TBHB 1949-11
Einführung
[Bearbeiten]Der Artikel TBHB 1949-11 zeigt die ungekürzten Tagebuchaufzeichnungen von Hans Brass vom November 1949. Diese Aufzeichnungen erstrecken sich über 7 Seiten.
Tagebuchauszüge
[Bearbeiten][1] Gestern habe ich den Spaziergang über eine u. eine halbe Stunde ausgedehnt. Es geschah das nicht freiwillig. Ich erkundete neue Wege durch den Wald, die nachher viel länger waren, als ich erwartet hatte. Ich kam sehr müde zurück. Unterwegs begegneten mir zwei russische Soldaten, von denen der eine mich höflich militärisch grüßte. – Abends aß ich mit Dr. Sinn, da seine Frau in Berlin im Theater war. –
Heute bin ich noch sehr müde von gestern u. bin trotz schönem Wetter nicht spazieren gegangen. Es ist kalt im Zimmer u. ich habe mir einen Sessel mit Tisch an den Ofen gerückt. – Ich fühle mich nicht besonders wohl. Bisher habe ich morgens u. abends je 2 Tabletten [2] Urotropin genommen, dazu 3x am Tag Beerentraubenblätter Tee. Seit heute will der Doktor, daß ich ein anderes Medikament nehme, 3 mal am Tage je 2 Tabletten. Es ist das, weil der Urin immer noch trübe ist. Diese neuen Tabletten sind gegen Bakterien im ganzen Körper, während Urotropin nur die Blase angeht.
Ich sitze in Decken gehüllt am Ofen u. lese „Die sieben Säulen der Weisheit“ von Lawrenze.
(Das neue Medikament heißt, glaube ich, Albucin).
Am Dienstag nachmittag wurde ich so müde, daß ich, am Ofen sitzend, im Sessel einschlief. Als ich wieder erwachte, fühlte ich mich garnicht wohl –, mir war schon vorher nicht wohl gewesen, doch hatte ich das nicht beachtet. Ich legte mich sofort, ins Bett u. stellte fest, daß ich 38° Temperatur hatte, dabei keinerlei spürbare Anzeichen einer Erkältung oder sonstiger Erkrankung, außer diesem allgemeinen, unbestimmten Unwohlsein. Der Doktor kam gleich u. war sehr besorgt um mich, versicherte mir aber, daß es nichts Schlimmes sein könne u. daß ich mir keine Gedanken zu machen brauchte. – Nun, das tue ich nun doch, u. zwar grade deshalb, weil ich sonst keine Symptome einer Krankheit entdeckte, außer Appetitlosigkeit. Hätte ich einen Schnupfen gehabt, wäre ich beruhigt gewesen.
Am nächsten Morgen war das Fieber wieder verschwunden, ich hatte gut geschlafen. Der Doktor verordnete mir trotzdem einen Tag Bettruhe. –
Ich bekam zwei Briefe, von Martha u. von Else. Letztere teilt mir mit, daß ihr Mann nach einem zweiten Anfall von Angina pectoris ins Krankenhaus nach Magdeburg transportiert worden sei. Das sieht ernst aus u. man muß auf alles gefaßt sein. – M. schreibt den ersten Brf. aus Regensburg, datiert vom 29. Okt. – Er hat also fünf Tage gebraucht, für heutige Verhältnisse ist das wenig. – Es scheint, daß sie die Unruhe u. Last des Sommers allmählich los wird u. sich wieder findet. Vor allem widmet sie ihrer Gesundheit die unbedingt nötige Aufmerksamkeit. Sie teilt mir mit, daß Ruth damals, als sie von Prof. Straßmann operiert worden war, mit ihm gesprochen hätte. Er hatte gesagt: „Von 100 Fällen sind solche Sachen 99 mal Krebs, aber Ihre Mutter hat keinen Krebs! – Diese Diagnose erschreckt mich trotzdem, ich werde heute mit Elisabeth, die wohl kommen wird, darüber sprechen. M. wird sich nun zuerst nochmals von einer Frauenärztin gründlich untersuchen lassen, vielmehr wird dies schon geschehen sein u. dann will sie noch außerdem zu einem Facharzt für innere Krankheiten gehen. – Gebe Gott, daß alles gut wird.
Gestern waren 12° Kälte, heute ist es etwas wärmer.
[3]Sonnabend früh wachte ich auch mit 388 Fieber, das den ganzen Tag über nur wenig runterging. Am Sonntag war's dasselbe. Ich ärgerte mich sehr, weil Frau Dr. Sinn sich zum Sonnabend-Nachmittag bei mir zum Kaffee angesagt hatte, worauf ich mich gefreut hatte. Ich fühlte mich sehr elend, aber ohne sonstige Krankheitssymptome. Am Sonntag kam Dr. Kloth u. gab mir eine intravenöse Spritze mit einem Präparat, das er noch in alten Beständen hatte. Morgen will er es wiederholen. Es soll die Bazillen vertreiben. Na schön! –
Nachmittags gestern war Elisabeth Bieschke da, die mir ihren Lebenslauf berichtete. Heute früh war das Fieber fort. Ich blieb bis mittags im Bett, stand dann auf u. schrieb Briefe an Martha, Else u. an Frau Anneliese Voss aus Potsdam, mit deren Mann ich im Krankenhaus gelegen habe u. dessen Schuhe ich wahrscheinlich aus Versehen mitgenommen habe. Sie sandte mir deshalb vor einigen Tagen einen Brief durch Boten.
Auch gestern u. heute völlig fieberfrei u. außer Bett, es scheint also, als wäre diese Gefahr wieder überwunden.
Brief von Martha. Sie ist am 4.11. mit Ruth bei einer Frauenärztin zur Untersuchung gewesen, die ergeben hat, daß die Rückenschmerzen vom Steißknochen ausgehen. Es soll eine Röntgenaufnahme gemacht werden. Merkwürdigerweise kein Wort von dem, was Elizabeth gefunden haben will, nämlich von einem Fremdkörper oder einen Myom u. von eiterigem Ausfluß. –
Brief von Fritz, der mir Zeitschriften u. einige Cigarillos schickt. Die Abreibung letzthin scheint doch gute Wirkung gehabt zu haben, wenigstens im Augenblick, lange wirds nicht vorhalten.
Er war auf der Rückreise in Güstrow. Ehlers sitzt im Rollstuhl u. seine Frau liegt mit Typhus im Krankenhause. Der Mann wird vom Unglück verfolgt, er ist bedauernswert. Der Kulturbund in Schwerin hat ihm Zusatzverpflegung u. Geldunterstützung versprochen, aber nichts davon gehalten.
In Berlin hat Fritz noch am letzten Abend, mit Frau Weiss gesprochen, die mich anrufen will, um mir zu sagen, ob der Kulturbund Berlin mir einen Zuschuß bewilligen wird. Ich halte das für gänzlich ausgeschlossen.
In meinem Zimmer habe ich umgeräumt. Ich habe die Chaiselongue vom Fenster weg mehr ins Zimmer gestellt. Möglicherweise ist mein Fieber daher gekommen, daß ich tagsüber am Fenster lag. Zwar war [4] ich immer warm zugedeckt, aber das Fenster befand sich hinter dem Kopfende u. die Chaiselongue stand in einer sehr tiefen Fensterniesche. Jetzt steht sie so, daß mir die Kälte vom Fenster nichts mehr anhaben kann. Ich bin sehr froh, wieder liegen zu können.
Heute war auch Herr Voss hier u. holte sich seine Schuhe ab, die er gleich als sein Eigentum erkannte.
Gestern vergeblich auf Elisabeth gewartet, die heute anrief u. sagen ließ, daß sie morgen am Spätnachmittag kommen werde.
Heute Brief von Martha, nachdem mein Brief an sie grade abgegangen war. Es ist nun eine Röntgenaufnahme gemacht worden, sowie ein Blutbild. Auch jetzt hat sich die Diagnose Elisabeth's nicht bestätigt, von einem Fremdkörper oder einem Myom ist keine Rede, dagegen handelt es sich um das Steißbein.
Am 1. Dezember muß sie über die Grenze sein u. sie will den Zug München – Berlin benutzen, also nicht nochmals über Hamburg fahren. Das wäre also schon in 14 Tagen. Ich kann mir noch nicht vorstellen, daß ich bis dahin so weit bin, die schwierige Reise von hier nach Birkenwerder zu machen. Mit meinen Füßen wird es immer schlimmer, besonders der linke Fuß ist geschwollen u. tut sehr weh ich werde nicht einmal einen Lederschuh anziehen können, wenn der Fuß nicht abschwillt. Ich zeigte ihn heute morgen Dr. Sinn, der mich insofern beruhigte, als er sagte, es hätte das nichts mit Kreislaufstörung zu tun.
Dieser Brief von M. ist vom 9. Nov. datiert u. sie schreibt, daß sie bisher nur einen Brief von mir erhalten hätte. Diese Post-Unsicherheit in der russischen Zone ist schrecklich. –
Von Else bekam ich die kurze Nachricht, daß Ernst am 7. November verstorben ist. Ich hatte das erwartet. – Sie schreibt sonst nichts außer dieser Nachricht.
Gestern an Else geschrieben.
Elisabeth wollte gestern kommen, doch wartete ich vergeblich. Gegen Abend rief ein fremder Herr aus Potsdam an u. bestellte, daß Elisabeth dort gewesen sei u. meine Bilder aus der Ausstellung abgeholt habe; es sei dann zu spät geworden, noch hierher zu kommen, sie wolle heute kommen. Es ist rührend, welche Mühe sie sich um mich macht. – Damit ist also diese Potsdamer Ausstellung sang= u. klanglos vorübergegangen, ich habe nicht einmal irgend eine Besprechung in der Presse zu Gesicht bekommen, – von einem Verkauf schon garnicht zu reden. Auch hier werden wohl alle Versprechungen die man mir gemacht hat, im Sande verlaufen.
Nach dem letzten Fieberanfall hatte ich Unter-Temperaturen, die in den letzten Tagen langsam wieder anstiegen. Gestern Abend war mir nicht wohl, Appetitlosigkeit, 37° Temperatur. Nachts schlief ich verhältnismäßig gut, nachdem der Doktor mir gestern Abend ein neues Schlafmittel gegeben hat. Heute ist die Temperatur wieder auf 362 heruntergegangen.
Endlich an Herrn Michaelis geschrieben, mit dem ich in St-Hedwigs-Krankenhaus lag u. der gern als kaufmännischer Angestellter bei Monheim [5] ankommen möchte. Er sandte mir zu diesem Zweck schon Anfang Oktober seinen Lebenslauf u. Tätigkeitsbericht. Es wird schwer sein, ihn zu empfehlen, da es im Westen genug kaufmännische Angestellte gibt, wenngleich Herr Michaelis ein sehr zuverlässiger Mensch ist.
Gestern nachmittag u. abend war Elisabeth hier. Sie war besonders nett, brachte Cigarren u. Kaffee mit, da der meinige seit einigen Tagen alle war. Sie war gestern in Potsdam gewesen u. hatte meine Bilder aus der Ausstellung abgeholt u. hatte dort Kestings getroffen, so war es zu spät geworden. Sie brachte mir einen Katalog der Ausstellung mit u. sagte mir, daß in der Märkischen Volksstimme eine Besprechung der Ausstellung gewesen sei, in der ich auch erwähnt sei. Ich muß mir die Nummer kommen lassen.
Wir sprachen über Martha. Ueber Fritz gab sie mir die gute Idee, ich solle mir von ihm zu Weihnachten Fotos meiner Bilder wünschen. – Sie fragte nach meinem Fuß, von dem ihr Dr. Sinn, den sie draußen getroffen hatte, gesprochen hatte. Dr. Sinn weiß damit nichts anzufangen u. glaubt, daß es sich um die Sehnen handelt u. daß es von selbst wieder zurückgehen würde. Ich kann mir das nicht denken, da ich ja tatsächlich den ganzen Tag liege, der Fuß hat keine Veranlassung, geschwollen zu sein. Elisabeth bat mich, ihr den Fuß zu zeigen u. sie meinte, daß es sich um eine periphere Kreislaufstörung handele; die zwar kein Anlaß zu ernsten Besorgnissen abgebe, aber doch behandelt werden müsse. Sie sagte mir, daß sie schon längst einen ihrer Kollegen, der Spezialist für innere Krankheiten ist, über mein Krankheitsbild auf dem Laufenden hielte u. daß dieser, wenn ich wieder in Birkenwerder wäre, kommen würde, um mich gründlich zu behandeln. Ich war tief gerührt über diese Fürsorge. Jetzt läßt sich natürlich nichts tun, weil ein fremder Arzt nicht plötzlich dem Dr. Sinn ins Handwerk pfuschen kann.
Abends bekam Elisabeth wie stets hier wieder ihr Abendessen. Herr + Frau Dr. S. kamen herein u. wir unterhielten uns, Sinns mögen Elisabeth sehr gern. Elisabeth hat Alkohol u. wir verabredeten demnächst einen Schnaps-Abend zu dem Frau Sinn den Schnaps zubereiten will.
Am Sonnabend passierte mir das Mißgeschick, daß ich glaubte, es sei erst Freitag, weshalb ich mich nicht auf die hl. Kommunion vorbereitete. Um 10 Uhr erschien zu meiner Ueberraschung ein junger Herr, der sich als Kaplan vorstellte. Er entschuldigte den Pfarrer, der nach Berlin fahren mußte. Der Kaplan reichte mir dann die hl. Kommunion u. zwar in einer äußerst formlosen Weise. Er sprach nur die allernotwendigsten Gebete u. ehe ich mich's versah, war er schon wieder draußen. [6] Mit meinem Fuß geht es fortschreitend besser. Am Montag u. gestern machte ich kleine Spaziergänge von je einer halben Stunde. Auch sonst geht es gut. Es scheint, daß mein Körper allmählich so sehr vom Albucit durchtränkt wird, daß die Bazillen es vorziehen, von mir abzulassen.
Am Sonntag schrieb ich den letzten Brief an Martha, den ich durch West-Post befördern ließ, damit sie ihn noch bekommt. – Gestern zeichnete ich zum ersten Male ein Interieur meines Zimmers in Kreide.
Gestern erhielt ich die Belegexemplare der Märkischen Volksstimme über die Ausstellung in Potsdam, die ich angefordert hatte, aber ich bin mit keinem Worte darin erwähnt, ebensowenig wie Kesting, Hangeler, Magnus Zeller usw. Ich kann mich also damit trösten.
Elisabeth rief an, daß sie am Sonntag nach Birkenwerder fahren würde, um bei der Eröffnung der dortigen Ausstellung in meiner Vertretung dabei zu sein, sie wird dann am Montag oder Dienstag herkommen, um zu berichten.
Von Else erhielt ich Päckchen mit Traubenzucker u. 20 Cigaretten, von Fritz Reisemarken, die am 30.11. verfallen. Von Martha keine Nachricht.
Heute ist trübes Wetter u. ich spare mir den üblichen Spaziergang, der stets sehr müheselig ist, weil der Fuß immer noch sehr schmerzt. Außerdem bietet Babelsberg keine besonders schönen Spaziergänge. Der Wald sieht aus, als ob die Motten darin gewesen wären. Ueberall liegen verrostete Eimer, Benzintonnen u. sonstiger Unrat herum u. dazu giebt es eine große Masse sehr häßlicher Holzbuden, die mitten im Walde herumstehen, manchmal in ganzen Haufen. Alles macht einen sehr verwahrlosten Eindruck, auch die besseren Steinhäuser.
Heute in 4 Wochen ist hl. Abend.
Heute ist der Geburtstag von Frau Sinn. Ich habe ihr gestern eine Zeichnung gemacht so gut es ging, da ich nur Kreide u. Tinte habe Die Zeichnung stellt eine weibliche Figur dar, welche eben einen Raum durch eine offene Tür betreten hat u. im Begriff ist, denselben wieder durch eine andere Tür zu verlassen. Durch beide Türen sieht man eine weite Landschaft. Die eine Landschaft bedeutet die bisherigen Jahre von 0 bis 43, die andere von 44 an. Die ganze Sache ist nicht besonders gut geworden, hat aber doch offensichtlich eine sehr große Freude ausgedrückt. Frau Sinn hat mich vor Freude umarmt u. auch er drückte mir dankend die Hand. – Schon morgens um 7 Uhr war helles Lachen draußen zu hören. Dr. Sinn hatte eine Gans gekauft, die mit einer seidenen Schleife um den Hals in das Schlafzimmer von Frau S. hereingewatschelt kam.
Eben war der Pfarrer da u. brachte mir die hl. Kommunion.
Heute ist wieder gutes Wetter u. ich werde [7] über Mittag spazieren gehen müssen. Von Martha keine Nachricht, aber Dr. Sinn hat einen Brief von ihr erhalten, nach dem es ihr gut geht.
[7][7] Gestern bekam ich doch noch einen Brief von Martha. Sie scheint sich ja sehr zufrieden zu fühlen u. ruht sich gut aus. Am 1. Dez. fährt sie mit dem Zug München – Berlin, ist am, 2. Dez. hier u. wird wohl erst am 3. Dez. herauskommen.
Vormittags an Schw. Gislena im Krankenhaus St. Hedwig geschrieben, die damals, als ich fortging, nicht da war.
Sinn's sind gestern nach Berlin gefahren, wo Frau Sinn immer noch eine Wohnung hat, in der ihre Mutter wohnt. Dort war gestern große Geburtstagsfeier. Sie werden wohl erst heute Mittag zurück kommen.
[7][7] Gestern rief Elisabeth an, daß sie erst am Donnerstag kommen würde.