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TBHB 1934-10-13

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Textdaten
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Autor: Hans Brass
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Titel: TBHB 1934-10-13
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Entstehungsdatum: 1934
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Originaltitel: Sonnabend, d. 13. Okt. 1934. hl. Eduard.
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Ungekürzte Tagebuchaufzeichnungen vom 13. Oktober 1934
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Einführung

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Der Artikel TBHB 1934-10-13 zeigt die ungekürzten Tagebuchaufzeichnungen von Hans Brass vom 13. Oktober 1934. Diese Aufzeichnungen erstrecken sich über drei Seiten.

Tagebuchauszüge

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[1] Sonnabend, d. 13. Okt. 1934. hl. Eduard.

[1]      Dogmatik gearbeitet: von den Eigenschaften Gottes. Unvorstellbar ist das alles, man erschauert vor solch erhabener Heiligkeit. Man begreift, wie die alten Juden, ehe Christus den liebenden Vater=Gott offenbart hatte, vor Furcht zitterten u. nicht wagten, Seinen heiligen Namen auszusprechen.

     Wie völlig Nichts sind wir Menschen vor Ihm. Und doch liebt Er uns. Man sollte meinen. Er sähe uns garnicht. Anstatt dessen will Er, daß wir Ihn wiederlieben sollen. Er, der Erhabene, bemüht sich um uns, die wir hier im Dreck u. Staub der Erde umherkriechen wie Würmer. Er bemüht sich um uns in einer Weise, wie es eben nur Gott kann, indem Er Seinen Sohn hingibt. Das ist ohne jede Möglichkeit des Begreifens.

     Und wir Würmer überlegen uns noch, ob wir Ihn anerkennen sollen. Wir beleidigen u. beschimpfen ihn täglich, stündlich, minütlich, milliardenfach, Er nimmt es hin, gleichmütig, nicht mit innerer Verachtung, wie es vielleicht ein edler Mensch tun würde. Nein. Er nimmt es liebend hin.

     Und warum? – Nur wegen der zehn Gerechten. Wegen ihnen hat Er Erbarmen.

     Heute nach der Rosenkranzandacht, u. vorher, war Beichte. Nur wenige gingen hin. Sollten nicht alle Beichtstühle dicht umdrängt sein? –

     Welche Verheißung ist es doch, die uns gegeben ist. Gott schauen dürfen! – Wenn ich mich in diesen Gedanken versenke, dann erfaßt mich Sehnsucht nach dem Tode.

     Der Tod. Eine dunkle Pforte, durch die man eintritt. Dort ist man allein. Unvorstellbar allein. Aber das ist nur ein kurzer Augenblick, dann öffnet sich eine neue Tür, u. was man sieht, ist schöner, als der schönste Anblick, den ich kenne, ein Pontifikal-Amt. – Unvorstellbar!

     Ich verstehe nicht, wie man sich vor dem Tode fürchten kann. Als ich mit neun Jahren einmal fast ertrank, da hatte ich zwar im Augenblick des Untersinkens einen heftigen Lebenswillen, der sich gegen den Tod wehrte. Aber das war nur ein Augenblick. Ich ergab mich sehr rasch. Mein letzter Gedanke war nur ein trauriges [2] Mitgefühl mit meiner Mutter, an deren Schmerz ich dachte. Dann aber war der Tod so schön, daß ich mich nicht von ihm trennen mochte u. eine ganze Weile mich noch tot stellte nachdem ich schon aus dem Wasser gezogen war. Ich hoffte, daß meine Rettung nicht wahr sei. Auch im Kriege habe ich niemals Angst vor dem Tode gehabt, wohl aber vor dem Verstümmeltwerden.

     Nein, vor dem Tode fürchte ich mich nicht. Im Gegenteil: wenn ich mich gewissenhaft frage, so würde ich lieber sterben, als dieses Leben voll Armut, Hunger u. Körperschmerzen weiterleben. Aber solche Gedanken sind eigennützig. Ich lebe nicht, damit es mir gut gehe, sondern ich lebe um den anderen Gliedern des Leibes Christi zu nützen. Ich will deshalb nicht sterben, u. ich will ebensowenig leben, ich will das, was Gott gefällt. Solange Er findet, daß ich leben soll, so lange will ich leben, u. wenn es mir weit elender gehen sollte, als jetzt.

     Mit diesem Elend ist es übrigens so, wie mit den Schmerzen. Wenn Schmerzen ganz unerträglich werden, dann gibt Gott vermehrte Kraft, daß man sie ertragen kann. Welche Schmerzen habe ich doch gehabt nach dem Autounfall. Gewiß habe ich auch gejammert u. gestöhnt, wenn ich's nicht mehr aushalten konnte, aber das gab mir dann auch Erleichterung. Wenn man mitten drin ist in solchen Schmerzen, dann sind sie bei weitem nicht so schlimm, als wie man sie sich denkt, wenn man gesund ist. – Und genau so ist es mit Armut, Hunger u. Elend. Heute aß ich morgens vier Brötchen u. Nachmittags vier Scheiben Brot, aber ich denke nicht daran u. es geht mir ausgezeichnet. Im Gegenteil. Wenn ich satt wäre, dann wäre ich träge. So aber habe ich mich den ganzen Tag in das Wesen Gottes mit meinen Gedanken vertieft u. ich bin beglückt von der Fülle u. dem Reichtum, der sich mir wieder einmal erschlossen hat.

     Eins macht mir manchmal Sorge. ob ich wohl zu leichtfertig bin? – Da ist die Beichte: es fällt mir oft so schwer, etwas zu finden, was ich beichten kann. – Wenn ich hier u. da von der Furcht lese, wie sie manche Heilige gehabt haben, da kann ich einfach nicht mit. Z.B. der hl. Pfarrer von Ars. Welche drückende Furcht hat er gehabt. Aber er fürchtete sich wohl nicht vor seiner eigenen Sündenschuld, – wie sollte er solche Furcht gehabt haben! – es war wohl die Sünde der anderen, die er so schwer fühlte. Das war für ihn ein furchtbares Kreuz. Er übte die Nachfolge Christi, indem er wie Christus die Sünden der Welt auf seine Schultern nahm.

     Und das werfe ich mir vor: ich fühle zu wenig die Sünden der anderen, wenn ich schon die meinigen nicht fühle. – Vielleicht ist es so, daß ich mir wirklich nur wenig vorzuwerfen habe. Aber dann sollte ich mehr u. bewußter mit meinen freien Kräften die Sünden der anderen tragen. Ich muß darüber nachdenken. Vielleicht komme ich dem jetzt näher, nachdem ich die Gemeinsamkeit des Gebetes in der Kirche deutlicher empfinde. Es muß das doch ein Zeichen sein, daß ich langsam meine hochmütige Isolierung verliere u. den Weg finde zur Gemeinsamkeit. Wenn ich diesen Weg gefunden haben werde, dann werde ich auch besser die Sünden u. die Schmerzen der anderen empfinden u. dann erst kann ich wirklich für die anderen etwas tun, dann erst werden die anderen meine Brüder u. Schwestern sein.

     Es liegt hier jedenfalls ein Mangel bei mir vor. Ich bin zu egoistisch, zu hochmütig, zu abgeschlossen. Demut, Liebe u. Hingabe gegenüber Gott bleibt unter allen Umständen eine leere, heuchlerische u. pharisäerhafte Phrase, wenn man diese Tugenden nicht zuerst seinen Mitmenschen gegenüber übt. In unseren Mitmenschen begegnet uns Gott, – selbst noch im gottlosen Verbrecher. So gottlos ist keiner, daß nicht noch ein Hauch von Gott in ihm wäre!

[3]      Es ist nicht nötig, daß ich absichtlich u. mit Gewalt persönliche Beziehungen zu meinen Mitmenschen suche. Ich kann ruhig für mich im Verborgenen bleiben, wenn Gott mich nicht ruft. Aber ich muß beten, beten u. wieder beten für die Menschen. Zuerst für unsere Gemeinde u. unseren Pfarrer, für P. Pietryga u. alle die, mit denen ich in Berührung komme u. deshalb werde ich nun, wenn Pf. Menzel von seinem Urlaub zurückkommt darauf dringen, daß ich täglich die zwei Stunden Aufsicht in der Kirche habe. Da werde ich dann gut beten konnen. Beten, beten, beten! Immer klarer wird mir diese meine Pflicht zum Gebet. Diese Pflicht ist nichts anderes, als eine Uebung der Liebe zu meinen Mitmenschen, – zu Gott, der in meinen Mitmenschen wohnt.