Skizzen aus Brasilien

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Textdaten
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Autor: Julius von Klaproth
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Titel: Skizzen aus Brasilien
Untertitel:
aus: Das Ausland, Nr. 33, S. 129–130
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
Auflage:
Entstehungsdatum: 1827
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Bericht des russischen Generalkonsuls in Brasilien
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Skizzen aus Brasilien.

(Aus einem Schreiben des russischen General-Consuls in Brasilien, Herrn Staatsrath von Langsdorf, aus Cuyaba (in Matto grosso) vom 5. Julius 1827. Mitgetheilt von Herrn Julius von Klaproth.

Das Mißtrauen der Regierung hatte seit langer Zeit den Eingang Brasiliens dem fremden Forscher verschlossen, und hielt die Aufklärung von diesem Lande, auf alle Weise, ab. Dem Kaiser Don Pedro verdankt die Welt die Eröffnung dieser höchst merkwürdigen und reichen Provinzen, in denen der Reisende jetzt keine andern Hindernisse antrifft, als die welche ihm die Natur in ihrer wilden Kraft entgegen setzt.

Die Bewohner von Cuyaba waren erstaunt, die russische Flagge auf ihrem Strome wehen zu sehen. Die Schnelligkeit unserer Reise, obgleich sie nicht mit der Eile gemacht worden, mit welcher die Kaufleute die große Strecke zwischen St. Paul und Cuyaba zurück legen, hatte uns nicht erlaubt, mehr als eine allgemeine Uebersicht über die natürlichen Reichthümer dieser herrlichen Länder zu nehmen, welche man vielleicht erst nach Jahrhunderten in ihrem ganzen Umfange kennen lernen wird. Man hat keine Vorstellung von den wundervollen Eindrücken, die der rasche Wechsel der Naturscenen auf den Reisenden hervorbringt, wenn er, die Ströme hinuntergleitend, an dieser stets sich verjüngenden Pflanzenwelt, die den Botaniker bezaubert, an diesen bald starren und melancholischen, bald freundlichen und lachenden Landschaften vorüber geführt wird.

Die Ströme mit ihren zahllosen Wasserfällen, die im Sturmlauf dahinrollen, stellen ein jugendkräftiges Leben dar, das sich dem Gemüthe mittheilt. Die Ufer entlang, die mit Blitzesschnelle entfliehen, wird das Schiffchen ein Spiel der schäumenden Wogen, mit Wuth vom Strome fortgerissen, dicht an den Verderben drohenden Klippen vorbei. Nur eine vollkommene Kenntniß der gefährlichen Stellen und eine lange Uebung kann hier den Piloten bilden; und dort fährt man über diese strudelnden Wasserstürze mit so großer Sicherheit hin, daß man oft nicht einmal die Ladung des Schiffes verringert, um es besser regieren zu können.

Der Rio Tieté hat auf seinem ganzen Laufe unzählige Abstürze und zwei bedeutende Wasserfälle, den Avanhadara und Itapura. welch letzterer den großartigsten Anblick darbietet. Nur in der Mitte bildet der Fluß den Wasserfall, indem er aus einer Höhe von mehr als 50 Fuß in eine Kluft von der Form eines Hufeisens hinunterstürzt, während zu beiden Seiten das Wasser ziemlich ruhig am Ufer fortfließt.

Aus dem Tieté traten wir in den unermeßlichen Paraná; der Urabapunga-Sturz erregt durch seine ungeheure Größe Erstaunen. Der Fluß ist hier über eine Meile breit. Der Rio Pardo entsteht aus der Vereinigung der beiden Flüßchen Sanguiruga und Vermelho (der Rothe), welcher letztere seinen Namen davon erhalten hat, weil sein Wasser einem rothen Kothe gleicht. Der Rio Pardo erhält auf seinem 60 Meilen langen Laufe eine große Menge Zuflüsse, von denen der kleine und große Nhundai die bedeutendsten sind. Wir verließen den Paranà und schifften den Rio Pardo aufwärts bis Sanguiruga, wo der kleine Fluß dieses Namens aufhört schiffbar zu seyn. Von hier bis Fazenda di Camapuan, 2½ Meilen weit, wurden die Nachen auf Karren geführt. Zu Camapuan ist das Registro, wo die Kaufleute der Regierung die Abgaben von den Waaren entrichten, die sie nach der Provinz Matto grosso bringen, so wie auch den bedungenen Preis für die Schiffe, welche sie bis hierher geführt haben. Diese Fazenda oder Niederlassung gehört einer Gesellschaft von Unternehmern, die viele Sclaven unterhalten. Obgleich der Boden höchst fruchtbar, und die Lage des Ortes vortheilhaft ist, so schadet doch ihre Entfernung dem Aufkommen derselben. Früher, als die Schiffahrt auf den Flüssen bedeutender war, und die ganze Communication mit Cuyaba nur auf diesem Wege statt hatte, war der Ertrag der Niederlassung ansehnlich; jetzt aber geht sie ihrem Untergang entgegen.

von Camapuan bis zum Paraguay schifft man drei Flüsse abwärts, den Camapuan, den Cochim und den Tacuari; vor der Mündung des letztern fangen die großen Sümpfe an, welche der Cuyaba durchfließt. Von dem Einfluß des Tacuari an fährt man den Paraguay aufwärts, dann den St. Lorenzo und den Cuyaba, an dessen linkem Ufer die Hauptstadt der Provinz Matto grosso liegt.

Auf unserer Fahrt sahen wir zwei indische Völkerschaften, die Guanas und Guatòs; unter den letzteren sieht man die schönsten Männer, die auf dem Erdkreise zu finden sind. Diese Indianer wohnen größtentheils an den Ufern des Paraguay und des St. Lorenzo, an den sie sich zur Zeit des hohen Wassers begeben. In den trockenen Monaten bewohnen sie die Dourados (Eldorado), genannten [130] Gegenden, die von der Mündung des St. Lorenzo eine Tagreise entfernt sind. Diese Indianer, obwohl von sehr friedlichem Charakter, sind die kühnsten aller Völkerschaften von Matto grosso. Sie suchen die Bären im Walde auf, und bekämpfen sie mit Bogen und Pfeil, und einer langen hölzernen Lanze, ohne eiserne Spitze. Sie sind so vortreffliche Schützen, daß sie den Fisch im Wasser, und den Vogel im schnellsten Fluge erlegen.

Gehet ein Guatò auf den Fischfang oder auf die Jagd, so begleitet ihn seine Familie, und sein Weib regiert das Canot mit einem leichten Ruder. Der ganze Körper des Indianers ist von Mosquitos bedeckt, die sein Blut saugen, und die er kaum zu bemerken scheint; nur von Zeit zu Zeit nimmt er sein Matapa, ein Stück Zeug, das mit zwei Zipfeln an einem Stabe hängt, und verjagt damit die gierigen Insecten. Hört er das Geheul des schwarzen Affen (Guaribà), so landet er, nimmt zwei Pfeile mit sich, und begibt sich in den Wald, und selten entgeht ihm seine Beute. Die Guatòs lieben die Haut dieser Affen sehr, brauchen sie als Pelzwerk, und vertauschen sie, so wie die Bärenfelle, an die Reisenden, welche durch ihr Land kommen. In ihre Hütte zurückgekehrt, setzen sich diese Indianer um ein Feuer und beschäftigen sich, die Mosquitos zu verscheuchen, welche sie nöthigen unter einem Netze zu schlafen. So mäßig die Guatòs sind, so begleiten sie doch die Reisenden gerne, um von ihrer Küche Gebrauch machen zu können. – Sie sind sehr eifersüchtig auf ihre Frauen, deren sie so viele nehmen können als ihnen beliebt, oder als sie zu ernähren vermögen.

Der Charakter der Guanàs ist gerade das Gegentheil von dem der Guatòs. Furchtsam, und den Ueberfällen ihrer Nachbaren ausgesetzt, haben sie sich unter den Schutz der Portugiesen begeben, und sich deren Niederlassungen genähert; so daß sie jetzt fast alle in der Nähe der Festung Coimbra wohnen. Sie kommen auch häufig nach der Stadt Cuyaba, wohin sie ihre Waaren und Producte bringen. Wenn sie dort anlangen, so schlagen sie am Landungsplatze Hütten auf, und verkaufen das Holz davon bei ihrer Abreise.

Auf meinen Ausflügen beschäftigte ich mich hauptsächlich mit der Menschenkunde. Ich besitze bereits eine schöne Sammlung Abbildungen von Menschen aus verschiedenen Völkerschaften, und ich hoffe, dieselbe noch bedeutend zu vermehren.

Der Botaniker und der Maler der Expedition werden von hieraus nach Matto grosso gehen, und sich auf dem Guapon und Madeira einschiffen, um in den Amazonenfluß zu kommen. Ich selbst begebe mich in den District von Diamantino, um die Quellen des Paraguay aufzusuchen und zu bestimmen. Von dort aus werde ich mich auf dem Pretò oder schwarzen Flusse einschiffen, seinem Lauf folgen, und dann auf dem Arines und Topagos nach der Festung Santarem gehen, die am Amazonen-Strome liegt. Diesen schiffe ich dann aufwärts bis zum Rio Negro, wo ich meine Reisegefährten wieder zu finden hoffe. Vielleicht entschließe ich mich, bis zu den Quellen des Rio Negro vorzudringen, die von denen des Orinoco nicht gar zu weit entfernt sind.

Vorher aber, und zwar in einigen Wochen, gedenke ich eine kleine Nebenreise anzutreten, nehmlich den St. Lorenzo bis zu seinen Quellen hinauf, um zu sehen, ob es nicht möglich ist, von dort aus zu den Quellen des Sucurice zu gelangen, und auf diese Art einen leichten und kürzeren Weg nach der Provinz St. Paul zu eröffnen, was für Brasilien von der größten Wichtigkeit seyn würde.