TBHB 1949-10-25
Einführung
[Bearbeiten]Der Artikel TBHB 1949-10-25 zeigt die ungekürzten Tagebuchaufzeichnungen von Hans Brass vom 25. Oktober 1949. Diese Aufzeichnungen erstrecken sich über drei Seiten.
Tagebuchauszüge
[Bearbeiten][1] Gestern Nachmittag war also Fritz hier. Ich hatte, wie ich mir vorgenommen hatte –, eine sehr lange u. ernste Unterredung mit ihm, die allerdings völlig einseitig vonstatten ging, indem ich ihm einen gut einstündigen Vortrag hielt über seine Unzulänglichkeiten. Fritz selbst begnügte sich, zuzuhören, ohne ein Wort des Einwandes oder der Erwiderung. – Ich ging aus von seinem Erlebnis mit Frl. Dr. Bieschke u. bemühte mich, ihm klar zu machen, welch minderwertige Rolle er selbst dabei gespielt habe. Ob er das verstanden hat, weiß ich nicht. Von da aus sprach ich dann über seine ganze unernste u. verspielte Lebenshaltung in allen Dingen. Ich hielt ihm sein passives Verhalten während meiner Krankheit vor, welches nur ein Spiegelbild ist seines immer geübten passiven Verhaltens gegenüber allen Unannehmlichkeiten des Lebens überhaupt. Ich bemühte mich sehr, ihm klar zu machen, wohin eine solche
[2] Lebenshaltung auf die Dauer führen müsse, nämlich zu einer hoffnungslosen Vereinzelung des eigenen Ich's u. zum endlichen trostlosen Untergang in dieser Vereinzelung. Ich versuchte, seine Gedanken hinauszuführen aus der augenblicklichen, konkreten Gegenwart u. ihm zu zeigen, was aus ihm werden würde, wenn er 20 Jahre älter sein, also 60 Jahre alt sein würde, falls er sich nicht bis dahin aus seiner selbstverliebten Ichsucht gelöst haben würde. – Ich habe sehr eindringlich u. ernst gesprochen, jedoch spürte ich keinen Wiederhall. Er sprach, kein Wort. – Nun, wenn er wenigstens zugehört hat –, u. das hat er –, dann mag das, was ich ihm gesagt habe, schließlich, doch einmal Frucht tragen –; aber leider habe ich nur sehr geringes Zutrauen. – Nach der langen Predigt tranken wir Kaffee, wobei er ganz vergnügt u. aufgeräumt war. Vielleicht war das so, weil er froh war, meinem, weiteren Redefluß entronnen zu sein. Immerhin stellte er in Aussicht, noch etwas länger in Berlin zu bleiben u. dann am Freitag nochmal zu mir zu kommen.
Ueber mein Leben der letzten Wochen habe ich leider keine Notizen mehr gemacht u. ich bin auf mein Gedächtnis angewiesen, das aber durch Fieber u. Krankheit sehr geschwächt ist. – Aus den ersten Tagen meines Aufenthaltes hier im Sanatorium, weiß ich nur undeutlich, daß der hiesige Pfarrer mich besuchte, daß Herr Dr. Sinn u. sein Neffe Dr. Kluth sehr besorgt um mich waren u. daß Martha eine oder vielleicht auch mehrere Nächte hier bei mir war. Ich wurde dann auf eine Bahre gelegt u. im Krankenauto ins Krankenhaus geschafft.
Das Krankenhaus St. Joseph in Potsdam ist im Verhältnis zum Hedwigs-Krankenhaus sehr klein u. fast gemütlich. Vom Operationsbetrieb merkt man fast nichts. Es wird von denselben Schwestern geleitet wie das Hedwigs-Krankenhaus, von Borromäerinnen; aber meine Stationsschwester, eine große, grobschlächtige Person von etwa 50 Jahren, war gänzlich uninteressiert daran, eine Pflege meines religiösen Hungers zu tun. Ich wandte mich schließlich an den jungen Stationsarzt u. sagte ihm, daß mein körperliches Leiden ja zweitklassig u. überdies nun schon im Abklingen sei, daß mir aber eine seelische, geistliche Hilfe dringend notwendig sei, damit ich innerlich wieder zum Lebenswillen zurückkäme, der mir in bedenklicher Weise abhanden gekommen sei. Er versprach mir, den Pfarrer zu senden.
Dieser kam dann auch sogleich, jedoch fand er nicht einen einzigen Gedanken, mich wieder mit Lebenswillen zu erfüllen. Er versagte als Seelsorger vollkommen u. kam auch nicht ein zweites Mal wieder, außer des Sonntags, um mir u. anderen die hl. Kommunion zu bringen. – Und nun geschah etwas Merkwürdiges, was mir die seltsame Arabeskenhaftigkeit der Wege Gottes recht bewußt machte.
[3] Martha hatte, ohne mein Wissen, mit Dr. Minnigerode über meinen Zustand gesprochen. Dieser sehr kluge Mann erkannte, was mir notwendig war u. suchte in Caputh meinen Kollegen Magnus Zeller auf, um ihn zu veranlassen, mich zu besuchen.
Mit M. Zeller war ich persönlich garnicht bekannt, wir hatten aber einmal kurz miteinander korrespondiert, zu einer Bekanntschaft war es bisher nicht gekommen. M. Zeller machte sich aber sofort am folgenden Tage, als Dr. Minnigerode mit ihm gesprochen hatte, auf den Weg zu mir.
Er erzählte mir, daß er am Abend vorher im Museum gewesen sei, wo eine Kunstausstellung in Vorbereitung ist. Zu dieser Ausstellung hatte Martha in diesen Tagen meiner neuerlichen Erkrankung fünf von meinen farbigen Zeichnungen, die sie mit Hilfe von Kesting ausgewählt hatte, gebracht. Es war das bisher nur halb in mein Bewußtsein gedrungen. Nun sagte Zeller, der zur Jury gehört, daß meine Bilder allgemein sehr gefielen u. daß man sie gut hängen werde. Außerdem sagte er mir, daß auch sonst noch allerhand für mich geschehen werde u. daß ich seiner Meinung nach grade jetzt im Begriff sei, endlich die mir gebührende Anerkennung zu finden.
Alles, was Zeller sagte, war darauf gerichtet, mir neuen Mut zu machen u. meine Gedanken vom Sterbenwollen wegzureißen. Wie weit das nun bloß gute Absicht von Zeller war, um mich aufzumuntern u. wie weit das, was er mir sagte, der Wirklichkeit entspricht, weiß ich natürlich bis heute noch nicht, aber die Wirkung seiner Worte war doch die, daß ich von diesem Augenblick an wieder Lebensmut schöpfte. – Was ich von einer Unterredung mit dem Pfarrrer vergeblich erhofft hatte, wurde mir durch Zeller zuteil. Von diesem Augenblick an ging es mit meiner Genesung wieder voran.
Im Krankenhause hatte man mich sehr
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