Skutari, die asiatische Vorstadt Konstantinopels. Sultan Selims Moschee
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Sultan Selims Moschee.
Es war an einem Oktobermorgen, als ich mit trübem Blick aus dem Fenster meines Zimmers im Hotel d’Europe in Pera zum Himmel hinauf schaute, der sich mit Wolkenstreifen bedeckte. Der Tag war zu einer Gondelfahrt nach dem freundlichen Bujukdereh bestimmt gewesen; aber das bedenkliche Himmelsgesicht und eine dicke Wolkenwand, welche die Sonne verbarg, machten mich in meinem Plan irre. Einen Tag unbenutzt im engen Zimmer zuzubringen, wo die reizenden Umgebungen einer Weltstadt unwiderstehlich zum Genusse einladen, war mir ein unerträglicher Gedanke; und so entschloß ich mich, trotz der trüben Adspekten, die kürzere Fahrt
[72] über den Bosporus hinüber nach der asiatischen Vorstadt Stambuls zu wagen. Ich hatte Skutari noch nicht betreten und versprach mir einen interessanten Tag.
Mein Diener, den ich vorausgeschickt hatte, um eine Gondel zu miethen, während ich meine Toilette machte, wartete meiner am Kai mit einem bedeckten, bequemen Boote. Wir umschifften das goldene Horn, bei welchem Vorgebirge ich einen prächtigen Blick auf das gegenüber liegende Skutari genoß. Terrassenförmig steigen seine Häusermassen über einander auf, im Hintergrunde glänzen die blauen Gebirge der Halbinsel, und die vielen Moscheen mit ihren schlanken Minarets, welche bald einzeln emporsteigen, bald in Gruppen zusammenstehen, machen das Bild großartig und reich. Skutari würde, wäre es nicht eine Vorstadt von Konstantinopel, nach Größe, Schönheit und Bevölkerung, die erste Stadt des türkischen Asiens seyn. Es ist volkreicher als Smyrna, denn es hat gegenwärtig über 180,000 Bewohner. Die Schönheit seines Anblicks wird erhöht durch die Erinnerungen der klassischen Zeit. Hier läßt die Mythe die vor der Rache der Juno fliehende Io landen; hier ankerte die Flotte des mazedonischen Philipp, als er Byzanz belagerte; hier wurde sie von den Atheniensern geschlagen; und noch zeigt man die Stelle, wo die ehernen Kolosse standen, welche die dankbare Stadt zu Ehren des Tags und ihrer Befreier errichteten.
Während der Seefahrt hatte sich die gerunzelte Stirn des Himmels ausgeglättet und wir stiegen in Skutari, dem alten Chrysopolis, beim schönsten Wetter an’s Land. Die Hauptstraße öffnet sich am Kay und zieht sich mit nobler Perspektive eine Anhöhe hinan. Buden reiheten sich zu beiden Seiten und ein reges Leben war allenthalben. Hier beladen die Karavanen, die aus dem Innern von Asien kommen, ihre Kameele, die Schiffe der Wüste, mit den zu Wasser anlangenden Waaren. Man sieht die Kaufleute der asiatischen Völker in ihren malerischen Trachten: – Perser, Armenier, Syrer und die Handelsleute von Bagdad und Trapezunt. Die Kameeltreiber sind meistens Araber, und diese halbbekleideten, braunen, breitschulterigen Bursche, welche bis an die Zähne bewaffnet sind, erinnern lebbaft an die Gefahren ihrer Reise. Obschon die Karavanserais von Skutari äußerst weitläufige Gebäude sind, so reichen sie doch zuweilen nicht aus, um den tausenden, aus allen Theilen Asiens kommenden, Ladung suchenden Kameelen und ihren Begleitern ein Obdach zu geben.
Skutari ist weit mehr orientalisch, als Constantinopel selbst, wo die seit 20 Jahren entstandenen Reformen große Veränderungen in den Sitten hervorgebracht haben. In Skutari leben die Osmanli ungestörter in ihrem alten Wesen fort, und da fast die ganze Bevölkerung türkisch ist und deren Berührungspunkte mit den christlichen Europäern hier ungleich weniger sind, als in der Hauptstadt jenseits des Bosporus, so findet der Andrang des Neuen hier ungleich wirksamern Widerstand. – Die Bevölkerung von Skutari nimmt seit Jahren stets zu. Auf asiatischem Boden fühlt sich der Türke heimathlicher; – der alte festgewurzelte Glaube, daß seiner Herrschaft in Europa keine Dauer beschieden sey, läßt ihn dort nie zum rechten Bewußtseyn der Sicherheit kommen. Darum zieht Alles herüber, was nicht durch Amt und Geschäfte an das Konstantinopel jenseits gebunden [73] ist, und namentlich sucht der quieszirte Beamte, der Rentier, der Kaufmann, welcher, reich geworden, den Rest seiner Tage in stillem Genusse verleben will, in Skutari ein Asyl.
Auch das Klima in Skutari steht in dem Rufe größerer Gesundheit, und der Glaube, das hier das Leben länger dauere als jenseits der Meerenge, ist unter den Türken allgemein. In der That scheint ein reinerer, heiterer Hauch hier zu wehen, ein milderer Sonnenstrahl zu wärmen. Am Bosporus verhalten sich die Jahreszeiten zu einander wie Freunde, die sich bei’m Abschiede die Hand reichen. Fast keine Scheidewand trennt Winter und Frühling, Lenz und Sommer, dessen Beginn schon in den Mai fällt; denn dann blüht die asiatische Blumenpracht in ihrem vollsten Zauber, und Gärten, Felder und Auen, Berge und Gründe haben sich in ihr reizendstes Gewand gekleidet. Die heißesten Monate, Junius, Julius und August, sind hier selten lästig; denn gerade in diesen Monaten herrschen die Nordwinde, und der frische Hauch des Balkans gelangt, von den Gewässern des Marmormeers und der Meerenge noch mehr gekühlt, erquicklich nach Skutari und bricht die Gluth der Sonne. Nur im August kommen zuweilen Südwinde und bringen Tage, wo man erinnert wird, daß man in keinem Paradiese lebt. Eine afrikanische Schwüle erschlafft dann alle Wesen, und mit schwarzen Fittigen rauscht die tödtende Pest über das herrliche Land, bis der September kommt mit seinen fruchtbaren Gewittern, welche die glühende Atmosphäre wieder kühlen und von ihren Miasmen reinigen. Des Septembers zweite Hälfte schüttelt der Früchte Füllhorn über die Erde aus; am Weinstock prangt die schwellende Traube und das üppige Fleisch der Früchte schimmert aus der dunkeln Laube. Alles ärndtet; Alles schwelgt in dem fast ohne Mühe und Arbeit gewonnenen Ueberfluß, den hier auch der Aermste theilt. Mit dem Oktober kommen wieder lauwarme Lüfte, und während bei uns, im rauhen Nord, im Kampfe der feindlichen Elemente von Naß und Kalt, die Bäume ihr Laubgewand abschütteln und der Umlauf ihres Lebenssaftes aufhört, scheint hier die ganze Natur einen zweiten Lenz feiern zu wollen. Ihre Kräfte spannen sich, sie kleidet noch einmal die Auen in das frischeste Grün. Unstreitig ist der Oktober am Bosporus die angenehmste Jahreszeit. Ein goldner Duft hat sich über Meer und Hain gebreitet; es ist die Glorie, mit der sich die Natur noch einmal umgibt, ehe sie zum Winterschlafe erstarren soll – nein, nicht erstarren – sondern ausruhen. Denn der Dezember ist nicht derselbe, der in unserm Deutschland die Thürme der Münster mit Stürmen umbraust, Bäche und Flüsse mit todtem Eise belegt und die hohe Tanne bricht unter der Wucht ihrer Schneelast: – sein Charakter ist hier noch anmuthig. Dichtbelaubt glänzen noch die gewaltigen Eichen, grünen noch die Wiesen, und nur die zarteren Laubhölzer malen die Wälder mit bunten Farben, gelben und rothen, wie bei uns im September. – Mit dem Januar aber guckt blau und golden der Krokus freundliches Angesicht aus dem Grase, Veilchen blühen an den Rainen und die Regengüsse des Februars waschen den Schnee von den höchsten Gebirgen. Der Lenz beginnt und bekränzt das junge Jahr mit tausend Blumen.
[74] Kein Ort in der türkischen Welt ist reicher an Moscheen und an Anstalten für milde und fromme Zwecke, als Skutari. Jene sind größtentheils die Stiftungen von Sultanen und ihren Gemahlinnen, und viele zeichnen sich aus durch Größe und schöne Bauart. Mir war es zunächst um den Besuch der von Selim III. erbauten Moschee zu thun, welche allgemein für das Schönste gehalten wird, was der türkische Kirchenstyl in neuerer Zeit erzeugt hat.
Mein Bootsmann brachte mich zu einem Iman, welcher sich, nachdem er von meiner Absicht unterrichtet war, höflich anbot, uns in das Heiligthum zu begleiten. Unser Weg führte über den Vorhof des Tempels. Einzelne Türken kauerten auf ihren Teppichen, ihren Tschibuk schmauchend; andere standen in Gruppen umher, als harrten sie der Stimme des Muezzims, der an gewissen Stunden des Tags von den Minarets die Gläubigen zum Gebete ruft. So wie man in den Tempel selbst eintritt, fällt der Blick auf eine Menge von Säulen von weißem Marmor, welche eine Riesenkuppel tragen, die durch Fenster erleuchtet wird und die sie oben wie ein Kreuz umgeben. Die Bogen sind in hellen Farben bunt angestrichen und auf weißgelassenen Wandstellen stehen Sprüche aus dem Koran. Wir waren noch mit der Betrachtung des Tempels beschäftigt, als die Stimme des Muezzim erschallte, und die Schaar der Gläubigen eintrat, um dem Gottesdienst beizuwohnen, der eben begann. Wir zogen uns auf den Wink unsers Führers in eine ferne Ecke zurück, um die Andacht nicht zu stören. Vor dem Altar erschien ein Iman mit zwei Sängern, welche in klagenden, langgehaltenen Molltönen ein Lied anstimmten. War eins beendet, dann rief der Iman: Allah il Allah! bei welchem Rufe die um den Altar im Kreise stehenden Moslemin sich mit dem Gesichte auf die Erde warfen. Ein Moment der Todtenstille folgte und ein dumpfes Gebetmurmeln rollte dann durch das weite Gotteshaus. Abermals folgte ein Augenblick der Stille – dann richteten sich die Betenden wieder auf und – dieselbe Ceremonie begann von Neuem. Die ganze Andacht währte etwa eine halbe Stunde. Endlich zog sich der Priester mit seinen Sängern zurück und wir folgten der Menge, die still und anständig den Tempel verließ. – Im Vorhofe fanden wir eine Menge Arme und Leidende, und fast Keiner ging vorüber, ohne eine Gabe der Barmherzigkeit zu spenden. Ein Paar Vogelhändler mit ihren Käfigen hatten auf die Barmherzigkeit der Moslemin eine kleine Spekulation gegründet; sie hielten dicht am Eingang der Moschee Markt, und mancher unter den Kirchgängern kaufte einen gefiederten, kleinen Gefangenen los und gab ihm auf der Stelle die Freiheit. Eine der Hauptvorschriften des Korans verlangt Liebe, nicht blos gegen Menschen, sondern auch gegen Thiere, und wie hoch sie der Muselmann achtet, sieht man bei tausend Vorkommnissen des täglichen Lebens.