Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage)/Von der seufzenden Creatur

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« Vorwort Wilhelm Löhe
Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage)
Von den falschen Propheten »
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D. D. p. Tr. IV.
Von der seufzenden Creatur.




Röm. 8., 18–23.

Die heutige Epistel stellt theils diese Welt als ein Jammerthal dar, theils weis’t sie uns auf die künftige freudenreiche Welt. So will ich denn auch heute unter dem Segen Gottes von dem hiesigen Leidensstand und dem dortigen Freudenstand predigen. Gott helfe mir und euch! Amen.


1.
 Der Leidensstand ist allgemein. Alle Menschen, Gläubige und Ungläubige, leiden. Sie leiden am Leibe; denn wo unter allen Menschen ist derjenige, der nicht über irgend ein leibliches Leiden zu klagen hätte. Der Krankheiten ist eine zahllose Menge und selbst die Gesundheit des Gesündesten ist nichts, als nur ein geringeres Maaß von Krankheit. Dazu bei den Gesündesten oft Mangel am täglichen Brode, Armuth und Hungersnoth; bei denen, die Brods genug haben, auch Schweiß des Angesichts genug; bei denen, die nicht von Arbeit schwitzen, eine lastende, satte Trägheit; bei allen so viele auszustehende Abwechselungen der Jahreszeiten und des Wetters, allerlei Qual und Plage von außen her und zuletzt der Tod. Das haben Gläubige und Ungläubige zu erfahren – dem Leibe nach. So leiden auch alle an der Seele; da ist Kummer| und Sorge, Verdruß und Unruhe, so viele Leidenschaften, welche von Kindesbeinen an mit dem Menschen groß werden, der Blick des Neiders, die Zunge des Verläumders, und wer weiß alle die Seelenplagen zu erzählen, welche die Erde allen Menschen zum Jammerthale macht.
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 Dennoch ist ein Unterschied zwischen den Gläubigen und Ungläubigen. Die Gläubigen sind einestheils oft elender als die Ungläubigen, wie der Apostel sagt, „die Elendesten unter allen Menschen“; nämlich wenn man auf’s Auswendige sieht. Daher darf sich auch Niemand um des äußerlichen Guthabens willen bekehren. Gott prüft die Seinigen aus Liebe am meisten im Ofen der Trübsal, um sie desto geläuterter in Sein himmlisches Freudenreich aufzunehmen; außerdem haben sie die ganze Welt wider sich sammt dem Teufel und ihrem Fleische, deren einstimmiger Beschluß es ist, die vor allen Andern zu quälen, welche Christo von ganzem Herzen leben wollen. – Im Gegentheil scheint die Welt im Aeußerlichen oft glücklich zu seyn. Ihre Kinder leben dahin ohne Leiden, sterben auch oft so leicht, als giengen sie in die Ruhe Gottes ein. Oder wenn auch das nicht ist, so haben sie doch oft scheinbar viel weniger Leiden, als die Christen, und nehmen auf Erden alles Gute dahin. – Indeß bleibt der große Unterschied, daß die Gläubigen auch im tiefsten Leiden dennoch eine Freude, die Ungläubigen im Taumel aller Freude doch nur ein ungesättigtes, in seiner innersten Tiefe unglückliches Herz haben. Biete einem Gläubigen, der wie Lazarus in Schwären auf der harten Straße liegt, das Leben des reichen Mannes, der alle Tage herrlich und in Freuden lebt, er wird nicht tauschen mögen. Er hat den Frieden Gottes im Herzen, dazu Gerechtigkeit und Freude des heiligen Geistes; wenn sein Leiden den ganzen Leib einnimmt, so zieht sich die Freude desto inniger in die Tiefe seines Herzens zurück; er ist glücklich im Sturm der Zeit, denn er liegt an Jesu Christi Brust. Dagegen sind| die Ungläubigen allemal sehr elend dran, so glücklich sie auch scheinen. Es ist zwischen dem Glück, das sie haben, und dem wahren Glück ein so großer Unterschied, als zwischen dem Schlaf eines frommen, an Leib und Seele gesunden Mannes und dem Schlafe eines Kranken, der, von Angst des Gewissens und Schmerz des Leibes zugleich gefoltert, eine Arznei nahm, damit er eine Ruhestunde hätte. – Denke dir den feurigsten, weltlichgesinntesten Jüngling, die eitelste, lüsternste Jungfrau, welche von einem Genuß zum andern, von einer Freude zu der andern eilen, als wäre die Erde ein Freudenhaus und der Mensch vielmehr zur Lust aller Sinnen, als zum Kreuztragen berufen; gieb ihnen eine unverwüstliche Gesundheit, einen unerschöpflichen Reichthum, ein zähes Leben, welches dem Zahn der Zeit, dem Nagen der Leidenschaften zum Trotz frisch bleibt bis in’s höchste Greisenalter: – sind sie darum ohne Leiden? Ist nicht in ihrem Herzen eine bange Leerheit, welche sie umsonst durch immer neue Erdenlust zu vertreiben suchen? Ergreift sie nicht manchmal mitten in der Freude eine Angst, eine Unzufriedenheit, eine Unruhe, von Gott gesandt, die ihnen Salomonis Erfahrung in’s Andenken bringt: „Alles ist eitel! Es ist alles ganz eitel und Geistesplage!“? Komm, stelle dich in die Nähe eines Freudensaals: hörst du diese Geigen und Pfeifen, und wie sich die Tänzer alle Mühe geben, recht vergnügt zu seyn, und es doch nicht dahin bringen? Denn aus dem Jubel der Lust tönt, vernehmbar jedem geöffneten Ohre, das Weinen ungestillter Sehnsucht und der Schrei der Verzweiflung, und die Geigen und Pfeifen lauten in Wahrheit so traurig, wie dort vor Jairi Haus, da ihm sein Töchterlein gestorben war! – Und wenn auch das alles nicht ist, wenn du, o Weltkind, kein Leiden spürst in deiner Freude, was ist’s? Ohne daß du’s spürst, leidest du tief, und bald wird dich ewiger Fluch, wie ein Netz, umschlungen haben, wenn du nicht eilends aus dem Schlafe fährst. Der Welt| Freundschaft ist Gottes Feindschaft. Jac. 4, 4. Du bist der Welt Freund und Gottes Feind; darum darf dich das Netz des Fluchs heimlich umgarnen, und wie leidend du bist, wirst du erst erkennen, wenn es zusammengezogen wird – wenn die langverborgene Krankheit ausbricht, und das Fieber des ewigen Todes dich in dumpfer Stille hinnimmt! O sagt mir nichts vom Glück der Welt, ich will lieber christlich leiden im Frieden, als mit der Welt mich freuen, während mich Gottes Fluch verfolgte. Leiden trifft ja doch einmal auf Erden alle, Christen und Unchristen, sie spüren es oder nicht; so will ich doch lieber mit den Christen spürbar leiden; denn die geheimen, unspürbaren Leiden sind doch die schrecklichsten.

 Indeß nicht allein der Mensch leidet, nach der Lehre unserer Epistel leidet auch die ganze Creatur, d. i. die ganze Natur, die ganze Schöpfung. „Aengstlich harrt sie, ist unterworfen der Eitelkeit und dem Dienst des vergänglichen Wesens, sehnt und ängstet sich immerdar,“ – das sind die Worte unsers Textes. Eine Lehre freilich, ganz verschieden von der Ansicht, welche die Welt über Natur und Schöpfung hat.

 Zwar, das läugnen wir nicht, daß die Schöpfung trotz aller Unvollkommenheit, welche seit Adam, und trotz der Verderbniß, welche seit der Sündfluth über sie gekommen ist, noch immer viele Lieblichkeiten hat, die Aug und Ohr und Herz erquicken; aber dagegen müssen wir uns setzen, daß Christen von der Schönheit der Natur in solchen Ausdrücken, in solcher Hingerissenheit reden, als wäre nirgends jenes Sehnen und Seufzen offenbar, von welchem unser Text spricht. Schau’ einmal dem Thiere in’s stumme freudenlose, fragende Auge, betrachte, wie ganz anders sein Lebenslauf ist, wie völlig anders seine Freude, als sie in Gottes Nähe seyn würde, wie es im Dienst der Vergänglichkeit sein Leben beginnt und endet; ist dir das Seufzen und Sehnen nicht klar? Sieh’ die leblose Natur mit nüchternem| Auge an, ist sie, was oft Weltmenschen, sich selbst belügend, behaupten, ist sie ein Paradies? Daß die Erde in weiten Länderstrecken wüst und leer, verödet und versandet, oder in Sümpfen und Morästen daliegt, daß sie ohne Aussaat und Pflanzung, ohne Schweiß des Arbeiters nur an wenig Orten die Nothdurft trägt, – daß sie da, wo ihr Ansehen noch am meisten einem Paradiese gleicht, in jenen vielgepriesenen südlichen Ländern, auch so viele Plagen, Giftpflanzen, giftige Thiere und andere Schrecken des Tages und der Nacht hervorbringt, – daß Unkraut, Dorn und Distel den treuen Fleiß des Landmanns verhöhnen und als Zeugen göttlichen Fluches über die ganze Erde hingestreut sind, – bedenken Jene nicht, welche so gern sich durch die Natur in ein Entzücken versetzen lassen, ihr dienen, wie ihrem Gott, und ihren Gott die Natur nennen. Die kahlen Berge, die nackten Felsen, die wie alternde Gebeine zum Himmel starren, triefen vom ängstlichen Warten auf Erneuerung. Das Abendroth und der Sonne täglich Abschiednehmen predigen die Sehnsucht dieser Welt nach der Offenbarung jener Welt. Nur wer selbst keine Sehnsucht hat und auf die Zukunft eines vollkommenen Lebens nicht harret, kann die Natur vergöttern, wie die Heiden. Wer aber den Himmel von ferne gesehen hat, im Spiegel der Verheißung, wer gehört hat vom Strom des Lebens, vom Gehölz des Lebens in jener Welt und von der neuen Erde, auf welcher Gerechtigkeit wohnet, – wer nur je die verheißene Herrlichkeit des Reichs Gottes in der Schrift mit gläubigem Herzen betrachtet hat, der kann sein Herz an diese irdischen Naturschönheiten nicht hängen, der fühlt sich auf den Gipfeln und in den Thälern der Alpen und auf den immer jungen Frühlingsinseln der Südsee nicht daheim, der kann diese Erde, diese Sonne nicht so gar schön heißen, da sie Menschen dienen, welche ohne Christum, den schönsten Helden und Heiligen Gottes, leben können. Was ist alle Herrlichkeit dieser| Erde, auf der man Ihn nicht sieht; was hilft’s, daß man Seinen Namen in allen Jahreszeiten abgeschattet und auf den Fluren hingeschrieben findet, wenn Er selbst nicht geschaut wird, auf deß Geheiß die Frühlingsschönheit blüht, und der Herbst verwelkt? Wer mit der Erde zufrieden ist, kennt den Himmel nicht, wer sein Herz in ihre Freuden vertieft, macht es untüchtig für die Himmelsfreuden. Christen, welche ein Recht haben an die Ewigkeit, vernehmen überall das Seufzen der Creatur und ihre Sehnsucht nach Vollkommenheit. Ihr Herz sehnt sich und seufzet mit, ja seufzet mehr und schmerzlicher als alle Creaturen, weil sie wissen, daß es des Menschen Schuld ist, daß er und mit ihm diese ganze Welt leidet, seufzet und sich sehnt. Sie sehen und hören in dem Seufzen der Creatur überall die stumme Frage: warum hast Du uns das gethan und wann, wann giebst du uns wieder, was du uns genommen hast?


2.
 Doch, Gott sey Dank, weder die Gläubigen noch die übrige Creatur seufzt und sehnt sich umsonst; ihr Seufzen nach Erlösung ist nichts, als eine Weissagung auf die endliche Erlösung selbst. Wenn die Zeit erfüllet seyn wird, wird die Verheißung hinausgehen, der Leidensstand wird dann in einen Freudenstand verwandelt werden. – Wann aber, wann wird die Zeit erfüllet werden, wann wird das Jammerthal in’s Freudenthal verwandelt werden? Es wird geschehen zur letzten Zeit, wenn die Posaunen klingen und der Sohn Gottes kommt, die Todten aufzuwecken. Bis dorthin muß sich der Glaube gedulden, das Volk Gottes durch des Todes Bitterkeit in’s stille Paradies hinfahren und harren; durch Stilleseyn und Harren aber kommt der ersehnte Tag der Erlösung herbei. Bis dorthin ist die Erde ein Schlafhaus und verbirgt in ihren vielen Wohnungen Alle, die auf jenen Tag warten. An jenem Tage| aber kommt dann auch gewißlich die „Erlösung unsers Leibes“, von welcher der Apostel redet. Nicht der Tod ist die Erlösung des Leibes, der Tod befreit nicht, sondern bindet unsre Leiber ganz und gar. Haben diese im Leben dem vergänglichen Wesen gedient, so sind sie im Tode durch die Verwesung der Vergänglichkeit und Eitelkeit völlig dahin gegeben. Aber am Tage des Herrn wird das Verwesliche auferstehen unverweslich, unsere Leiber werden von den Sklavenketten des Todes frei, neugeboren aus dem Staub erstehen, schöner als Adam’s Leib im Paradiese, ähnlich dem verklärten Leibe Jesu. Denn wie wir auf Erden das Bild des gefallenen ersten Adam’s tragen, so werden wir auch das Bild des andern Adam’s tragen, unsers Jesus. Mit dieser Erneuerung unserer Leiber wird dann auch die völlige Theilnahme an der „Kindschaft“ erfolgen, welche St. Paulus als einen Theil der ersehnten Herrlichkeit preis’t, wenn er in unserm Texte spricht: „Wir sehnen uns auch bei uns selbst nach der Kindschaft.“ Zwar hier schon werden wir durch den Glauben an den gekreuzigten Sohn des Vaters Kinder, spüren oft Seinen Frieden, genießen Seine Liebe, doch aber nicht ungestört, sondern oft und viel unterbrochen. Wir sind auf Erden nur in Hoffnung selig, und wozu wir das Recht empfangen haben, das haben wir noch nicht in Händen. Der ganze Himmel ist uns zugesprochen, aber noch stehen wir vor seinen Thoren; alle Güter des ewigen Lebens sind uns verschrieben, aber noch nicht ausgethan. Wir sind eines großen Königs Erben, aber unmündig; wie man nun unmündigen Kindern nicht freie Hand läßt über ihr Vermögen, so haben auch wir, so lange wir hier wallen, weder Freiheit noch Geschicklichkeit, sondern nur Hoffnung, unsere Kindschaftsgüter zu verwalten. An jenem Tage aber wird uns alles ausgethan, und wir werden mit auferstandenen Leibern in allen Gütern unsers Vaters freudenvoll wandeln. – Zu dieser ewigen Kindschaft Gottes| gehört insbesondere auch nach unserm Texte die „Freiheit der Kinder Gottes.“ Hienieden sind wir, selbst wenn wir Gutes wollen, doch eingeengt von allerlei bösem Willen und Gewalt, als da ist des Satans, der Welt und unsres eigenen Fleisches verderbter böser Wille. Wir thun nicht, was wir wollen, und wollen nicht, was wir thun. Wir können uns nicht frei bewegen in Gottes gutem Willen. Wenn aber der Herr kommt, dann wird er uns gänzlich frei machen, dann werden wir neugeboren an Leib und Seele vor Gott stehen, wollen und können, was Gott uns gebietet, ja im Guten befestigt seyn, und nichts anders vermögen, als Gutes; Gottes Wille wird auch unser Wille seyn, und wir werden dem heiligen Lamm Gottes mit Lust und Freude nachfolgen, wohin es geht. Das wird unsre Freiheit seyn, die uns kein Satan mehr wird in Ketten legen, oder in Fesseln schlagen dürfen. – In diesem Antritt der Kindschaft Gottes wird auch mit begriffen seyn, was unser Text die „Offenbarung der Kinder Gottes“ nennt. Hier auf Erden haben Christen nur ihre verborgene Herrlichkeit, ihr Leben ist mit Christo verborgen in Gott, sie wandeln in Dornenkronen und tragen Kreuz wie ihr Herr, sie werden verspottet und verhöhnt, sind verachtet und nichts in der Welt. Wenn aber Christus die Todten auferwecken wird, dann werden alle die Seinen zu Seiner Rechten stehen, und die zahllosen Schaaren der Ungläubigen werden die Herrlichkeit der Kinder Gottes schauen; die sie hier als Abschaum und Auskehrigt geachtet haben, werden sie sehen unter Jesu Flügeln selig wohnen und Seiner ewigen Liebe sich erfreuen. Das wird die Offenbarung der Kinder Gottes seyn.
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 Was aber jene Herrlichkeit vollenden wird, ist das: daß auch die vernunftlose, ja die leblose Natur uns in diese Herrlichkeit nachfolgen wird. Zuerst zwar wird sie uns gleich werden in unserm Tode; denn wir wissen, daß die Himmel vergehen werden mit großem Krachen und die| Elemente vor Hitze zerschmelzen, und die Erde und die Werke, die darinnen sind, verbrennen (2 Petr. 3,10–12). Dann wird Himmel und Erde wüst und leer seyn, wie ein Modergrab. Aber gleich wie wir nicht ewig von der Verwesung gebunden waren, so wird auch die Welt nicht im Tode bleiben; sondern der unsern Leichnam auferweckt hat zum ewigen Leben, wird auch den Leichnam der Welt aus dem Tode erwecken und erneuen. Aus dem Keime der verbrannten Welt wird der Herr einen neuen Himmel und eine neue Erde hervorbringen (2 Petr. 3, 13), gegen welche aller Glanz der vorigen Schöpfung seyn wird, wie die Nacht gegen den Tag. Da wird die Sonne nicht mehr untergehen, sondern sammt Mond und Sternen leuchten in einem Glanze, den kein sterbliches Auge verträgt, dann wird die Erde ein Garten Gottes seyn, und der Herr Herr wird sie den Seinen zum Ruheort für alle Ewigkeit ausschmücken, mit einer Pracht und Freuden, für welche es in dieser Welt keine Sprache giebt. Dann wird die Erde eine schöne Braut des Himmels seyn, und man wird nicht mehr sagen: „Himmel und Erde“, sondern die Erde wird selbst zum Himmel gehören; sie wird der schönste unter allen Sternen seyn, und alle andern Sterne werden sich gleichsam leuchtend und bewundernd um sie drehen; sie wird Ehre haben vor allen Sternen, denn das himmlische Jerusalem wird sich auf sie herniederlassen, und das Lamm Gottes auf ihr wohnen und Seine Schafe auf ewig grünen Auen weiden. Dann wird der Tiger seinen Grimm verlieren und die Schlange ihr Gift, der Basilisk seinen Stachel. Alle Thiere werden dem Menschen sanftmüthig dienen, die ganze Creatur wird Theil haben an der Herrlichkeit der Kinder Gottes, nichts mehr wird vergänglich, nichts mehr eitel seyn, alles unsterblich durch die Hand des Herrn. Erkenntniß wird die Erde bedecken, wie Wasser das Meer bedeckt, Friede wird sie umfahen wie die Luft, und wonnevolle Gottesdienste werden gefeiert werden, von| Ewigkeit zu Ewigkeit. Alle Wesen werden vor Gott sich neigen, und in unvergänglichen Harmonieen dem Vater singen und dem Lamm und dem Geiste Dank und Preis und Ruhm von Ewigkeit zu Ewigkeit! –

 Dann wird’s Zeit seyn, sich über die herrliche Natur zu verwundern. Wiewohl man dann so viele Schönheiten vergessen wird über Jesu Christo, dem schönsten aller Menschenkinder. In welcher von aller irdischen Pracht und Herrlichkeit völlig verschiedenen Herrlichkeit unser Herr alsdann erscheinen wird, das ahnet hier kein Herz, denn Er wird überschwänglich mehr thun auch in diesem Punkte, als wir bitten und verstehen!




 Was ist dann, o meine Theuern, alle irdische Trübsal und alles Leiden der Zeit gegen die Freude, die uns wird offenbaret werden? Was ein, wenn gleich sechstausendjähriges Leiden der Creatur, geschweige das sechszig, siebzigjährige Leiden eines Menschenlebens gegen jene endlose Seligkeit? – Nur eins ist von uns allen wohl zu bedenken, daß nämlich zwar das Leiden auf Erden allgemein ist, nicht aber die jenseitigen Freuden. Denn die Fülle jener Freuden ist der Geber aller Freuden selbst; dieser aber ist eine und dieselbe Person mit dem blutenden Erwerber derselben am Kreuze. Wer sich nicht auf Erden zu seinem Christus von ganzem Herzen bekehrt hat, dem wird Christus im Himmel weder Freude seyn, noch Freude geben. Der Kreuzesbaum ist der Baum des ewigen Lebens. Wer hier vom Kreuzesbaum nichts genießen mochte, wer hier weder die Schmach, noch den Segen des Kreuzes erfuhr, der wird auch dort die Früchte des Lebensbaumes nicht schmecken. Wer hier nicht unter dem Kreuze stand, wird dort nicht zur Rechten stehen. Wer hier Christum verschmähte, den verschmähet Christus dort. Wer Ihn hier nicht gesucht hat, findet Ihn dort nicht. Wer| hier die Freuden der Welt lieber gehabt hat, als Jesu Christi Schmach, der wird dort, anstatt ewiger Freuden, ewige Schmach der Hölle bekommen. Wer hier im irdischen Leiden den Trost und die Freude des heiligen Geistes nicht annehmen mochte, der wird dort ewige Pein des Leibes und der Seele erfahren. Ach! und derer, die in diesem Leben Christum und Sein Reich nicht suchen, ja verachten und verhöhnen, die Sein Kreuz als Aergerniß und Thorheit fliehen, ist eine große Zahl: der Unglaube ist ein breiter Weg und eine weite Pforte, die zum sichern Verderben führt! Viele gehen aus Erdenfreuden und Erdenleiden in Höllenleiden hin, die Meisten haben kein Theil an der großen Freude des ewigen Lebens. O Brüder! lasset uns das mit ernster Prüfung hinnehmen; vielleicht auch unter uns die meisten, obwohl sie’s nicht ahnen, gehen in Unglauben oder todtem Glauben auf dem breiten Höllenwege! Vielleicht die Meisten werden sterbend von den frommen Ihrigen ewig getrennt, und müssen dort, nachdem sie hier geliebt worden sind, in eine ewige Gesellschaft kommen, welche keine Liebe kennt. Vielleicht die Meisten unter euch werden die neue Erde nicht sehen, des neuen Himmels sich nicht freuen und nie, nie des Lammes Gottes, werden aber gewiß das Feuer schauen und empfinden, das fressende, welches von Ihm ausgeht, die Widerwärtigen zu verzehren. O Brüder, wenn es denn wahr ist, was euer äußeres Erscheinen in der Kirche zu versichern scheint, wenn’s wahr ist, daß ihr an der Erde, in ihren Gütern, Ehren und Freuden, die da vergänglich sind, keine Genüge findet, wenn ihr wirklich hierher kommet, um für die Tage, die euch nicht gefallen, und für den Augenblick des Todes einen Trost zu suchen, der da bleibt, wenn ihr wirklich in diesem hinfälligen Leben von Sehnsucht nach ewigem Leben ergriffen seyd; so bitte ich euch, um eurer eignen Seligkeit willen, suchet Stillung eurer Sehnsucht bei keinem Andern, als bei Dem, dem alle Gewalt| gegeben ist im Himmel und auf Erden, bei dem unsichtbar Nahen, einzigen Erlöser und Hirten, der einst starb und jetzt ewig lebt, um Alles selig zu machen, der keinen von sich stößt, welcher Ihn betend sucht, der dem Schächer das Paradies, dem Petrus, welcher Ihn zuerst verläugnet, die Schlüssel des Himmelreichs und allen verirrten Schafen das ewige Leben zu geben willig und bereit ist!
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 Ihr aber, die ihr das Zeugniß des heiligen Geistes im Herzen traget, daß ihr Gottes Kinder seyd, die ihr mühselig und beladen zu Jesu Christo kamet, bei Ihm Ruhe für eure Seelen fandet, und nun in stillem Frieden sprechet: „Ich weiß, an wen ich glaube“; fürchtet euch nicht vor allen Meereswellen, die sich wider euch erheben, glaubet nur! Denn nachdem euer Glaube bewährt ist bis an’s Ende, werdet ihr auch die Krone des ewigen Lebens erndten. Wird die Natur in ihrem Seufzen, in ihrem schweren Dienste des vergänglichen Wesens aufrecht erhalten durch geheime Hoffnung auf den Tag eurer herrlichen Offenbarung, so stärket ihr um so mehr durch solche Hoffnung im guten Kampf die müden Hände und die strauchelnden Kniee, denn euch ist nahe der Herr, von welchem Hülfe und Stärkung zu euch ausgeht. Sehet auf Ihn, den Anfänger und Vollender eures Glaubens, und freuet euch der Hoffnung, welche euch aufgehoben ist hinter dem Vorhang, durch welchen Er selbst euch voran nach schwerer Erlösungsarbeit zur Ruhe eingegangen ist. Hoffet nur, es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes. Solche Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden. Der Blick auf die neue Erde und auf den neuen Himmel, und auf die ewige Freude versüßt euch die kurze zeitliche Mühsal und den Schweiß des Angesichtes. Euch gebühret um so mehr in dem verordneten Kampfe Treue zu beweisen, weil nicht allein die Hoffnung vor euch, euch hinanwinkt, sondern ihr überdieß des Geistes Erstlinge in euch traget, weil| der Geist in euch euch antreibt, vorwärts zu eilen, euch warnet, euere Häupter eher niederzulegen, als bis ihr sie anbetend auf den Stufen des Thrones Jesu niederlegen könnet. Dieser Geist in euch ist von dorther, wohin ihr gehen wollet, er ist aus dem Himmel und schwellt eure Segel zum Himmel, und führt euer Steuer zu dessen Gestade. Der Geist in euch ist aus dem Reich, das nicht von dieser Welt ist, euch zum Pfande und zur Draufgabe verliehen, daß ihr auch alle übrigen Güter jenes Reiches erlangen werdet. Mit ihm tröstet euch, wenn’s hart hergeht. Er warnet euer Gewissen, wenn ihr in Sünde willigen wollet; höret seine Warnung! Er verklärt Jesum Christum in euch, und zeigt euch die unermeßlichen Schätze, die in ihm verborgen liegen: glaubet Seiner Predigt! Er führt euch, folget Seiner Leitung, bis ihr zur ewigen Sicherheit kommt, wo nicht Anfechtung, noch Versuchung, nicht Geschrei, nicht Leid, nicht Thränen mehr sind!

 O Herr wann, wann wirst du die Hoffnung in Haben verwandeln, wann die Sehnsucht Deiner Kirche stillen? Komm bald, führe hinaus den Streit zum Sieg! Wollest aber auch in Gnaden Dich aller Ungläubigen erbarmen, und in dieser letzten Zeit Deiner Garben und der lobsingenden Stimmen für den Tag der Ewigkeit viel machen, wie den Sand am Meer und wie die Tropfen im Ocean. Amen!






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