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TBHB 1950-10-31

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Textdaten
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Autor: Hans Brass
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Titel: TBHB 1950-10-31
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Entstehungsdatum: 1950
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Originaltitel: Dienstag, 31. Okt. 50.
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Ungekürzte Tagebuchaufzeichnungen vom 31. Oktober 1950
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Einführung

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Der Artikel TBHB 1950-10-31 zeigt die ungekürzten Tagebuchaufzeichnungen von Hans Brass vom 31. Oktober 1950. Diese Aufzeichnungen erstrecken sich über vier Seiten.

Tagebuchauszüge

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[1]
Dienstag, 31. Okt. 50.     

[1]      Gestern gegen 10 Uhr, kam M. zu mir u. blieb bis 5 Uhr nachm. Sie war in einem sehr schlechten u. bedauernswerten Zustande. Sie schläft, wie sie sagt, seit mehreren Wochen nicht mehr recht u. weint furchtbar viel, das muß sie natürlich elend machen, sie hält das auf die Dauer nicht aus. Ich behandelte sie deshalb wie eine Kranke, legte sie auf die Couch, deckte sie warm zu, gab ihr heißen Kaffee u. ein Pulver zur Beruhigung. Leider schlief sie aber nicht, sondern weinte. Schließlich stand sie wieder auf u. fing wieder an zu klagen, immer dieselben Sachen, die anzuhören eine fast unerträgliche Qual sind. Sie macht mir keine Vorwürfe u. bemüht sich, die Lage objektiv zu sehen aber das hindert ja doch nicht, daß sie entsetzlich unglücklich ist. Und für mich gilt die Tatsache, daß es mir gut geht. Ich bin gesund, meine Arbeit macht ausgezeichnete Fortschritte, mein Atelier ist wundervoll u. bis jetzt habe ich auch noch keine Geldsorgen. Dies alles aber bezahlt M. mit ihrem früheren, glücklichen Leben mit mir, an das sie so gewöhnt war, daß sie es als eine Selbstverständlichkeit hinnahm. – Und nun ist das alles aus. Sie sitzt einsam in Ahr., nur auf Fritz angewiesen, der nett u. aufmerksam gegen sie ist, aber doch nun auch darauf bedacht ist u. sein muß, daß er seine persönliche Freiheit M. gegenüber wahrt u. nicht wieder in die frühere Abhängigkeit von ihr gerät, von der er sich erst im vergangenen Jahre mit ziemlich schmerzlichen Kämpfen frei gemacht hat. Auch er hat ja seit seiner Rückkehr aus Krieg u. Gefangenschaft sehr unter dieser Abhängigkeit gelitten. M ist eben auf eine höchst naive Weise von je her die Dominierende gewesen, es ist das einfach ihre Natur. Dabei ist sie ehrlich überzeugt, daß sie mir gegenüber stets zuruckgetreten ist u. daß nur immer ich selbst im Vordergrunde gestanden habe. Natürlich hat sie immer auf meine

[2] Interessen geachtet u. besonders während meiner letzten Krankheit hat sie sich direkt überanstrengt, um für mich zu sorgen, aber alle diese Besorgtheit um mich, besonders in den früheren Jahren, war für mich ein Gefängnis, eine dauernde Bevormundung. Ich kann nicht bestreiten u. erkenne es durchaus an, daß sie immer liebend um mich besorgt gewesen ist; aber es war eine Sorge, wie um ein persönliches Eigentum. Sowohl im Geschäft wie Im Haushalt war sie eben stets die Dominierende, die Besitzerin, u. ich gehörte einfach zu diesem Besitz. Ich war wohl für sie stets das erste u. beste u. kostbarste Stück ihres Besitztums u. sie war unermüdlich, oft bis zur Aufopferung, darum besorgt, daß es mir gut gehen sollte, aber wie gesagt, ich hatte nichts zu sagen. Das soll nicht heißen, daß sie nicht auf mich gehört hätte –, im Gegenteil, sie legte großen Wert auf mein Urteil, jedoch nur in den ethischen u. religiösen oder weltanschaulichen Dingen, im praktischen Leben fragte sie garnicht nach meiner Meinung u. meinen Wünschen. Das verstand sie ja eben grade unter der Sorge um mich, daß sie all diese Dinge möglichst von mir fern hielt, – u. da solche Dinge mich tatsächlich niemals sehr interessiert haben, habe ich mir, das auch gefallen lassen. Besondere Wünsche habe ich ohnedies niemals oder nur sehr selten gehabt.

     Es geht daraus hervor, daß mein Leben mit M. für mich meist sehr bequem für mich gewesen ist, besonders in den letzten Jahren. Ich war frei von materiellen Sorgen u. brauchte mich mit täglichen Dingen nicht plagen. In früheren Jahren ist es freilich anders gewesen. Damals hatte sie noch nicht gelernt, ihren Hang, zu dominieren u. im Vordergrunde zu stehen, so zu bemeistern, wie sie es später tat u. so kam es dann, daß sie meine Kräfte so restlos für ihre mir so lästige Bunte Stube einspannte, sodaß ich meinen Beruf vollständig vernachlässigen mußte u. nichts mehr tat als Büro= u. Rechenarbeit u. Ladendekoration. Bis dann der Autounfall dem ein Ende setzte, nachdem ich schon vorher dazu gekommen war, auf meinen Beruf endgültig zu verzichten, in die Potitik zu gehen u. Bürgermeister zu werden. Dann kam die lange Pause, in der ich in Bln. war u. konvertierte u. die abermals ihr Ende fand damit, daß M. allein in Ahr. mit ihrer BuStu. nicht mehr zu Rande kam u. vor der Pleite stand. Ich ließ mich also abermals dafür einspannen. Erst seit 1944 habe ich dann wieder angefangen, zu malen, zuerst in dem engen Zimmer zur ebenen Erde, in dem ich damals wohnte, dann in Fritzens Zimmer, das ja eigentlich mein Atelier war aus dem ich durch die BuStu. hinausgedrängt worden war u. zuletzt dann in dem Wohnzimmer im großen Hause, bis ich dann einsah, daß ich, falls ich meinen Beruf wirklich wieder ansüben wollte, nicht in Ahr. bleiben konnte. Es folgte dann die Zeit in Birkenwerder im Hause dieser abscheulichen Wendt's u. meine Krankheit.

     Da nun trat Elisab. in meinen Weg. Ich dachte nicht daran, mich in sie zu verlieben, sie war mir u. M. lieb wie eine Tochter u. alles schien sehr schön. Elisab. sorgte rührend für mich u. auch für M. u. wir liebten sie beide sehr. Ich mußte das Haus Wendt verlassen, [3] das war uns allen klar. Elisab. bekam durch einen Glücksfall die Wohnung in der Friedrichstr., sie bot mir das Atelier an; aber mein Verhältnis zu Elisab. erfuhr langsam eine Vertiefung, die dann schließlich zu dem jetzigen Zustand führte, nachdem sich ergeben hatte, daß auch sie meine Zuneigung u. Liebe teilte.

     Ich habe dabei nie aufgehört, M. meine frühere Zuneigung zu bewahren u. bewahre sie auch heute noch; aber bei M's Neigung, zu dominieren u. die erste Rolle zu spielen, mußte in ihr Eifersucht erwachen u. diese hat dann die tragische Situation geschaffen, die heute vorliegt. –

     Lange Zeit bin ich schwankend gewesen u. habe nicht gewußt, was ich tun solle. Diese sehr qualvolle Zeit des Ringens mit meinem Gewissen hat bis in die jüngste Zeit gedauert u. ist eigentlich erst durch meine Unterredung mit Dr. Sinn beendet worden. Es ist seltsam, daß diese Unterredung grade durch M. selbst zustande gekommen ist. Erst von da an weiß ich genau, daß ich vor meinem Gewissen verpflichtet bin, jetzt meine so lange versäumte Arbeit nachzuholen u. daß ich mich durch keine Rücksichtnahme daran hindern lassen darf. Und da nur Elisab. u. sonst niemand mir die Gelegenheit gibt diese Arbeit zu leisten, so gehöre ich eben zu ihr. –

     Im Laufe der gestrigen langen u. qualvollen Unterredung mit M. scheine ich endlich zu einem Resultat gekommen zu sein, d.h., es scheint mir gelungen zu sein, M. einen Standpunkt zu weisen, von dem aus sie ihre tragische Situation meistern kann. Ich habe ihr schon wiederholt gesagt, daß es ja Gott ist, der uns alle vor diese Situation gestellt hat u. daß uns nichts anderes übrig bleibt, als uns seinem Willen zu fügen u. alles so gut zu tun, wie wir nur irgend können. Ich habe sie auf das Vaterunser verwiesen mit der Bitte: „Dein Wille geschehe“. Er ist ja unser Vater, also M's u. mein u. Elisab. Vater u. er kann nichts wollen, was uns schädlich ist. Wir müssen durch dieses Leid, das in der Erfüllung seines Willens liegt, hindurch, um nachher der seligen Frucht teilhaft zu werden, die er für uns bestimmt hat.

     Dieser Standpunkt scheint nun gestern bei M. auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. Sie hat es begriffen. Das wird nicht ausschließen, daß sie zunächst immer wieder in Trauer u. Klage fallen wird, aber der Gedanke wird ihr nun Richtschnur sein, ich muß ihn ihr nur immer wieder neu sagen. Gestern jedenfalls verließ sie mich ziemlich getröstet. Ich brachte sie zum Hospiz in der Albrechtstraße. Wir verabredeten, am Mittwoch um 1/2 10 Uhr zusammen zur Esasser. straße zum Hochamt zu gehen, es ist ja Allerheiligen.

     Den Interzonenpaß hat sie bis heute noch nicht erhalten. Sie trifft heute ihren Sohn Kurt u. wird darüber hören. Unglücklicherweise muß sie am Mittwoch das Hospiz verlassen, da das Zimmer anderweitig vermietet ist. Nun, es wird schon irgendwie werden.

     Dr. Sinn hat angeregt, mich mit Carl Hofer bekannt zu machen. Gestern telephonierte Charlotte Sinn mit Elisab. u. sagte, daß Hofer bereit sei, mich kennen zu lernen. – Ich bin skeptisch, Hofer soll als Mensch sehr schwierig sein; aber es ist von Dr. Sinn sehr nett, daß [4] er sich in dieser Weise bemüht. Auch mit seinem Vetter Monheim will er mich zusammenbringen, nicht mit Hans, den ich ja kenne, sondern mit dessen Bruder. Die Firma Monheim hat neuerdings in Bln. am Ku-Damm einen Laden eingerichtet u. der Bruder Monheim scheint ganz nach Bln. zu kommen, er hat ja in Schwanenwerder einen prächtigen Besitz.

     Heute habe ich angefangen, das Bildnis von M. zu malen, das seit einigen Tagen untermalt dasteht. Ich glaube, daß es gut wird, jedenfalls sehr ernst. –