TBHB 1948-12-30
Einführung
[Bearbeiten]Der Artikel TBHB 1948-12-30 zeigt die ungekürzten Tagebuchaufzeichnungen von Hans Brass vom 30. Dezember 1948. Diese Aufzeichnungen erstrecken sich über drei Seiten.
Tagebuchauszüge
[Bearbeiten][1] Gestern war es den ganzen Tag so dunkel, daß ich nicht arbeiten konnte. Zum Nachmittag waren wir bei Rechtsanw. Weiß u. seiner Frau eingeladen. Sie wohnen in Charlottenburg in der Badenallee u. wir mußten hier um 13 Uhr fortfahren um gegen 5 Uhr dort zu sein. Der Frost vom Dienstag war geschwunden u. es regnete den ganzen Tag.
Als wir zu Weißens kamen, hatte Frau W. zuhause bei sich angerufen, sie ließ sich entschuldigen, sie käme etwas später. Er, Weiß, war so wie so im Dienst, er ist irgendetwas in der Zentral=Justizverwaltung im russischen Sektor, wohnt selbst aber bemerkenswerter Weise im Westsektor. Als Frau W. dann kam, war sie überaus liebenswürdig, wie es ihre Natur ist. Sie ist wirklich eine sehr sympatische Frau mit großen u. markanten Gesichtszügen, wohingegen er nichts weiter ist als ein gewöhnlicher Rechtsanwalt oder Beamter, aber ein anständiger Kerl. Frau W. ist maßgebend an einer Vereinigung beschäftigt, die sich „Helmuth v. Gerlach=Gesellschaft“ nennt u. die sich die Aufgabe gestellt hat. für die Verbreitung internationaler Geisteskultur bemüht zu sein. Es scheint, daß das Hauptaugenmerk auf Polen gerichtet ist. Wir kennen in der Tat in Deutschland so gut wie nichts von polnischer Geisteskultur, wie wir ja seit 1933 überhaupt fast ganz vom europäischen Geistesleben abgeschlossen sind. Diese Gesellschaft hat sich also eine höchst nützliche Aufgabe gestellt. Frau W. wird dafür sorgen, daß wir von jetzt ab zu allen Veranstaltungen der Gesellschaft eingeladen werden.
Frau W. ist eine sehr lebendige u. aktive Frau. Herr W. ist richtiger Kommunist, während sie offenbar nicht durchaus mitgeht, sich aber ehrlich mit den Problemen auseinandersetzt Solche Menschen sind natürlich von vorn herein sehr sympatisch. Wir kamen auch auf meine Wohnungsnot zu sprechen, wegen der ich seit der scharfen Auseinandersetzung –, oder vielmehr seit der üblen Affaire mit dem Sägemehl – dem hl. Joseph unablässig in den Ohren liege. Frau W. ist nun der nicht abzuweisenden Ansicht, daß meine Wohnung in Birkenwerder für mich [2] sehr ungünstig läge da die Entfernung viel zu weit ist. Niemand kommt zu mir u. auch ich komme nur sehr schwer u. mit riesigem Zeitaufwand zu Leuten, die mir wichtig u. nützlich sein können. Sie behauptete, daß die Wohnungsfrage in der dortigen Gegend kein großes Problem sei, es gäbe genug Angebote nur die leidige Zuzugsgenehmigung ist schwer zu erlangen. Herr W. ist nun gleich anfangs Mai 1945 Bezirksbürgermeister in Berlin=Mitte gewesen u. hat dort in der Verwaltung angeblich genug gute Freunde, die mich unterstützen würden. Als später Herr W. selbst kam, meinte dieser, daß es gut wäre, wenn ich mich in erster Linie des Wohlwollens des Herrn Willmann versichern könnte. Dieser war bisher Geschäftsführer der Zentralverwaltg. des Kulturbundes u. ist seit kurzer Zeit, der maßgebende Mann für alle kulturellen Belange im Ostsektor Berlins. Ich kenne ihn nicht, aber Martha kennt ihn gut, da er Gast in Ahrenshoop war u. dort die Kulturbund-Hetze der Herren Joh. R. Becher u. Konsorten gegen micht nicht mitgemacht hat. Herr W. meint, wenn Martha von diesem Mann ein Schreiben erlangen kann, daß meine Anwesenheit in Berlin für das kulturelle Leben von Bedeutung sei, dann würde ich überall im Ostsektor die Zuzugsgenehmigung mühelos bekommen. – Freilich eben nur im Ostsektor.
Wir werden auf jeden Fall diesen Versuch machen. Zwar tut es mir leid, Birkenwerder u. das Karmelitenkloster dann aufgeben zu müssen, aber es ist zweifellos richtig, daß ich hier in künstlerisch-wirtschaftlicher Beziehung falsch am Platze bin. In dieser Beziehung war ich in Ahrenshoop viel besser daran. Nur in religiöser Beziehung ist es hier besser, aber es kann ja auch sein, daß ich im Ostsektor Berlins ebenfalls eine Wohnung finde, die dieselben Vorteile bietet. Jedenfalls werde ich, diesem Wege nachgehen, vielleicht ist es ein Fingerzeig Gottes u. der hl. Joseph steckt dahinter.
Wir waren überaus angeregt durch Weißen's u. kamen erst gegen Mitternacht wieder zuhause an. Heute früh gingen wir darum nicht zur Frühmesse. Auch sollte heute früh Meister Köpke kommen, um das Ofenrohr des Ofens fest zu machen, das locker saß u. einen ewigen Anstoß für Alice bildete. Es mußte das geschehen, ehe der Ofen geheizt wurde. Meister K. erschien auch pünktlich mit seinem Sohn u. brachte die Sache in Ordnung. Wir besprachen bei dieser Gelegenheit mit ihm, wie ich eine andere Ungelegenheit vermeiden könne, nämlich die Erschütterung, die das Feststampfen des Sägemehles verursacht u. wegen der Wendt's Angst haben, daß ihr Haus zusammenfallen könnte. Meister K. empfahl mir, einen Einsatz für den Ofen zu machen, der unten im Garten mit Sägemehl gefüllt u. festgestampft wird u. dann einfach in den Ofen hineingesetzt wird. Obwohl ich dagegen einzuwenden habe, daß dieser Kasten für mich zu schwer sein wird, um ihn jeden Morgen die Treppen heraufzuschleppen, ließ ich mich doch um des [3] lieben Friedens willen darauf ein. Schon am Nachmittag schickte mir der Meister den Kasten mit seinem Sohn. – Martha ist heute Nachmittag nach Steglitz zum Wirtschaftsberater Dr. Birkenfeld gefahren u. ich benutzte, die Dämmerstunde, um den Ofeneinsatz im Garten zu füllen u. zu stampfen u. heraufzuschleppen. Er ist schon recht schwer, wie ich gefürchtet habe, aber doch nicht so schwer, daß ich ihn nicht allein schleppen kann. Auf jeden Fall ist dadurch Anlaß zu Aerger u. Beschwerde vermieden u. das ist die Hauptsache. Morgen früh habe ich es dafür um so leichter, ich brauche nur den Kasten in den Ofen zu setzen, während ich bisher täglich fünf Eimer voll Sägemehl heraufschleppen mußte, was ja auch keine geringe Mühe war.
Heute war naßkaltes Schnee-und Schlabber=Wetter. Ich versuchte, zu malen, kam aber nicht voran.