Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage)/Lasset euch versöhnen mit Gott II

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« Lasset euch versöhnen mit Gott I Wilhelm Löhe
Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage)
Reformationsfest »
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Mittwoch, den 30. Julius 1834.
2 Cor. 5, 20.
Lasset euch versöhnen mit Gott.




Und wenn ich die ganze Bibel aussuchte, einen edleren, für euch Alle nothwendigeren, dringenderen, innigeren Text könnte ich nicht finden. Ja ich bin überzeugt, wenn ich in den Himmel stiege, und fragte eure seligen Vorfahren, Großeltern und Eltern, dazu alle heiligen Engel, welchen Text ich nehmen müßte, wenn ich’s mit euren Seelen am besten meinete; sie würden mir keinen besseren sagen können, als den. Noch mehr! Wenn ich heute zum letzten Male predigte, und mir gesetzt wäre, nach dieser Predigt zu sterben, und vor meines Herrn Stuhl zu treten; wenn ich euch darum das Köstlichste sagen, die nöthigste Vermahnung geben wollte; wenn ich in der Verlegenheit meiner Seele durch des Geistes Kraft entzückt würde bis in den dritten Himmel, und fragete Den, Der eure Seelen mehr liebet, als ein Mann seinen Augapfel, Jesum Christum: „Herr, was soll ich diesem Volke zuletzt noch predigen, daß ich Deinen Willen thue?“ ich glaube mein Herr und Meister würde zu mir sprechen: „Bitte sie an meiner Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott!“ – Nun denn, anstatt des für euch und mich getödteten Lammes Gottes bitte ich euch auf das innigste: „Lasset euch versöhnen mit Gott!“ und ich setze hinzu im Namen ebendesselben lieben Herrn: Sehet, es ist alles bereit! Die Versöhnung ist| vollendet, des Vaters Herz euch in Gnaden zugeneigt: nehmt nur die gestiftete Versöhnung an! Ja, wen da dürstet, der komme und trinke sich satt am Brunn der Gnade, der Versöhnung, des Friedens. Der Taglöhner und sein reicher Herr, die Magd am Brunnen wie die edle Frau, die Jugend wie das Alter – kommet, nehmt aus Jesu reicher überfließender Fülle: Vergebung und Leben umsonst!

 Liebste Seelen! erlaubet mir, daß ich heute diese meine Vermahnung durch eine Darstellung der Gewißheit der euch angebotenen Versöhnung bekräftige. Ich möchte so gerne das Meinige thun, euch zum Gehorsam des lieben Heilands zu treiben. Nehmt meine treugemeinte Bemühung freundlich auf. Lasset uns eine Gnadenstunde zu erflehen mit einander beten:

V. U.


 1. Die Versöhnung ist gewiß, so gewiß als die Auferstehung Jesu. Ist die Auferstehung Jesu gewiß, so ist auch die Versöhnung gewiß.

 Die Auferstehung Jesu ist gewiß. – Matthäus schrieb sein Evangelium zu einer Zeit, in welcher sehr viele von denen noch lebten, welche die Geschichte des Todes Jesu mitangesehen hatten. Er schrieb sein Evangelium nicht in ferne Heidenlande hinaus, wo man etwa keine Nachforschung mehr anstellen konnte, ob sich auch Alles gerade so zugetragen hätte; sondern er schrieb es für die Juden selbst. Das kann man leicht beweisen. Und dieser heilige Apostel Matthäus macht Cap. 28, 11. ff. die Hohenpriester und den ganzen hohen Rath sammt Pilatus zu Schelmen, weil sie die Soldaten, welche an Jesu Grabe die Wacht gehabt, zu einer Lüge erkauft hatten, nämlich zu sagen: die Jünger hätten Jesum gestohlen, da Er doch auferstanden war. Diese gewaltige Beschuldigung bringt er auf die Hohenpriester u. s. w. zu einer Zeit, wo das Christenthum| bereits im Zunehmen war, wo also viele des Apostels Worte lasen und glaubten. Wäre nun der Herr nicht wirklich auferstanden, so wäre nicht zu begreifen, warum die Hohenpriester die starke für sie gefährliche Beschuldigung des Apostels und der Christen nicht von sich abwälzten, warum sie die Sache auf sich sitzen ließen. Es ist gar nicht zu läugnen, daß sie sich mußten schuldig fühlen, sonst hätten sie den Apostel Lügen gestraft.
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 Indeß, wenn etwa Jemand das sich anderswie erklären wollte, so bringe ich einen andern Beweis: Die Apostel traten nicht zwei volle Monate nach Christi Auferstehung auf, und predigten unter gewaltigem Zulauf und Beifall des Volks nichts mehr und nichts weniger, als die Auferstehung Jesu. Man lese alle Reden der heiligen Apostel, dazu ihre Briefe, ob nicht die Auferstehung Jesu der Grund ihres Triumphirens ist. Für ihre Auferstehungspredigten wurden sie nach dem Zeugniß der Apostelgeschichte vor Gericht gestellt, angefahren, bedroht, in’s Gefängniß gelegt, geschlagen, gesteinigt, getödtet: man suchte auf alle Weise die Kunde von der Auferstehung Jesu zu ersticken; aber von allen Priestern und andern Peinigern steht nicht ein Einziger auf und sagt: „Es ist nicht wahr, Er ist nicht auferstanden, ihr lügt!“ Keine Untersuchung wird angestellt, man kann die Apostel nicht überweisen, man will blos ihre Reden dämpfen. So sehr waren die Feinde selbst in ihrem Innern überwiesen: daß Christus auferstanden ist, und die Auferstehung Jesu ist demnach so gewiß, daß auch kein Feind sie läugnen konnte. Ostern ward das erste große Fest der Christenheit, der Sonntag als immer wiederkehrender Gedenktag der Auferstehung gefeiert, das Halleluja der Osterfreude durchschallte die Welt, und überlebte allen Widerspruch der Feinde Gottes. Wenn aber die Auferstehung des Herrn nicht geläugnet werden kann, so ist Er ja kräftiglich erwiesen als der Mund der Wahrheit, als der Christus Gottes. Denn| Seine Auferstehung hatte Er selbst immer als den größten wunderbarsten Beweis Seiner göttlichen Sendung vorausgesagt: „Brechet diesen Tempel, rief Er schon beim Anfang Seines Lehramts den Juden zu, und am dritten Tage will ich ihn aufrichten.“ Joh. 1, 19. „Dieser bösen und ehebrecherischen Art, bezeugte er öfters im Fortgang Seines Lehramts, soll kein Zeichen gegeben werden, als das Zeichen des Propheten Jonas. Denn wie Jonas war drei Tage und drei Nächte in des Wallfisches Bauch, also wird des Menschensohn drei Tage und drei Nächte mitten in der Erde seyn.“ Matth. 12, 40. Und so ist’s geschehen. Er war in der Erde drei Tage und drei Nächte, und ist wieder auferstanden, und dargestellt durch Seine Auferstehung als Gottes Sohn, wie er selbst sich unter Eideskraft vor dem Hohenpriester und Rath der Juden, mitten in Banden und Leiden als Gottes Sohn bekannt hatte. Matth. 26, 63. 64. Gott hat Seine Unschuld an’s Licht gebracht und Sein eigenes allerhöchstes Ja und Amen zu all’ Dem gesprochen, was Christus in Seinem Lehramt gesprochen hatte. Es war ein gefährlicher Streit, den Christus mit Seinen Feinden führte, aber Er hat Recht behalten im göttlichen Gericht, Seine Feinde sind zu Schanden worden. Durch Seine Auferstehung ist Alles, was Er im Stande seiner Erniedrigung geredet hat, unumstößliche, ewige Wahrheit. Er hat gesagt, daß Er gekommen sey, Sein Leben zu geben zu einer Erlösung für Viele, zum Lösegelde für die ganze Welt, Matth. 20, 28.: Er giebt Sein Leben hin. Er läßt sich opfern unter Missethätern: der Vater weckt Ihn auf, Er thut Ihm die große Ehre, Ihn darzustellen als den Erstling unter allen, die da schlafen, in einem himmlischen für die Ewigkeit gebauten Leib. Wenn damit der Vater nicht lauter gesprochen hat, als zu jenen Malen, da Er vom Himmel rief: „Dies ist mein geliebter Sohn!“ – wenn das nicht heißt: Ja, Amen, es ist vollbracht! Ich habe das Lösegeld angenommen,| Ich habe vergeben, Ich bin versöhnt, der Strick ist entzwei, und ihr seyd frei! – wenn da nicht unsere Versöhnung durch Christi Tod in ein sonnenklares Licht gestellt wird, wenn sie dadurch nicht unüberwindlich gewiß erscheint: dann ist nichts mehr gewiß auf Erden, dann fang’ ich an an Allem zu zweifeln, selbst am Licht der Sonne, ja, verzweifelt frage ich mit Pilatus: „Was ist Wahrheit?“

 2. Aber, sagen Etliche – daß Christus auferstanden sey, glaube ich, aber daß er todt war, glaube ich nicht, Er schlief drei Tage in einer tiefen Ohnmacht und am dritten Tage wachte Er wieder auf. Ich glaube eine Auferstehung, aber keine Auferstehung von den Todten. Darauf antworte ich: glaub’, was du willst: ich bau’ mein ganzes Heil darauf, daß Christus wahrhaftig gestorben ist. Die Gewißheit meiner Versöhnung fällt und steht mit der Gewißheit des Todes Jesu. Ist Jesus nicht wahrhaftig gestorben, so bin ich auch nicht wahrhaftig erlöst. Aber ganz ruhig sage ich: so gewiß Jesu Tod ist, so gewiß ist meine Versöhnung, ich setze mein Heil auf Seinen Tod, und werde sicher nicht verspielen.

 Was für eine unglückliche Keckheit ist es nicht schon, eine Todesgeschichte, welche die edelsten und frömmsten Seelen seit achtzehn Jahrhunderten als unwidersprechliche Wahrheit zum Grunde ihres Glaubens und ihrer Seligkeit gelegt haben, mit leichtfertigem Uebermuthe wegzuläugnen! Ist etwa die Art des Todes Jesu nicht genau genug erzählt? kann ein Zweifel übrig bleiben? Der Leib des Herrn, im Kampfe von Gethsemane so in die Arbeit unserer Sünden hineingezogen, daß Ihm blutige Schweißtropfen entfallen, – mit Geißeln gehauen, daß das heilige, unschuldige Blut aus den Adern fließt, – von einem ungerechten Richter zum andern wie ein Schlachtschaf geschleppt, gekrönt mit einem grausamen Dornenkranze, ermüdet und ermattet in allen Gliedern vom Gang nach| Golgatha, vom Tragen des Kreuzespfahles, endlich mit Händen und Füßen an’s Kreuz genagelt und sechs Stunden lang aus großen Wunden Sein Blut verschüttend, über dies von einer mit Gottes Zorn beladenen Seele gedrückt: Diesen soll man sich scheintodt denken, in bloße Ohnmacht versunken, für Diesen soll man eine Hoffnung auf natürliche Neubelebung haben? Sahen doch die Kriegsknechte sammt ihrem Hauptmann die ganze Geschichte des Todes Jesu bis zum Verscheiden mit vorurtheilsfreier Besinnung an! Erzählt doch Markus 15, 44–45., wie Pilatus den Hauptmann auf das ernstlichste verhörte, ob der Gekreuzigte wirklich verschieden sey, und wie der Hauptmann es gerichtlich betheuerte! Ja, als dem mörderischen Schauspiel vor Einbruch des Sabbaths mit dem Beinbrechen ein Ende gemacht werden sollte, und die Kriegsknechte den Herrn schon verschieden fanden, brachen sie Ihm zwar die Beine nicht, aber einer von ihnen durchbohrte Seine Seite mit dem Speer. Da drang Blut und Wasser heraus, was bei lebendigen Körpern nie geschieht, und ein sichres Zeichen des vorübergegangenen Todes ist. St. Johannes erzählt die ganze Leidensgeschichte, die ohnehin schon laut genug redet, bis zur Seitenwunde ohne Unterbrechung; aber hier kann er sein brennendes Herz nicht dämpfen, feierlich bezeugt er C. 19, 35.: „Der das gesehen hat, der hat es bezeuget und sein Zeugniß ist wahr, und derselbige weiß, daß er die Wahrheit sagt, auf daß auch ihr glaubet.“ – Und alles das soll Scheintod seyn? Das Volk, der Hauptmann, die Kriegsknechte, St. Johannes sollen falsch gesehen, der Heilige Gottes sich und andere betrogen haben, da Er beim Brechen Seines Herzens rief: „In Deine Hände befehle ich meinen Geist!“? und Recht sollen behalten die Ungläubigen unserer Tage, darum, daß sie ungläubig sind, und des Tages Kinder? Was macht man doch um Gottes willen aus Dem, der die Wahrheit und das Leben ist, über welchem der Vater| predigte: „Den sollt ihr hören!“? Matth. 17, 5. Wahrlich, es ist zum Verwundern, welche Zeugnisse der Unglaube umzustoßen wagt! Irgend eine weltliche Geschichte, wenn sie auch nur den zehnten Theil von der Gewißheit dieser Geschichte hat, findet vollen Glauben in der ganzen Welt, nur das ewig Tröstliche, welches doch unumstößlich ist, soll nicht bestehen! Eine Zeitungsnachricht, noch so unverschämt erlogen, findet ihren Glauben – und das Wort des lebendigen Gottes, das auf dem Plane stehen bleibt, während alle Seine Feinde einer nach dem andern zu Staub und Moder werden, das soll lügen! Das sage, wer da will: ich gehe zu der Mutter Kirche, und bete mit ihr die ewige Liebe an, welche des Einigen Sohnes nicht verschont hat, sondern hat Ihn in den Tod gegeben. – Ist aber Jesu Tod überhaupt gewiß, was soll es für ein anderer Tod seyn, als ein Versöhnungstod? Ist etwa Christus eines solchen Schicksals werth gewesen? War Er ein Sünder, wie wir? War Er nicht vielmehr heilig und unschuldig, von aller Sünde, ja von den Sündern abgesondert? Wenn Er aber den Tod nicht verdient hat, wenn Er nicht schuldig gewesen ist, ihm den Sold zu zahlen: was soll denn Sein Tod für einen Zweck haben, als den, für uns, an unserer Statt den Sündensold zu zahlen? Ja, uns mit dem Vater auszusöhnen, nimmt der heilige und geliebte Sohn Gericht und Fluch und Strafe und Tod der Sünde auf sich. „Er ist um unsrer Missethat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen, die Strafe lag auf Ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch Seine Wunden sind wir geheilet.“ Jes. 53, 5.

 So ist’s denn wahr, was die Kirche singt:

Er hat vollbracht für Alle!

Alle Feindschaft ist weggenommen, die Todeswunden Jesu sind uns Bürgen der geschehenen Versöhnung. Wenn die Gläubigen sich schlafen legen, oder wenn sie zu Grabe gehen,| können sie, das Haupt niederlegend, den Spott der Welt vergessend, getrost singen, wie unsre Väter:

Ich lege mich in Jesu Wunden,
Wenn ich mich leg’ zu meiner Ruh’,
Ich bleib im Schlaf mit Ihm verbunden,
Er drücket mir die Augen zu.
Ich fürchte nicht die finstre Nacht,
Weil Jesus um mein Bette wacht.

 3. Mit den angeführten Beweisen unsrer Versöhnung könnte sich ein glaubenswilliges Herz freilich ganz beruhigen. Aber Gott, der unsre Schwachheit und die Trägheit unsers Herzens zum Glauben kennt, hat uns in Seinem Worte noch manchen andern Beweis aufgehoben. Aus Vielem sey mir nur vergönnt, noch Folgendes zu sagen.

 Ewigen Preis verdient die Weisheit unsers Herrn Jesu Christi, welcher die Hauptlehren Seines Evangeliums durch Seine beiden Sacramente zum Trost des schwachen Glaubens verherrlicht und bis an’s Ende der Welt unaustilgbar gemacht hat. Die Kirche Gottes kann nicht untergehen und so lange sie lebet, wird man taufen: jeder Täufer aber lehrt die große Lehre von dem dreieinigen Gott, so oft er die Taufformel ausspricht, – und so oft er ein Kind untertaucht oder besprengt, giebt er im Namen Gottes und der Kirche Zeugniß von dem Verderben des Menschen und seiner Erlösung. Im Sacrament des Altars aber wird besonders die theure Lehre von der Versöhnung bekannt. Bei jeglichem Abendmahle müssen dem Stifter die Worte nachgesprochen werden: „Für euch gegeben, für euch vergossen zur Vergebung der Sünde“. – Worte, die in Ewigkeit kein Nüchterner anders, als von einer Aufopferung Jesu anstatt unser, – keiner anders, als von Versöhnungsleiden Jesu verstehen kann!

 Bei jedem Abendmahle muß der Diener des Altars dem Stifter nach bei Austheilung der heiligen Gaben| sprechen: „Das ist der Leib, der für euch gegeben, – das ist das Blut des neuen Testamentes, welches für euch vergossen ist“ – Worte, welche in Ewigkeit von keinem treuen und kindlichen Hörer des Worts anders, als von einer wunderbaren Vereinigung des Leibes und Blutes Jesu mit Brod und Wein verstanden werden können! Ist aber Dem so, so empfangen wir ja im heiligen Abendmahle – erwäge, was ich sage! – nichts Andres, als den Leib, welcher für uns starb, – und das Blut, welches für uns floß! So giebt es ja kein kräftigeres Zeugniß von der Versöhnung, als dies Mahl! Denn entweder – der Herr verzeihe! – ja, entweder sind die Worte der Einsetzung nicht wahr, oder du issest und trinkst im Abendmahle auf unbegreifliche Weise den Opferleib und das Opferblut deines nun verherrlichten Heilands. Ist aber das, so kannst du eben so wenig an dem vollendeten Opfer und an deiner Versöhnung zweifeln, als ein Priester des A. Testaments an einem geschehenen Opfer zweifeln konnte, von dessen Fleische er aß! Du glaubst nicht, daß Jesus dich mit Seinem Leibe und Blute versöhnt habe: – da reicht Er dir den Leib und das Blut zu essen und zu trinken! Kannst du noch weiter zweifeln! Das heilige Abendmahl ist ein fortgehendes Wunder des Herrn, dir zu lieb gewirkt, damit du zweifelsfrei deinen Glauben auf die Versöhnung gründest! Die Worte deines Erlösers bei der Einsetzung, das durch diese hervorgebrachte Wunder der Vereinigung des Leibes und Blutes, das Bekenntniß der Kirche – predigen die Versöhnung – Tod und Auferstehung Jesu selber predigen von ihr: – und die Versöhnung sollte nicht gewiß seyn? So viele Tausende haben ihren Frieden in der Versöhnung gefunden. Sie haben ihr Leben nicht theuer geachtet, sondern es aus Dankbarkeit und Liebe gegen das theure Gotteslamm unter der Welt Hohn und Spott dahingegeben, ihr Blut vergossen, um zu bezeugen, daß der Friede,| welchen sie hatten, ein Friede der Versöhnung und Gottes war. Sollte nun unser Zweifeln an der Versöhnung etwas Gewisseres seyn, als das Blutzeugniß der heiligen Märtyrer? Viele Tausende, unter ihnen die edelsten und erleuchtetsten Menschen, welche je gelebt haben, – starben ruhig und bekannten sterbend, daß der einzige Grund ihrer Ruhe die Versöhnung Jesu Christi wäre: nun eingegangen in’s Allerheiligste feiern sie vor der Welt verborgene, vor Gott offenbare, unaufhörliche Dankfeste für ihre Versöhnung. Was wird gewisser, was unsterblicher seyn, ihre Lobgesänge im Himmel, oder die Zweifelsklagen der Menschen auf Erden?

 Liebste Seelen! So gewiß ist nichts auf Erden, als daß Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber. Was wolltet ihr eure Seligkeit im Himmel, euren Frieden hier in der Welt auf Dinge bauen, die in sich selber ungewiß sind? Die Versöhnung ist ein Fels – Sein Name ist Christus – Christus ist Gott: – warum auf Sand, das ist auf Menschenweisheit und Menschenwerke bauen, wenn man auf einen Fels, auf Christus, auf Gott bauen kann? Welche Trübsalswellen können euer Haus erreichen, wenn es auf diesem Felsen steht? Wie fest ist der Friede der Versöhnung und Gottes! Er wanket nicht. – „Lasset euch doch versöhnen mit Gott!“ Ich vermag euch nichts Seligeres zu rathen! Gott regiere eure Herzen, daß ihr gutem Rathe folget! Sein sey der Ruhm! Amen.






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