TBHB 1934-12-28
Einführung
[Bearbeiten]Der Artikel TBHB 1934-12-28 zeigt die ungekürzten Tagebuchaufzeichnungen von Hans Brass vom 28. Dezember 1934. Diese Aufzeichnungen erstrecken sich über vier Seiten.
Tagebuchauszüge
[Bearbeiten][1] Gestern mittags bei Faensens. Der Sohn ist am 2. Feiertag nach Hamburg abgefahren. Die zweite Tochter hat am Sonntag den 23. Dez. geheiratet. Ich hatte der Familie zu Weihnachen ein freundliches Briefchen geschrieben mit dem Erfolg, daß dadurch meine innerl. Beziehung zu diesen freundlichen Menschen noch herzlicher geworden ist.
Nachmittags zwischen Faensen u. Kirche war meine Nichte Eva Küntzel bei mir. Sie ist runder geworden, sieht aber nach wie vor blaß aus. Ihr Hüftleiden hat sich bei der anstrengenden Tätigkeit im Annastift in Hannover-Kleefeld recht sehr verschlimmert, sodaß sie sehr lahmt, sehr viel mehr als früher. Sonst erschien sie mir sehr viel reifer, nachdenklicher u. sehr verständig. Sie begreift, daß der vollständige Mangel an jeglicher Religion in jenem Stift die Arbeit nur halb gedeihen läßt u. daß den Kranken nicht die eigentliche u. wirkliche Hilfe zuteil werden kann ohne diese Religion. Sonst aber geht sie in ihrem Beruf ganz auf u. freut sich, daß die anderen Schwestern u. überhaupt alle Menschen dort herzlich u. freundlich sind. Sie ist ein sehr merkwürdiges Kind, – eine kleine Heilige von vollkommener Reinheit, vorerst aber noch völlig passiv. Das Bewußtsein von Gott nimmt in ihr eine immer reifere Gestalt an, aber sie läßt das in ganz natürlicher Weise geschehen, ohne zu grübeln u. ohne Schwierigkeiten zu empfinden. Wenn sie sieht, daß andere von Gott nichts, oder wenig wissen, so tut es ihr leid, aber sie weiß nichts daran zu ändern. Es ist, als wolle der Heiland in ihr ganz allein wirken u. sie läßt es ganz einfach geschehen. Sie fühlt nicht, daß sie den Auftrag habe, anderen darüber etwas zu sagen u. deshalb schweigt sie, – aber von mir kann sie nicht genug hören. Und mir ist es ein großes Glück, diesem Kinde einen immer tieferen Begriff vom Heiland geben zu dürfen u. ihr Bewußsein immer fester u. klarer zu gestalten. Möge der Heiland sie führen.
Dieses Kind hat auf eine wunderbare Weise die Gnade des Glaubens von Gott erhalten. Der Vater ist vollkommen ungläubig u. sie bedauert ihn wegen dieser Armut, kann aber nichts daran ändern. Daß die Mutter, meine Schwester Grete, eine Anlage zum Glauben hat, sieht sie, aber sie erkennt auch, daß die Mutter mit ihrem Okkultismus auf falschem Wege ist. Die beiden Schwestern kenne ich nicht, oder ich kenne nur die Aelteste flüchtig, – aber da ist kein Glaubensleben. Als Eva zu mir kam, war da nur eine unbewußte Sehnsucht nach Glauben, ein Ahnen, – aber sonst nichts. Dieses aber brauchte ich nur anzurühren, da bewegte sich alles von selbst u. jetzt ist ihr Glaubensleben wie eine kräftige, junge Pflanze, – noch ganz jungfräulich, aber gesund u. ganz frisch.
So hat dieses Kind diese Gnade des Glaubens einfach von Gott geschenkt bekommen u. wenn ich sie auch lehre, so lerne ich doch auch von ihr. Bei ihr ist eine Läuterung des Verstandes garnicht notwendig, da [2] ist ganz von selbst alles rein. Wie schwierig ist das doch alles bei mir, wie muß ich arbeiten, um meinen Verstand so zu reinigen, daß er nicht mehr ein Hindernis des Glaubens ist. –
Joh. v. K. lehrt jetzt, wie nach dem Verstande auch das Gedächtnis u. der Wille gereinigt werden müsse damit auch Hoffnung u. Liebe erstarken. Er vergleicht den Verstand mit einem Gefäß, in welchem alle Objekte vereinigt liegen, welche das Gedächtnis u. den Willen beeinflussen. Daher ist es von bedeutendster Wichtigkeit, daß zuerst einmal der Verstand umgewandelt wird in Glauben. Wenn dies geschehen ist dann ist eigentlich eine besondere Umwandlung des Gedächtnisses in Hoffnung u. des Willens in Liebe nicht mehr notwendig, denn diese beiden Seelenkräfte beziehen, ja ihre Nahrung aus dem Verstande. Ist der Verstand umgewandelt in Glauben, dann bekommen Gedächtnis u. Wille ihre Nahrung aus dem Glauben u. sie wandeln sich von selbst um in Hoffnung u. Liebe. Es braucht darum über die Umwandlung dieser beiden Seelenkräfte nicht mehr so viel gesagt werden wie über die Umwandlung des Verstandes in den Glauben. Es ist ja garnicht möglich, den Verstand in Glauben umzuwandeln, ohne nicht auch zugleich Gedächtnis u. Wille dadurch zu beeinflussen. Aber trotzdem haben Gedächtnis u. Wille auch noch ihre speziellen Eigenarten u. die Lehre des Joh. v. K. wäre unvollständig, wenn er nicht auch diese Seelenkräfte einzeln behandeln würde.
In Bezug auf das Gedächtnis unterscheidet Joh. v. K. eine natürliche u. eine übernatürliche, eine imaginäre u. eine geistige Kenntnisform. Alle diese Kenntnisformen sind zu vernichten, wenn man auf dem Wege zur Vereinigung mit Gott vorwärts kommen will, genau so wie der Verstand vernichtet werden muß, wenn man durch die Beschauung Fortschritte machen will auf dem Wege zu Gott. Die Anfänger natürlich müssen sich noch des Gedächtnisses u. Verstandes bedienen zum Nachsinnen u. zum schlußfolgernden Denken, – die Fortgeschrittenen nur dürfen auf die sinnenfälligen Hilfsmittel der Seelenkräfte verzichten, denn die Vereinigung mit Gott, – um die es sich ja bei der Lehre des Joh. v. K. handelt, bewirkt Gott allein.
Damit Gott die Vereinigung bewirkt, ist unbedingt notwendig, daß alle Hindernisse dazu aus dem Wege geräumt werden. Die Seelenkräfte in ihrem natürlichen Bereiche sind solche Hindernisse. Wenn diese Seelenkräfte ihre Tätigkeit einstellen, dann wird die Seele leer u. es wird dadurch Raum geschaffen für das Uebernatürliche, mit dem die Seele sodann erfüllt u. erleuchtet wird.
Die Seele erkennt Gott mehr aus dem, was er nicht ist, als aus dem, was er ist. Es ist daher klar, daß sie zur wahren Gotteserkenntnis nur dann gelangen kann, wenn sie auf alles verzichtet, was sie auf natürliche oder übernatürliche Weise wahrnehmen kann. Was die Seele wahrnimmt, sind für die Gotteserkenntnis nur immer beengende Schranken, – u. so ist es auch mit dem Gedächtnis. Das Gedächtnis muß wie der Verstand über diese beengenden Schranken hinweg gehoben werden, d.h. es muß wie der Verstand über jede genau umschriebene Kenntnis u. über jeden sinnenfälligen Besitz emporgehoben werden zur höchsten Hoffnung des unfaßbaren Gottes, wie Joh. v. K. sagt.
Da ist zunächst die natürliche Kenntnis des Gedächtnisses, also alles das, was das Gedächtnis aus den fünf Sinnen gewinnt. – Man soll nun nach der Lehre des Joh. v. K. das Gedächtnis von all diesen Kenntnissen u. Bildern befreien u. sogar die Vorstellungen davon in der Einbildungskraft ablegen. Alles dieses darf nicht die geringste Spur im Gedächtnis zurücklassen.
Wie ausschlaggebend wichtig diese Forderung ist, das ist mir schon längst ganz klar. Augustinus klagt in seinen Bekenntnissen schon über das Gedächtnis, das ihm die Bilder früherer Sünden vorgaukelt. Das Gedächtnis muß in der Tat ganz leer sein, es muß alles vergessen.
Joh. v. K. weiß darüber freilich auch nichts anderes zu sagen, als daß alle Bilder aus dem Gedächtnis „verbannt werden“ müssen. Es müsse sich das Gedächtnis von allen außergöttlichen Formen „frei machen“, denn Gott fällt ja nicht unter den Begriff einer bestimmten Form oder einer bestimmten Kenntnis. –
Es gibt keine Form u. keine Kenntnis, unter der das Gedächtnis Gott erfassen könnte. In der Vereinigung mit Gott ist also das Gedächtnis form= u. bildlos. Es gibt hier keine Einbildungskraft. Das Gedächtnis ist versenkt in völligem Vergessen u. ohne jeder Erinnerung.
[3] Es ist klar, daß dieses etwas Außerordentliches ist. Joh. v. K. sagt, daß in solchem Zustande der Vereinigung im Gehirn ein gewisser „Umschwung“ vor sich geht u. dieser sei so stark, daß man meint, der Kopf vergehe einem u. es schwinde aller Verstand. In diesem Zustande verfällt man nach Joh. v. K. in ein solches Vergessen seiner selbst, daß es Mühe braucht, sich an etwas zu erinnern u. daß oft geraume Zeit vergeht bis das Gedächtnis wieder zu sich kommt. Da die Einbildungskraft aufgehoben ist, so fühlt man nicht einmal, wenn der Seele Schmerz widerfährt. –
Nun sagt aber Joh. v. K., daß Gott erst dann eine solche Berührung der Vereinigung gewährt, wenn die Seele das Gedächtnis von allen wahrnehmbaren Erkenntnissen frei gemacht hat. Diese Ausschaltung der Seelenvermögen käme aber nur am Anfange vor, später, wenn man schon vollkommen u. die Vereinigung eine vollständige sei, käme diese Ausschaltung nicht mehr so vor.
Joh. v. K. sagt, daß die Einzelerkenntnisse zurücktreten, in je höherem Grade sich das Gedächtnis mit Gott vereint u. schließlich verschwinden sie ganz, wenn die Seele in den Zustand der Vereinigung übergeht. Es ist daher unvermeidlich, daß besonders bei Eintritt dieses Zustandes die Seele ihre Umgebung ganz vergißt, denn alle Bilder u. Erinnerungen entschwinden. In ihrem äußeren Gehaben macht die Seele dann mancherlei Fehler. Wenn aber erst einmal die Vereinigung ein dauernder Zustand geworden ist, dann kommt in Sachen des sittlichen u. natürlichen Verhaltens kein solches Vergessen mehr vor. Es sollen vielmehr dann die entsprechenden u. notwendigen Handlungen eine viel größere Vollkommenheit erlangen, denn nun geht die Anregung zu diesen Handlungen ja nicht mehr von den Bildern u. Erinnerungen des Gedächtnisses aus. Die natürliche Tätigkeit des Gedächtnisses geht jetzt über in das Bereich des Göttlichen, des Uebernatürlichen. Die Seelenkräfte sind jetzt Gott zu eigen u. Gott ist ihr alleiniger Herr. Er also setzt sie nun in Tätigkeit u. er gebietet über sie seinem Willen gemäß. Alles Wirken der Seele ist nun also göttliches Tun.
Zum Beispiel hierfür nimmt Joh. v. K. den Fall an, daß jemand eine Person, die sich im Zustande der Vereinigung mit Gott befindet, bittet, sie möge Gott ihr Anliegen empfehlen. Da aber in diesem Zustande das Gedächtnis ausgelöscht ist, so kann sich diese Person im Gebete ja garnicht an den Auftrag erinnern, denn alles dieses ist ja ausgelöscht.
Da nun alles Wirken der Seele dieser Person ein göttliches Wirken ist, so muß also Gott selbst den Willen dieser Mittelsperson anregen u. in ihr die Lust erwecken, für jene andere zu beten. Gott wird dieses zweifellos tun, wenn ihm dieses Gebet angenehm ist. Ist es aber Gott nicht angenehm, dann kann sich die Mittelsperson noch so viel Mühe geben, für jene zu beten, – sie wird es einfach nicht können, – sie wird keine Lust dazu haben, – sie wird nicht daran denken.
Andererseits aber wird es bisweilen vorkommen, daß Gott eine solche Mittelsperson veranlassen wird, für andere zu beten, ja selbst für solche, die sie garnicht kennt u. von deren Anliegen sie garnichts weiß. Es werden eben alle Werke in einer solchen Seele von Gott angeregt, – u. zwar natürlich diejenigen Werke, die genau Gottes Willen entsprechen. Es ist einer solchen Seele garnicht möglich, anders zu handeln.
Die Werke der Gottesmutter waren dieser Art. Sie war ja von Anfang an durch besondere Gnade in den Zustand der Vereinigung mit Gott erhoben u. deshalb trug sie in ihrer Seele niemals das Bild irgend eines Geschöpfes, das sie von Gott abgelenkt hätte. Alle Anregungen, die sie empfing, gingen direkt vom Hl. Geiste aus.
Als weiteres Beispiel führt Joh. v. K. an, daß jemand zu einer bestimmten Zeit eine notwendige Arbeit verrichten soll; aber er denkt nicht daran u. nichts erinnert ihn. Auf einmal, ohne zu wissen wie, kommt es ihm infolge der erwähnten Anregung des Gedächtnisses zum Bewußtsein, wann u. wie er dem Auftrag nachzukommen habe. Joh. v. K. sagt, daß es die göttliche Weisheit sei, von der dieses Wissen ausgeht, denn solche Seelen sind ja bemüht, nichts zu wissen und nichts zu verstehen, was sie an der Vereinigung mit Gott hindern könnte, u. grade dadurch kommt ihnen die göttl. Weisheit zu Hilfe u. sie wissen dann alles. [4] Nun kann man aber nicht begreifen, wie denn die Seele sich von allen Eindrücken u. Phantasievorstellungen leer u. frei machen soll. Es ist doch einfach unmöglich mit natürlichen Mitteln das Natürliche abzustreifen, – u. ebenso unmöglich ist es, das Uebernatürliche anzuziehen u. mit ihm eins zu werden.
Joh. v. K. gibt zu, daß dieses mit menschlichen Mitteln allein unerreichbar ist. Gott muß vielmehr die Seele in diesen übernatürlichen Zustand erheben; aber die Seele muß ihrerseits so viel, wie sie nur irgend kann, dazu beitragen, um sich auf diesen übernatürlichen Zustand vorzubereiten. Diese Vorbereitung kann auf ganz natürlichem Wege geschehen, zumal wenn Gott dieses Bemühen unterstützt. Gott aber wird seine Hilfe sofort leihen, wenn die Seele sich wirklich ernsthaft bemüht, sich von allem Sinnenfälligen zu entblößen u. auf alles äußere Beiwerk verzichtet. Je mehr sie hierin Fortschritte macht, um so mehr wird Gott bereit sein, sie in den Besitz der Vereinigung zu setzen, denn dieses ist ja Gottes Wille.
Die menschliche Kraft u. Aktivität allein reicht also keineswegs hin, die Vereinigung zustande zu bringen, aber sie bewirkt doch die Disposition dazu. Was die Seele dazu von sich aus tun kann, ist dieses. Die Seele bewahre nichts in ihrem Gedächtnis, was auch immer der Gesichts= Gehör= Geruch= und Tastsinn ihr bieten mag. Alles dieses soll man sofort dem Vergessen anheim geben u. man soll, wenn nötig, an andere Dinge denken. Alle solche Dinge dürfen kein Bild der Erinnerung in der Seele zurücklassen, – es muß so sein, als hätte alle diese Dinge niemals existiert. Man muß sich so verhalten, als hätte man garkein Gedächtnis. Man darf das Gedächtnis mit überhaupt garnichts beschäftigen, auch nicht einmal mit der Betrachtung himmlischer Dinge. Alle Dinge des natürlichen Lebens sind eher hemmend als fördernd, wenn man sich ihrer im übernatürlichen Leben bedienen will. –
Joh. v. K. gibt zu, daß wohl eine Zeit vergehen mag, ohne daß man den Nutzen dieses Verzichtes bemerkt. Er meint, man solle sich hierüber nicht beunruhigen, denn Gott wird schon helfend eingreifen, wenn es an der Zeit ist, man soll nur geduldig ausharren.