TBHB 1947-04
Einführung
Der Artikel TBHB 1947-04 zeigt die ungekürzten Tagebuchaufzeichnungen von Hans Brass vom April 1947. Diese Aufzeichnungen erstrecken sich über 14 Seiten.
Tagebuchauszüge
Heute war ziemlich warmes Frühlingswetter, sodaß ich mich am Nachmittag gedrängt fühlte, im Garten etwas zu harken. Obwohl ich es nur eine Stunde lang tat, strengte es mich doch ungemein an, ich kann eben doch nichts mehr leisten. – Abends hatten wir das erste Gewitter mit ziemlich starkem Regen, der vielleicht endlich die letzten Reste des Schnees fortspülen wird. Meer u. Bodden sind immer noch stark vereist, der Regen wird da auch gut tun.
Ein durch u. durch verdorbener Tag Martha hielt es für notwendig, bereits um 1/2 6 Uhr aufzustehen, um in der Bunten Stube zu räumen. Es mag ja sein, daß dergleichen notwendig ist, mir fehlt dafür jedes Verständnis u. ich kann es darum nicht beurteilen, aber sie machte derartig viel Lärm im Hause, daß meine stille Gebetsstunde von 7 – 8 Uhr dadurch arg gestört wurde. Als sie dann auch noch um 1/2 8 Uhr zu mir ins Zimmer kam u. erklärte, daß das Frühstück fertig sei, war meine Geduld zuende. Es ist mir dann den ganzen Tag über nicht mehr gelungen, das seelische Gleichgewicht zurück zu gewinnen, sodaß ich überhaupt nichts Gescheites am Tage tun konnte. Es sind das fatale Schwierigkeiten, die sich aus dem Zusammenleben ergeben, Geduldsproben, die ich immer noch nicht bestehe. Ich beichtete dies, als P. Beckmann hier war. Er sagte mir, wie der hl. Ignatius es seinen Söhnen zur Pflicht macht Geduld zu haben, auch wenn sie in ihrem Gebet oder anderen religiösen Uebungen durch ihre Umgebung gestört werden u. daß die Pflicht zu solcher Geduld eben unter das Gebot der Nächstenliebe fällt u. diese Pflicht höher steht als die Pflicht zum Gebet. Und nun bin ich schon wieder in diesen Fehler gefallen. Es ist das sehr bekümmerlich u. ich bin sehr traurig darüber, aber es ist so. – Andererseits bin ich der Meinung, daß ich von Martha so viel Rücksicht erwarten müßte, daß sie mich nicht derartig stört, denn sie müßte wissen, wie wichtig es ist, niemandem in seinem religiösen Leben zu stören, wo sie doch weiß, wie wichtig dies für mich ist. Jedenfalls stellt das Ganze wieder mal die Kümmerlichkeit dieses Lebens dar.
Auch sonst war der Tag voller Unzulänglichkeiten. Das Mittagessen bestand aus einer mangelhaften Suppe, die überdies kalt war, sodaß niemand davon essen mochte. Ein kleiner Trost war ein schon längst angekündigtes Paket von Marthas Schwester Ruth Laub aus Amerika. Es sollte 5 kg. wiegen, wog aber nur 4 kg. Es ergab sich, daß dieses Paket weidlich bestohlen war. Es fand sich eine Blechdose darin, die aufgebrochen war u. 1 Pfund Kaffee enthalten hatte u. von dem keine Bohne mehr vorhanden war. Was sonst noch daraus gestohlen war, wissen wir nicht. Ein Paket Margarine war vorhanden, sowie etwas Schokolade u. ein Stück Seife u. verschiedene praktische Dinge wie Zwirn usw. – Solche aus dem Auslande kommenden Packete kommen meist nur in erbrochenem u. bestohlenem Zustande an u. wir können noch von Glück sagen, daß wir wenigstens dies erhalten haben u. die Margarine nicht auch gestohlen war. Wahrscheinlich besaß der Dieb genug echte Butter, sodaß er auf die Margarine verzichtete. –
Von Erzpriester Feige Berlin u. von Dr. Krappmann aus Kiel Briefe als Antwort auf meine Briefe.
[2]Es ist immer noch sehr kalt, heute früh war es draußen weißgereift, das Meer liegt immer noch dick voll Eis, im Garten kommen jetzt eben die ersten Spitzen der Schneeglöckchen u. der Krokusse heraus.
An Dr. Krappmann geschrieben.
Martha war bei Frau Longard, deren Zustand unverändert ist. Dr. L. ist gestern nach Bln. zurückgefahren.
Ein ruhiger Tag ohne Ereignisse. Abends hörten wir am Nordwestdeutschen Rundfunk den ersten Teil der Matthäus-Passion aus Hamburg, den zweiten Teil, der sich bis 12 Uhr Nachts ausdehnte, haben wir uns geschenkt, um schlafen zu gehen, da morgen ein anstrengender Tag sein wird. P. Beckmann wird schon am Vormittag kommen, nachmittags wird die Aufnahme von Prof. Triebsch in die kathol. Kirche sein, anschließend daran sollen wir dort Tee trinken u. nachher will P. B. hier bei mir in meinem Zimmer Beicht hören u. wir müssen den Gottesdienst im Seezeichen vorbereiten.
Es ist kalt u. regnerisch. Das Meer ist immer noch vereist.
Heute war ein überaus eindrucksvoller Tag. Den Vormittag in Ruhe verbracht, etwas im Buch von Gustav E. Closen „Wege in die Hl. Schrift“ gelesen, Psalmenerklärungen, besonders Psalm 23 u. 46., dabei eine kleine Ansprache an Prof. Triebsch überlegt. – Um 3 Uhr kam P. Beckmann. Vorher den Altar im Seezeichen fertig gemacht, wobei die Frauen Kuhn u. Menzel nun schon ganz schön helfen können, besonders Frau Menzel ist eine sehr brave Frau. Morgens war das eine Frl. Horn da u. führte mit viel Tränen Klage über Erna Fenchel, die mit ihrem pfälzischen Temperament die beiden Frl. Horn verletzt hat, da alle in der Pflege von Frau Longard überanstrengt sind, weil sie sich die Arbeit nicht richtig einteilen. Erna ist eifersüchtig u. kratzbürstig, die Frl. Horn sind altjüngferlich u. töricht, alle zusammen sind nervös. Das Unglück ist, daß die arme Frau L. darunter zu leiden hat. Ich schickte gleich P. Beckmann hin, damit er die nervösen Frauenzimmer zur Ordnung rufen möge.
Wir, Martha u. ich, gingen dann zu Triebsch, wo dann P. B. auch bald eintraf. Frau T. war vorzüglich angezogen, dunkelbraunes Seidenkleid mit Perlenkette, Triebsch selbst im schwarzen Rock mit gestreifter Hose, tadellos in seiner Haltung. Dem Mann sieht man seine 77 Jahre nicht an. Im Zimmer links neben der Diehle hatten sie einen Altar aufgebaut mit wunderbaren Leinendecken u. Spitzen, dazu zwei Leuchter mit sehr hohen, schlanken Kerzen, die Frau Longard ihnen geliehen hatte, dazwischen unser Kruzifix vor einem Busch Tannengrün, an der Wand darüber eine sehr schöne Plastik, der Kopf einer extatischen Frau, deren Sinn mir zunächst nicht klar war. Frau T. erklärte dann, daß es eine Kopie des Kopfes der hl. Theresia sei von irgend einem italienischen Altarwerk. So war also diese von mir so geliebte u. verehrte Heilige auch hier zugegen wie auf der Hochzeit von uns.
P. Beckmann sprach Gebete zum Hl. Geist u. dann begann das Glaubensbekenntnis, das Triebsch knieend nachsprach, sodann die eigentliche Taufe, darauf die Beichte im dahinter liegenden Zimmer. Währenddem [3] richtete Frau T. in der Diehle den Teetisch mit ihrem alten Porzellan. Wir tranken den Tee mit einer zeitgemäßen u. trotzdem schmackhaften Marmeladentorte, denn es hatte in diesen Tagen mal wieder eine Marmeladenzuteilung gegeben. Meine Rede konnte ich sitzend u. gesprächsweise einfügen, sodaß die Unterhaltung nicht in Konvention zerflatterte, sondern sich um den Glauben u. die Kirche, um das Priestertum u. die Gnade bewegte. Meine Worte trafen das Richtige u. es verlief diese Stunde sehr stimmungsvoll, ernst u. voll innerer Freude.
Wir gingen dann mit P. B. zu uns, wo schon einige Leute zur Beichte warteten. Insgesamt mögen 25 Leute zur Beichte dagewesen sein. Anschließend aßen wir mit P. B. Abendbrot u. er brach dann bald auf, um zu Frau Longard zu gehen, wo er wie immer übernachten soll. Wir waren ebenfalls sehr müde u. gingen um 10 Uhr schlafen, bzw. ich in mein Zimmer.
Eine Schwierigkeit entstand durch Herrn Degner, der fragte, ob das Hochamt morgen um 9 Uhr nach der bisherigen Zeit, oder nach der Sommerzeit stattfinden würde, die in dieser Nacht eingeführt werden soll. Daran hatte natürlich keiner von uns gedacht. P. B. entschied dann, daß wir um 9 Uhr der alten Zeit anfangen wollten, da sicher niemand von unseren Leuten an die Sommerzeit gedacht haben wird, so wenig wie wir selbst. Da die Uhr um eine Stunde vorgestellt wird, ist es dann kein Unglück, wenn sich trotzdem einige Leute nach der Sommerzeit richten sollten, weil sie dann eben eine Stunde zu früh kommen. Dies ist besser, als wenn einige erst eine Stunde zu spät kommen sollten, wenn die Messe schon vorbei ist. Nur für den Gottesdienst in Wustrow wird es schwieriger, den P. B. dort um 2 Uhr nachm. halten will, denn in Wustrow gibt es eine Kirchenuhr, die wahrscheinlich nach der neuen Zeit gestellt werden wird u. nach der sich die Leute richten. P. B. muß dann schon eine Stunde früher nach W. fahren.
Von Dr. Rudlof erzählt P. B. leider, daß dieser einen Herzanfall gehabt hat, als er nach Müritz fuhr. Gott sei Dank, daß er den Anfall erst bekam, als er das Haus Ursula betrat, sodaß ihm sofort Hilfe zuteil werden konnte. Auch war zufällig P. Dross dort. Ich bat P. B. dringend, sich zu schonen, niemand hat einen Nutzen von einem bis zum Tode erschöpften Priester. –
Mein Hahn ist seit zwei Tagen krank. Hoffentlich geht er mir nicht ein, er ist ein so überaus zutrauliches Tier, das sich streicheln läßt u. sich mir auf die Schulter setzt. Es täte mir sehr leid.
Ich entsinne mich nicht, seit meiner Konversion ein so nüchternes u. trockenes Osterfest erlebt zu haben, wie heute. Es ist mir am ganzen Tage auch nicht für Minuten gelungen mich mit den Gedanken u. Geheimnissen dieses Festes zu befassen. Es scheint, daß ich die Zeit starken Gnadenlebens, wie ich sie in dieser Fastenzeit erleben durfte, mit um so größerer Trockenheit zum Feste bezahlen muß.
[4] Im Gegensatz zur Trockenheit meiner Seele u. meines Gemütes stand das Wetter. Schon in der Nacht hörte ich den Regen gegen meine Fenster klatschen u. als ich um 1/2 7 Uhr wie gewöhnlich aufstand, regnete es in Strömen. Dabei war es scheußlich kalt. Ich brachte die Heizung in Gang, was nicht ohne Schwierigkeit ging, da auch das Holz naß war, fütterte die Hühner, wobei ich feststellen mußte, daß mein armer Hahn den Stall nicht verließ u. nicht fressen wollte, machte Toilette u. fing dann mein seit der Fastenzeit üblich gewordenes, einstündiges Morgengebet an, wurde aber bereits um 1/2 8 Uhr gestört durch einen Mann, der zur Beichte kam u. den ich in der Diehle warten ließ. Bald kamen noch Frauen u. a. Männer dazu. Um 8 Uhr kam P. Beckmann, mit dem ich die zu singenden Lieder besprach u. für den ich dann mein Zimmer zum Beichthören herrichtete. Carmen Grantz kam, die schon von je her bei unserer Messe singen wollte u. der ich für heute zugebilligt hatte, zur hl. Wandlung ein Lied zu singen. Dann ging ich zum Seezeichen, wo es schon sehr voll war u. richtete alles her. Kurz nach 9 Uhr begann das Hochamt. Es scheint, daß alle Katholiken da waren, etwa 70 Menschen, von denen 50 kommunizierten. Da die Leute nur singen, wenn ich selbst kräftig singe, ich aber außerdem ministrieren mußte, da sonst keiner dazu zu bewegen ist, so kann von einer wirklich andächtigen Teilnahme bei der hl. Handlung keine Rede sein. P. B. sprach bei seiner Predigt laut u. energisch, aber wie mir schien ohne Innerlichkeit, doch mag das auch an mir selbst gelegen haben, wenn ich das Gesprochene nicht richtig aufnahm. Ich weiß es nicht. Herr Triebsch, der heute zum ersten Male kommunizierte, saß mit seiner Frau vorn in der ersten Reihe. – Das ganze Hochamt war für mich Dienst, die Leute sangen nicht mit, weil sie die Lieder wohl nicht kannten oder in ihrer Heimat andere Melodien sangen u. die Singerei von Carmen Grantz war gerade zu kläglich. Nach dem Hochamt baute ich mit Fritz u. Martha rasch den Altar ab u. packte die Paramenten wieder ein, um zum Friedhof zu gehen, wo das Grab des verstorbenen Franz Anders von P. B. eingesegnet werden sollte. Obwohl Martha verschiedenen Frauen gesagt hatte, daß das Grab ein wenig hergerichtet werden möchte, hatte sich niemand darum gekümmert, es war nicht einmal der Grabhügel aufgerichtet, die Gruft nur nachlässig zugeschüttet. Es sah eher so aus, als wäre eine Handgranate an dieser Stelle explodiert. Es war scheußlich, – nur daß es zu dieser Zeit wenigstens nicht regnete. – Nach dieser Handlung ging ich mit P. B. nachhause, wo wenigstens das Frühstück fertig war. Wir frühstückten nur kurz, denn P. B. mußte gleich fort, weil der Gottesdienst in Wustrow sicher nach der neuen Sommerzeit stattfinden würde. – Als er fort war, ging ich in mein Zimmer, war aber so müde, daß ich im Stuhl einschlief, bis Frl. v. Tigerström mich zum Essen rief. – Nach Tisch las ich etwas in dem Buch von Gustav E. Closen bis 5 Uhr –, wir hatten inzwischen die Uhren um eine Stunde vorgestellt – u. tranken dann Kaffee. Fritz brachte die Nachricht, daß für uns ein Care-Paket aus Amerika in Berlin eingetroffen [5] sei u. wir berieten, auf welche Art man dieses Paket von Berlin hierher schaffen könne, da die Russen es vorläufig noch nicht zulassen, solch große Pakete mit der Post zu senden. Es scheint das beste zu sein, wenn Fritz dazu selber nach Bln. fährt u. es abholt, – eine furchtbare Anstrengung mit großen Kosten, aber der reiche Inhalt des Paketes lohnt sich. Bis 8 Uhr abends las ich noch etwas, wir tranken dann Tee u. aßen Brot, nachher lasen wir die „Neue Zeitung“, von der drei Exemplare aus Berlin geschickt worden waren. – Das war das ganze Osterfest – entsetzlich dürftig. –
Der Hahn ist nach wie vor krank. Wir wollten eigentlich zu Frau Longard, aber auch Martha war dazu zu müde. Ich selbst hatte schon gestern starke Schmerzen im Bein infolge des Wetters u. konnte den Weg nicht mehr machen.
Der heutige Tag entschädigte für gestern insofern, als er sehr still u. ungestört verlief. Vormittags war die alte Frau Rewoldt da u. brachte Milch, einige Eier u. für mich Tabak. Nach Tisch ging Martha zu Frau Longard, deren Schwäche weiter zunimmt, ohne daß man sagen könnte, daß mit ihrem Ableben bald zu rechnen wäre. Ihre Zunge scheint stärker gelähmt zu sein, sodaß man sie nur noch schwer versteht. Martha erzählte ihr von der Taufe bei Triebsch, worüber sie sich sehr freute. Geistig ist sie nach wie vor regsam, wodurch ihre Schwierigkeit zu sprechen doppelt leidvoll ist. – Ich selbst verbrachte den Tag mit Lesen in Guardini „Der Herr“. – Abends kamen Küntzels, jedoch ohne sich länger als einige Minuten aufzuhalten. Nach dem Abendessen wollte ich Martha aus dem Christusbuch von Bartmann vorlesen, aber es gab kein Licht. Wir beteten in der Dämmerung den Rosenkranz u. gingen um 9 Uhr schlafen, bzw. ich ging in mein Zimmer u. stellte im Dunklen eine Betrachtung an über die Auferstehung. Um 1/2 10 Uhr ging dann doch noch das Licht an.
Heute morgen mußte ich den Hahn schlachten, es ging nicht mehr mit ihm. Es war mir sehr schmerzlich.
Nach Tisch ging ich zu Frau Longard, die ich in einem überaus bedenklichen Zustande antraf. Sie saß völlig apatisch in ihrem Liegestuhl, das Gesicht eingefallen mit offenen Augen, den Blick jedoch zur Seite gerichtet. Sie sah mich nicht an, obgleich sie es wohl verstand, als Erna ihr sagte, daß ich gekommen sei. Das Gesicht war so verändert, der Mund so eingefallen, wie ich sie noch nie gesehen habe. Ich war sehr erschüttert. Ich hatte mir in dem von mir täglich benützten Gebetbuch eine Reihe von sehr schönen Gebeten angemerkt, die ich ihr vorbeten wollte, aber ich war im Zweifel, ob sie mich überhaupt hören würde. Schließlich versuchte ich es doch. Da ging sehr bald eine starke Veränderung mit ihr vor. Gesicht u. Blick belebten sich, der Mund wurde wieder normal u. während sie vorher alle paar Minuten gegähnt hatte, war sie jetzt ganz Aufmerksamkeit. Ich betete ganz langsam mit großen Pausen, um ihr Zeit zu lassen, jeden einzelnen Gedanken in sich ausreifen zu lassen. So betete ich wohl eine Stunde. Danach war sie ganz lebhaft. Sie versuchte, zu sprechen, sie dankte mir u. sagte etwas von ihrer Sterbestunde u. daß sie –, wenn ich sie recht verstanden habe –, den Wunsch [6] hätte, ich möchte in ihrer Sterbestunde bei ihr sein u. mit ihr beten. Sie wiederholte das zwei oder drei mal. Dann drückte sie mir zweimal die Hand mit einer solchen Kraft, daß ich darüber überrascht war.
Es ist immer noch sehr kalt draußen, das Meer liegt noch voller Eis, man friert mehr jetzt als im Winter, da wir die Heizung nicht mehr anmachen wegen Holzmangels.
Fritz fährt morgen nach Berlin, um das Care=Paket zu holen. Fahrkarten nach Berlin kann man nur in Stralsund oder in Schwerin bekommen. Da sie nur in beschränkter Anzahl ausgegeben werden, kann es passieren, daß Fritz einen Tag in Schwerin sitzen bleibt. – Diese Russen quatschen vom Wiederaufbau der Wirtschaft, machen aber gleichzeitig das Reisen fast unmöglich u. Briefe von hier nach Bln. brauchen 14 Tage bis 4 Wochen. Ihre Reden vom Wiederaufbau ist nichts als heuchlerisches Gerede u. die Leute von der SED. machen das mit, nein, sie überbieten noch die Russen. Und auf der Moskauer Konferenz, die nun schon 4 Wochen tagt, ist bisher noch über keinen einzigen Punkt eine Einigung erzielt worden.
Endlich ist das Eis auf dem Meere aufgerissen, auch auf dem Bodden fängt die Fischerei wieder an, die seit Anfang Dezember geruht hatte. Trotzdem war es heute wieder sehr kalt, am Tage nur 2 – 3° Wärme.
Fritz ist heute früh abgefahren.
Das Eis ist zwar aufgerissen, aber dennoch liegt das Meer auch heute noch voller Eis u. es war heute wohl möglich noch kälter als gestern.
Heute sind endlich meine Bilder aus Schwerin zurückgekommen, nachdem sie seit Dezember in Ribnitz in der Güterabfertigung gestanden haben, ohne daß eine Möglichkeit bestanden hätte, sie herzubringen. Jetzt hat der Ribnitzer Spediteur sie nach Wustrow gebracht u. Spangenberg hat sie hierher gefahren.
In der letzten Nacht hatte ich einen wunderschönen Traum, dessen Merkwürdigkeit darin besteht, daß ich ihn fast ganz vergessen habe, aber dennoch den ganzen Tag unter dem Eindruck eines schönen u. großen Erlebnisses stehe. Ich weiß bloß noch, daß ich wundervolle Backstein-Architekturen sah, vor allem einen sehr großen, kirchenartigen Raum mit hohen Wänden u. zwei spitzen Giebeln, aber ohne Dach. Der Begriff des Klosters war irgendwie damit verbunden, obwohl viele Menschen dort waren wie in einer öffentlichen Bibliothek. Auch ein sehr großes Wasserbassin spielte eine Rolle, sowie eine lange Uferstraße an einem Kanal oder Fluß mit Brücken. Sonst weiß ich nichts mehr
Martha war bei Frau Longard, die einen sehr apatischen Eindruck machte u. nach mir verlangte. Ich werde morgen wieder zu ihr gehen, das Gebet scheint ihr sehr wohlgetan zu haben.
Vormittags die Bilderkisten ausgepackt bis auf eine in der das Bild „Aufbruch“ enthalten ist. Bis jetzt sind alle Bilder in gutem Zustande, nur die Rahmen sind teilweise arg mitgenommen, aber das läßt sich reparieren.
Nach Tisch ging ich zu Frau Longard, die ich in einem überaus schlechten Zustand antraf. Sie saß im Liegestuhl mit geschlossenen Augen, die Augen schon tief eingefallen der Mund offen u. keuchend. Sie machte den Eindruck, als könne sie jeden Augenblick sterben. Sie erkannte mich nicht, nahm garkeine [7] Notiz von mir. Nachdem ich eine Weile bei ihr gesessen hatte, fing ich an, sehr langsam zu beten, mit großen Pausen. Nach etwa einer Stunde hörte das Röcheln auf u. der schmerzliche Ausdruck wich von ihr. Sie fing langsam an, die rechte Hand u. den Arm zu bewegen. Ich betete noch eine zweite Stunde, dann war sie so weit, daß sie mitbetete, was an ihrem Ausdrück zu sehen war. Ich schloß dann mit einem Vaterunser u. einem Ave, wobei sie versuchte, die Worte mitzusprechen. Als ich dann aufhörte, dankte sie mir u. drückte mir wieder die Hand, aber diesmal nicht mehr so kräftig, wie das letzte mal. Es geht rasch abwärts mit ihr u. ich glaube nicht, daß sie die kommende Woche noch überleben wird.
Das Wetter war heute klar, aber eisig kalt. Immer noch liegt das Meer voll Eis.
Herr Strohschnitter, der viel zwischen Hamburg u. hier hin u. her reist, ist unterwegs von den Russen verhaftet u. verschleppt worden. Niemand weiß, wo er geblieben ist. – In Ribnitz bauen die Russen ab, es heißt, daß sie ganz aus Ribnitz rausgehen werden.
In Moskau hat es immer noch keine Ergebnisse der Konferenz gegeben.
Nachmittags gegen 6 Uhr kam das eine Frl. Horn, furchtbar aufgeregt, u. bestellte mir, daß Frau Longard im Sterben läge. Kurz vorher war Martha hingegangen u. ich hatte gesehen, daß Dr. Meyer mit seinem Motorrad von dort herkam, er mußte also Martha mindestens unterwegs getroffen haben. Ich machte mich sofort auf den Weg. Frau L. lag im Bett u. atmete sehr stark mit offenem Munde, die Augen geschlossen, offenbar schlafend oder bewußtlos. Martha war da, dazu Erna u. die beiden Frl. Horn. Martha sagte mir, daß sie Dr. M. gesprochen hätte, der gesagt hätte, daß der Zustand sehr ernst sei, doch könne man nicht sagen, wann der Tod eintreten würde, es könne auch noch etwas dauern. Er habe ihr eine Spritze gegeben, da sie Schmerzen hatte. Ich forderte alle auf, mit mir zu beten, doch war die Ausdauer nicht allzugroß. Meines Erachtens war die Lage nicht so, daß man mit einem Sterben zu dieser Zeit rechnen konnte. Inzwischen kam auch Frau Triebsch, die sofort bereit war, die Nacht dort zu bleiben, sie ging nur nachhause, um vorher ihren blinden Mann zu versorgen. Martha u. ich gingen ebenfalls nachhause, um zum Abend zu essen u. Martha wollte von der Post aus an Dr. Longard nach Berlin telephonieren. Sie bekam auch den Anschluß u. teilte ihm mit, daß mit dem Ableben der Mutter immerhin jeden Augenblick gerechnet werden müsse. Dr. L. versprach, sofort herzukommen, aber es wird keinesfalls möglich sein, morgen am Sonntag eine Reisegenehmigung zu bekommen, ohne die man keine Fahrkarte erhalten kann. So wird er kaum vor Dienstag hier sein können. M. rief dann noch Dr. Meyer an, der aber nichts weiter sagen konnte. – Wir gingen dann abermals zur Frau L., die wir im gleichen Zustande antrafen, eher etwas besser als schlechter, sodaß es mir unwahrscheinlich schien, daß der Tod in dieser Nacht eintreten könnte. Martha u. Frau Triebsch wollten zusammen die Nachtwache übernehmen u. beide redeten mir zu, wieder nachhause zu gehen, was unter diesen Umständen in der Tat das Vernünftigste war. [8] So bin ich wieder gegangen. Der Weg zweimal hin u. her hat mich genug angestrengt, ich werde schlafen u. morgen früh für ein gutes Frühstuck sorgen, wenn M. nachhause kommt. Auch werde ich den Ofen heizen, obschon es heute etwas wärmer war u. besonders jetzt gegen Abend den Anschein erweckt, als wollte es endlich wärmeres Wetter werden.
Vormittags packte ich die letzte Bilderkiste aus, in welcher der „Aufbruch“ war. Ich brachte das Bild gleich herüber ins große Haus, denn ich hatte alle Kisten in der Bunten Stube abstellen lassen u. dort ausgepackt. Ich sah, daß dieses Bild doch sehr erhebliche Mängel hat u. ich werde noch daran arbeiten müssen.
Martha kam morgens um 1/2 8 Uhr von Frau Longard zurück. Die Nacht war ohne Zwischenfall verlaufen. Wir frühstückten u. M. legte sich dann gleich hin bis zum Mittagessen. Um 2 Uhr gingen wir wieder gemeinsam zu Frau L., die in einem verhältnismäßig guten Zustande war. Erna sagte, daß Frau L. sehr oft nach mir gefragt hätte. Sie erkannte mich u. freute sich. Wir beteten dann wieder gemeinsam sehr lange, wobei sie sich sehr beteiligte, in dem sie das Vaterunser u. das Ave mitbetete u. das Kreuzzeichen machte u. wenn sie eines meiner Gebete kannte wie z. B. „Seele Christi ...“, dann freute sie sich u. betete mit. Gegen 4 Uhr gingen wir wieder u. da wir bis zum Abend keine Nachrichten erhielten, ist es sicher, daß ihr Zustand sich nicht verändert hat. Sie schlief, als wir gingen. –
Abends kamen Herr u. Frau Wegener. Er brachte einen Mietvertrag für das Monheimsche Haus für die Firma Kramer – Ribnitz, über den er u. Herr Kramer schon früher verhandelt hatten u. der m. E. günstig für Monheim ist. Da Herr Monheim mir Vollmacht erteilt hat, unterschrieb ich ihn. – Herr Kramer selbst ist schon vor einiger Zeit, etwa 14 Tage bis 3 Wochen, verhaftet worden. Es liegen politische Gründe vor, da er Nazi war. Man will ihn aus dem Betrieb raus drängen u. es ist ein junger Mann, – Kommunist –, als Treuhänder eingesetzt, der natürlich nichts versteht. Jedenfalls geht der Betrieb trotz der Verhaftung weiter. Kramers Frau ist, als er verhaftet wurde, unter nicht ganz klaren Umständen verstorben, man sagt, sie habe Selbstmord begangen.
Heute war endlich etwas wärmeres Wetter bei Sonnenschein, es ist anzunehmen, daß diese Wärme langsam zunehmen wird, obgleich das Meer immer noch voll Eis liegt. Auch gibt es hier u. da noch Schneereste.
Herr Triebsch hat mich um weitere religiöse Unterweisung bitten lassen, er wird jetzt jeden Mittwoch Nachmittag 4 Uhr zu mir kommen.
Gestern Abend um 1/2 10 Uhr hat Frau Longard ihren letzten Atemzug getan.
Vormittags hatte ich gemalt. Seit vielen Wochen wieder zum ersten Male. Ich habe das Bild „Aufbruch“ nochmals auf die Staffelei gestellt u. sehr radikal hineingemalt. Die Physiognomie des Kindes habe ich völlig weggestrichen u. das Kind ganz in abstrakte Formen aufgelöst. Heute habe ich weiter gearbeitet u. die Abstraktion noch weiter durchgeführt. Das Bild wird auf diese Weise völlig neu. [9] Ich war gestern vom Arbeiten sehr angestrengt. Wahrscheinlich wirkte auch der Witterungseinfluß stark, es war wieder trübes Wetter, aber trotzdem einigermaßen warm. Nach dem Mittagessen legte ich mich aufs Bett, was ich sonst nie tue, u. blieb bis 4 Uhr liegen. Ich stand dann auf u. versuchte zu lesen, doch kam dann Dr. Burgartz. Während ich mich mit ihm in meinem Zimmer unterhielt, kam Frl. Horn u. bat mich, zu kommen, Frau Longard bete unaufhörlich u. verlange nach mir. Ich ging sofort hin. Dr. B. begleitete mich bis zum Hause. Frau L. lag im Bett u. betete tatsächlich unaufhörlich, sie begriff aber, daß ich da war, obgleich sie die Augen geschlossen hielt u. ihr Gebet keinen Augenblick unterbrach. Ich nahm dann mein Gebetbuch u. betete in der gewohnten Weise laut u. auch sie betete. Nach etwa einer halben Stunde kam Dr. Meyer. Er meinte, daß es zuende ginge u. dieses unaufhörliche beten von der Unruhe des herannahenden Endes käme. Er wollte ihr etwas Beruhigendes eingeben, doch schluckte sie nicht. Er entschloß sich deshalb zu einer Spritze. Für die Nacht hatten sich nämlich Martha u. Frau Triebsch verabredet u. es war auch mir deshalb sehr lieb, daß Dr. M. ihr eine Beruhigungsspritze verabfolgte, denn sonst hätten die beiden in der Nacht kein Auge zutun können, während der Tod, wie mir schien, spätestens am frühen Morgen eingetreten wäre. Die Spritze wirkte sehr rasch, sie lag ganz ruhig u. atmete ganz gleichmäßig, die Augen geschlossen, nachdem sie sie vorher ganz kurz geöffnet hatte. Ich betete noch etwa eine halbe Stund weiter laut u. ging dann nach Hause. Wir aßen zu Abend u. M. ging kurz nach 8 Uhr hin. Da ich selbst überaus müde u. angestrengt war, las ich noch ein wenig in dem schönen Buch von Karl Adam „Jesus Christus“, verrichtete um 1/2 10 Uhr mein Abendgebet, wobei ich besonders gesammelt war u. auch der Frau L. gedachte u. legte mich um 10 Uhr nieder. Um 11 Uhr klopfte Martha ans Fenster u. erzählte mir, wie Frau L. ganz einfach auslöschte. Der Atem hörte einfach auf, ebenso der Puls, u. es war aus, ohne daß sie vorher noch aufgewacht war. M. u. Frau T. haben sie mit Ernas Hilfe frisch angezogen u. dann sind beide gegangen. Wir haben heute morgen Dr. M. benachrichtigen lassen u. Erna hat Telegramme an die Kinder gesandt. Dr. Longard wird ja wahrscheinlich spätestens heute früh von Berlin abgefahren sein, falls er die Reiseerlaubnis rechtzeitig erhalten hat, sodaß man ihn heute Abend erwarten kann. Vielleicht wird er Fritz unterwegs treffen, den wir ebenfalls heute abend erwarten. – Auch P. Beckmann haben wir telephonisch benachrichtigt, wir haben den Freitag als Beerdigungstag vorläufig festgesetzt. Ueber die Herstellung des Sarges wird Herr Triebsch mit Budde sprechen.
Abends 10 Uhr:
Am Nachmittag waren Frau Triebsch, Martha u. ich mit Paschke auf dem Friedhof, um eine Grabstelle auszusuchen. Der untere Friedhof ist nämlich bis auf eine Grabstelle voll, man will noch eine Grabreihe anlegen auf Kosten des Mittelweges, aber da möchte ich das Grab von Frau L. nicht haben. Wir fanden eine gute Stelle am Fuße des alten Friedhofhügels unter einem Baum, wo die Gruft ausgehoben werden kann u. das Grab würdig gestaltet werden kann.
Wir warteten bis jetzt auf Fritz vergeblich. Vielleicht hat der Zug wieder Verspätung, man weiß ja nichts u. alles ist unberechenbar. Ich hätte auch gern Dr. Longard vorher [10] unterrichtet, da er ja vom Tode seiner Mutter noch nichts weiß.
Dr. Meyer war gegen 1/2 7 Uhr nochmals bei Frau Longard u. anschließend kam er zu uns auf einen Augenblick herein. – Herr Triebsch hat bei Budde den Sarg in Auftrag gegeben, morgen soll die Einsargung sein, die Frl. Wunderlich vornimmt. Dieses Frl. Wunderlich ist die Schwester des Wustrower Pfarrers Wunderlich. Sie hat seit einiger Zeit die Funktionen einer Totenfrau übernommen u. sie macht diese Arbeit sehr gut u. gewissenhaft. Bemerkenswert dabei ist, daß die frühere Totenfrau ebenfalls Wunderlich hieß, sie hat dieses Amt sehr lange Zeit innegehabt, bis sie zu alt war.
Heute war erstmalig Herr Triebsch bei mir um 4 Uhr bis 5 Uhr. Ich halte ihm Vorträge an Hand des Buches „Der Herr“ von Guardini, was mir selbst gleich von Nutzen ist, da ich die Gedanken selbst erarbeiten muß.
Fritz ist von Berlin gekommen. Er hat Dr. Longard mitgebracht, der abends Besuch machte, jedoch überließ ich ihn Martha allein. Fritz hat außerdem die Sekretärin von Becher mitgebracht. B. will am 1. Mai bereits hier sein u. im Hause Reinmöller wohnen. Auch sonstige Prominente des Kulturbundes aus Berlin werden erscheinen. Fritz brachte einen Teil des Inhaltes des Care Paketes mit, amerikan. Zigaretten, Kekse, Schokolade usw., den Hauptteil hat er in Berlin in Päckchen verpackt u. per Post geschickt, da das sicherer ist angesichts der sog. Polizei-Kontrollen, die in den Zügen u. auf den Bahnhöfen stattfinden u. bei denen man gewöhnlich alles einbüßt, was man bei sich hat. Fritz erzählt anschaulich von der Unsicherheit in Berlin selbst u. unterwegs. Es herrschen trostlose Zustände u. man weiß nicht, wie wir je da herauskommen sollen. Die Moskauer Konferenz geht ihrem Ende entgegen u. es ist bis jetzt noch garnichts dabei herausgekommen. Es scheint, daß England u. Amerika die Konferenz absichtlich sabotiert haben, um Molotow zu drücken, der ja sonst alles sabotiert, u. der allzu frech geworden ist. Aber wir sind in diesem Spiel die Prügelknaben.
Von Herrn Strohschnitter, der nun schon vor 3 Wochen von den Russen verschleppt wurde, hat man bis heute noch nichts wieder gehört.
Nachmittags besuchte mich Dr. Longard, mit dem ich zum ersten Male in ein Gespräch kam. Er öffnete mir in einer überaus gewinnenden u. schlichten Weise sein Herz, sodaß ich sofort ein sehr warmes Gefühl für ihn bekam. Er sprach mit kindlicher Liebe von seiner Mutter u. dann von sich selbst. Mit tränenerstickter Stimme sprach er davon, daß er so gern Priester geworden wäre, wozu er auch gewiß eine gute Anlage besessen hat, er wäre ein guter Benediktiner geworden. Gott hat es wohl nicht gewollt.
Heute nachmittags 3 Uhr beerdigten wir Frau Longard. Der Sarg stand im Hintergrunde der Veranda, deren Fenster mit Teppichen verhängt waren. Tannengrün, Taxus u. Schneeglöckchen bildeten einen schönen Schmuck. Die Trauergäste saßen im vorderen Teil der Veranda oder standen im angrenzenden Zimmer, es mögen an 30 Menschen gewesen sein. – Zuerst sprach Dr. Longard im Namen der Geschwister einige herzliche u. schlichte Worte des Dankes u. des Abschieds [11] an die Mutter. Darauf betete P. Beckmann den 129 Psalm u. hielt dann eine lange, aber von tiefem Empfinden u. warmer Liebe getragene Ansprache, die, so viel ich sehen konnte, auch die vielen protestantischen Hörer sehr beeindruckte. Er sprach ganz ausgezeichnet. Danach wurde der Sarg hinausgetragen u. auf den Leichenwagen gestellt. Dr. Longard ging mit dem Pater auf der einen Seite u. Erna mit ihrem Mann auf der anderen Seite hinter dem Sarge her u. trug das große Holzkreuz, das bei Frau L. in der Stube gehangen hatte. P. Beckmann betete den Rosenkranz u. wir Katholiken beteten die Antworten u. so bewegte sich der Zug sehr feierlich zum Friedhof. Am Grabe sprach P. Beckmann noch einmal kurz u. segnete das Grab. – Es war die bei weitem eindrucksvollste Beerdigung, die ich je erlebt habe u. ich bin sehr neugierig, wie sie von den Protestanten, empfunden worden ist. Paul u. Grete waren auch da u. Grete hat später zu Martha gesagt, daß Paul sehr ergriffen gewesen sei. Das will viel heißen, denn Paul hat überhaupt kein Organ für religiöse Dinge. Von mir selbst kann ich nur sagen, daß ich voll stolzer Freude war, einer Kirche anzugehören, die ihre Angehörigen in solcher Weise betreut. Es war ein Glanztag für den Katholizismus hier mitten im protestantischen Lande u. wer nicht schlechten Willens ist, muß zugeben, daß hier noch niemals ein Verstorbener mit solch würdiger Feierlichkeit zu Grabe getragen worden ist. –
Nachher waren wir noch im Trauerhause zu Kaffee u. Kuchen vereint, – u. zwar richtigem Bohnenkaffee. Es nahmen außer Martha u. mir daran teil: P. Beckmann, Herr u. Frau Triebsch, die beiden Frl. Horn, Frl. v. Tigerström u. natürlich Dr. Longard. Bei dieser Gelegenheit ergriff auch ich noch einmal das Wort als Abschiedsgruß der Freunde der Entschlafenen. –
P. Beckmann bleibt über Nacht hier u. wird morgen früh 8 Uhr bei uns die Totenmesse für Frau L. lesen. Er schläft im Hause Longard. – Dr. L. wird erst am Montag nach Berlin zurückfahren können, wir haben die Absicht, ihn am Sonntag zu Tisch zu bitten. Am Sonntag haben wir abends 6 Uhr Gottesdienst durch Dr. Rudlof, der ebenfalls über Nacht hier bleibt u. am Montag früh noch eine Messe bei uns lesen wird. So sind wir durch diesen Tod reich begnadet.
Um 8 Uhr morgens das Requiem für Frau Longard, nachher Frühstück bei mir unten im Zimmer, wo wir jetzt immer frühstücken u. auch abends essen u. sitzen, da es oben zu kalt ist. Bei mir wärmt der elektrische Ofen. P. Beckmann berichtete, daß Bischof Wilhelm Berning von Osnabrück am 8. Mai in Ribnitz zur Firmung sein wird. Triebsch wird dazu nach Ribnitz fahren. P. Beckm. lud mich ein, ebenfalls zu kommen, aber ich glaube, daß es für mich zu anstrengend sein wird. Ich pflanzte heute im Garten sechs Rabarberknollen ein u. war davon so angestrengt, daß ich den Rest des Tages nichts mehr tun konnte. Zum Glück tat ich das erst nach dem Essen, sodaß ich wenigstens am Vormittag gemalt habe. Das Bild „Aufbruch“ wird durch u. durch umgearbeitet, es wird ein völlig neues Bild.
Abends packte Fritz die Pakete aus, die der Inhalt des Care-Paketes waren. Es sind schöne Sachen, die die Amerikaner als Selbstverständlichkeit ansehen, – für uns sind es seltene Kostbarkeiten.
[12]Ein schöner Sonntag! Der erste schöne Frühlingstag, der nun endlich das Eis auf dem Meere zerteilt hat, sodaß man größere Flächen Wasser sieht. Mittags aß Dr. Longard mit uns, er brachte eine Flasche Weißwein mit, die wir aber aufhoben zu Martha's Geburtstag. Nach dem Essen zeigte ich ihm Bilder, die er ganz verständig aufnahm.
Um 5 Uhr kam Dr. Rudlof, den ich zuerst zum Grabe von Frau Longard führte. Um 6 Uhr war dann Hochamt im Seezeichen, sehr gut besucht. Dr. R. ist ein schlechter Prediger, ungeschickt in seinen Gesten u. banal in dem, was er sagt, aber er meint es sehr ehrlich u. vielleicht wird er von den einfachen Leuten auch gut verstanden. Ich ministrierte wie stets u. war voll Andacht, die sich besonders bei der Kommunion steigerte. Dr. R. wollte sofort wieder nach Ribnitz fahren, doch nötigten wir ihn, rasch mit uns zu Abend zu essen.
In der Nacht befiel mich ein heftiger Durchfall, der auch am Tage noch andauerte, doch hoffe ich, durch reichlichen Genuß von Kohle morgen wieder in Stand zu sein. Tags über fühlte ich mich infolge dessen nicht sehr wohl, aber jetzt am Abend habe ich mir einen kräftigen Grog gebraut von echt französ. Arrak, von dem wir noch eine halbe Flasche haben, dazu eine englische Zigarette aus dem Care-Paket. So läßt sich der Abend gut ertragen.
Wir aßen heute abends zum ersten Male wieder im Seezimmer, wo es ganz schön warm war, aber der Anblick des Meeres, auf dem immer noch sehr viel Eis schwimmt, ist trostlos.
Seit 2 Tagen blühen die Krokusse im Garten.
Bei warmem Südwind ist heute das Meer –, wenn auch noch nicht ganz eisfrei –, so doch wenigstens am Ufer eisfrei geworden.
Von Schw. Gertrud Dobczynski ein Brief u. Dank für das Geld, das ich ihr für die Bücher geschickt hatte.
Walter Papenhagen arbeitet seit einigen Tagen in der BuStu., wo wir einen großen Ausstellungsraum für Bilder herrichten lassen.
Gestern Nachmittag war Triebsch wieder bei mir. Ich erteilte ihm zuerst Firm=Unterricht, worum P. Beckmann mich gebeten hatte, was eine Stunde in Anspruch nahm u. hielt ihm dann noch eine Stunde lang Vortrag über die Mutter Jesu. – Abends waren Paul u. Grete bei uns, langweilig wie immer. Diese Menschen, die ihr Leben lang nur an ihren Bauch gedacht haben, sind nun jetzt wirklich völlig beschäftigungslos, denn sie haben nichts mehr zu essen. Es geht ihnen wirklich schlecht. Martha gibt ihnen, so viel sie kann, aber es ist ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich hatte deshalb an Else geschrieben u. ich hörte gestern von ihnen, daß Else Paul eingeladen hat, nach Völpke zu kommen.
Heute ist das Wetter wieder kalt, regnerisch u. ziemlich stürmisch geworden mit dem Erfolg, daß seit heute nachmittag endlich das Eis vom Meere verschwunden ist.
[13]Heute habe ich das Bild „Aufbruch“ fertig gemalt. Es ist sehr stark verändert sehr viel geschlossener, monumentaler u. abstrakter, eigentlich ein völlig neues Bild, wenngleich in der Gesamtkomposition nichts geändert ist.
Der starke Seegang hat nun endlich die letzten Reste des Eises vom Meer weggespült, heute war der erste eisfreie Tag. Dennoch ist es recht kalt u. man friert. – Im Garten noch zwei Rabarberstauden auf das untere Beet vor dem großen Hause gepflanzt. Frau Rewoldt brachte 8 Eier u. wollte Rat haben wegen ihrer Ablieferungspflicht an Milch.
Den ganzen Tag an einem Entwurf über die letzten Tage der Frau Longard geschrieben, den Dr. Longard an seine Geschwister senden möchte. Sonst nur noch ein Flaschenschild gezeichnet für eine Flasche Schnaps, die Dr. Birkenfeld von uns zu seinem 50. Geburtstage am 26. Mai bekommen soll zusammen mit 50 Kartoffeln.
Nachmittags 4 Uhr war im Seezeichen eine Sitzung des Kulturbundes. Fritz leitete die Sitzung als zweiter Vorsitzender, da Frau Holtz, die erste Vorsitzende, nicht da war. Fritz machte das ganz ausgezeichnet. Er war sehr sicher u. sehr sachlich, sodaß ich eine rechte Freude über ihn hatte.
Ich verwendete den ganzen Tag auf die endgültige Abfassung u. Reinschrift des Berichtes über die letzten Tage der Frau Longard. Der Bericht ist fünf doppelseitig beschriebene Bogen stark geworden.
Die Wirkungen der Moskauer Konferenz, die in dieser letzten Woche so gut wie ergebnislos geschlossen worden ist, fangen bereits an, sich langsam abzuzeichnen. Es scheint zu einer Verständigung der Engländer u. Amerikaner mit Frankreich gekommen zu sein, die eine Isolierung Rußlands zur Folge haben muß, andererseits zu einem engeren Zusammenschluß der drei westlichen Zonen. Damit dürfte dann eine noch stärkere Betonung der Elbgrenze verbunden sein u. es wird sich nun zeigen müssen, ob dies zu einem endgültigen Auseinanderbrechen Deutschlands in eine östliche u. eine westliche Hälfte führen wird. Auf jeden Fall müssen wir die Uneinigkeit zwischen Ost u. West bezahlen. Der 1. Mai, zu dem man nun in Moskau rüstet, wird vermutlich dort allerhand Dinge mit sich bringen, die die Spannungen noch vergrößern werden. Jedenfalls sieht alles düsterer aus denn je.
Herr Radder aus Wustrow war mit seiner kleinen Frau bei mir. Er kam im Auftrage von P. Beckmann, der mich bitten läßt, ihm Firmunterricht zu erteilen, damit er am 8. Mai gefirmt werden kann. Ich habe ihn für morgen Nachmittag bestellt. Er war mit seiner Frau über Ostern in deren bayrischer Heimat u. hat dort alle Osterfeierlichkeiten erlebt. Er ist sehr begeistert davon – ich beneide ihn deshalb.
[14][14] Nachmittags Herr Radder zum Firmunterricht. Er ist ein schlichter u. braver Katholik geworden.
Morgen früh fährt Martha mit Fritz nach Berlin. Sie machen in Schwerin Station, wo eine sog. Industrie-Ausstellung stattfindet.
Von Ruth Laub wieder ein Paket aus Amerika mit Kleidungsstücken, Tee, zwei Stück Seife u. sehr gutem Tabak.
Von Else ein ausführlicher Brief als Antwort auf meinen letzten. Der Vikar dort hat ihr das Buch von Karl Adam: „Wesen des Katholizismus“ geliehen, von dem sie sehr angetan ist.
[14][14] Um 5 Uhr früh aufgestanden, gleich nach 6 Uhr fuhr der kleine Omnibus von Johannsen ab. Es war hier kein großer Andrang, sodaß alle Reisenden bequem Platz hatten. Es war kalt u. es regnete etwas.
Vormittags las ich in dem Buch „Jesus Christus“ von Guardini, das ich schon längere Zeit besitze, ich weiß garnicht, woher. Ich habe es bisher nicht gelesen. Es ist nicht sehr leicht, man muß schon arbeiten, aber es ist ganz hervorragend. Das Christusbild des hl. Paulus ist wunderbar herausgearbeitet u. vertieft das Verständnis sehr. – Später habe ich dann etwas gemalt, es war morgens zu kalt dazu. Ich habe das kleine Bild „Die Zote“ vorgenommen, u. ich werde ein ganz neues Bild daraus machen, es war, wenn auch stilisiert, doch viel zu naturalistisch.
Frl. v. Tigerström ist mit nach Schwerin gefahren u. hat mir leider ihren Bruder hiergelassen, der seit dem Sonntag bei ihr zu Besuch ist u. der mich durch seine Existenz im Hause stört, wenngleich ich ihn sonst auch kaum sehe.