TBHB 1934-09-19
Einführung
[Bearbeiten]Der Artikel TBHB 1934-09-19 zeigt die ungekürzten Tagebuchaufzeichnungen von Hans Brass vom 19. September 1934. Diese Aufzeichnungen erstrecken sich über vier Seiten.
Tagebuchauszüge
[Bearbeiten][1] Mittwoch, d. 19. Sept. 1934. hl. Januarius.
[1] Gestern abend Vortrag P. Karl Klein S.J. in St. Matthias am Winterfeldplatz über Dogmenfreie Religion? – Die Kirche ist eine der größten Berlins, aber auch eine der häßlichsten. Innen ganz grau u. fast schmucklos. Vom „Reichtum kathol. Kirchen“ ist nichts zu spüren.
Der Vortrag war dafür ausgezeichnet. Der Redner sprach scharf, prägnant, klar, ruhig, sachlich. Diese Art, durch Predigt das kathol. Volk zu festigen, die schon der heilige Dominicus als die wirksamste erkannt hat, sodaß er auf dieser Idee seinen Orden aufbaute, ist auch heute noch zweifellos die wirksamste. Die große Kirche war ziemlich voll, Frauen waren aber in der Mehrzahl.
Der Redner erörterte zunächst den Begriff des Dogmas im Allgemeinen u. ging dann auf die Wesensmerkmale ein: Wahrheitscharakter, Ewigkeitscharakter, Verpflichtungscharakter. – Sodann erörterte er den Wert der Dogmen als Fundament der Religion [2] u. bezeichnete sie als den fruchtbaren Lebensgrund, auf dem die kathol. Religion stehe. Er zitierte das Wort Tertullians: Wir nennen uns alle Brüder u. Schwestern, weil wir aus der gleichen Nacht der Unwissenheit stammend zum gleichen Licht der Wahrheit erwacht sind. – Zum Schluß warf er die interessante Frage auf, was wohl sein würde, wenn die moderne Forderung nach einer dogmenfreien Religion sich erfüllen würde. Es würde dann all das Edle, Große u. Erhebende, welches den Inhalt der Leben der Heiligen gebildet habe, in sich zusammenfallen, wie auch die gesamte religiöse Bewegung, die das Christentum in die Welt gebracht hat u. noch heute ebenso wirkt wie im Anfang, würde aufhören, weil die ihr innewohnende treibende Kraft erlöschen würde. Ohne Dogmenglauben würde die Quelle versiegen, aus der noch jetzt die Gläubigen den Lebensmut u. das frohe Vertrauen schöpfen, wenn Mißerfolge u. Unglücksschläge den Menschen treffen. Ohne Dogmenglauben wäre ein erfolgreicher Kampf gegen die dunklen Mächte der Triebe, wäre Beherrschung der Triebe unmöglich, nur der feste Glaube an die alles überwindende göttl. Gnade gibt uns die Kraft, diesen sittlichen Kampf erfolgreich zu bestehen. Ohne Dogmenglauben würden die stillen Dulder auf den Krankenlägern, die Dulder bitterer Armut u. der Entbehrungen u. aller sonstigen Arten schwerer Heimsuchung unter ihrer Kreuzeslast zusammenbrechen. Ohne die marianischen Dogmen müßten wir verzichten auf man ideales Höhenstreben grade der Jugend. Ohne Dogma gäbe es keine Bekehrung kein Aufwachen aus dem Zustande seelischer Energielosigkeit u. Erschöpfung, keine Auferstehung vom Tode der Sünde. – Ohne Dogma wäre alle frühere christliche, religiöse Kunst gegenstandslos u. unverständlich, ohne Dogma würde das Kunstwerk der kathol. Liturgie in sich zusammenbrechen. Weihnachten, Ostern, Pfingsten u. all die übrigen großen Feste würden plötzlich ohne Grundlage sein, wären sinnlos u. überflüssig. All die Ströme heiliger Freudigkeit u. sittlicher Tatkraft die aus den Glaubenswahrheiten der Dogmen fließen, würden versiegen, selbst der Sonntag hätte keinen Sinn mehr. –
Der Redner schloß mit einer sehr ergreifenden u. eindringlichen Mahnung, daß ein jeder für sich die weckende u. zündende Kraft der Dogmen in sich lebendig machen solle, damit diese Kraft der Dogmen auch im Wort u. im tägl. Leben, im Denken u. Handeln zum Ausdruck komme. Es gilt, den Widerspruch zu beseitigen, der sich so oft findet zwischen dem Glauben u. dem tägl. Leben des Einzelnen. Die Forderung nach dogmenfreier Religion könne nicht besser widerlegt werden, als daß jeder einzelne Katholik sich stets bewußt wäre der schweren Verantwortung, die er vor Gott u. seinen Mitmenschen hat. –
Grade dies letztere ist von ausschlaggebender Wichtigkeit. Wir brauchen Katholiken, die verantwortungsbewußt sind, – also Qualitäts-Katholiken. Gewiß ist die Quantität nicht bedeutungslos, aber sie ist nicht das Wichtigste. Die Feststellung, wieviel Katholiken es auf der Welt gibt u. wieviel Mitglieder anderer Konfessionen ist zweifellos wichtig, aber man soll die Bedeutung solcher Zahlen nicht überschätzen. Wenn ein Million Katholiken nicht wirklich mehr wiegt, als eine Million Protestanten, dann stimmt etwas nicht bei diesen Katholiken. Und hier liegt das ungelöste Problem der Rückkehr der Protestanten zum Katholizismus. Es scheint mir, als schlüge bei gleicher Zahl die Wage zum Protestantismus aus – wenigstens hier bei uns in Norddeutschland. Dies aber liegt keineswegs an einer Ueberlegenheit des Protestantismus, – das beweisen die kathol. Länder. Aber ich glaube, daß ein lauer Katholik untüchtiger ist als ein Protestant, der religiös gleichgültig ist. Selbst ein lauer Katholik nämlich, vorausgesetzt daß er [3] als Kind gut katholisch erzogen wurde, wird trotz seiner Lauheit doch nicht so leicht alle religiösen u. ethischen Forderungen über Bord werfen. Er bleibt doch immer irgendwie gebunden u. es fehlt ihm durchaus die forsche u. meist skrupellose Hemmungslosigkeit, wie sie dem religiös indifferenten Protestanten eigen ist. Man erkennt das grade jetzt sehr deutlich an dem sog. neuen Ethos der Nationalsozialisten, die vor zwangsweiser Sterilisation u. anderen Gewalttaten keinen Moment zurückscheuen. Unbequeme Leute kommen ins Konzentrationslager, auch wenn sie vom Gericht für unschuldig erklärt sind, sie werden gemartert bis sie Selbstmord verüben, oder sie werden kurzerhand ermordet. – Solche Praktiken sind für einen Katholiken undenkbar. Und hier liegt wieder die Wichtigkeit der Zahl. Gäbe es bei uns mehr Katholiken als Protestanten, so wäre der ganze Nationalsozialismus unmöglich.
Um so mehr aber muß die Qualität der die zahlenmäßige Unterlegenheit der Katholiken ausgleichen. Dies kann nicht geschehen, daß führende Katholiken ihren Glauben verraten u. nationalsozialistisch werden, sondern nur indem jeder Katholik sich ernst auf seinen Glauben besinnt u. zwar seinen dogmatischen Glauben, u. bis zum Fanatismus danach lebt. Strende Verantwortung vor seinem Gewissen, – das ist es, was not tut.
Es handelt sich darum, die kathol. Kirche sichtbar zu machen. Kathol. Aktion! Die kathol. Kirche kann sichtbar gemacht werden durch Demonstrationen, Katholikentage, Kirchenbauten usw. Aber diese mehr technische Sichtbarmachung ist nicht das Wichtigste, so wichtig sie ist. – Im Anfang war das Wort! Gott machte sich den Menschen sichtbar durch das Wort. Und das Wort ist Fleisch geworden! Christus machte sich durch das fleischgewordene Wort sichtbar. Das fleischgewordene Wort ist die kathol. Kirche. Das Wort ist das Licht, das in die Welt gekommen ist. Dieses Licht ist an kein Volk u. keine Rasse gebunden, es ist in der Welt. – Mit diesem Licht erkennen wir Menschen nun die Welt u. in unserer Freude über diese erkannte u. entdeckte Welt überschätzen wir diese. Die entdeckte Welt, – m.a. Worten: die Technik, ist uns Gott. – Wir Katholiken aber haben eine andere Einstellung. Wir sollten nicht dilettieren in den Lebensgebieten der technischen Menschen, die das Licht benutzen, um die Geschöpfe zu sehen, sondern wir sollten Meister sein in der Kunst, mit jenem Lichte Gott sichtbar zu machen.
Es kommt nicht so sehr darauf an, daß es viele katholisch Getaufte gibt, – obgleich auch dieses wichtig ist. Vielmehr kommt es darauf an, daß die Getauften auch wirklich ein Leben christlicher Vollkommenheit führen. Und dies zu tun, soll vor allem mein Streben sein.
Den Geist wahren, kathol. Christentums deutlich sichtbar zu machen, das ist es, was ich wünsche u. was ich mir vorgenommen habe. Und dazu gibt es keinen besseren Weg, als den, den der Heiland gegangen ist u. der darin besteht sein eigenes Leben zu einem beständigen Opfer zu gestalten. Nicht, um zu leiden des Leidens wegen, sondern um dieses Opfer mit dem Erlösungsopfer Christi zu vereinigen, gehorsam bis zum Tode.
Der Opfergeist des Heilandes ist das erste u. Grundsätzlichste in der Nachfolge Christi, ein Opferleben ohne Abstrich u. ohne Kompromiß. Zu einem solchen Opferleben gehört zuerst die gleichmütig Hinnahme all der täglichen kleinen Schwierigkeiten u. Nöte, dann aber auch die freudige Hinnahme aller Leiden, die mir die Zukunft noch bringen wird, – u. schließlich das Opfer des Lebens. –
Alle diese Opfer will ich im Geiste der Sühne Gott darbringen. Bei allen Leiden will ich nur immer [4] daran denken, daß Gott sie mir schickt, damit ich durch diese Leiden zur Sichtbarmachung Gottes, zur Ausbreitung des Glaubens u. zum Wachstum der Kirche, des mystischen Leibes Christi, beitrage. Jedes Leiden will ich als Opfergabe darbringen, damit Jesus Christus dadurch Seine heilige Absicht, Gott den Vater zu verherrlichen, erreicht. Wie der heilige Johannes vom Kreuz soll mein Wahlspruch sein: Leiden u. verachtet werden für Jesus! Mein tägliches Gebet nach der Messe ist schon längst: Herr, mein Gott! Schon jetzt nehme ich jede Art des Todes, wie es Dir gefallen wird, mit allen ihren Aengsten, Leiden u. Schmerzen von Deiner Hand mit voller Ergebung u. Bereitwilligkeit an. Und dann bete ich: Himmlischer Vater! In Vereinigung mit den Verdiensten Jesu u. Mariä opfere ich Dir für die armen Seelen im Fegfeuer alle Genugtuungswerke meines ganzen Lebens auf sowie auch alle Werke, die für mich nach meinem Tode werden aufgeopfert werden. Diese Werke übergebe ich in die Hände der unbefleckten Jungfrau Maria, damit sie dieselben jenen Seelen zuwende, die sie nach ihrer Weisheit u. mütterlichen Liebe zuerst aus dem Fegfeuer befreien will. Nimm, o Gott dieses Opfer gnädig an, u. laß mich um dessentwillen täglich in Deiner Gnade zunehmen. Amen.
Mit diesen beiden Gebeten überlasse ich mich täglich von Neuem ganz dem Willen Gottes. Niemals will ich freiwillig u. mit Ueberlegung ein Leiden, das Gott mir schickt, abweisen. Alle Leiden, seien sie natürlicher oder übernatürlicher Art seien sie gegenwärtig oder zukünftig, will ich ohne Widerspruch aus der Hand Gottes annehmen. Gottes Wille geschehe.