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TBHB 1948-04-11

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Hans Brass
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Titel: TBHB 1948-04-11
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Entstehungsdatum: 1948
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Originaltitel: Birkenwerder, Sonntag 11. April 1948.
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Ungekürzte Tagebuchaufzeichnungen vom 11. April 1948
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Einführung

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Der Artikel TBHB 1948-04-11 zeigt die ungekürzten Tagebuchaufzeichnungen von Hans Brass vom 11. April 1948. Diese Aufzeichnungen erstrecken sich über drei Seiten.

Tagebuchauszüge

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[1]
Birkenwerder, Sonntag 11. April 1948.     

[1]      Gestern trafen Martha u. ich uns gegen 1/2 1 Uhr in Pankow bei Erzpriester Feige, der nun geistlicher Rat ist u. „Herr Rat“ angeredet wird. Es ist dort ein sehr schönes Pfarrhaus mit großer Pfarrer-Wohnung. Der Herr Rat selbst war nicht sehr verändert seit damals, [2] als er in Ahrenshoop war, nur war er, wie mir schien, noch um einen Grad würdiger u. imponierender. Ich wußte noch von P. Beckmann, der es mir s. Zt. erzählt hatte, daß Pfr. Feige auf seinem Schreibtisch eine heillose Unordnung hat aber nun sah ich, daß diese Unordnung überall herrscht. Im Bücherschrank lagen alle Bücher wild durcheinander, auf allen Möbeln lagen Bücher, Schriften usw. dazwischen eine große Schale mit etwa einen Dutzend Tabakspfeifen, auf einem kleinen Tisch Schriften u. oben darauf das Birett. Er selbst trug die lange Soutane u. darüber einen Mantel, denn es war kalt u. das Zimmer ungeheizt. Er plauderte in derselben ruhigen, freundlichen Weise wie früher, überaus herzlich u. gewinnend. Wir sprachen von meiner Ausstellung u. ich gab ihm den Prospekt. Er hatte bereits mit Pfr. Melchior Grossek über mich gesprochen u. sagte mir, daß dieser meinen Besuch erwarte. Er meinte auch, daß ich ihn unbedingt zum Presse=Empfang einladen solle. Ich werde deshalb morgen nach Lichterfelde fahren u. ihn besuchen. Er erzählte u. a., daß seine Kirche ziemlich arg vom Kriege mitgenommen worden sei, aber nun ist alles wieder fast ganz in Ordnung. Die größte Schwierigkeit sei gewesen, das Kupfer für die Neueindeckung des Kirchturms zu erhalten. Er habe dafür 24 Centner Kupfer gebraucht, das zu erhalten einfach aussichtslos gewesen sei. Er habe, wie er sagte, diese aussichtslose Sache dem hl. Joseph anvertraut, der ja, wie er meinte, als Zimmermann gewissermaßen Fachmann für diese Sache sei. Und siehe: eines Tages kommt ein Herr zum Pfarrer u. bietet ihm elektr. Glühbirnen für die Kirche an. Der Pfarrer konnte diese gut gebrauchen aber wichtiger war ihm das Kupfer, das er zwar von diesem Herrn auch nicht bekommen konnte, jedoch bemerkte er gesprächsweise diese Sache. Nach einigen Tagen kam der Herr wieder u. fragte, wieviel Kupfer der Pfarrer gebrauchte, er könne ihm vielleicht etwas besorgen. Der Pfarrer sagte, er brauche 24 Centner, aber das sei ja umöglich, er wäre indessen auch schon mit 5 Centnern zufrieden. Der Herr meinte, daß sich das vielleicht machen ließe u. begab sich dann zu jenem dritten Herrn, der vielleicht Kupfer besaß. Diesem gegenüber getraute er sich auch nicht, von 24 Centnern zu sprechen u. sagte deshalb: 20 Centner. Der Kupfermann überlegte u. meinte, daß der Pfarrer ja doch viel Abfall haben würde, wenn er 20 Centner verarbeiten wolle, dann müsse er eben 24 Centner haben, u. diese wolle er ihm verschaffen u. zwar zu normalem Preise in Friedenszeiten. So ist der Pfarrer zu seinem Kupfer gekommen. – Diese Geschichte hat mich höchst erfreut, da ich doch selbst seit längerer Zeit zum hl. Joseph u. zur hl. Theresia besonders bete, wie auch zu meinem hl. Schutzengel. Und nun bin ich täglich zur hl. Messe im St.-Josephsstift, dessen Schutzpatronin die hl. Theresia ist u. bringe dort täglich meine Gebete diesen beiden Heiligen ganz persönlich dar. Sie werden mir ganz bestimmt helfen. –

     Von Pfr. Feige holte uns Robert Schneider mit dem Auto ab. Wir fuhren in dessen Wohnung, die ebenfalls in Pankow liegt, direkt gegenüber seiner Fabrik, wo Draht- u. Hanfseile hergestellt werden, eine ziemlich große Anlage mit z. Zt. 100 Arbeitern. Schneiders bewohnten eine schöne Villa, in der jetzt Russen hausen. Auch Joh. R. Becher, Wilhelm [3] Piek u. andere Bonzen der SED. wohnen in den Villen in Pankow da diese ziemlich unzerstört geblieben sind. Schneiders jetzige Wohnung ist ein kleines Vierzimmer-Häuschen. Beide Schneider sahen recht angegriffen aus, besonders aber die Frau, die sehr mager geworden ist. Wir wurden zu einem sehr guten Essen eingeladen u. blieben auch noch zum Kaffee, natürlich echter Bohnenkaffee, zu dem es eine erstaunliche Torte gab. Auch Cigarren u. Cigaretten bot Herr Sch. an. Nach dem Kaffee wollten wir gern die Fabrik besichtigen, da erscholl die Hausklingel. Herr Sch. ging, um zu öffnen, kam aber sogleich nochmals zurück u. sagte durch den halb geöffneten Türspalt: „Achtung, Russen!“ – Frau Sch. wurde weiß wie Kalk u. fing an zu zittern. Wir beseitigten rasch den Kaffee u. den Kuchen, die noch auf dem Tisch standen u. beobachteten dann durchs Fenster, daß Herr Sch. mit zwei russischen Majoren, die in einem schnittigen Auto gekommen waren, in die Fabrik ging. Nach etwa 10 Minuten bangen Wartens sahen wir erleichtert, daß alle drei Herren wieder herauskamen, offenbar in freundschaftlicher Unterhaltung. Der eine Major gab seinem Schofför eine große Rolle Seil. Die Offiziere verabschiedeten sich u. fuhren im Auto davon Herr Sch. kam wieder zu uns u. sagte, daß die Offiziere, von denen er den einen schon lange als ziemlich netten Menschen kannte, nur diesen Hanfstrick haben wollten. – Wir atmeten alle erleichtert auf u. sahen uns nun die Fabrik an, die am Sonnabend-Nachmittag still lag. Es war sehr interessant, eine solche Anlage zu sehen u. erklärt zu bekommen. – Inzwischen fing es an, dämmerig zu werden u. Herr Sch. wollte uns im Auto zum S=Bahnhof fahren; aber er kam wieder zurück u. sagte, es sei Polizei da. Er ging wieder fort. Wir hörten dann ein Auto fortfahren. Herr Sch. kam wieder u. sagte zu uns: „Rasch ins Auto wir fahren gleich“. Frau Sch. war wieder furchtbar aufgeregt. Auf der Fahrt zum Bahnhof saß ich neben Herrn Sch. u. fragte ihn nach Einzelheiten. Er sagte, es sei ein Auto dagewesen mit russischer Polizei u. mit einem deutschen Polizeibeamten, sie seien dann aber wieder fortgefahren, ohne zu sagen, was sie wollten. Herr Sch meinte, daß es für ihn vielleicht das Klügste sei, wenn er sofort flüchtete, denn er müsse fürchten, in der Nacht verhaftet zu werden. Er vermutet, daß es sich um eine Aktion handelt mit dem Ziel, ihm die Fabrik fortzunehmen u. aus dieser einen sogen. „Volkseigenen Betrieb“ zu machen, wie es ja jetzt überall in der russischen Zone geschieht mit den Betrieben, die mehr als 50 Arbeiter beschäftigen. Er ist längst jeden Tag darauf gefaßt. – So endete dieser Tag, der uns einen lebendigen Einblick gab in die allgemeine Unsicherheit, unter der das ganze Leben in der Ostzone steht. Ich kann mir nun denken, wie nervös alle diese Menschen sind, die noch einen Betrieb haben. Berlin ist daher voller Gerüchte u. niemand fragt mehr, ob es Krieg geben wird, oder nicht, sondern man fragt nur noch, wann der Krieg ausbrechen wird. Und man wünscht es lieber heute als morgen. –

     Heute früh in der Kirche zelebrierte wie immer der sympathische alte Hausgeistliche aber der Pfarrer der Gemeinde Birkenwerder (Später stellte ich fest, daß dies der Pfarrer garnicht war, sondern ein fremder Geistlicher.), den ich zum ersten Male sah, hielt eine höchst flache Predigt.