Streifzüge bei den Kriegführenden/5. Ein Sonntag in Kalafat

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Autor: Paul d’Abrest
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Titel: Streifzüge bei den Kriegführenden - 5. Ein Sonntag in Kalafat
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 461–464
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Streifzüge bei den Kriegführenden.
5. Ein Sonntag in Kalafat.
Von Bukarest bis Krajova. – Fürst Milan und sein Minister. – Von Krajova nach Kalafat. – Ankunft im Lager. – Ein raisonnirender Corporal. – Der General-Gewaltige. – Die Dorobanzen. – Das verlassene Kalafat. – Rumänische Officier-Typen. – Widdin durchs Fernrohr. – Mein Nachtlager. – Beim „Père Auguste“.


Da es unten bei Giurgewo noch immer nicht losgehen wollte, entschloß ich mich, um nicht in der Freudenstadt Bukarest zu erschlaffen, wie Hannibal in Capua, einen Abstecher zu den Rumänen zu machen, die, ungeduldig sich in die Kampfeswogen zu stürzen, einstweilen an der Donau die Faust im Sacke ballen mußten. Mit der größten Bereitwilligkeit stellte mir der Kriegsminister einen mit allen möglichen Stempeln und Siegeln versehenen Passirschein aus, kraft dessen die Miltärbehörden des Fürstenthums aufgefordert wurden, mir in Erfüllung meiner Mission allen möglichen Beistand angedeihen zu lassen. Außerdem hatte ich Privat-Empfehlungsbriefe für den Leiter des Artilleriewesens in Kalafat, Major Popesco, und schließlich für den General en chef Lupo. Der Brief an den letzteren rührte vom Oberstlieutenant Pelat her, heute Post- und Telegraphendirector, gewiß eine der merkwürdigsten und angenehmsten Erscheinungen des officiellen Bukarest. Herr Pelat ist ein glühender Anhänger Frankreichs, wo er seine Erziehung genossen hat. Als im Jahre 1870 der Krieg losbrach, machte er der republikanischen Regierung in Tours das abenteuerliche Anerbieten, mit seinen Freunden in Rumänien Serbien etc. den Orient zu revolutioniren, um auf diese Weise eine Schwenkung zu Gunsten Frankreichs zu schaffen, aber in Tours wollte man im Augenblick, wo Thiers bereits auf der Werbereise um Allianzen begriffen war, von einer solchen Umsturzpolitik nichts wissen und Herr Pelat mußte mit einer Stelle in der französischen Armee vorlieb nehmen. Er schlug sich mit Tapferkeit und brachte es zum Obristlieutenant und Ritter der Ehrenlegion. Das Ende seiner Kriegsfahrt war der Uebertritt auf schweizerisches Gebiet nach den unendlichen Anstrengungen und Drangsalen der Bourbaki’schen Campagne. Nun besaß damals Obrist Pelat einen prachtvollen Araberhengst, der sich merkwürdiger Weise inmitten der grimmigen Kälte und den Entbehrungen, welche den Thieren wie den Menschen auferlegt worden, erhalten. Sein Herr hatte deshalb das Thier um so lieber gewonnen und wollte sich davon nicht trennen, was ja geschehen mußte, da die schweizerische Regierung die Ablieferung der Officierspferde wie jedes übrigen Kriegsmaterials forderte. Was that nun Pelat? Er verkleidete sich als englischer Gentleman, der der Excentricität zu Liebe eine Winterreise in der Schweiz unternommen hatte, und mit einem als Diener verkleideten andern französischen Officier erreichte er auf seinem Rappen die französische Grenze bei Bellegarde. Den Hengst aber hat er heute noch und hofft wohl, denselben nächstens gegen den Halbmond zu führen.

Mit meinen Empfehlungen und den übrigen für eine mehrtägige Tour nothwendigen Gegenständen ausgerüstet, verließ ich mit dem Morgenzuge punkt acht Uhr den Bahnhof von Bukarest. Auf der Station Slatina, die wir bald erreichten, herrschte eine außerordentliche Erregung. Slatina, nahe an der Aluta, ist für die Russen ein höchst wichtiger Punkt. Sie haben auch auf dem Plateau, wo das Stationsgebäude liegt, zwei Lager errichtet, von denen eins von Kosaken bewohnt wird, die für eine fortartige Umzäunung gesorgt haben. Sie haben nämlich ihre langen, spitzen, beflaggten Lanzen in den Boden eingepfählt, und die vielfarbigen Wimpel flattern lustig in den Lüften rings herum um das ganze aus Hunderten von Zelten bestehende Lager. Auf der andern Seite des Schienenwegs bietet sich ein eigenthümliches Kriegsbild dar. Schwere, nagelneue und funkelnde Mörser werden von sechs bis acht weißen Stieren einen kleinen Hügel hinaufgezogen. Aber der Weg ist schmal, der Stieg holperig, und die Kräfte der Thiere reichen nicht aus. Da dampft eine auf dem Hügel postirte Locomobile hinunter; man spannt dieselbe an einen der Mörser, und flugs geht’s hinauf, während die ausgespannten Stiere mit ihren ungeheuren weitgeöffneten Augen dem Wunderwerke in dem vollsten Sinne des Wortes nachstieren. Solche Locomobilen haben die Russen zur Aushülfe überall postirt, wo sie noth thun und die gewöhnlichen Vorspannmittel nicht ausreichen.

Auf dem Schienengeleise in Slatina stand der von Turn-Severin kommende und nach Bukarest abgehende Zug, der blos auf die Ankunft des unserigen wartete, um abgelassen zu werden. Um den einen Waggon dieses Zuges aber drängte sich eine bunte Menge von reich betreßten und reich befederten rumänischen Officieren, von Kosaken-Lieutenants und russischen Artillerie-Obersten, von schwarz befrackten Herren und schwärmerisch dreinblickenden Damen, und dann wieder von simpeln Soldaten, Bauern, Gänse- und Hühnerverkäufern, welche mit ihrer lebenden Waare um die Wette kreischten. In dem Waggon aber befindet sich jener Fürst, der zuerst den Reigen im heutigen Tanze gegen die Türkei eröffnete. Der junge und dicke Beherrscher Serbiens, Milan, hat endlich die Erlaubniß ausgewirkt, seine Huldigungen dem Vater Czaren darzubringen, und er ließ sich’s nicht zweimal sagen. Man erzählt, er wäre dem grimmigen Commandanten von Ada Kalé zum Trotze bei Nacht und Nebel, von seinem Amanuensis Ristitsch begleitet, in einem Kahne über die Donau geschlüpft.

Die Thatsache ist, daß Fürst Milan auf dem Bahnhofe in Slatina blühend aussah und aus seiner Fröhlichkeit, den Czaren zu sehen, keinerlei Hehl machte. Uebrigens hatte der Fürst mit [462] seinem kleinen Gefolge im Bahnhofsbuffet zu Slatina gefrühstückt, und die Ueberreste der Tafel, sowie die vielen noch aufgestellten Flaschen, gestatteten den Schluß zu ziehen, daß man gar nicht schlecht und nicht wenig gefrühstückt hatte. Es ist ja überdies vom vorjährigen Serbenkriege bekannt, daß Fürst Milan für die Tafelfreuden nicht unzugänglich ist und daß Minister Ristitsch eine bewunderungswürdige Thätigkeit durch eine ganz gehörige Verpflegung seines physischen Ich zu schüren versteht. Auch die rumänischen Würdenträger, die sich in unsern Zug herein verfügten, um nach Krajova zurückzukehren, erfreuten sich der besten Champagnerlaune. Verlangt mir nichts über Krajova! Dieses Nest mit harmonischem Namen erfreut sich keiner besondern Eigenschaft, als eines spitzfindigen niederträchtigen Pflasters. Die Geschichte einer Nachtreise in jenen schäbigen, hartgepolsterten, schmutztriefenden Rumpelkasten, welche man in Rumänien Diligencen nennt, ist eine wahre Leidensgeschichte. Schon der Anblick des Kastens selbst bringt alle Gedanken martervoller Qualen mit sich. Dann schreckt man beim widerlichen Anblick des Innern zurück und steigt nur hinein, weil man die Gewißheit hat, daß es leider kein anderes Mittel giebt, das Ziel, Kalafat, zu erreichen. Also, Augen und Nase zu und hinein! Glücklicher Weise sind wir allein; doch dieser Wahn dauert nicht lange. Kaum holpern wir über das spitze Pflaster zum Thore hinaus, so suchen der begleitende Postbeamte, der bewachende Gensd’arm und ein unbestimmbarer Quidam im langen, triefenden Regenmantel im Innern des Wagens gegen den Regen Schutz. Die Humanität würde es uns untersagen, gegen diese Beschränkung unserer Bequemlichkeit zu remonstriren, aber die Herren machen sich auch zu breit; der Gensd’arm steckt sans façon den langen Pallasch zwischen die Beine; der Postbeamte lehnt sich gemächlich an, und der Quidam im weißen Regenmantel möchte aus Bequemlichkeit das Schuhwerk ausziehen, wogegen ich ausdrücklich und mit Erfolg protestire. Mit dem Wagen geht es beinahe wie mit einem hoch auf den Wellen gepeitschten Schiffe; bald fühlen wir uns emporgehoben, daß unsere Köpfe gegen den Deckel des Rumpelkastens anschlagen; bald geht es nach rechts oder nach links hinüber, als sollten wir auf dem rumänischen Schmutz eine Nachtherberge finden. Der Schluß dieser Fahrt war deren Verlaufs würdig. Gegen sechs Uhr früh bei einer grimmigen Kälte und einem jener kalten unbarmherzigen Frostregen, wo jeder Tropfen wie eine Nadelspitze in’s Mark dringt, wurden wir ohne Umstände mitten im Kothe aus dem Wagen, der wenigstens gegen die Nässe Schutz bot, gewiesen.

Ich stand am Eingange des rumänischen Lagers, auf dem Plateau von Kalafat; der Rumpelkasten hatte, statt auf der Chaussee sich weiter zu bewegen, seine Bahn querfeldein auf dem zu diesem Behufe hergestellten Weg genommen, denn nach dem Städtchen darf Niemand ohne die ganz specielle Erlaubniß des Höchstcommandirenden gelangen. Nun hatte ich allerdings meine Papiere in Ordnung, aber der General, dessen hermetisch verschlossenes Zelt man mir zeigte, pflegte noch der Ruhe, und da es Sonntag war, durfte keine Aussicht sein, Sr. Excellenz vor neun Uhr aufzuwarten. Was soll man indessen thun? Auf der ganzen Ebene ist kein Häuschen zu entdecken, etwa mit Ausnahme der kleinen hölzernen Baracke, die das Post- und Telegraphenamt darstellt.

Aber die Beamten lagern schon in ausreichender Menge auf dem Boden. Der Aufenthalt ist selbst provisorisch nicht sehr empfehlenswerth. Glücklicher Weise nimmt sich meiner ein intelligent und nervig aussehender Infanterie-Corporal an, der, ein geborener Ungar, vollkommen gut deutsch spricht. Wir schreiten über den Hügel einer Cantine zu, die von einem Krajovaner Zuckerbäcker höchst wahrscheinlich eingerichtet wurde, um das abgestandene Gebäck militärisch an den Mann zu bringen. Der Eigenthümer der Cantine und ein Gehülfe liegen, in herrliche Schlafröcke gehüllt, auf dem Boden zwischen ihren Tischen. Ich rüttle einen dieser unternehmenden Geister an der Quaste seines Schlafrockes und bestimme, uns in Ermangelung anderen Materials eine Flasche Säuerling zu bringen. Der Corporal wird gesprächig; bald wird es mir klar, daß ich auf einen Unterofficier von jener Sorte der Unzufriedenen gestoßen bin, die also auch in der rumänischen Armee wie in der französischen anzutreffen sind und welche man in Frankreich mit dem bezeichnenden Prädicat „Grognards“ (Brummbär) belegt hat.

Beim zweiten Glase Wein theilt mir also mein ungarisch-rumänischer Unzufriedener mit, daß die Armee sich über das ewige Warten bedeutend aufzuhalten beginne. Man hatte geglaubt, den Vertheidigern des Halbmonds sofort auf den Pelz zu rücken, und nun sitzt man zwei Monate bereits, die Hände im Schooße, und hat keine andere militärische Zerstreuung, als die paar Kanonenschüsse, die sich jetzt auch nicht einmal hören lassen. „Ja,“ meinte der Unterofficier, indem er einen tiefen Zug that, um den ich ihn wahrlich nicht beneidete, denn der Pseudo-Nektar des mobilisirten Krajovaner Zuckerbäckers war gräulich, „wenn wir Geld hätten, da wäre es anders. Aber so ohne den Groschen im Sacke und die karge Menage – ich sag’ Ihnen, Herr, es ist ein Hundeleben.“ Es ist zu bemerken, daß, während die zur permanenten Armee gehörenden Mannschaften sich über Quantität und Qualität der ihnen verabreichten Nahrung so stark aufhalten, die eigentlichen Landmilizen (Dorobanzen) mit dem, was sie fassen, vollständig zufrieden sind. Das begreift sich; der rumänische Bauer führt nicht im Lager, sondern zu Hause ein wahres „Hundeleben“. Fleisch bekommt er kaum vier- oder fünfmal im Jahre zu sehen; man kann sich nun denken, als was für ein Leckerbissen die tägliche Portion Schaf oder Schwein ihm erscheint.

Als endlich mein Unterofficier ausräsonnirt hatte, verließen wir das Marketenderzelt und schritten durch das Lager, wo es sich zu regen begann. Bald stießen wir auf zwei in Regenmäntel mit aufgehobenen Kapuzen vermummte Officiersgestalten, die bei dem Anblicke eines mit einem Civilisten verkehrenden Unterofficiers stutzig wurden. Sofort exhibirte ich meinen Ferman und war damit an den Rechten gelangt, denn die beiden Herren waren der eine der Großprofos und der andere, jüngere, der Lagerprofos. Beide gehörten zu den Rossiori, jenem rothen Husarenregimente, welches durch die besondere Eleganz seiner Officiere berühmt ist und auch einstweilen unter der Damenwelt Bukarests großartige Verheerungen angerichtet haben soll. Zuerst blickten der General-Gewaltige und sein Adjutant ziemlich finster drein, denn ungerufene Besuche sind ihnen sehr unwillkommen. Meine Legitimation wirkte jedoch Wunder. Die Physiognomien der beiden Herren hellten sich auf, und aus den gestrengen Profosen wurden die liebenswürdigsten Gentlemen. Für’s Erste wurde ich ersucht, in das Zelt des Commandeurs der ersten Division zu treten, um an dem heiß und echt russisch servirten Morgenthee theilzunehmen. Darauf geleitete mich der Profos selbst durch das ganze auf dem Plateau oberhalb der Donau liegende Lager, dessen Verschanzung eben beendet wurde.

Im Jahre 1854 war die türkische Kriegführung viel resoluter als heute. Damals setzte eine Abtheilung über den Strom, warf die Russen über den Haufen, und der Halbmond flatterte hier in den Lüften. Widdin, welches heute den rumänischen Kugeln preisgegeben ist, war in ausgezeichneter Weise gedeckt. Heuer hätten die Türken Kalafat ohne Schwertstreich besetzen können, da achtzehn Tage lang sowohl die Stadt wie die damit verbundene strategische Stellung keinen einzigen Vertheidiger aufzuweisen hatte. Warum die Türken diesen Vortheil nicht benutzten, ist eines jener Räthsel, über die man sich den Kopf zerbrechen müßte, wenn man die Mysterien der osmanischen Kriegführung ergründen wollte.

Am meisten wundern sich über diese Nachlässigkeit die Rumänen selbst, die sich indessen beeilt haben, die Position so zu verschanzen, daß ein Angriff auf dieselbe erfolglos sein oder Ströme Bluts erfordern würde. Auf der Hochebene von Kalafat mögen etwa fünfundzwanzig- bis dreißigtausend Mann campiren; es sind Linien-Infanteristen, und dann die „Dorobanzen“, jene der ehemaligen österreichischen Grenzerordnung nachgebildeten Territorialsoldaten, die drei Wochen im Monat als Bauern thätig sind und alle Monat eine Woche Militärdienst schulden. Der Dorobanz trägt eine im Sommer äußerst zweckmäßige und leichte, weiße, mit blauen Borden eingefaßte Leinenkleidung; wird es kühl oder regnerisch, so wirft er die graue Kapuze um; ist’s ihm bei der Schanzarbeit z. B. gar zu heiß, so entledigt er sich seiner Ueberkleider und steht im blousenartigen Hemd da. Auf die Dorobanzen, welche die eigentliche Miliz und schließlich die Nationalgarde (eine Art von Landsturm) abdienen, stützen die Gründer der rumänischen Militärmacht ihre Hoffnungen. Sie glauben, daß in diesen Köpfen, die mit den Fellmützen, wie sie Michael der Tapfere trug, bedeckt sind, auch der Geist dieses Heldenfürsten wohnen wird.

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Die Gartenlaube (1877) b 463.jpg

Manöver-Uebungen der rumänischen Artillerie bei Kalafat.
Nach einer Skizze vom Kriegsschauplatze componirt von O. Fikentscher in Düsseldorf.

[464] Der General Lupo, Obercommandant der in und um Kalafat stationirten Truppen, ertheilte mir in der bereitwilligsten Weise die Erlaubniß, nach Kalafat hinein zu gelangen, und einer der in ihrer unermüdlichen Gefälligkeit unerschöpflichen Officiere nahm mich in seinem Break mit, denn es ist eine gute halbe Stunde vom Lager in die Stadt. Als ich dieselbe betrat und die sauberen weißen Häuser sah, mit den um die ausgehobenen Fensterscheiben sich windenden Oleander- und Espenlaubkränzen, schien es mir, als wäre mir Kalafat bekannt, obgleich ich zum ersten Male in meinem Leben in dieses Revier gelangte. Namentlich die drei spitzen Kirchthürme und die Wirthshäuser mit den luftigen Altanen hatten für mich etwas besonders Familiäres. Ich grübelte nach und erinnerte mich, daß ich vor Monaten Wachenhusen’s „Türkischen Kosak“ gelesen hatte, von dem ein guter Theil in dem, wie sich’s herausstellte, meisterhaft und peinlich genau geschilderten Kalafat zur Zeit des Krimkrieges spielte.

Zwei große Straßen, welche beide zur Donau führen, die hier eine ihrer Krümmungen ausführt, durchziehen, sich in der Mitte kreuzend, das Städtchen. Jedes Haus hat seinen Garten, so zwar, daß die Ortschaft im Verhältniß zu ihrer Bevölkerung einen bedeutenden Flächeninhalt bedeckt. Sie erhebt sich sanft von dem Gelande der Donau bis weit hinein in’s Land. Ich wußte, daß man sich gleich bei Beginn des Kriegs allerlei über das zerfetzte, durch türkische Kugeln in Fetzen zerrissene Kalafat erzählte, aber bei meiner Skepsis sensationellen Kriegsmeldungen gegenüber wunderte es mich nicht im geringsten, nirgends eine Spur der verheerenden Bomben zu treffen. Kalafat’s Häuser stehen ganz und bis jetzt unversehrt, nur im Innern würde man sich vergebens nach einem Bettgestell oder irgend einem Stück Mobiliar umsehen; alles wurde ausgekramt, auf Leiterwagen verpackt und in das Innere Rumäniens versendet.

Seitdem die Türken-Panik aufgehört hat, möchten wohl die meisten Kalafater wieder ihre häuslichen Penaten aufsuchen, dagegen aber legte der Commandant das strammste Veto ein. Kalafat ist seines Erachtens ein militärischer Posten, und nur Militärs dürfen auf demselben verweilen. Unter den Civilisten, welche indessen in Kalafat geduldet, ja recht gern gelitten werden, befindet sich auch ein Vertreter der edlen französischen Kochkunst, den die jüngeren Officiere in familiärer Weise „père Auguste“ tituliren. Der Franzose war stolz auf dieses Prädicat; er ließ eine Tafel anfertigen, auf der folgende Worte zu lesen sind: „Au pére Auguste, restaurant français.“ Père Auguste ist der Liebling der höheren Officierwelt, in seinem von rechtswegen requisitionirten Local finden sich vor anständig, aber mäßig besetzter Tafel (der rumänische Officier schwimmt heute nicht im Solde) Artillerie-, Genie-, Stabs-, Infanterie- und Marine-Officiere. Père Auguste, ein behäbiger Fünfziger, der Typus des französischen Provinzialen, der versteht, sein Schäfchen in’s Trockene zu bringen, fungirt bei der Tafel als Majordomus, erkundigt sich nach dem Appetit und nimmt auch an kriegswissenschaftlichen und strategischen Gesprächen Antheil. Père Auguste gehört heute zum rumänischen Hauptquartier, und wenn die Truppen Carol’s des Ersten wirklich auf andere als moralische Eroberungen drüben in Bulgarien losgehen sollten, so ist Père Auguste bereit, mit seinem Korbe, seiner fliegenden Kuchen-Batterie und seinem Keller auszurücken.

Die rumänischen Artillerie-Officiere, deren nähere Bekanntschaft ich bei Tische machte, sind durchaus junge Leute – tüchtige und resolute Erscheinungen, welche in ihrem festen und zuverlässigen Auftreten echte Repräsentanten des Heereskörpers sind, dem sie angehören. Die präcisen Manöverübungen der rumänischen Artillerie, welche zufällig bei meiner Anwesenheit in Kalafat stattfanden und zu welchen, wenn man will, das meinen heutigen Schilderungen beigegebene Fikentscher’sche Kriegsbild als eine Art Illustration dienen mag, sind bekannt. So überraschte mich auch an diesen jungen Officieren, welche alle noch vor Kurzem auf den Bänken irgend einer französischen Militärschule saßen, in keiner Weise die soldatische Sicherheit und Präcision des Benehmens. Sie haben übrigens sämmtlich durchaus den Pariser Schliff. Der Eifer, von dem diese jungen Leute beseelt sind, schreibt sich jedoch nicht von einem Gefühle des Türkenhasses her; ich konnte mehrmals die Bemerkung machen, daß dem Walachen der Trieb zum Racenhasse ebenso fehlt wie der Instinct des religiösen Fanatismus.

„Wir befinden uns,“ sagte mir ein Officier, „in der Lage eines jungen Mannes, der bei den Damen Glück sucht und auf den diese mit Geringschätzung blicken, weil er noch keine Ehren-Affaire gehabt hat und man von ihm nicht gesprochen hat. Wir müssen eine Affaire haben und sind froh, daß sich die Gelegenheit darbietet, uns ein wenig Namen zu erkämpfen.“ Diesen „Namen“ soll man sich nächstens bei einem Bombardement von Widdin holen.

In der That! Die türkische Festungsstadt liegt so herausfordernd vor den Augen. Wenn man, wie ich es nach dem Frühstück bei „Père Auguste“ in der Gesellschaft der jungen franco-rumänischen Officiere that, den Hügel erklettert, auf dem die Batterie Carol des Ersten aufgewürfelt wurde, und durch das ausgezeichnete Fernrohr hinüberblickt über den mit majestätischer, feierlicher Stille dahingleitenden Strom, so erblickt man Haus an Haus. Dieses niedrige, aber breit angelegte Gebäude, unmittelbar hinter der weißen Ringmauer, ist der Konak, das Palais des Generalgouverneurs. Unter demselben steht zwischen zwei hohen Thürmen das sogenannte Bulgarenschloß, eine Veste, die aus dem dreizehnten oder vierzehnten Jahrhundert stammt. Dann schweift das Auge über einen Knäuel kleiner elender Baracken, über welche sich stolz ein Dutzend Minarets erheben; hui! wenn da ein paar Petroleumbomben hineinflögen! Etwas seitwärts von der blanken Ringmauer erblickt man ein großes Fort; auf den weiten Wällen steht eine Gruppe Menschen und blickt zu uns herüber, wie wir nach ihnen. Hinter der Festung dehnen sich wie Schaumwölkchen die schneeweißen Lagerzelte aus; links und rechts der Türkenfestung prangt die Natur in ihrem üppigsten Schmucke, während der Balkan mit seinen hoch emporragenden Spitzen die großartigste Staffage, die man sich denken kann, bildet. Das Wetter ist freundlicher geworden; gegen Abend verscheuchen die Sonnenstrahlen gänzlich die vom Landregen übriggebliebenen düsteren Gewölke, und mit olympischer Gelassenheit, wie ein feuriger Gott, versenkt sich die Sonne hinter den Bergen.

Der Abend und die Kühle mahnten uns daran, das Nachtlager beim Vater Augustus aufzusuchen. Es war ein wenig militärisch: ein sehr harter Strohsack, daneben ein Strohstuhl. Das Felleisen ersetzte das Kissen, und der Plaid diente als Decke. Aber nach einer Nacht in der Diligence hat man es nicht nöthig, auf Rosen gebettet zu sein, um fest einzunicken. Das that ich auch pflichtschuldigst, als läge ich im schönsten Schlafzimmer des ersten Bukarester Hôtels. Eine Aehnlichkeit hatte indessen mein Nachtlager mit einem derartigen Gemache – den Preis.

Doch nicht die ganze Nacht sollte mir die wohlthuende Ruhe gegönnt sein. Plötzlich schreckte mich ein starkes Geknatter aus meinem Schlummer; ich eile in den „Salon“ hinab, wo ich den franco-rumänischen Kochkünstler mit seinem ganzen Generalstabe ebenfalls aus nächtlicher Ruhe aufgescheucht vorfand. Die Leute standen rathlos da und munkelten etwas, wie von einem Ueberfall der Türken, was ja bei der Nähe der Positionen gar nichts Unwahrscheinliches hatte. Da klopfte es an die Thür. „Père Auguste“ schrak zusammen – vielleicht sah er sich bereits als Opfer der wilden Tscherkessen. Aber da klopfte man zum zweiten Male, und es war eine befreundete, correct französische Stimme, welche da bat, aufzumachen. – Auf der Straße standen in der Mitte von etwa zwanzig Dorobanzen zwölf Stück sehr schöne Ochsen; ein junger Officier, der Anführer der kleinen Rotte, aber wendet sich zu dem Kochkünstler:

„Sie beklagten sich über den Mangel an frischem Rindfleisch; hier bringen wir Ihnen vom anderen Ufer ein Paar Portionen bulgarische Beefsteaks.“

Noch knallten einige Schüsse, und dann herrschte wieder idyllischer Friede in der Kriegsposition Kalafat. Mir summte beim Anblicke von Türken und Russen das bekannte Lied vor den Ohren:

„Wir sitzen so fröhlich beisammen,
Und haben einander so lieb.“

Paul d’Abrest.