Allgewaltige, dem Gericht des ewigen Todes. Schwer kämpfte Er, in höchster Seelenangst| rief Er dem Vater nach, der Ihn verließ: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Er überwand den ewigen Tod allein, sein Arm hat Ihm geholfen. Er merkte, daß das Herz des Herrn versöhnt war durch Sein Ueberwinden: nicht wie ein Sterbender, nein, als ein König, der den letzten Feind bezwungen, rief Er: „Es ist vollbracht“ – die Sünde ist vergeben, – und neigte nun gern und freiwillig Sein Haupt in den Tod.
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 Vom Himmel bis zum Kreuz und Rabenstein! vom unnahbaren Lichte bis in die Mitte zweier Mörder! vom Halleluja der Cherubim bis zum Spottlied der Juden – hat es der Herr gebracht! Man sollte meinen, es sey genug, daß Er Mensch geworden; man sollte glauben, der Vater werde gerne die Sünder lossprechen, schon darum, weil in ihrer Mitte Sein Sohn gewandelt und gelebt hat. Aber nein, der Heilige, der Sohn Gottes muß die Menschheit, die mehr als jede andere die Seine heißt, in den Tod geben, das Blut, das mehr als alles andere Blut, Sein, das Gottes Blut ist, auf die Erde gießen, um die Feindschaft Gottes wegzuwischen. Gottes Blut für Menschen Blut! Jesu Seele für der Sünder Seelen! Jesu Christi Kreuz statt unserer Strafen! Welche Liebe! Welch’ ein Preis der Versöhnung! Wer, wer unter euch widerspricht, wenn ich rufe mit dem Apostel: „Ihr – ach, wir sind theuer erkauft!“ (1 Cor. 6, 20 und 7, 23). Wer erkennt nicht den unausdenkbar großen Preiß! Darüber verliert die Sonne ihren Schein und die Erde bebt – was aber im Himmel über dieser Versöhnung vorgegangen ist, ob am Charfreitag nicht aller Engel Zungen verstummt sind, was den Herrn, den ewigen Vater und Seinen Geist in den Eingeweiden Seiner Liebe bewegt hat, davon ist Zeit, zu schweigen. Dabei aber bleibt es und dabei muß es bleiben: wir sind theuer erkauft von Gottes Zorn, und eben eine solche theure, köstliche Erlösung brauchte es, wenn wir in unsrer angebornen, unverständigen Feindschaft wider| Gott erschüttert und zu Seiner Liebe erneuert werden sollten.




 Nach diesem Allen rufe ich euch zu: „Laßt euch versöhnen mit Gott!“ Noch einmal mahle ich euch Christum vor das Auge: Nicht ich stehe vor euch, nein, ein Anderer steht unsichtbar neben mir, gegen den ich bin, wie Barabbas. Nicht mich höret, der ich an Seiner Stätte bitte, aber Ihn höret. Er steht in der Dornenkrone. Seine Stirne träuft Blut, seine Augen Thränen, Thränen vor Schmerz in unsrer Sündenarbeit; Sein Angesicht ist Ihm geschwollen von den Faustschlägen; Sein Leib ist aufgerissen von der mit beinernen Würfeln durchflochtnen Geißel; Seine Wunden und Striemen brennen; Seine Arme, Seine Kniee zittern; Seine Hand vermag das Rohr nicht zu halten; Sein Blut mischt sich mit der Purpurfarbe eines Spottmantels. In solches Alles findet sich Seine Seele mit gefaßter Stille, das trägt Er lammfromm mit Geduld. Schwerer, schwerer drückt es Ihn, daß er voraussieht: die Seinen werden Ihn auch so nicht aufnehmen, da Er, in ein solches Verzagen gesunken, zu ihnen kommt. Wär’ Er ein Mensch, wie andere, so wollte ich schweigen, aber es ist der Angebetete und Hochgelobte, der Friedefürst, das selige Gotteskind, in die Welt gekommen, um sie zu Gottes Herzen zurückzuführen. Den haben unsere Sünden also zugerichtet. Herr Gott, den seh’ ich im Geiste neben mir stehen: Seht, welch’ ein Mensch! rufe ich. Mir entbrennt das Herz über die Kälte der Menschenkinder, fast übermannt mich der Grimm, daß ich rufen möchte: „Wer diesen Herrn Jesum Christum nicht lieb hat, der sey Anathema!“ Aber ich weiß, daß Er, der bei mir steht, sanftmüthig und demüthig, im Schmucke Seines Blutes, bittet: „Lasset euch versöhnen mit Gott!“ „Lernet von mir, lispelt er mir zu, denn ich bin sanftmüthig und von Herzen| demüthig!“ Wohlan denn, ich will bitten lernen von diesem unbegreiflichen Bitter. Hört es, Brüder, ich bitte an Seiner Statt: „Lasset euch versöhnen mit Gott!“

 Theure Seelen, ich bitte an Christi Statt: Lasset die Freundschaft der Welt fahren, die Welt versöhnt euch doch nicht mit eurem Gott, sie thut ja doch keinen Seufzer nach eurer ewigen Seligkeit, sie vergießt ja doch keinen Tropfen Blutes um euretwillen, nicht eine Dorne trägt sie für euch, sie bringt euch immer weiter weg von Gott, immer tiefer hinein in Seine Feindschaft, in Seinen Fluch, in Seinen Krieg! Sie geht in dem Kampfe mit Gott nicht weiter an eurer Seite, bis Er das Schwert aufhebt, euch euern Lohn zu geben, bis der Tod die Sense schwingt. Dann überläßt sie euch hohnlachend euerm Richter und freut sich mit dem Satan, ihrem Herrn, daß Gottes Liebe an euch keinen Sieg errungen hat.

 Das ist die Welt, was habt ihr an der Welt? Ist sie’s werth, daß ihr um ihretwillen Den wegstoßet, der treumeinend für euch in den Tod ging, der nun erhöhet zur Herrlichkeit auch jetzt noch um eure Seelen wirbt, und Seine Diener bitten heißt in Seinem Namen und an Seiner Statt: „Laßt euch versöhnen mit Gott!“? Brüder, denket nach! Noch einmal schaue ich Jesum Christum, den Gekreuzigten an, hole mir Liebe aus Seiner Liebe, und rufe euch mit innigem Sehnen und herzlichem Flehen zu: „Lasset euch mit Gott versöhnen durch Jesum Christum!“ Amen.






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