TBHB 1934-12-15
Einführung
[Bearbeiten]Der Artikel TBHB 1934-12-15 zeigt die ungekürzten Tagebuchaufzeichnungen von Hans Brass vom 15. Dezember 1934. Diese Aufzeichnungen erstrecken sich über zwei Seiten.
Tagebuchauszüge
[Bearbeiten][1] Heute ist endlich der Anthrazit-Ofen gesetzt worden. Vorläufig riecht er noch etwas fatal, was sich hoffentlich geben wird. Im Uebrigen aber ist es so warm, daß ich das Fenster geöffnet habe.
Mittags beim Pfarrer, nachher beim Kaplan, dem ich meine Eindrücke über Dr. Pinsk schilderte. Er war sehr nachdenklich und bestätigte mir, daß er hier u. da ähnliche Urteile gehört habe.
Nachmittags in der Kirche war ich müde u. anfangs ohne innere Ruhe, da ich Besorgungen gemacht hatte u. etwas abgehetzt ankam. Trotzdem gelang es mir mit der neuen Methode, rasch zur Sammlung zu kommen. Wegen der Beichte blieb ich nur eine Stunde.
Ueber das „allgemeine Erkennen“ sagt übrigens Joh. v. K. noch, daß es um so feiner, u. zarter ist, je reiner, einfacher, vollkommener u. innerlicher es ist, so daß die Seele es oft kaum wahrnimmt. Wenn ich jetzt meine Aufmerksamkeit darauf lenke, so sehe ich, daß mir dieses allgemeine Erkennen schon seit langer Zeit zu eigen ist, daß ich es bloß nicht bemerkt, oder nicht darauf geachtet habe. Joh. v. K. erklärt dies damit, daß man bisher ja gewohnt war, mit sinnlichem Maße zu messen, u. daß deshalb der Verstand hierauf garnicht achtet. In der Tat kann man dieses allgemeine Erkennen auch nicht in der früheren, sinnlichen Art wahrnehmen, denn dieses neue Erkennen ist ja wirklich eine Dunkelheit, – die Nacht des Geistes. Grade dieses ist ein typisches Merkmal für dieses neue Erkennen, denn dieses neue Erkennen ist ja eben grade frei von jenen Objekten, die dem Verstande entsprechen, u. deshalb bemerkt der Verstand nichts davon. Joh. v. K. sagt, daß dieses allgemeine Erkennen sogar direkt den Verstand verdunkeln könne, indem es ihm die gewohnten Formen u. Phantasiebilder fortnimmt. Er sagt, daß in einem solchen Zustande die Seele in tiefes Vergessen versinken könne, sodaß sie nicht weiß, wo sie ist, noch was geschieht. Zeit u. Raum verlieren ihre Wirklichkeit. Es kommt das eben daher, daß diese reine u. klare Erkenntnis sich der Seele bemächtigt u. die Seele rein u. frei macht von allen Eindrücken u. Bildern der Sinne u. des Gedächtnisses. Die reine Erkenntnis ist über Zeit u. Raum erhaben. Die Wirkung eines solchen Gebets-Zustandes ist dann eine Erhebung des Gemüts zu himmlischem Erkennen u. zugleich eine Entfremdung u. Loslösung von allen Dingen, Formen, Bildern u. Erinnerungen.
Joh. v. K. sagt, daß man sich nicht dadurch verwirren lassen soll, weil es einem in diesem Zustande so vorkommt, als tue die Seele nichts u. als sei sie mit nichts beschäftigt. Dieser Eindruck entsteht dadurch, daß die Seele sich nicht in der bisher gewohnten Weise betätigt, nämlich mittels der Sinne u. deren Fähigkeiten. Dieses sinnliche Maß der Tätigkeit hat hier keine Gültigkeit mehr. Das Zusammenwirken der Seele mit den Sinnen hat eben aufgehört, aber ihre Erkenntnis bleibt deshalb doch bestehen.
Das vollständige Vergessen von Raum u. Zeit trifft indessen nur ganz selten zu. Es ist das jener Zustand, der uns im Leben der Heiligen ja oft beschrieben wird u. wie ihn Therese von Konnersreuth erlebt. Für eine hinreichende Erkenntnis genügt es, daß der Verstand losgelöst ist von jeder besonderen Kenntnis zeitlicher oder geistiger Art u. daß der Wille keine Lust hat, an reale Dinge zu denken. Wenn nämlich der Wille hierzu keine Lust hat, so ist das schon ein Zeichen, daß die Seele beschäftigt ist.
In diesem Zustande fühlt sich die Seele, wie Joh. v. K. sagt, in eine gewisse Liebeswonne versenkt, ohne daß sie jedoch genau wüßte, welches der Gegenstand ihrer Liebe ist, u. aus diesem Grunde heißt dieser Zustand die „liebevolle u. allgemeine Erkenntnis“. – [2] Ich habe diesen Zustand, wie mir nun bewußt ist, sehr oft, u. zwar meist dann, wenn ich abends mein Nachtgebet gesprochen habe u. mich nun hinlege, ohne noch Lust zu haben, mich mit Betrachtungen u. Nachdenken abzugeben, also dann, wenn ich aus natürlicher Müdigkeit mich so verhalten habe, wie Joh. v. K. es angibt. Dann erlebe ich in der Tat eine mir stets merkwürdig andere Art des Erkennens, die ein wundersam reines u. beseligendes allgemeines Liebesgefühl auslöst. Am stärksten erlebte ich das damals, als ich die Lichtvision in diesem Zustande hatte. – Ich befinde mich also, wie ich jetzt einsehe, schon längst auf dieser Stufe, ohne es zu wissen, nur daß ich mir am Tage im Gebet niemals erlaubt habe, eine solche Haltung des vermeintlichen Nichtstuns einzunehmen.
Von nun an aber werde ich ruhig die bisherige Methode des Betrachtens u. des Nachsinnens verlassen. Ich sehe jetzt, daß meine Seele sehr wohl beschäftigt ist, auch wenn es mir so vorkommt, als täte sie nichts.
Ps.45,11: Lernet leer zu sein von allen Dingen, dann werdet ihr sehen, daß ich Gott bin.