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TBHB 1950-11

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Autor: Hans Brass
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Titel: TBHB 1950-11
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Entstehungsdatum: 1950
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Originaltitel: November 1950
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Ungekürzte Tagebuchaufzeichnungen vom November 1950
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Einführung

[Bearbeiten]

Der Artikel TBHB 1950-11 zeigt die ungekürzten Tagebuchaufzeichnungen von Hans Brass vom November 1950. Diese Aufzeichnungen erstrecken sich über 41 Seiten.

Tagebuchauszüge

[Bearbeiten]
[1]
Mittwoch, 1. Nov. 50.     

[1]      Wieder ein schwerer Tag mit M. Um 1/2 10 Uhr traf ich mich mit ihr vor der Kirche in der Elsasserstr., wo sie bereits war, als ich kam. Wir waren dann gegen 1/2 12 Uhr wieder zuhause. Ich kochte Kaffee u. deckte den Frühstückstisch. Elisab. ist –, um M. nicht zu begegnen, heute nach Babelsberg zu Sinns gefahren, bleibt dort über Nacht u. kommt erst morgen Mittag wieder nachhause.

     Beim Frühstück begann dann wieder die übliche Aussprache M.'s, die ich mir schweigend anhörte. Von der Entspannung am Montag war nichts mehr übrig. Es ist immer dasselbe, ein hoffnungsloses u. fruchtloses Klagen, das entsetzlich Nervenzerreibend ist, zumal ich ja durchaus sehe, daß sie die allein Leidtragende bei dieser ganzen Sache ist, ich aber völlig außer Stande bin, ihr zu helfen, ihr Leid zu mindern. Sie selbst kann mir auch nicht sagen, wie ich das tun könnte.

     Ihre Klagen dauerten ununterbrochen bis gegen 1/2 4 Uhr. In dieser ganzen Zeit sprach ich kaum ein Wort hörte nur zu u. versuchte die Qual meiner Nerven zu meistern. Sie gebrauchte wiederholt Redewendungen, die ich als Selbstmordabsicht auffassen konnte. Dasselbe hat sie schon manchmal getan, auch das letze Mal, sie meinte z.B., daß es mir u. Elisab. schwer sein würde, eine Lebensform für uns zu finden, falls sie sterben würde. Solche u. ähnliche Bemerkungen machte sie mehrmals. Ich sagte ihr endlich, daß möglicherweise der Tot tatsächlich der einzige Ausweg aus diesem Dilemma sein könnte, aber nicht ihrer sondern der meine. Ich fragte sie, was sie wohl dazu zu sagen habe, wenn ich einmal ihre Klagen nicht mehr ertragen könne –, wenn ich unter der Last, schuld zu sein an ihrem Leid, Selbstmord beginge. Das Dilemma wäre dann ja ein für allemal gelöst; es könnte wohl sein, daß ich schließlich dazu käme.

     Die Wirkung dieser Worte war durchschlagend. Sie sah mit einemmal wohl blitzartig, daß sie mich möglicherweise zu einem solchen Schritt treiben könne u. daß dann das Verhältnis umgekehrt sein würde. Jetzt bin ich wirklich die Ursache ihres Leidens, das sehr schwer ist, wie ich wohl sehe; aber in jenem Falle wäre sie schuldig an meinem Tode, u. dieser Gedanke hat sie gerüttelt. – Sie versuchte anfangs es so darzustellen, als hätte ich sie immer bloß falsch verstanden u. als hätte ich keinen Grund zu einem [2] solchen Gedanken; aber ich blieb nun dabei. Ich sagte ihr, daß es garkeine Rolle spiele, ob ich sie richtig oder falsch verstanden hätte, ausschlaggebend sei einfach, daß ich ihre stundenlangen Klagen nicht mehr ertragen könne, daß meine Nerven versagten u. ich in einem Augenblick des Nervenzusammenbruches u. der Verzweiflung möglicherweise zu diesem Schritt gedrängt werden würde als dem letzten Ausweg aus einem sonst unlösbaren Dilemma.

     Dies machte auf sie offenbar einen tiefen Eindruck. Sie verteidigte sich sonst ja immer in endlosen Auseinandersetzungen gegen meinen früher erhobenen Vorwurf, daß sie mich in all diesen Jahren seelisch gedrückt habe u. ich nie zum freien Atmen gekommen sei u. daß ich in Elisab. einen Menschen hätte, der mir diese Freiheit des Atmens gegeben hätte. Es wurde ihr nun wohl blitzartig klar, daß jetzt der Augenblick gekommen sein könnte, in dem ich mich durch den Freitod von dieser seelischen Bedrückung befreien könnte, von der ich mich sonst auf keine Weise befreien konnte, es sei denn, daß ich es auf eine brutale Art täte, indem ich sie einfach von mir stieß; aber dazu bin ich eben nicht brutal genug.

     Von diesem Augenblick an lenkte sie ein. Sie versprach mir, niemals mehr in dieser Weise mit mir zu sprechen u. mich zu belasten. Unser Gespräch wurde neutraler, sie selbst sprach von anderen Dingen besonders von dem, was sie nun vor hat. Dabei ergab sich, daß sie ja keineswegs so furchtbar einsam ist, wie sie es bisher immer klagend gesagt hat, u. daß sie auch keineswegs den ganzen Tag planlos in den Straßen herumirrt, wie sie es mir vorher geschildert hat. Es stellte sich vielmehr heraus, daß sie befreundet ist –, offenbar erst seit diesem Herbst –, mit einer Frau Sia Scazziga, eine Schweizerin, die nach M's Beschreibung eine sehr beachtliche Frau zu sein scheint. Dieselbe wohnt ständig im Christl. Hospiz in der Albrechtstraße u. hat M. das Zimmer dort besorgt, in dem sie wohnt. Mit dieser Dame ist M. täglich zusammen. Sie ist befreundet mit einem Architekten Block, den ich ebenfalls vor langen Jahren einmal in Ahr. kennen gelernt habe u. der jetzt M. sein Auto stets zur Verfügung stellt, wenn sie irgendwo hin will. M. ist also weder so restlos einsam, wie sie es mir klagte, noch braucht sie in den Straßen umherzuirren. – Ich stellte das mit heimlichem Lächeln fest. –

     M. muß nun aber tatsächlich ihr Zimmer räumen –, wenn auch nicht heute, wie sie gesagt hatte, aber morgen. Und sie wird dann auch nicht hilflos auf der Straße stehen, wie sie mir geklagt hatte, sondern sie wird zu Rena Bluhm ziehen. Einen Interzonenpaß hat sie zwar nicht bekommen –, das war zu erwarten –, aber es hat sich da ein anderes Arrangement gefunden, sodaß sie am Montag mit dem Flugzeug nach Nürnberg fliegen wird. Das Billet für das Flugzeug hat Kurt bereits gekauft.

     Am Freitag oder Sonnabend wird sie noch einmal [3] zu mir kommen, um sich zu verabschieden. Wir haben ausgemacht, daß sie mir dann zuerst schreiben soll, wenn sie in Regensburg angekommen sein sein wird –

     Wir sprachen zuletzt noch über ganz neutrale Dinge, künstlerische u. Existenzfragen usw. Frau Sia Scazziga wird mich wohl einmal besuchen, diese Frau wird mich wohl interessieren, sie soll zehn Jahre lang die Freundin von Sartre gewesen sein, auch Paul Klee hat sie gut gekannt. – Um 5 Uhr brachte ich M. zur S-Bahn Oranienburgerstraße, da sie nach Birkenwerder wollte. Ich begleitete sie auf ihre Bitte bis Gesundbrunnen u. trug ihr auf, in Birkenw. nach meiner Lebensmittelkarte, sowie nach meiner Kohlenkarte zu fragen. – Wollte Gott, daß nun endlich Ruhe würde! –

Donnerstag, 2. Nov. 50.     

     Gestern, am Feste Allerheiligen, verkündete der Priester von der Kanzel, daß zur gleichen Stunde der hl. Vater in Rom ein neues Dogma feierlich verkünden wird, u. zwar die Aufnahme Mariens in ihrer Leiblichkeit in den Hinmel.

     Ich war höchlichst überrascht. Es wurde mir bewußt, daß ich mehrere Wochen lang nicht mehr zur Kirche gegangen war u. daher von dieser Sache nichts wußte, die doch sicher schon mehrfach Gegenstand von Predigten gewesen sein wird. Dann aber hatte ich erwartet, daß die nächste Dogmenverkündung die Lehre von Maria als der Ausspenderin aller Gnaden enthalten würde, – auf dieses Dogma war ich nicht gefaßt.

     Zwar wird das Fest Mariä Himmelfahrt seit undenklichen Zeiten von der Kirche gefeiert, aber diese Himmelfahrt war kein Glaubenssatz, man konnte es glauben oder nicht glauben. Nun aber ist das Nichtglauben plötzlich über Nacht zur schweren Sünde geworden, da es ein verkündetes Dogma ist.

     Da ist also zunächst einmal die befremdliche Tatsache, daß ich in dieser Hinsicht bis gestern 10 Uhr sündelos war, aber seit 10 Uhr bin ich ein schwerer Sünder u. zwar durch die Verkündigung durch den hl. Vater, obwohl ich selbst mich in nichts geändert habe. Denn ich kann nicht glauben! –

     Aber warum nicht? Steht denn nicht der Glaubensartikel von der Auferstehung des Fleisches im Credo u. habe ich mich dagegen je aufgelehnt?

     Ja, dieser Artikel war immer schwierig, aber ich überwand die Schwierigkeit mit der Idee der neuen Schöpfung, in welcher das, was wir heute Materie nennen, in dieser Form nicht mehr sein wird. Ich stelle mir das etwa so vor, daß dann der langsame Durchgeistigungs=Prozeß der Materie, der ja durch das Medium der Menscheit fortwährend vor sich geht, einen so hohen Grad [4] erreicht haben wird, daß die Materie aufhören wird, in ihrer jetzigen Form zu sein. Die Materie ist ja tot leblos –, also ist sie Sünde, Sold der Sünde, wie Paulus das nennt. Da ist es schon schwierig genug, zu begreifen, daß es ja Gott selbst war, der die Materie in ihr gegenwärtiges totes Sein gerufen hat, mithin also selbst die Sünde gesetzt hat.

     Es ist Lehre der Kirche, daß Gott u. sein Reich so unendlich rein sind, daß selbst menschliche Seelen, die doch Geist sind, nicht rein genug sind, um direkt in den Himmel zu kommen. Sie müssen erst eine Reinigung im Fegfeuer erfahren. Nun aber soll plötzlich die Frau Maria so wie sie war in den Himmel gekommen sein mit Fleisch u. Blut u. Haut u. Haar, ja, doch offenbar auch mit ihrer Kleidung. – Man weiß ja nicht, woran Maria gestorben ist, vielleicht an einer Grippe, vielleicht an einer Lungenentzündung, vielleicht an Tbc. In diesen Fällen wären also mit ihr auch die Bazillen in den Himmel gekommen, die ihre Krankheit u. ihr Sterben verursacht haben. Und weiter wären auch alle, wenn auch vielleicht noch so unbedeutenden, aber praktisch doch unvermeidlichen Unsauberkeiten des Körpers mit in den Himmel gekommen, etwa der Schmutz unter den Fingernägeln, ganz zu schweigen von den unverdauten Nahrungsresten in den Därmen. Es war aber zu jener Zeit noch nicht so peinlich wie heute in unserer hygienischen Zeit, daß einer Läuse hatte, Kleider=Kopf= u. Körperläuse, – ja, der Besitz solcher Tiere zeigte bis ins Mittelalter hinein sogar einen hohen Grad der Körperverachtung u. Heiligkeit an. Sollte Maria also dergleichen besessen haben, so wären auch diese Tiere mit ihr in den Himmel gekommen.

     Natürlich wird jeder fromme Katholik sehr empört sein, wenn ich es nur für möglich halte, daß Maria Läuse gehabt haben könnte. Es sind das dieselben Leute, die empört sind, wenn man sagt, daß Maria wie jede andere Frau ihre Mensis gehabt hat u. daß sie sowohl wie ihr Sohn Jesus wie jeder andere Mensch darauf angewiesen waren, eine Toilette in Anspruch zu nehmen. –

     Aber lassen wir das. – Wie ist es aber mit der Kleidung im Himmel. Wenn ein Mensch mit Fleisch u. Blut, mit Haut u. Haaren in den Himmel kommen kann, dann muß er doch wohl auch bekleidet sein. Ich kann mir nur schwer vorstellen, daß da alle als Nackedei herum laufen. Welche Kleidung trägt er nun? Es ist doch schwer, sich die Seligen in den bürgerlichen Kleidungen ihrer Lebenszeiten vorzustellen, es müßte also eine besondere Einrichtung im Himmel geben, die diese Menschen mit aller Art von Kleidung versorgt. Mindestens aber im Augenblick der Himmelfahrt muß dann aber solch ein Mensch die Kleidung anhaben, die er im [5] Augenblick seines Todes grade anhat, – u. diese dürfte wohl in keinem Fall den hohen Grad von Reinheit haben, den man im Himmel erwarten muß. –

     Schließlich aber –, u. das ist mein schwerstes Bedenken –, steht das Himmelreich doch, außerhalb von Raum u. Zeit. Jesus sagt: „Das Himmelreich ist in euch!“ – Indem feste, begrenzte Körper in das Himmelreich aufgenommen werden, wird dieses Reich sofort selbst zum Raum, also begrenzt. –

     Nun also –, es ist sehr schwer, dieses neue Dogma zu glauben, man kann da nur seufzen: „Ja, Herr, ich glaube, – aber hilf meinem Unglauben.“ –

Freitag, 3. Nov. 50.     

     Elisab. kam gestern mittags nachhause. Sie war nicht, wie sie vorhatte, in Babelsberg gewesen, sondern hat sich mit Charl. Sinn in Bln. getroffen u. war über Nacht in deren Wohnung.

     Ich malte gestern an M's. Bildnis. Ich male es auf einem alten Tischtuch, das sehr weich ist u. sehr stark saugt, sodaß ich viel Öl gebrauche, es malt sich sehr schlecht. Trotzdem wird es ein gutes Bild werden, da es eine klare Auseinandersetzung der beiden Charaktere Elisab. u. M. ist. – M. sagt immer, daß Elisab. kalt u. herzlos sei u. prophezeit deshalb, daß Elisab mich einer Tages sitzen lassen wird, sie habe das bisher ja stets mit allen Männern so gemacht. – Von dem Bilde „Dame mit blauem Kopftuch“ sagt M. ebenfalls, daß es zwar schön, aber kalt sei.

     M. empfindet die klare Verstandeseinstellung Elisabeth's als Herzenskälte u. das verstehe ich sehr gut. Ich habe selbst über diese Eigenschaft viel nachgedacht, muß aber sagen, daß ich diese „Herzenskälte“ durchaus angenehm empfinde. E. hat keine sentimentalen Gefühle u. macht sich nichts vor, sie bemüht sich, die Dinge so zu sehen, wie sie sind; u. das empfinde ich wohltuend u. befreiend. Bei M. muß man dauernd auf der Hut sein, ihre Gefühle u. Empfindungen nicht zu verletzen. Es ist zweifellos reizvoll, ihr merkwürdiges Weltbild zu verstehen das ganz vom Gefühl her verstanden werden muß u. das oft sehr originell ist; aber es ist ungeheuer anstrengend, denn nichts ist da fest alles ist veränderlich, dauernd in Bewegung, verschwommen u. dämmerig. Diese Stimmung versuche ich nun, in ihrem Bilde zum Ausdruck zu bringen, ganz in Schwarz, Grau, Blau. Diese Anlage M's. hat mich früher zweifellos sehr gereizt, sie hat mich zeitweise entzückt, zeitweise hat sie mich zur Verzweiflung getrieben u. schließlich hat sie mich gelangweilt.

     Bei Elisab. ist alles klar, ohne daß sie dabei nüchtern wäre, oder, wie M. sagt, wirklich herzlos. Sie hat im Gegenteil [6] sehr warme Herzensempfindungen, aber sie hält sie unter wohltätiger Kontrolle u. ich brauche nie Angst zu haben, daß die mimosenhaft empfindlich ist, wie das bei M. war. Gewiß wird sie sich –, falls es das Leben so verlangen sollte, – von mir zurückziehen können, ebenso wie ich selbst das auch tun kann. Wir haben schon oft von dieser Möglichkeit gesprochen. Wir werden dann frei u. ohne Haß voneinandergehen; aber wahrscheinlicher ist, daß es dazu nie kommen wird. Mein Leben wird dazu nicht mehr lang genug sein –, u. – wie mir scheint, das ihre auch nicht. Ich habe von ihr das Gefühl, daß sie früh sterben wird u. würde nicht erstaunt sein, wenn ich sie überlebte. – Nicht, daß sie krank wäre, sie ist im Gegenteil sehr lebendig u. gesund aber ich halte sie dennoch für gefährdet. – Aber sicher ist jedenfalls, daß M. im Irrtum ist, wenn sie glaubt, daß ich mich auf die Dauer nicht mit Elisab. u. ihrer Verstandes=Einstellung zufrieden geben könne, ich empfinde diese vielmehr ungemein wohltuend u. befreiend, ich atme in einer freien Luft.

Sonnabend, 4. Nov. 50.     

     Gestern gegen 11 Uhr kam M. wieder. Sie hatte beim letzten Mal versprochen, nie wieder mich zu quälen mit ihren Gefühls=Exzessen, aber dessen ungeachtet fing sie sofort wieder damit an. Obwohl es mich quälte, beobachtete ich doch bei mir selbst, daß ich keine Spur eines Mitgefühls mit ihr mehr aufbrachte. Ich empfand nur noch die Qual dieser Auseinandersetzungen u. den Wunsch dieselben zu beenden, ganz egal wie.

     M. sagte gleich zu Anfang, daß sie heute am Sonnabend, mittags 1245 Uhr von Tempelhof abfliegen werde, daß sie also käme, um Abschied zu nehmen. Ich äußerte dann mein Bedauern, daß sie trotz ihres gegenteiligen Versprechens diese Abschiedsstunde noch dazu verwendete, mich mit ihren Gefühlexzessen zu quälen. Es war mir gleichgültig, ob ich sie nun verletzte oder nicht. Ich sagte ihr, daß sie mich in all den Jahren stets u. immer wieder mit solchen u. ähnlichen Exzessen gepeinigt hätte. Ich sprach davon, daß sie wiederholt über Elisab. gesagt hätte, diese sei kalt u. herzlos. Ich sagte ihr, daß Elisab. in der Tat ein Mensch sei, der zu viel Verstand habe u. zu discipliniert sei, um mir jemals solche Scenen zu bereiten. Sie, M., nenne das kalt u. herzlos. Ich sagte, daß ich diese Kälte u. Herzlosigkeit –, wenn man sie schon so nennen wolle –, überaus angenehm empfinde. Ich sagte, ich wolle von diesen letzten Jahren meines Lebens nichts weiter als in Ruhe zu Leben, arbeiten u. frei atmen zu können. Dies würde mir bei dieser sogen. Kälte u. Herzlosigkeit Elisab.'s. zuteil, mehr wolle ich nicht u. ich sei dabei sehr glücklich. –

     Ich konnte nicht umhin, dies alles in einem sehr erregten Ton zu sagen. Zuerst versuchte M., dagegen aufzutrumpfen, doch gab sie das, als sie die Zwecklosigkeit merkte, bald auf. Es ist immer dasselbe. Sie kommt her u. fängt [7] an, Scenen zu machen, bis ich es nicht mehr aushalten kann, u. dann lenkt sie ein. So war es auch gestern. Das Ende war dann wieder ganz friedlich. Ich brachte sie zum Bahnhof Friedrichstraße, von wo sie zu ihrer Freundin Inge Meisner fuhr u. ging wieder nachhause, aber den Rest des Tages war ich total erschöpft. –

     Gestern kam endlich ein Maurer, um den Schornstein aufzumeißeln. Ich kann nicht heizen, weil der Schornstein verstopft ist. Heute hat der Maurer nun den Schornstein aufgemacht u. hat festgestellt, daß beim Ausbau dieses Hauses von den Arbeitern der Bauschutt einfach in den Schornstein geworfen worden ist. Jetzt ist der Schornstein frei u. ich habe zum ersten Male geheizt.

     M. war in Birkenwerder u. hat mir von dort meine Lebensmittelkarte mitgebracht, leider aber nicht meine Kohlenkarte. Alice behauptet dieselbe nicht zu besitzen, sie meint, daß M. diese Karte dem Naujek gegeben hatte, der damals als ich in Birkenw. krank lag, Kohlen besorgen sollte. Es wird wohl so sein. Es wird nun schwer sein für mich, Kohlen zu bekommen.

     Ich fuhr gestern Abend noch nach der Kastanienallee u. glaubte, mir dort in dem Künstler-Bedarfsladen einen dort bestellten Keilrahmen mit Leinewand abholen zu können. Leider war das nicht der Fall, es gibt keine Leinewand. Das ist kein Wunder, denn die Leinewand wird dazu verwendet, alle Straßen mit Fahnen, Spruchbändern u. politischen Plakaten zu bepflastern. Ich muß sehen, daß ich sonst Leinewand bekomme, wahrscheinlich im Westen. Es wird viel Geld kosten, dabei liegt in Ahrensh. genug Malleinewand herum.

     Von Else bekam ich Gott sei Dank gestern die letzte Rate von 500 – Mk. für die beiden Bilder. Ich bekomme von ihr jetzt noch 1200 M. für die Bilder, die sie letzthin mitgenommen hat, aber darauf werde ich wohl warten müssen.

Montag, 6. Nov. 50.     

     M. hatte mich beim letzten Besuch um ihre Papiere gebeten, die ich in Aufbewahrung hatte. Dies veranlaßte mich gestern meine Dokumentenmappe durchzusehen, in der ich auch den Durchschlag eines Briefes fand, den ich Ende Dezember 1940 an ihren Sohn Kurt geschrieben hatte.

     Dieser war damals Soldat u. an der Front. Ich hielt mich verpflichtet, das gespannte Verhältnis, das zwischen uns herrschte, zu entspannen u. schrieb ihm deshalb einen kurzen, herzlichen Brief, in dem ich ihm vorschlug, angesichts des Krieges unsere Differenzen zu vergessen. Kurt beantwortete diesen Brief mit unerhörten Beschimpfungen gegen mich u. mit allerhand Anschuldigungen, u.a. auch die, daß ich das Erbe seines Vaters vergäudete u. mich von seiner Mutter ernähren ließe. Der Brief war so unerhört, daß ich ihn einfach nicht unbeantwortet lassen durfte. –

     So kam dieser Brief zustande. Da er allerhand Dinge enthält, die meine materielle Stellung M. gegenüber klarstellen, möchte ich diesen Brief hier aufbewahren u. klebe ihn hier ein.

[8]      Es gefällt M. nämlich, meine materielle Stellung zu ihr in all den Jahren unseres Beisammenseins dritten gegenüber so darzustellen, als hätte ich tatsächlich ausschließlich von ihr gelebt. Um das richtig zu stellen, folgt hier jener Brief.

     Mit diesem Brief hatte es übrigens damals eine eigenartige Bewandtnis. Ich hatte den Brief arglos M. zur Kenntnis gegeben, ehe er abgesandt werden sollte. Damals war M's Cousine Martha Bahnson zu Besuch in Ahr. Diese kam u. bat mich um meine Schreibmaschine, sie habe etwas zu schreiben. Natürlich gab ich sie ihr.

     Mehrere Wochen später fand ich zufällig in M's Schreibtisch einen Durchschlag jenes Briefes, aber nicht des Briefes, den ich geschrieben hatte, sondern eines ganz anderen Briefes, den M. selbst geschrieben, bzw. M. Bahnson diktiert hatte. Nur die letzte Seite mit meiner Unterschrift war original. Diesen Brief hat sie dann als den meinen an ihren Sohn Kurt geschickt. Selbstverständlich fehlten darin alle meine Schilderungen der tatsächlichen Lage.

     Auf einen Kommentar dazu will ich heute lieber verzichten. Nur dies füge ich noch hinzu, daß ich M. wirklich im Verdacht habe, daß sie dieselben Schilderungen meiner materiellen Abhängigkeit von ihr, die sie jetzt anderen Leuten macht, auch schon früher gemacht hat u. daß ihr Sohn Kurt diese Ansichten über mich von ihr selbst bekommen hat. –

     Heute nachmittag 5 Uhr war ich bei Carl Hofer. Dr. Sinn hat dieses Zusammentreffen arrangiert. Er hat sich in seiner Naivität davon einen besonderen Vorteil für mich versprochen, aber ich bezweifelte das von vorn herein. Ich ging trotzdem hin, um Dr. Sinn nicht zu verletzen.

     Der Besuch verlief, wie von mir erwartet. Hofer wohnt in der Bahrstraße 9 am Fehrbelliner Platz. Es ist eine herrliche Gegend, vornehm, elegant, aller Komfort usw. In der Bahrstraße stehen viele kleine Einfamilienhäuser, eines davon bewohnt Hofer.

[9]
Ahrenshoop, Ende Dezember 1940.

Herr Wegscheider !

     Sie haben meinen von Geiste der Versöhnung diktierten Brief in einer Weise erwidert, die es schwer macht, eine passende Antwort darauf zu finden. Trotzdem muss ich Ihnen antworten, nicht, weil ich auf "Verhandlungen" hoffe, zu denen ich nicht die geringste Veranlassung habe, sondern weil ich an die Ehrlichkeit glauben will, mit der Sie die Hoffnung ausdrücken, eines Tages doch wieder eine annehmbare Form des Verkehrs mit mir zu finden. Das war die Absicht meines ersten Briefes und sie ist es heute wieder.

     Zuvor aber zwingt mich die Selbstachtung, den Ton Ihrer "etwas scharf klingenden Worte", wie Sie es nennen, zurückzuweisen. Sie entschuldigen sich mit einem siebzehn-monatlichen Soldatentum. Ich bin im sehr viel blutigeren Weltkriege sehr viel länger als siebzehn Monate Soldat gewesen und habe sehr viel länger als acht Monate in vorderster Infantriefront gelegen, doch hätte ich nie gewagt, einem dreiundzwanzig Jahre älteren Mann in ähnlicher Weise zu schreiben. Wenn Sie es dennoch tun, so kann ich das nur bedauern, es fällt auf Sie zurück. Sagen aber muss ich, dass es nicht "etwas scharf klingende Worte" sind, die Sie da geschrieben haben, sondern empörende Beleidigungen, ehrenrührige Beschuldigungen, für die Sie sich nicht einmal die Mühe geben, den Schatten eines Beweises beizubringen.

     Und nun zu Ihren Beschuldigungen.

Sie werfen mir vor, dass ich im Hause Ihrer Mutter "Herr im Hause spiele" und "Rücksichtnahme verlange", falls Sie hierher kommen sollten. Sie behaupten, dass ich meinen Einfluss auf Ihre Mutter gegen Sie missbrauche und Sie dadurch verhindere, Ihre Mutter zu besuchen. Sie sagen, dass ich ohne die geringste Berechtigung als energischer Haushaltungsvorstand auftrete", dass ich mich zwischen Sie und Ihre Mutter stelle und diese sogar "gegen Sie aufhetze". Alles das nennen Sie eine "empörende Unverschämtheit".

     Hiermit haben Sie wohl, wie mir scheint, die eigentliche und letzte Ursache Ihrer feindlichen Stellung gegen mich offen aufgedeckt. Ich bin Ihnen dafür dankbar. Ich bin mir in der Tat bewusst, dass ich bei gewissen Anlässen die leichte Erregbarkeit meines Temperaments Ihnen gegenüber nicht gemeistert habe. Ich beklage diese Schwäche mit wirklicher Aufrichtigkeit und freue mich, dass Sie mir durch Ihre offenen Worte Gelegenheit geben, sie wegen dieser meiner Heftigkeiten um Entschuldigung zu bitten. Ich tue es hiermit und bitte Sie, versichern zu dürfen, dass ich, wenn ich mich oft leider auch in der Form vergriffen habe, doch die beste Absicht verfolgte.

[10]
2.

     Was nun aber meine Stellung im Hause noch zu Lebzeiten Ihres Vaters betrifft, so waren Sie wahrscheinlich noch zu sehr mit Ihrer Entwicklung beschäftigt, um dieselbe ganz übersehen zu können. Ihr Vater bat mich damals, die Verwaltung der hiesigen Grundstücke zu übernehmen, denn es war Nachkriegs- und Inflationszeit. Die Gegend wimmelte von landfremdem Gesindel, welches alles stahl, was erreichbar war. Er gab mir zur Verteidigung seines Besitzes, einen Revolver und eine schriftliche Vollmacht, nach der ich ihn in allen Angelegenheiten der hiesigen Grundstücke rechtsgültig zu vertreten hatte. Wenn Sie bedenken, dass er mir bald danach die Duz-Freundschaft antrug, so werden Sie erkennen, dass es sich nicht um eine rein geschäftliche Angelegenheit handelte, sondern Sache persönlicher Wertschätzung und des Vertrauens war.

     Ich bin mir bewusst, dieses Vertrauen gerechtfertigt zu haben indem ich Ihrem Vater in verschiedenen Fällen, z.B. bei der Regelung der von der Gemeindeverwaltung liderlich geführten Steuerlisten-, nützlich sein und ihn vor Doppelzahlungen bewahren konnte. Auf meinen Vorschlag liess er die Zentralheizung einbauen, die aus dem nur im Sommer bewohnbaren Hause ein Dauerwohnhaus machte und es ermöglichte, dass Ihre Mutter nach dem Tode Ihres Vaters ein festes Heim besass.

     In neuerer Zeit sind auf meinen Vorschlag Wasserleitung, Badestube, elektr. Küche eingerichtet und sehr viele andere bauliche Veränderungen vorgenommen worden, die ich nicht im Einzelnen aufführen will. Der Nutzungswert des Gebäudes ist dadurch bedeutend erhöht worden, wie der einfache Augenschein beweist und alle Ihre Geschwister bestätigen. Trotzdem behaupten Sie, ich sei "lediglich für die Schrumpfung, nicht für die Mehrung der wirtschaftlichen Hinterlassenschaft Ihres Vaters" tätig gewesen. Ich bedaure, an Ihrem guten Willen zur Objektivität zweifeln zu müssen.

     Da ich garkeine Besitzinteressen an den hiesigen Grundstücken habe, würde man es mir nicht als Vergehen anrechnen können, wenn ich nichts für die Mehrung dieses Besitzes getan hätte. Da ich es aber trotzdem unzweifelhaft getan habe, und zwar immer in ausdrücklicher Rücksicht auf die Erben, also auch auf Sie, so glaube ich allerdings eine entsprechende Rücksichtnahme auf meine Person grade von denen erwarten zu dürfen, die einst die Nutzniesser dieses Besitzes sein werden. Ihre Geschwister verweigern mir dieselbe auch nicht.Vorläufig allerdings gehört dieser Besitz, wie Sie ganz richtig bemerken, allein Ihrer Mutter. Solange diese wünscht, dass ich mich in ihrem Hause frei bewege, habe ich keinen Grund, als ein geduldeter

[11]
3.

"Gast im Hintergrunde zu stehen". Es bedarf keiner Erwähnung und ist Sache des natürlichen Taktgefühls, dass weder ich mich in die Liebe zwischen Mutter und Kinder, noch diese sich in die Freundschaft zwischen Ihrer Mutter und mir eindrängen. Alle Ihre Geschwister bringen dieses Taktgefühl auch mühelos auf, die überaus herzlich verlaufenden Besuche Ihres Stiefbruders Klaus, Ihrer Schwester Ruth und ihres Mannes und die ständige Gegenwart Ihres Bruders Fritz beweisen das hinreichend. Wenn Sie allein dieses Taktgefühl nicht aufzubringen vermögen, so bedaure ich das tief, kann aber daran nichts ändern. Vielleicht kann Ihnen eine sachlichere Betrachtung der Gegebenheiten zur Gewinnung eines richtigen Standpunktes nützlich sein: Wenn Sie nämlich mich einen Gast im Hause Ihrer Mutter nennen, so sind Sie im Falle Ihres Besuches genau ebenso Gast Ihrer Mutter. Sie wie ich hätten die Pflicht, auf unsere Gastgeberin Rücksicht zu nehmen, denn es handelt sich hier doch wohl um die Rücksicht, die Sie Ihrer Mutter schulden und nicht um eine Rücksicht die ich Ihnen schulde!

     Weiter beklagen Sie sich, dass ich "als energischer Haushaltungsvorstand" auftrete. Abgesehen von dem, was ich bereits dazu gesagt habe und gern nochmals wiederhole: dass es mir aufrichtig leid tut, wenn ich mich gelegentlich von meinem reizbaren Temperament habe hinreissen lassen, muss ich aber doch auch sagen, dass ich hier im Hause weder Gast, noch Hausverwalter, noch Portier bin. Ich bin der Freund Ihrer Mutter und in dieser Stunde will ich Ihnen, Herr Wegscheider, auch nicht verschweigen, dass ich sehr wohl auch "Haushaltungsvorstand" sein könnte! Wenn ich es nicht bin, so liegt das an mir! Ich will Ihnen auch nicht verschweigen, dass ich, wenn ich es nicht bin, ein Opfer gebracht habe, und zwar ein sehr grosses und in erster Linie in Rücksicht auf Sie!

     Wenn Sie sagen, dass ich mich zwischen Sie und Ihre Mutter stelle und diese sogar "gegen Sie aufhetze", so darf ich Ihnen erwidern, dass Sie Ihre Mutter falsch einschätzen. Sie ist nicht so. Sie ist sehr viel grösser. – Begreifen Sie denn garnicht, wie sehr sie damit Ihre Mutter beleidigen?!

     Und nun die zweite Serie Ihrer Anschuldigungen.

     Sie "erwarten von mir als selbstverständlich, dass ich in Zukunft keinerlei Verfügungen über das Vermögen Ihrer Mutter treffe, mag es auch gegen mein Interesse sein, sondern Ihre Mutter an Sie verweise."

     Sie unterstellen also, dass ich jemals Verfügungen über das Vermögen Ihrer Mutter getroffen hätte und zwar in meinem Interesse, d.h. zu meiner persönlichen Bereicherung. Diese und die nach folgenden Beschuldigungen kann ich nur mit dem von Ihnen

[12] gebrauchten Wort zurückweisen: "eine empörende Unverschämtheit!"

     Es kann Ihnen ja garnicht unbekannt sein, dass die Bunte Stube von Anfang an eine Idee Ihrer Mutter war, und dass sie zunächst einzig und allein mit den Erzeugnissen meiner Hände Arbeit ins Leben gerufen wurde. Gewiss waren meine kunstgewerblichen Arbeiten nichts Besonderes und meine Kenntnisse der kaufmännischen Dinge waren gleich Null. Ich entstamme, wie Sie wissen, einer Offiziersfamilie, in der man dem Kaufmannstande keine übertriebene Hochachtung zollte. Mein Künstlerberuf hat mich dieser fremden Welt auch nicht näher gebracht. Es ist kein Wunder, dass das Geschäft zunächst schwere Zeiten durchzumachen hatte, denn auch Ihre Mutter verstand von all dem nichts. Trotzdem wuchs das Geschäft viel rascher und kräftiger, als wir voraussehen konnten und bewies somit, dass die Idee sehr gut war.

     Das rasche Wachstum und die weitere Ausdehnung des Handels auf Dinge des täglichen Bedarfs geschah gegen meinen Willen, auf Betreiben Ihrer Mutter allein. Der Erfolg hat ihr Recht gegeben, ich aber wurde dadurch immer unlustiger und uninteressierter, denn abgesehen davon, dass das Geschäft von Krise in Krise geriet, wurde ich dadurch von meinem eigentlichen Beruf abgezogen. Vielleicht ist Ihnen unverständlich, was das für mich bedeutete. Für Sie besteht ein Beruf in irgend einer Methode des Geldverdienens, für einen Künstler aber ist Beruf eine Berufung, der er mit dem Herzen dient. Schliesslich geschah auch, was ich fürchtete: ich musste meinen Beruf gänzlich opfern, weil Missgunst und Neid von aussen her das Geschäft bedrohten. Ich übernahm die Gemeindeverwaltung. Durch intensive Fremdenwerbung verschaffte ich dem Geschäft die nötige Kundschaft. Ich bezahlte dafür den Preis meines Berufes,- gewiss nicht für das Geschäft, welches mir längst zum abscheulichen Ärgernis geworden war, sondern aus Freundschaft für Ihre Mutter.

     Sie wissen, wie ein schwerer Unfall meiner Tätigkeit ein jähes Ende setzte. Niemals hatte ich aus dem Geschäft den geringsten Vermögensvorteil gezogen, vielmehr zahlte ich als Gemeindevorsteher monatlich 100- M an Ihre Mutter Pension. Ich stand plötzlich völlig mittellos, krank und arbeitsunfähig da und wäre nun allerdings darauf angewisen gewesen, mir "die Kosten meines Lebensunterhaltes von Ihrer Mutter auszahlen zu lassen", wie Sie sich auszudrücken belieben.

     Anstatt dessen kehrte ich aber nach Berlin zurück, viel zu verbittert, um mich in den nun folgenden fünf Jahren noch mit einem Gedanken an das Geschäft zu belasten. Ihre Mutter sah ich nur im Winter. So erlebte ich aus der Entfernung die immer stärker werdende Abwärtsbewegung des Geschäftes, die immer höher steigende Not,

[13]
5.

in die Ihre Mutter geriet und schliesslich den Beginn eines völligen Zusammenbruches. In dieser ganzen Zeit vermochten Ihre kaufmännischen Ratschläge und Hilfen, die Sie, Herr Wegscheider, Ihrer Mutter gewährten, nichts an der Entwicklung zu ändern. Ich aber teilte im Winter noch meine karge Erwerbslosen-Unterstützung, von der ich lebte, mit Ihrer Mutter. Sie können vielleicht verstehen, wenn ich es darum ablehne, Ihre Mutter im Falle des Bedarfs an Sie zu verweisen.

     Ein solcher Bedarf liegt aber heute garnicht mehr vor. Ihre Meinung, dass ich "die kaufmännischen Fähigkeiten nicht besitze das Geschäft zu führen, sondern erneut Sorgen heraufbeschwöre", mag zutreffend sein, wenn Sie dabei an eine besondere Begabung des genialen Kaufmanns denken. Die besitze ich freilich nicht. Aber dieses Geschäft bedarf einer solchen Begabung nicht, es genügen dafür Ordnung, Gewissenhaftigkeit und anständige Gesinnung. Im übrigen "führe" ich das Geschäft garnicht, ich arbeite nur mit, und zwar nicht einmal ganz freiwillig, sondern weil es mir das Gewissen gebietet.

     Obwohl ich nämlich fest entschlossen war, nie wieder nach Ahrenshoop zurückzukehren, habe ich mich im Augenblick der höchsten Gefahr auf die inständigen Bitten Ihrer Mutter und die ernstesten Vorstellungen Ihres Onkels Otto Wendt schweren Herzens bereit erklärt, dem Geschäft abermals meine Mitarbeit zu schenken. So bin ich also nicht hier, weil ich sonst nirgends sein könnte, sondern weil mich die Freundespflicht gegen Ihre Mutter dazu zwingt.

     Statt vieler Worte darf ich Ihnen die Umsatzzahlen der seitherigen Jahre nennen. Der letzte Jahresumsatz vor meiner Rückkehr betrug lt. Kassenbuch:      25 597,-

Seither im Jahre 1937      33 176,-

1938      44,154,-

1939      69,947,-

     Im Jahre 1940 wird der Umsatz nur wenig unter der letzten Zahl liegen, da wir überhaupt keine Angestellten hatten und die Arbeit allei nicht ganz schaffen konnten.

     Entsprechend dem Umsatz ist der Reinverdienst gestiegen, der noch im Jahre 1936 fast gleich Null war.

     Meine "leichtfertige Geschäftsmoral" hat immerhin erreicht, dass das Geschäft in diesen drei Jahren räumlich ganz bedeutend erweitert und umgestaltet wurde. Alle aus den Umbauten und Neuanschaffungen von Inventar entstandenen Kosten sind bezahlt, - ebenso wie die Einrichtungen und Umbauten im grossen Hause,- die erheblichen schulden, die ich vorfand in der Form von Darlehn, Warenschulden und Wechselverpflichtungen sind abgetragen und das Bareinkommen Ihrer Mutter und Ihres Bruders ist, wie die Einkommensteuer-Veranlagung

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beweist, sehr gut. Ihre Mutter lebt heute sorgenfrei. Nur eine einzige Schuld ruht noch auf dem Geschäft, nämlich ein kleiner Betrag von 1000,- M ser mir persönlich gehört und der ein von meiner Mutter zu erwartendes Erbteil darstellt, welche dies in bar einzahlte in einer Zeit, da Sie selbst, Herr Wegscheider, nur in abfälligen und kreditgefährdenden Ausdrücken von dem Geschäft Ihrer Mutter sprachen und entprechend handelten. Die gefährliche Art, in der Sie selbst den Kredit des Geschäfts in schwerster Zeit geschädigt haben, geht unter vielem anderen aus einem Brief hervor, der bei den Geschäftsakten liegt. Er ist datiert vom 6.8.34. und geschrieben von einem Geschäftsfreunde, dem Ihre Mutter geldlich verpflichtet war. Es heisst darin: ".... muss ich Sie nun doch ernstlich bitten, mir doch auch entgegen dem schlechten Willen Ihres Sohnes irgend eine Sicherheit zu geben .... wo Kurt sich mir gegenüber bestimmt nicht fein benommen hat. Es würde mir jedenfalls sehr leid tun, wenn ich durch dieses Verhalten ihres Sohnes nun doch noch einmal zu Schritten gezwungen würde, die unser bisher so gutes Einvernehmen stören müssten."

     Sie, Herr Wegscheider, haben es gewagt, mir leichtfertige Geschäftsmoral verzuwerfen! Ich wiederhole, dass Sie sich irren, wenn Sie meinen, dass ich hier das Geschäft "führe". Vielmehr ist, wie Sie wissen müssen, Ihr Bruder Fritz neben Ihrer Mutter Mitinhaber des Geschäfts, und zwar auf meinen Vorschlag. Er ist absolut selbständig und durchaus in der Lage, das Geschäft verantwortlich zu führen, ebenso wie Ihre Mutter. Ob das Geschäft angesichts seiner Einberufung zum Militärdienst geschlossen werden soll oder nicht, braucht nicht Gegenstand Ihrer Sorge zu sein.

     Ich muss wohl noch bemerken, dass ich niemals, auch jetzt nach meiner Rückkehr nicht, irgend ein Gehalt für meine Mitarbeit beziehe. Das Geschäft bestreitet nur meinen einfachen Lebensunterhalt.Allerdings hat es auch die Kosten einer schweren Erkrankung und Operation getragen, die mich hart an die Grenze des Todes brachte, denn ich erlitt dieses im Dienste für das Geschäft. Ihre Mutter und Ihr Bruder erachteten es als eine Ehrenpflicht, mir in dieser Lage ihre Achtung, Liebe und Dankbarkeit zu beweisen. Ihnen aber blieb es vorbehalten, in empörenden Beleidigungen meine Ehre in Zweifel zu stellen und mich aufzufordern, mir "die Kosten meines Lebensunterhaltes anderweitig auszahlen zu lassen".

     Herr Wegscheider, Sie habe mich gezwungen, Ihnen einmal klar und deutlich zu sagen, wie die Dinge wirklich liegen. Es liess sich das leider nicht in wenigen Worten tun. Leider habe ich darauf verzichten müssen, es in dem freundlichen Tone zu tun, den mein erster Brief anschlug. Sie haben mir darauf mit einer üblen Flut

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von Beschimpfungen geantwortet. Ich habe dem nun Tatsachen entgegengestellt, die teils akten- oder buchmässig festliegen, teils von Ihrer Mutter, Ihren Geschwistern und Ihrem Schwager ohne weiteres bestätigt werden können. Sie sind sehr im Irrtum, wenn Sie glauben, ich wolle "auf Verhandlungen rechnen".

     Ich erkläre Ihnen nun, das auf dieser Grundlage, d.h. auf Anerkennung aller Tatsachen, die in diesen Briefe festgestellt sind, die am Schlusse Ihres Briefes ausgedrückte Hoffnung auf Verwirklichung der von mir angebotenen freundschaftlichen Gesinnung für mich einen Wert haben kann. Sie haben, wie ich Ihnen zugegeben habe, ein gewisses Recht gehabt, mir zu zürnen wegen der allzugrossen Reizbarkeit, mit der ich Ihnen zuweilen entgegengetreten bin. Mit den Beleidigungen Ihres Briefs aber haben Sie nur den Beweis erbracht, dass meine gelegentliche Heftigkeit wohl ihren Grund gehabt hat und insofern entschuldbar ist. Trotzdem bin ich auch jetzt noch bereit, Ihren Brief wie die Durchschläge dieser Antwort im Ofen zu verbrennen und in meinem Gedächtnis zu löschen.

     Die Entscheidung darüber liegt ganz bei Ihnen.

[16]      Ein Dienstmädchen öffnete mir, führte mich herein, nahm mir Mantel u. Hut ab u. forderte mich auf, hinauf ins Atelier zu gehen, der Herr Professor erwarte mich.

     Ich betrat einen Atelierraum, der noch bedeutend größer ist als der meine. Hofer stand an seinem Arbeitstisch in der Mitte des Ateliers im weißen Kittel, auf dem Tisch eine Zeichnung, an der er gearbeitet hatte. Ich hatte einen großen Mann erwartet, aber er ist etwas kleiner als ich u. schon sehr greisenhaft. Sein Gesicht u. sein Gebahren waren kalt u. abweisend, er schien mich zu fragen: „was störst du mich?“ – Immerhin bot er mir die Hand, wies mir einen Stuhl, setzte sich selbst u. –, sagte nichts.

     Da ich darauf vorbereitet war, hatte ich mir mein Verhalten vorher zurechtgelegt. Ich entschuldigte mich, wenn ich störte, doch habe Herr Dr. Sinn mich zu diesem Besuch angeregt. Was Herr Dr. Sinn damit bezwecke könne ich nur vermuten, er habe es mir nicht gesagt; aber ich glaubte, daß Herr Dr. Sinn die Absicht habe, seinem reichen Vetter Monheim ein Bild von mir zu verkaufen u. daß er sich, da er von Kunst nichts verstehe, seines –, Hofers –, Urteil bedienen wolle. Und damit packte ich einige Fotos aus, vom Jahre 1921 bis jetzt.

     Hofer betrachtete die Sachen ziemlich flüchtig u. entsann sich jetzt, daß er meine Bilder aus der Novembergruppenzeit gesehen hatte. Er meinte, daß ihm jene abstrakten Bilder besser gefielen als das, was ich heute machte. Als ich sagte, daß ich im Osten lebte u. daher nicht in dieser Art arbeiten könne, meinte er: „Warum ziehen Sie denn nicht in den Westen?“ – Ich dachte: Mein Gott was bist du für ein Dummkopf. Laut sagte ich, indem ich mich in seinem Atelier umsah, daß es mir wohl kaum gelingen würde, im Westen einen so schönen Arbeitsraum zu finden, während ich im Osten jetzt wenigstens einen solchen gefunden hätte.

     In dieser Weise quälte sich das Gespräch etwa eine halbe Stunde lang hin, bis ich aufstand u. mich verabschiedete. Hofer versicherte mir, er werde Dr. Sinn ein paar Zeilen schreiben u. ihm sagen, daß meine Bilder gut seien. Damit war dieser Besuch beendet u. ich atmete erleichtert auf, als ich wieder auf der Straße stand.

     Das Ganze war ein großer Quatsch!

Mittwoch, 8. Okt. 50.     

     Gestern vormittag –, ich war grade so schön an der Arbeit –, klingelte es zweimal, wie M. zu klingeln pflegt. Nichts Gutes ahnend, ging ich zur Tür u. fand tatsächlich M. vor mir.

     Sie war am Sonnabend mit Kurt am Flugplatz Tempelhof gewesen. Da sie keinen Interzonenpaß besaß, hatte sie mit dem Ausweis einer fremden Dame fahren wollen, die diesen gegen Geld zur Verfügung gestellt hatte. Bei der Polizeikontrolle wurde aber von ihr ein Fingerabdruck verlangt, aus dem sich dann ergab, daß es ein falscher Ausweis war. Der Polizist sah von einer Verhaftung ab, weil es sich um eine alte Frau handelte, sonst wäre sie verhaftet worden; so wurde sie nur zurück geschickt.

[17]      Was nun werden soll, ist unklar. Kurt ist gestern beim Oberbürgermeister Reuter gewesen, um zu versuchen einen Ausnahme=Ausweis zu erlangen, doch ist das unwahrscheinlich. M. ist nun aber bereit, ihren Ost=Ausweis abzugeben, falls sie dann leichter einen West=Ausweis bekommt. Sie kann dann aber nicht wieder in den Osten zurück u. der Hausbesitz in Ahr. ist dann möglicherweise gefährdet, aber sie will das in Kauf nehmen. Sie will unbedingt nach Regensburg, was auch ganz verständlich ist. Möglicherweise will sie dann, wenn es ihr gelingt, hinzukommen, in R. überhaupt bleiben. Das würde auch ich gut finden. Ihr Schwiegersohn Erich ist sehr nett. Der arme Kerl hat zwar selbst schon genug unter den wechselnden Launen seiner Frau zu leiden, aber möglicherweise wird das besser, wenn M. dort ist dann wird sich Ruth mehr zusammennehmen u. ihrem Mann nicht so viel Scenen bereiten. M. selbst wird dort geordneter sein u. sie hat dort die Enkelkinder, für die sie eine gute Großmutter ist. – Wenn daraus nichts wird, so muß sie nach Bln. zurück. Für diesen Fall hat Kurt sich bereit erklärt, ihr in West-Berlin ein Zimmer zu mieten. An sich ist Kurt's Wohnung groß genug, daß M. bei ihm wohnen könnte, aber seine Frau Anneliese wehrt sich dagegen, u. mit Recht. Auch Anneliese kann den Gefühlsüberschwang M's nicht vertragen. Sie ist eine sehr nüchterne u. sachliche Person, deren einziges Interesse darin besteht, Geld zu verdienen. Dazu hat sie ihren Kurt mit viel Mühe erzogen u. es fällt ihr nicht ein, diese materielle Sicherheit nun wieder gefährden zu lassen durch M's Unberechenbarkeiten.

     Im Übrigen war M. sehr vernünftig. Sie klagte nicht mehr u. versprach mir dies niemals mehr tun zu wollen. Sie hat begriffen, daß sie mich mit ihren häufigen Gefühls-Excessen gequält hat, daß sie Fritz damit ebenso quält u. daß auch Kurt u. Anneliese das nicht aushalten können. So war sie ganz vernünftig, sogar heiter. Ich kochte ihr eine Tasse Kaffee u. gab ihr Brot. Sie wohnt nun wieder im Hospiz in der Albrechtstraße bei Frau Scazziga, bis sich ihre Reise so oder so entschieden hat. Sie wird bis dahin von Zeit zu Zeit morgens zu mir kommen, damit ich auf dem Laufenden bleibe. – – –

     So weit schrieb ich heute morgen. Ich setzte mich dann an die Staffelei um zu arbeiten. Kaum hatte ich den Pinsel angesetzt, als es zweimal klingelte u. M. wieder draußen stand.

     Es hatte sich nämlich –, wie das bei ihr ja immer ist –, inzwischen alles wieder geändert. – Kurt's gestrige Bereitschaft, ihr im Westen ein Zimmer zu mieten, war nicht aufrecht erhalten worden, wahrscheinlich hat seine Frau Anneliese dagegen opponiert. Und da Kurt auch sonst für sie nichts ausrichten konnte, wie vorauszusehen war, so bleibt M. nun wohl nichts anderes übrig, als wieder nach Ahr. zurückzukehren. – Es tut mir das aufrichtig leid, es wäre so gut gewesen, wenn sie nach Regensburg [18] gekonnt hätte, – für alle Teile gut –, aber unter diesen Umständen ist eine Rückkehr nach Ahr. das einzig Richtige. – Es ergab sich aus allem, was sie sagte, daß Anneliese es eben auch nicht aushalten kann, wenn M. stundenlang bei Kurt herumsitzt, sodaß er nicht arbeiten kann u. daß sie M. jedesmal rausekelt. –

     Sodann erzählte sie mir, daß morgen um 3 Uhr mein Kollege Tillessen zu mir kommen will. Tillessen hat in diesem Herbst in Ahr. gewohnt u. hat sich mit M. angefreundet. Er ist Professor an der Weissensee'er Hochschule für angewandte Kunst als Graphiker u. hat sehr gute Beziehungen zu den Verlägen. Möglicherweise kann er mir einen Typ geben zum Geldverdienen. M. wollte mitkommen, aber ich habe abgewehrt um zu vermeiden, daß sie mit Elisab. zusammentrifft. Da Elisab. morgen Nachmittagsdienst hat, habe ich M. gesagt, daß sie gegen 4 Uhr kommen könne, aber nicht früher.

     Schließlich brachte sie die Rede wieder auf eine Scheidung. Ich mußte ihr freilich bestätigen, daß ich nicht glaubte, je wieder mit ihr zusammenleben zu können u. sie meint, daß dann doch eine offizielle Scheidung das Richtigste sei. Ich wandte ein, daß ich eine Scheidung für überflüssig halte, es sei doch unsere Privatsache ob wir zusammen leben wollten, oder nicht. Es scheint aber so, als ob noch irgend etwas anderes hinter dieser Idee steckt, ich nehme an, daß Kurt es ist, der ihr das vorredet, indem er ihr sagt, daß er sie dann finanziell unterstützen würde, wenn sie geschieden sei. Ich habe jedenfalls meinen Widerstand halb u. halb aufgegeben u. habe ihr gesagt, daß ich nichts dagegen einwenden würde, wenn sie es wirklich wünschte. Ich würde in diesem Falle ja tatsächlich sehr entlastet sein u. es wäre für mich wirklich nur ein Vorteil.

     M. ging endlich um 1 Uhr, nachdem ich ihr sagte, daß Elisab. heute vielleicht etwas früher aus dem Dienst käme, da sie zum Nachmittag eine Verabredung hat. Sie trifft sich mit Charlotte Sinn. Aber der ganze Vormittag war wieder dahin, ohne daß ich zur Arbeit kam.

Freitag, 10. Nov 1950.     

     Gestern wurde das Bildnis M's. fertig. Es ist mindestens in der Farbe gut, sonst weiß ich nicht recht. Ich malte es auf einem alten Tischtuch, welches M. mir für diesen Zweck mitgebracht hatte. Das Tuch saugte sehr stark, schon die Grundierung wurde stark gesaugt. Da das Tuch ein Gewebemuster hat, welches immer wieder durchkam, grundierte ich es dreimal u. da es jedesmal so stark saugte, kam viel Grundierfarbe darauf vielleicht zu viel. Auch beim Malen saugte es stark u. ich nahm sehr viel Öl. –

     Nachmittags kam gestern Prof. Tillessen, der als Gebrauchsgraphiker an der Weißenseer Hochschule ist. Er war im Herbst in Ahr. Er kam bereits um 1/2 3 Uhr. Ein sehr [19] netter u. wohlerzogener Mann, der sehr sorgfältig u. elegant gekleidet ist, er muß wohl viel Geld verdienen. Ich zeigte ihm zuerst meine Zeichnungen, für die er viel Verständnis hatte, für die Oelbilder, die ich zeigte, schien das Verständnis geringer zu sein. Er ist etwa 50 Jahre u. gehört schon zu den Künstlern, die die erregende Zeit nach 1918 nicht mehr recht mitbekommen haben.

     Um 4 Uhr kam M., die durch Tillessens Gegenwart recht angeregt war, jedenfalls war sie plötzlich leicht u. unbeschwert. T. selbst scheint einen starken Frauenverbrauch zu haben, er soll die dritte oder vierte Frau haben. Dergleichen imponiert M. stets, wenn es sich um andere Männer handelt. So kam ein unbeschwertes Gespräch über uns beide zustande u. T. vertrat dabei meine eigenen Anschauungen, die M. dann, weil sie von ihm kamen, auch annahm. Ich konnte die Leichtigkeit des Gespräches benutzen, um meinen Standpunkt klar zu legen. M. u. T. gingen um 6 Uhr. Elisab. war im Dienst u. kam erst gegen 8 Uhr. – Um sie mache ich mir etwas Sorge, sie gefällt mir gesundheitlich garnicht, sie hat zuweilen Herzbeschwerden u. auch der Magen arbeitet nicht einwandfrei. – Heute abend wollen wir in die Kammerspiele, um „Der Geizige“ von Molière zu sehen.

Sonnabend, 11. Nov. 50.     

     Gestern in den „Kammerspielen“ ein sehr starker Eindruck. Aribert Wächter spielte den Geizigen ganz wundervoll, auch die übrigen Schauspieler waren sehr gut, auch das Bühnenbild von Willi Schmidt.

     Heute morgen war M. wieder hier, zwei Stunden. Sie war aber vernünftig, sie scheint begriffen zu haben, daß Scenen überflüssig sind u. an der Situation nichts mehr zu ändern ist. – Ich bin gestern beim Rahmenfabrikanten Schneider gewesen u. habe zwei Rahmen bestellt, einen kleinen, einfachen für das Bild „Bahngelände“, welches ich in der Ausstellung Unter den Linden auszustellen versuchen will, u. einen größeren für das Bild „Sturmvogel“, welches Charlotte Sinn nun gern haben möchte u. das ich ihr zum 26 Nov., ihrem Geburtstage, bringen will. Dieser Rahmen ist teuer. Ich scheute die Ausgabe u. entschloß mich zu einem billigeren, der aber nicht gut aussieht. In der Nacht ärgerte ich mich darüber. Das Bild soll doch für mich werben, da muß es schon gut aussehen u. ich beschloß heute nochmals hinzufahren u. den besseren Rahmen zu bestellen. Anschließend daran wollte ich zum Gesundbrunnen, um Leinewand oder Nessel zu kaufen für ein neues Bild. Durch M's. Besuch kam ich dazu nicht mehr, ich war nur beim Rahmenfabrikanten. Das war vielleicht gut, denn ich veranlaßte M., gleich hier bei mir ein paar Zeilen an Fritz zu schreiben, daß er mir Rohleinen schicken soll. [20] Im Sommer hatte M. mir nämlich Roh=Leinen zum malen gegeben; aber später hat ihr das Leid getan. Nun hatte sie es mir wieder versprochen, aber nichts dazu getan. Heute hat sie nun in meiner Gegenwart darum geschrieben u. ich habe den Brief sofort selbst in den Kasten geworfen. Wenn ich dieses Rohleinen bekomme, spare ich viel Geld, denn ich könnte hier Leinen nur im Westen kaufen.

     In der vorigen Woche hatte ich einen Brief an den Kunstreferenten der Berl. Ztg. geschrieben, der über eine Ausstellung der früheren Bauhauskünstler eine recht fragwürdige Kritik geschrieben hat. Dieser Herr Rühle, hat mir darauf heute in einer Weise geantwortet, die es mir möglich machen wird, persönliche Beziehungen zu knüpfen. Dies könnte wertvoll sein. –

Montag, 13. Nov. 50.     

     Ich antwortete gestern Herrn Rühle u. schlug eine Aussprache in meinem Atelier vor.

     Nachts schlief ich schlecht. Nachdem ich endlich gegen 4 Uhr eingeschlafen war, träumte ich von einer wilden Katze, die mir an die Kehle gesprungen war u. mich biß. Ich konnte mich von ihr nicht befreien u. schrie um Hilfe. Elisab. hörte mein Schreien u. weckte mich. –

     Heute morgen erzählte ich von diesem Traume, worauf Elisab. ganz erschrocken sagte: „Eine Katze? – das war ich doch hoffentlich nicht!“

     Diese Frage verblüffte mich. Es scheint mir tatsächlich so, als wäre diese Katze eine Deckfigur für E. gewesen.

     Ich mache mir über E. viele Gedanken. Sie ist ein guter Mensch mit einem sehr idealistischen Streben u. mit besten Absichten; aber sie führt diese Absichten nicht aus. So hatte z.B. ihr Bruder Hans am Sonnabend Geburtstag u. sie hatte beabsichtigt, ihn zu besuchen u. zu gratulieren, aber es wurde nichts daraus. Sie wollte dann diesen Besuch gestern am Sonntag machen aber auch daraus wurde nichts. – Für den gestrigen Sonntag hatte sie beabsichtigt, an ihre Freundin Edel zu schreiben, die gleichfalls Geburtstag hat; aber sie hat den Sonntag mit der Lektüre meiner Tagebücher verbracht u. kam nicht dazu, zu schreiben. – In der vorigen Woche wollte sie an den Direktor der Heimstätten=Gesellschaft einen Dankbrief schreiben. Wir hatten, nämlich dessen Initiative zu danken, daß endlich unser Schornstein gemacht worden ist, der voll Bauschutt u. verstopft war, sodaß ich im Atelier nicht heizen konnte. Auch diesen Brief hat sie nie geschrieben. Ferner hat Frau Sieber, welche uns den Haushalt macht, bereits am 1. Nov. gekündigt, weil es ihr zu viel Arbeit ist. Sie arbeitet aber noch weiter bis wir eine andere Hilfe haben. Elisab. wollte sofort sich nach einer anderen Kraft umsehen u. an eine gewisse Person in [21] Pankow schreiben, aber sie hat es immer noch nicht getan, obgleich Frau S. inzwischen schon einmal gemahnt hat. – Dann will E. schon seit längerer Zeit zu der Dienststelle gehen, die mir die Zuzugsgenehmigung erteilen soll u. wo mein diesbezüglicher Antrag liegt; aber sie tut es nie. – Im vorigen Monat wollten wir zur Galerie Springer gehen, sind aber nie hingekommen. Und so könnte ich stundenlang Beispiele anführen wo sie sich Dinge vorgenommen hat, die nie ausgeführt wurden. – Ernster ist das in Bezug auf ihren Beruf. Sie hatte beabsichtigt, am 31. Dez. 50. ihr Dienstverhältnis zur VAB. zu kündigen u. ihre Fachausbildung in einer Klinik zu vollenden. Tatsächlich aber hat sie bis heute nicht den geringsten Schritt unternommen, um irgendwo an einer Klinik eine Anstellung zu finden. Ich fürchte, daß sie ihre Fachausbildung niemals vollenden wird. – Und leider ist es auch ebenso in Bezug auf meinen Beruf. Sie hatte vor einem Jahre davon gesprochen, das „Gnadenbild“ zu kaufen ebenso die Bleistiftzeichnung (Fantasie über ihren Kopf). Ich habe stillschweigend das Gnadenbild u. das kleine Bild „Stille Straße“ im Katalog für sie abgeschrieben als Geschenke, Geld werde ich dafür niemals bekommen. Allerdings hat sie auch so durch ihr Verhalten diese beiden Bilder u. auch die Zeichnung längst verdient, sodaß ich ihr die Bilder ruhig schenken kann. Aber sie hatte schon damals sehr viel davon gesprochen, daß sie meine Bilder verkaufen, mindestens aber Interessenten dafür heranbringen werde. Nichts davon ist geschehen mit Ausnahme von Charlotte Sinn, die zwar den „Sturmvogel“ kaufen will, aber kein Geld hat. Dieses Bild werde ich Charlotte zu ihrem Geburtstag am 26.11. bringen u. habe es dazu rahmen lassen, was 40,– Mk. kostet. Ich habe noch keinen Pfennig gesehen.

     So macht also Elisab. Versprechungen an die sie wohl glaubt, aber sie führt sie nicht aus. Trotzdem ist sie gut für mich. Wo würde ich ohne sie ein so schönes Atelier haben, wie könnte ich ohne sie so ruhig arbeiten u. überhaupt leben. Ich habe also keinen Anlaß, mich über ihre Fehler zu beklagen, zumal ihre Fehler ja auch die meinigen sind, ich kann das alles sehr wohl von der heiteren Seite aus betrachten u. kann darüber lachen. – Leider hat die Sache aber auch ihre ernste Seite. Else hat jetzt ihre ersten Bilder bezahlt, ich habe zwar noch für die zweiten Bilder 1200,– Mk. zu bekommen; aber es ist ungewiß, wie u. wann ich dieses Geld bekommen werde. Von Charlotte S. kann ich ebenfalls nichts Sicheres erwarten. Mein Geld ist jetzt verbraucht. Am 1. Dez. werde ich noch keine Schwierigkeiten haben, da ich Elisab. genug Geld geliehen habe, daß ich am 1.12. nicht mit ihr in Schwierigkeit geraten werde; aber dann wird es schwarz aussehen u. ich weiß nicht, wie Elisab. sich verhalten wird, wenn ich kein Geld mehr haben werde. – Gewiß wird sie dann [22] keineswegs etwa kleinlich sein, das liegt ihr nicht –, aber die praktische Notwendigkeit der Geldbeschaffung liegt doch dann für mich vor u. ich weiß nicht, wie ich das machen soll. –

     Der einzige Ausweg wäre der, daß ich mir die 4000,– Mk. wiedergeben lasse, die ich in der BuStu. stecken habe; aber das wird nicht leicht gehen. – Es ist jetzt ganz offenbar, daß M. ernsthaft die Absicht hat, sich scheiden zu lassen. Ich habe über die Motive dieser Absicht sehr nachgedacht u. bin zu dem Resultat gekommen, daß Kurt sich bereit erklärt haben wird, seine Mutter pekuniär zu unterstützen unter der Voraussetzung, daß diese sich von mir offiziell trennen will. Ich habe ihr das beim letzten Besuch ganz harmlos gesagt. Sie war darüber etwas verwirrt, widersprach aber nicht. So ist diese Sache also klar. M. verkauft mich ganz einfach gegen eine Rente von Kurt. Nun gut. Aber dann brauche ich ja auch nicht mehr schüchtern zu sein u. kann mein Geld zurückverlangen. Ob ich es freilich bekommen werde, ist zweifelhaft, ich müßte mich da schon ganz auf Fritz verlassen, von M. werde ich es niemals bekommen.

     Alles das sind Erwägungen, die mir diese trüben Novembertage nicht sehr angenehm gestalten. Es ist kein Wunder, wenn ich mal schlecht schlafe u. von wütenden Katzen träume. Dennoch fühle ich mich wohl. Es geht mir gut u. Elisab. ist mir ein Mensch, dem ich herzlich zugetan bin. Es ist rührend, mit welchem Eifer sie meine Tagebücher liest. Sie möchte gern später einmal meine Biographie schreiben. Nun auch das wird zu den nie ausgeführten Absichten gehören.

     Nachmittag:

     Mittags holte ich E. im Haus der Gesundheit ab, wir fuhren zur Kollwitzstraße in das Kunstkabinett Prenzlauer Berg, wo die Brandenburgischen Künstler ausgestellt haben –, ohne mich. – Die Ausstellung ist in der Berl. Ztg. von Herrn Rühle sehr schlecht kritisiert, besonders die Bilder von Magnus Zeller. Und ich muß sagen: mit Recht. Zeller hat drei große Bilder dort, er beherrscht eine ganze Wand. Ich habe von ihm seit der Zeit der Novembergruppe nie mehr etwas gesehen. Damals malte er sehr gut. Was ich heute sah, war einfach himmelschreiender Kitsch, ein platter Naturalismus, der nicht einmal gekonnt ist. Eines der drei Bilder fehlte. Die Aufsichtsdame sagte mir, daß dieses Bild zwecks Ankauf herabgenommen worden sei. Wer das Bild kaufen will, konnte ich leider nicht erfahren. – So muß man also malen, um dem „gesellschaftlichen Fortschritt, den die Arbeiterklasse repräsentiert“, – wie Herr Rühle das nennt –, gerecht zu werden! –

     Von dort gingen wir zu Lowinsky, aber er fängt erst am 15.11. eine neue Ausstellung mit Kinderbuch=Illustrationen an, von denen er mir einige sehr schöne Originale zeigte. Wir unterhielten uns sehr nett mit ihm, er ist ein famoser Mensch. – Wir fuhren dann zum [23] Gesundbrunnen, der im Volksmunde „Heringsdorf“ heißt, wie Lowinsky sagte, – weil es dort frische Heringe zu kaufen gibt. Ich kaufte Tabak u. Kaffee u. wir gingen noch in eine Konditorei, in der ich für zwei Tassen Kaffee, zwei Stück Torte u. eine Portion Schlagsahne 18,– Mk=Ost zahlen mußte. – Elisab. fuhr von dort wieder in den Dienst u. ich nachhause. Hier fand ich einen Brief der Nationalzeitung, der ich eine Rechnung über das Honorar des von mir abgedruckten Bildes gesandt hatte. Die Redaktion teilt mir mit, sie hätte das Honorar an Herrn Kähler bezahlt, da dieser das Bild besorgt hätte. Herr Kähler hätte dabei gesagt, daß er sich mit mir deshalb in Verbindung setzen würde. Die Redaktion hat ihn nun erneut aufgefordert, dies zu tun. – Ich werde diese Woche abwarten, falls Herr K. sich dann immer noch nicht gemeldet haben sollte, werde ich meine Honorarforderung bei der Zeitung wiederholen.

     Von Herrn Lowinsky hörte ich, daß der Kunst=Referent der Berl. Ztg. am Abend, der mich so unverschämt kritisiert hatte, rausgeworfen worden sei. Der Mann hieß Holtz u. soll ein junger Laffe von etwa 20 Jahren sein. Über Herrn Rühle hörte ich, daß auch er noch recht jung ist, noch nicht 30 Jahre alt, aber er soll ein sehr netter u. verständiger Mensch sein. Lowinsky freute sich, daß ich mit diesem ins Einvernehmen gekommen bin, denn dieser junge Mann ist sehr einflußreich. Ich erzählte ihm, daß aus meinem Bilderankauf durch Herrn Baltschun nichts geworden sei. Er hatte bestimmt an einen Erfolg geglaubt u. war sehr überrascht. Aber ich sehe ja nun an den Bildern von Magnus Zeller, wie man malen muß, um gekauft zu werden. In dieser ganzen Ausstellung fand ich nur zwei gute Sachen: ein kleines Straßenbild in Aquarell u. einen Holzschnitt desselben Themas. Leider habe ich die Namen nicht behalten. Man hatte diese beiden Sachen in eine dunkle Ecke gehängt, wo sie kaum zu sehen sind, zumal noch eine Plastik davor steht. – Auch von Kesting ist ein altes Ölbild „Kakteen“ da, sehr belanglos. – Ich freue mich, daß ich da nicht mit ausgestellt habe.

Dienstag, 14. Nov. 1950.     

     Zu meinen gestrigen Notizen über Elisab. muß ich nachtragen, daß das, was ich da schrieb, keine herabsetzende Kritik an ihr sein soll. In Wahrheit ist sie mir sehr ans Herz gewachsen, auch mit ihren Fehlern. Wer hätte solche nicht! – Sie ist mir eine überaus liebe u. sehr zärtliche Tochter, die bemüht ist, mir jeden Wunsch zu erfüllen, den sie mir von den Augen ablesen kann. Immer ist sie um meine Gesundheit berorgt u. meine Bequemlichkeit ist ihr Gesetz. Einen besseren Menschen wie sie kann es für mich garnicht geben.

Mittwoch, 15. Nov. 50.     

     Gestern gegen 10 Uhr vorm. kam M., wie vorher verabredet. Sie hat die Hoffnung aufgegeben, nach Regensburg zu kommen u. will nun morgen nach Ahr. zurückfahren. Sie wird nicht mehr zu mir kommen, es war also gestern das letzte Mal, [24] daß wir uns sahen. Für wie lange Zeit? Vielleicht für immer. – M. war natürlich traurig wie immer, aber doch ruhig u. vernünftig. Ich kochte ihr Kaffee u. gab ihr Frühstück u. wir unterhielten uns, schwere Dinge vermeidend. Sie sprach wieder von der Scheidung, die für sie nun eine ausgemachte Sache zu sein scheint. Ich sagte dazu, daß ich dabei jede unnötige Unannehmlichkeit zu vermeiden wünschte u. fragte sie, welchen Scheidungsgrund sie denn angeben wolle. Sie wußte es nicht u. meinte, sie wolle mit ihrem Anwalt Rütz in Ribnitz darüber sprechen. Ich erklarte ihr, daß dann ja Rütz auch meine Interessen vertreten könne.

     Sie packte allerhand Dinge zusammen, die sie teils gleich mitnehmen wollte, teils tat sie sie in einen Koffer, der zusammen mit ihrem Nähtisch u. einer Steppdecke abgeholt u. zu Kurt gebracht werden soll. Um 1 Uhr war sie fertig u. ich brachte sie mit den Paketen nach der Albrechtstraße bis in ihr Zimmer, das im 4. Stock lag eine kleine, aber sehr hübsche Mansarde. Dort verabschiedete ich mich.

     Es war ein Abschied, der mich doch sehr tief berührte. Damals vor fast 30 Jahren, als wir uns kennen lernten, wohnte ich in der Taunusstraße in Friedenau, d.h., ich hatte dort, nachdem ich M. kennen gelernt hatte, ein winzig kleines Atelier gemietet, welches ebenfalls nicht anderes als eine Mansarde gewesen ist. In dieser Mansarde begann damals, diese große Liebe –, u. nun verabschiedete ich mich wieder von ihr in einer Mansarde. Der Abschied war sachlich u. nüchtern. Das war also das Ende eines Lebensabschnittes von 30 Jahren.

     M. hatte mir aus Birkenwerder wieder einen Brief mitgebracht, der dorthin gegangen war. Er war vom Magistrat, von der Verbindungsstelle zur Förderung von Kultur u. Intelligenz u. enthielt die abermalige Ablehnung meiner Zuzugsgenehmigung. Ich werde mich dagegen wehren, weiß aber noch nicht wie. –

      Nachmittags kam Charlotte Sinn zum Kaffee. Auch sie brachte eine fatale Nachricht mit. Man hat ihr, da sie eine Wohnung in der Lietzenburgerstraße hat u. angeblich von ihrem Mann getrennt lebt bisher von dem Gelde, das Dr. Sinn ihr monatlich gibt 90,– Mk. in Westwährung 1:1 umgetauscht. Dieser Umtausch ist plötzlich verweigert worden. Für Frau S. ist das ein großer Verlust der sich natürlich auch für mich sehr übel auswirken wird, da sie nun erst recht kein Geld mehr übrig hat um den „Sturmvogel“ zu bezahlen. –

     Außerdem zeigte sie das kurze Schreiben vor, welches Carl Hofer an Dr. Sinn nach meinem Besuch bei ihm an Dr. S. geschickt hat. Er bringt darin zum Ausdruck, daß ich ein sehr beachtlicher Künstler sei, der schon 1921 im „Kunstblatt“ reproduziert worden sei u. daß es wünschenswert wäre, daß ich Gelegenheit bekäme, nach dem Westen zu ziehen. Nun das werde ich nie tun, denn materiell würde es mir dort nicht besser gehen u. ein so schönes Atelier, wie ich es hier habe, werde ich dort nie bekommen. Außerdem [25] würden bei einem Kriege zwischen Ost u. West die Russen bestimmt Westberlin erobern, wenn auch nur vorübergehend u. in diesem Falle würde es mir dann schlecht gehen. Wenn aber die Westmächte den Osten erobern sollten, so wird mir dann niemand etwas tun. – Von Hofers Brief habe ich garnichts, aber immerhin ist es nett von ihm, daß er so geschrieben hat. –

     Schließlich u. endlich erzählte Charlotte, ihr Mann habe an Monheims einen sehr geschickten Brief geschrieben, in welchem er sie aufgefordert habe einige Bilder von mir zu kaufen. – Ich kann mir nicht gut denken, daß Monheims das tun werden; aber Charlotte meinte, Dr. S. habe den Brief so geschickt geschrieben, daß sie nicht anders könnten. – Ich werde es abwarten u. bin sehr skeptisch.

     Sonst war der Erfolg dieses Kaffeebesuches der, daß weder Elisab. noch ich in der Nacht schlafen konnten. Die arme Elisab. war gestern so wie so gemütlich belastet u. depressiv. Heute hat sie eine Verabredung mit einer befreundeten Kollegin in Steglitz, die ich nicht kenne, möglicherweise wird sie anschließend daran ihren Bruder besuchen, um den versäumten Geburtstagsbesuch nachzuholen.

     Ich habe das neue Bild des Seemann=Kopfes begonnen, das untermalt schon einige Tage dasteht. Ich denke, daß ich das Bild „Matrose“ nennen werde. Es wird sehr stark in der Farbe, auch in der Form sehr bewegt.

     Charlotte Sinn war übrigens von meinem Selbstporträt sehr begeistert, dagegen gefiel ihr das Bildnis M's. garnicht. M. selbst gefällt es ja auch nicht. Ich bin beim Malen natürlich sehr beeinflußt gewesen von den meist unerfreulichen u. quälenden Besuchen M's, die grade in diese Zeit fielen. Es ist kein Wunder, wenn sich das in diesem Bilde sehr ausdrückt.

Donnerstag, 16. Nov. 50.     

     Elisab. kam gestern erst spät zurück, hatte aber viel zu erzählen. – Zunächst war sie bei ihrer Freundin in Steglitz. Frau Dr. med. E. Falke, geb. Richter. Diese ist verheiratet mit einem Kaufmann (Angestellter) u. hat ein Kind. Sie betreibt in Steglitz seit 1945 ein gut gehende Privatpraxis als prakt. Ärztin. Sie scheint zur bildenden Kunst wenig Beziehung zu haben, ist aber intelligent genug, um das als Mangel zu empfinden u. den Willen zu haben, sich zu bessern. Außerdem braucht sie Wandschmuck in ihrer Wohnung. – Elisab. hatte sehr viele Fotos usw. meiner Bilder mitgenommen u. hat diese gezeigt u. beide Frauen scheinen sich angeregt darüber unterhalten zu haben. Frau Dr. Falke scheint nicht abgeneigt zu sein, ein Bild von mir zu kaufen. Außerdem soll sie Beziehungen zu anderen Leuten haben, die ebenfalls ev. als Käufer in Frage kommen. Es ist das also mindestens eine kleine Aussicht. Frau Dr. Falke wird in nächster Zeit herkommen, um sich die Originale anzusehen

     Sodann war Elisab. bei ihrem Bruder Hans, der nun endlich in der Teutonenstraße in Nikolassee bei der Inneren Mission gewesen ist, [26] um von dort mein Christkönigsbild abzuholen, welches seit dem Frühjahr für die Ausstellung „Kunst der Kirche“ dort steht u. nie auf die Ausstellung gekommen ist. Man sagte ihm dort, daß diese Ausstellung im Januar 1951 in Berlin im Charlottenburger Schloß neu aufgemacht werden würde u. man schlug vor, das Bild für diese neue Ausstellung dort zu lassen. Hans Bieschke tat das natürlich. Man gab ihm die Ausstellungspapiere, damit ich, wenn ich will noch weitere Bilder anmelden könnte.

     Es scheint das gut zu sein. In der Jury sind namhafte Künstler, denen man vertrauen kann: Max Taut, Otto Bartning, Schmidt-Rottlof, Hans Orlowski, Ludwig Gies, Ortwin Rave u. Willy Grohmann u.a. Ich werde diese Ausstellung beschicken, u. zwar mit dem Christkönigsbilde, mit dem Paulus vor Damaskus u. mit der blauen Himmelskönigin. Die Schwierigkeit ist nur die, daß ich für alle drei Bilder anständige Rahmen machen lassen muß, was einen Haufen Geld kosten wird, welches ich nicht habe. Ich werde mit Rahmen-Schneider sprechen, ob er mir einen Kredit dafür einräumen wird. Ich habe bei ihm ja nun schon viele Rahmen machen lassen u. stets sofort bezahlt, gehöre also zu seiner guten Kundschaft.

     Heute fährt M. nach Ahr., wahrscheinlich ist sie schon fort. Sie sagte mir beim Abschied, daß sie mir zunächst nicht schreiben würde; aber Fritz soll ja bald herkommen. –

Sonnabend, 18. Nov. 50.     

     Gestern war der Kollege Elisabeth's, Herr Dr. Kern, bei uns. Er aß mit uns zu Mittag u. wir tranken dann Kaffee. Es war anregend, er blieb bis 1/2 7 Uhr, er sprach fast ausschließlich von seiner kleinen Tochter, die ein sehr schwer erziehbares, pathologisches Kind ist. Er ist in zweiter Ehe verheiratet, von der Mutter des Kindes geschieden. Seine jetzige Frau ist nicht geeignet, das Kind zu behandeln. Der Fall ist schwierig, es handelt sich um ein anscheinend sehr intelligentes Kind. – Dr. K. hatte sich im Sommer um Elisab's. Steuererklärung bemüht, deshalb lud sie ihn gestern ein. Er selbst ist ein kranken, sehr kluger Mann.

     Nachdem Dr. K. fort war, wurde Elisab. von einer sehr schweren Depression überfallen, die schwerste, die ich bisher bei ihr erlebt habe. Es gelang mir nach einigen Stunden, sie aus dieser Depression wieder herauszureißen, der Erfolg hielt auch heute früh noch an. – Elisab.'s Vater hat ein melancholisches Temperament gehabt u. dieses scheint sich allmählich bei ihr bemerkbar zu machen in dann u. wann wiederkehrenden Depressionen. Ich muß mehr darauf achten. Ihre Vitalität ist schwach, man muß ihren Kräften nicht zu viel zumuten. –

     Gestern Abend entwarf ich noch einen [27] Brief an den Oberbürgermeister, in welchem ich mich beschwere über die Unsachlichkeit der „Verbindungsstelle zur Förderung von Kultur u. Intelligenz“ beim Magistrat, welche meine Zuzugsgenehmigung abgelehnt hat. Ich will heute diesen Brief Herrn Baltschun übergeben.

     Gestern Vormittag war ich in Birkenwerder, um den Lebensmittelkarten=Abschnitt unterstempeln zu lassen. Ich sprach mit Frl. Knebel, die im Vorzimmer des Bürgermeisters sitzt. Künftig werde ich diesen Abschnitt mit der Post nach Birkenw. schicken u. Frl. K., bzw. die Kartenstelle wird mir meine Lebensmittel=Karte mit der Post zusenden. Natürlich muß ich einen Freiumschlag beifügen. Ferner war ich auf der Post u. stellte einen Antrag auf Nachsendung, nachdem Alice Wendt das nicht mehr von sich aus tut. –

     Mittags:

     Ich komme eben von Herrn Baltschun, der über die Ablehnung meines Zuzugs=Antrages ebenfalls überrascht war. Er sagte, daß er mit der „Verbindungsstelle“ bereits gesprochen habe u. daß sich die Ablehnung rückgängig machen ließe, wenn ich eine Erklärung abgebe, daß ich von meiner Frau getrennt lebe u. meine Wohnung in Birkenwerder aufgegeben hatte, daß ich hier in Bln. keinen besonderen Wohnungsanspruch erhebe. – Wahrscheinlich ist die Behörde über meinen im Frühjahr gestellten Antrag gestolpert, in dem ich noch für mich u. meine Frau eine Wohnung haben wollte, sie haben nicht verstanden, daß dieses jetzt hinfällig ist. – Ich habe unter diesen Umständen den an den Oberbürgermeister gerichteten Brief nicht abgesandt u. werde es erst so versuchen wie Baltschun sagt. –

     Ich muß übrigens doch einen sehr professoralen Eindruck machen. Es begegnet mir immer wieder, daß ich mit diesem Titel angeredet werde, heute nannte sogar Herr Baltschun mich Professor, obwohl er doch weiß, daß ich es nicht bin. Verdient hätte ich freilich diesen Titel schon längst, werde ihn aber wohl nie erhalten.

Montag, 20. Nov. 50.     

     Das Verhältnis zwischen Elisab. u. mir scheint allmählich eine Wandlung durchzumachen im Sinne einer Freundschaft. Es ist mir aufgefallen, daß Elisab. in letzter Zeit häufig gefragt hat, wie es bisher in meinem Leben mit solchen Freundschafts=Verhältnissen gewesen sei, also ob ich Freunde unter Männern gehabt hätte. Sie interessiert sich für die Frage, wie es mit M. gekommen sein würde, wenn sie –, Elisab. –, ein Mann gewesen wäre u. ob M. dann ebenfalls so eifersüchtig geworden sei. Ferner fragte sie mich kürzlich, ob ich mein Gefühl zu ihr „Freundschaft“ nennen könne u. ob ich mir vorstellen könne, daß sie ein junger Mann sei. – Alles das beweist, daß sie sich innerlich mit dieser Frage sehr beschäftigt. [28] Elisab. hat ja –, das habe ich von jer her gesehen, in ihrer Natur etwas ausgesprochen Knaben= oder Jünglingshaftes, ohne daß es ihr deshalb an weiblichem Charakter gebricht. Das Weibliche in ihr kommt in erster Linie in ihrem sehr starken Bedürfnis nach Zärtlichkeiten zum Ausdruck, aber darin scheint es sich auch völlig zu erschöpfen. Sinnliche, erotische Gefühle sind bei ihr selten u. scheinen in letzter Zeit völlig erloschen zu sein, sodaß sie kürzlich auf sich selbst das Wort „frigide“ anwendete. Ich stelle das fest, ohne daß ich dabei eine Veränderung meines eignen Gefühls zu ihr bemerken kann. Im Gegenteil könnte ich mir wohl denken, daß ein Erlöschen der erotischen Regungen unser Verhältnis nur verbessern könnte. Ein solches Erlöschen würde, für ein Liebes= oder Eheverhältnis immer sehr gefährlich sein, wenn nämlich solche Regungen nur beim einen Partner erlöschen, beim anderen aber weiterbestehen. Wenn aber, wie es hier zu sein scheint, bei Elisab. diese Regungen erlöschen, so kann das zu keinen Komplikationen führen, da ich selbst ja nicht mehr sehr abhängig von diesen Dingen bin. –

     Wir haben in diesen letzten Tagen das Lukas=Evangelium gemeinsam gelesen, d.h. ich habe vorgelesen u. habe kurze Kommentare gegeben, wenn sie etwas nicht verstand u. mich fragte. Ich will jetzt mit ihr das Johannes=Evangelium lesen. Vom 1. Advent an möchte ich versuchen mit ihr in eine Betrachtung des Kirchenjahres einzutreten. Elisab. hat ein sehr ausgesprochenes religiöses Bedürfnis, ist aber durch das Medizinstudium der Kirchenlehre entfremdet worden. Es liegt das m.E. daran, daß sie in der Kindheit keinen besonders guten Religionsunterricht gehabt zu haben scheint, auf jeden Fall aber ist ihr religiöses Wissen später nicht, weiterentwickelt worden. Sie steht da noch teilweise auf dem Standpunkt eines Schulmädchens, während ihr medizinisches Wissen sehr ausgebildet ist. Das Erfreuliche ist, daß sie das weiß u. daß sie von mir erwartet, daß ich ihr diese Lücke ausfülle. Ich hoffe, daß mir dies nach u. nach gelingen wird. –

Dienstag, 21. Nov. 50.     

     Heute machte ich das Bild „Matrose“ fertig. Sehr gut, besonders in der Farbe.

     Vormittags war Herr Heinze, der Schwiegervater von Kurt Wegscheider da u. holte M.'s Nähtisch ab nachdem er gestern schon M's. Koffer u. eine Steppdecke abgeholt hatte. Ich habe nun nichts mehr, was M. gehört.

     Nach ihm kam Magnus Zeller, den ich nur schwer erkannte. Ich habe ihn ja nur einmal gesehen, als er mich damals im Krankenhause in Potsdam besuchte. – Er sah sich die Bilder an, die an den Wänden [29] hängen. Sie waren ihm alle –, wie zu erwarten war –, „zu stilisiert“ – wie er sich ansdrückte. Diese „Stilisierung“ ist eben heutzutage das Schlimmste, was man einem Künstler hier im Osten nachsagen kann, es ist einfach „Formalismus“. Man will einen möglichst platten Naturalismus. – Mein Selbstportait gefiel ihm aber im allgemeinen gut, noch besser gefiel ihm M's Bildnis.

     Ich zeigte ihm dann die Zeichnungen, die bei Lowinsky ausgestellt waren, von denen ihm diejenigen sehr gut gefielen, die am wenigsten stilisiert sind, also der Fischereihafen, die Boote „Im Binnenwasser“, die Netze im Mondschein usw. Von diesen Sachen war er restlos begeistert, er konnte nicht begreifen, warum sie nicht verkauft waren.

     Zeller ist ein Hans in allen Gassen. Er gehört zahlreichen Kommissionen an u. muß wohl auch gut verdienen. Dafür hat er aber auch viele Verpflichtungen. – Ich erfuhr von ihm allerhand interessante Dinge. Er sagte mir z.B., daß er damals, als ich krank war, zu dem Kollegen Nagel gegangen ist, der ja, ein sehr mächtiger Mann ist. Er wollte, daß man mir mit 1000,– Mk. hülfe. Nagel habe das aber mit Hohnlachen abgelehnt, weil ich angeblich in Ahrenshoop ein Warenhaus besäße u. ein schwerreicher Mann wäre. – Auch das kann ich also zu den zweifelhaften Vorteilen verbuchen, die mir aus der Ehe mit M. zuteil geworden sind.

     Zeller, der jetzt 62 Jahre alt ist, soll demnächst eine Rente von monatlich 300,– Mk. erhalten. Er sagte mir, er wolle den Antrag stellen, daß auch ich eine solche Rente bekommen solle. Nun, darauf ist nichts zu geben. – Immerhin wird er von nun an bemüht bleiben, für mich irgend etwas zu tun, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Möglichkeiten dazu hat er bestimmt, ob er es tut, ist noch eine andere Frage. –

     Sein Bild „Thomas Münzer“, das in der Kollwitzstraße ausgestellt ist, hat die National=Galerie gekauft für 7000,– Mk. Ich würde sowas Vergäudung von Volksvermögen nennen. Aber laß ihn verdienen. Er ist ein gutmütiger sehr weicher Mensch, vielleicht tut er wirklich etwas. Er versprach mir, mit Justi zu sprechen, daß er eine meiner Zeichnungen für die National=Galerie kauft.

Donnerstag, 23. Nov. 1950.     

     Gestern am Bußtag kam Frl. Dr. Knaak, Kollegin Elisab's. zum Tee. Ich zeigte Bilder. Abends ging Elisab. mit Frl. Dr. K. zu einem Vortrag des bekannten Prof. J. Schulz nach Westend, von dem E. erst gegen 11 Uhr sehr angeregt zurückkam. Diese Vorträge bilden einen Kursus für Aerzte u. finden jeden Mittwoch statt E. soll daran teilnehmen. Es regt sie an u. sie lernt Neues. Sie hat endlich ihre Depression, an der sie in letzter Zeit litt, überwunden ich hoffe, daß es so bleibt. Es sei aber gesagt, [30] daß E. diesen depressiven Zustand in ganz mustergültiger Weise ertragen hat, sie hat sich sehr beherrscht u. hat mich nie mit Launen gequält. Ich kann mich nur ganz langsam daran gewöhnen, daß ich bei ihr niemals Launen zu fürchten habe. Sie ist ein famoser Mensch u. ich kann nur sagen, daß ich sie sehr liebe. –

     Heute morgen fuhr ich zu Schneider, um die Bilderrahmen abzuholen. Ich bezahlte 40,– Mk. Besonders der „Sturmvogel“ sieht sehr gut aus im weißen Rahmen. – Ich bestellte auch Rahmen für die drei Bilder u. die beiden Holzschnitte für die Ausstellung „Kunst der Kirche“ u. ließ mir dafür einen Kredit bis Mitte Januar einräumen, was man bereitwillig tat. – Von dem Holzschnitt „Des Rufer“ machte ich vorgestern Abzüge, ich besaß noch etwas Japanpapier dafür. –

     Als ich von Schneider zurückkam, fand ich einen Brief von Frau Dr. Kähler vor, die natürlich in meiner Abwesenheit hier war. Sie bittet um Nachricht, wann sie mich sprechen kann, um die Angelegenheit des Honorars in der Nationalzeitung zu regeln. Ich hatte am Dienstag an die National-Zeitung geschrieben, daß Herr Dr. K. immer noch nicht bei mir gewesen sei u. daß ich nun nochmals um mein Honorar bäte.

     An Dr. Burgartz u. Herb. Sandberg geschrieben, um Verbindung aufzunehmen.

     Gestern Bleistiftskizze gemacht zu einer Illustration zu Gorki „Das Werk der Artamonows“. Vielleicht lohnt sich das. –

Freitag, 24. Nov. 50.     

     Holte gestern Abend E. vom Bahnhof Friedrichstraße ab, als sie aus dem Dienst kam. Wir gingen zusammen in die Lehrbuch=Ausstellung am Bahnhof, wo wir sehr viele, ganz wundervolle Kinderzeichnungen sahen von Kindern von 6 – 14 Jahren. Alle diese Sachen sind reiner, waschechter Expressionismus. Wenn diese Kinder erwachsen sein werden, wird man sie auf Kunstschulen schicken, wo man sie mit Naturalismus u. Politik so lange verderben wird, bis nichts mehr von ihrer entzückenden Ursprünglichkeit u. Unbefangenheit übrig geblieben sein wird. –

     Gegenüber der Ausstellung ist jetzt das „Presse=Kaffee“ fertig, es soll morgen eröffnet werden. Ein Blick durch's Fenster ließ in mir das Verlangen nach einem hübschen, anständigen Kaffeehaus erwachen. Dieses Kaffee könnte soetwas werden, aber wahrscheinlich wird es sofort von Geschäftsleuten u. jenen dunklen Schiebergestalten mit Beschlag belegt werden, die jetzt vor dem Intourist in der Friedrichstr. ihr Wesen treiben. Man hört dort fast nur slavische Sprachen u. wird leise angeredet auf Kaffee u. englische Cigaretten.

     Wir gingen dann zum Oranienburger Tor, [31] um in der dortigen HO=Gaststätte zu essen. Diese Gaststätte ist sehr gut eingerichtet, aber es ist ein richtiger Aschingerbetrieb. Man bekommt nur schwer einen Platz, man sitzt mit fremden Menschen an einem Tisch u. diese Menschen sind Geschäftsleute oder bessere Angestellte, untermischt von Proletariat. Die Speisen, die man markenfrei bekommt sind gut, aber sehr teuer. Wir aßen eine „Omlette à la Stephanie“, d.h. eine mit Aepfeln gefüllte Eierspeise, die vorzüglich war. Dazu tranken wir jeder ein kleines Glas helles Bier, ebenfalls sehr gut, u. bezahlten zusammen 9,50 Mk. dafür. Der Aufenthalt in dem Lokal war recht unsympatisch.

     Ehe ich Elisab. abholte, wiederholte ich die Zeichnung zu den Artamonows nochmals in größerem Format u. korrigierte vieles. Die Zeichnung wird gut. – Ich will jetzt das alte Bild „Der Alte“ neu vornehmen u. werde den ganzen, sehr verwirrenden Hintergrund wegmalen. – Ich warte sehr auf die Leinewand, die mir aus Ahrensh. versprochen ist, damit ich ein neues Bild anfangen kann, für das ich den Keilrahmen schon habe. Es sollen zwei Vagabunden werden, aus der Mappe der Gorki'schen Erzählungen. Auf dieses Bild freue ich mich schon sehr.

Sonntag, 26. Nov. 1950.     

     Gestern Vormittag kam Frau Dr. Kähler, nachdem Elisab, ihr am Tage vorher telephonisch bestellt hatte, daß ich sie erwarte. Sie war ganz unbefangen u. sehr nett, erzählte mir, daß ihr Mann s.Zt. eine sehr gründliche u. umfangreiche Würdigung meiner Ausstellung geschrieben hätte, jedoch habe die Redaktion nur mein Bild mit drei Zeilen Unterschrift gebracht. Ich sagte ihr, es täte mir leid, aber das sei Sache der Redaktion ich selbst hätte Anspruch auf Honorar für die Bildreproduktion, wäre aber gern bereit an ihren Mann 20 % Provision für seine Bemühung zu bezahlen. Frau Dr. K. sah das ein u. fand es richtig. Sie übergab mir also 40,– Mk., ihr Mann hatte 50,– Mk. bekommen. – Wir unterhielten uns noch ein Weilchen, ich zeigte einige Bilder u. wir schieden in gutem Einvernehmen. Ich lud sie ein, gelegentlich wieder zu kommen u. sie sagte zu, mit ihrem Mann kommen zu wollen. – So wäre diese Angelegenheit also in Ordnung.

     Ich arbeitete gestern u. vorgestern an dem Bilde „Der Alte“. Ich habe das ganze verwirrende Zeugs des Hintergrundes weggemalt u. den Alten vor einen tiefschwarzen bis grauen Hintergrund gesetzt. Das Bild hat sehr gewonnen. Jetzt arbeite ich an den Beinen, die reicher in der Formgebung werden, sowie an dem sonstigen Beiwerk. Es wird ein ganz neues, sehr gutes Bild werden. –

     Heute Nacht hatte ich einen interessanten [32] Traum. Es war Krieg, ich war Leutnant u. war in einer Stadt, durch welche russische Soldaten zogen, die in einer Schlacht geschlagen worden waren u. auf dem Rückzuge waren. Rechts von mir im Hintergrunde stand ein alter Kremser, wie man ihn in Berlin früher für Ausflüge benützte. Ein hoher, russischer Offizier bestieg den Kremser u. fuhr davon. Er kam an mir vorbei. Er stand aufrecht im Wagen, der so hoch war, daß ich den Offizier ganz hoch gegen den Himmel sah. Vor mir standen zwei österreichische Offiziere, die sagten, daß jener hohe Offizier der russische Feldmarschall sei. Ich dachte: wenn es der Feldmarschall ist, kannst du ihm wohl eine Ehrenbezeugung machen, wenn er auch die Schlacht verloren hat. Ich legte also die Hand an den Degen u. grüßte ihn. Der Feldmarschall, der grau, alt u. hager aussah wie Magnus Zeller, sah mich, grüßte u. nickte mir sehr interessiert zu. Er fuhr vorbei. Plötzlich kam er von links zu Fuß an mich heran u. ebenso plötzlich stand seine Frau mit noch einer anderen Frau rechts vor mir. Seine Frau hatte ein breites, flaches u. runder Gesicht wie ein Pfannkuchen das über u. über mit Haaren bedeckt war. Der Feldmarschall drückte seinen Mund in dieses haarige Gesicht. Die Frau sagte zu mir, ich solle ihren Mann gesund machen, denn dieser Mann war ein Schüttler, er zitterte an allen Gliedern. –

     Ich analysierte heute beim Frühstück diesen Traum mit Elisabeth. Die Analyse ergab, daß ich selbst der Leutnant bin im gegenwärtigen Zustande, zugleich bin ich der Feldmarschall im früheren Zustande, in dem ich „hoch über dem Boden der Realität schwebte“, fast schon im Himmel. Aber ich hatte die Schlacht meines Lebens verloren. Ich versagte mir aber trotzdem nicht die Hochachtung u. grüßte jene Gestalt. Ich stand nun fest auf dem Boden der Realität. Von hier aus grüßte ich mich also, indem ich „die Hand an den Degen legte“. Der Degen steckte ja „in der Scheide“ –, er ist Symbol des Phallus. So grüßte ich also jenen u. er sah mich dafür freundlich u. wohlwollend an. – Dann trat er an mich heran u. seine Frau mit dem haarigen Gesicht war auch da. Dieses haarige Gesicht war breit u. flach u. überhaupt kein Gesicht, sondern ein Frauenschooß. Diese Frau sagte: „Machen Sie meinen Mann gesund“. Es waren, wie gesagt zwei Frauen u. beide sind Ueberdeckungen von M. u. Elisabeth, sie sind nicht auseinander zu halten. Die andere Frau sagte nichts, sie stand nur da. Die erste Frau war also M. insofern, als sie Elisab. zu mir gebracht hatte, damit sie mich als Aerztin gesund machen solle, sie war aber auch Elisab. insofern diese mir ihren Schoß darbot u. ich sie küßte. Die erste Frau war auch M. insofern, als sie die Gattin des Feldmarschalls war, also meine Frau in meinem früheren Zustande. –

     So weit die Analyse. Der klare Sinn ist also der, daß ich die große Schlacht meines Lebens verloren habe. Ich habe vergeblich um M. gekämpft, weil ich den Boden der Realität [33] unter den Füßen verloren hatte u. fast schon im Himmel schwebte. Jetzt bin ich aus dieser Höhe herabgestiegen u. wieder zu mir selbst –, dem Leutnant –, gekommen. Ich versage meiner früheren Existenz nicht die Hochachtung stehe nun aber auf dem Boden der Realität, die sich ausdrückt im Degen=Phallus u. Frauenschooß. Jener alte, schon fast gestorbene Herr, der aussieht wie Magnus Zeller, der von seiner jungen Frau verlassen worden ist, „weil er zu alt ist“ –, wie er mir selbst sagte –, erweist aber auch mir viel Freundlichkeit u. volles Vertrauen, er will durch mich gesund werden. Ich weiß zwar nicht, wie ich das machen soll; aber er selbst zeigt mir den Weg dazu durch den Kuß in Elisabeths Schooß. –

     Ein hochinteressanter Traum! –

     Heute Nachmittag sind wir bei Charlotte Sinn, die heute Geburtstag hat. Ich bringe ihr den Sturmvogel mit, der in seinem weißen Rahmen sehr schön aussieht. Hoffentlich paßt er in die Umgebung ihres Zimmers, das mit antiken Möbeln sehr geschmackvoll eingerichtet ist. – Das erste Bild, das ich damals 1919 im „Sturm“ verkaufte, kam ja auch in eine antik eingerichtete Wohnung des Herrn Holzmann. Es war das Mazedonische Kloster u. sah inmitten der antiken Möbel ganz ausgezeichnet aus. –

[34]
Tagebuch.
Heft 32.
[35]
Tagebuch.
Heft 32.

Begonnen:       27. November 1950.

Geschlossen:       15. Mai 1951.


Es wird von Tag zu Tag
in jeder Hinsicht
besser und besser!
[36]
Montag, 27. Nov. 1950.     

     Gestern zum Geburtstag bei Charlotte Sinn. Ich brachte das Bild „Sturmvogel“ mit, das sofort aufgehängt wurde an der Hauptwand des Zimmers, wo es ganz für sich allein hängt. Vorher hing dort ein Ölbild einer nächtlichen Wüstenlandschaft mit Kamelen u. Beduinen. Dieses Bild würde nun verbannt. Elisab schenkte ein hübsches Porzellanschälchen aus ihrem Besitz u. kaufte noch eine Blume. – Außer Herrn + Frau Dr. Sinn war ein Schwager Charlotte's zugegen, sodann ein Herr Renner (vom Film) u. ein Herr Dr. Hengstmann mit seiner sehr geschmückten Gattin. An Damen sonst noch eine Freundin Charlotten's, ebenfalls vom Film, eine Cousine von Dr. Sinn u. die alte Mutter Charlottens. Wir tranken viel Kaffee, aßen viel Kuchen, mit dem Erfolg, daß ich die Nacht bis 4 Uhr morgens wach lag. – Als wir gegen 7 Uhr aufbrachen, forderte Dr. Hengstmann Elisab. u. mich auf, uns zum Bahnhof Savignyplatz zu fahren denn er hatte sein Auto draußen stehen. Als Dr. H. sah, daß es uns Spaß machte, fuhr er uns ganz langsam den wundervoll erleuchteten Kurfürstendamm entlang zur Tauentzienstraße bis zum Kadewe u. zurück zum Zoo. Es ist immer wieder berauschend, [37] dieses Leben im Westen zu sehen. Das Kadewe kannte ich überhaupt noch nicht. Die Schaufenster waren wundervoll in ihrer Eleganz, aber auch die übrigen Läden, die sich jetzt alle wieder in der Tauentzienstraße neu aufmachen. – Wir fuhren dann vom Zoo nach unserer Friedrichstraße zurück, die gegen die westliche Lichtfülle wie triste Nacht aussieht, – von den Menschen, die die Friedrichstraße beleben, garnicht zu sprechen. Im Westen höchste Eleganz, hier nur ruppige Anzüge u. häßliche Menschen.

     Fritz schickte heute Leinewand, leider nicht sehr viel, aber für das neue Bild reicht es. Er schreibt einen sehr netten Brief dazu. M. scheint nicht in Ahr. zu sein.

     Ich arbeitete heute am „Alten“, der sich nun sehr verändert hat.

     Dieses neue Tagebuch kaufte ich mir eben hier in der Friedrichstraße. Es hat schlechtes Papier u. kostete 3,75 Mk. Etwas besseres gibt es hier nicht. Ich suche nach einem Fotokasten, den ich Elisab. mit Fotos meiner Bilder zu Weihnachten schenken will, doch kann ich nirgends etwas derartiges bekommen, ich werde deshalb nach dem Westen fahren müssen.

Dienstag, 28. Nov. 1950.     

     Das Bild „Der Alte“, aus dem Jahre 1946 habe ich heute fertig gemalt. Das ganze Beiwerk ist übermalt, nur einige dürre Äste des Vordergrundes sind geblieben, dazu habe ich einige dürre Blätter gemalt. Unten rechts habe ich einen Grasboden gemalt. Das Bild hat sehr gewonnen, vor allem ist es nicht mehr so stark stilisiert, es ist schon fast naturalistisch.

     Brigitte aus Birkenwerder brachte mir im Auftrage von Alice ein Telegramm des Verbandes Bildender Künstler aus Potsdam, mit dem ich um drei Bilder für eine Wanderausstellung bis zum 2. Dezember gebeten werde. Ich muß dazu selbst nach Potsdam, fahren u. die Bilder hinbringen. Vermutlich geht das auf die Initiative von Magnus Zeller zurück u. ich muß es schon tun; natürlich werde ich nur von den Zeichnungen geben, die bei Lowinsky ausgestellt waren. Ich fragte Brigitte nach meiner Kohlenkarte. Sie gab zu, daß ihr Vater sie gehabt hätte; aber er habe sie „verloren“. – Ich werde nun sehn können, woher ich in diesem Winter Kohlen bekomme. – M. hat während meiner Krankheit die Kohlenkarte dem alten Naujek gegeben.

Mittwoch, 29. Nov. 1950.     

     Die neue Leinewand gestern aufgespannt u. heute grundiert, muß aber die Grundierung nochmals wiederholen, die Schlemmkreide ist mir ausgegangen.

[38]      Heute nachmittag erwarten wir E's Freundin u. Kollegin Frau Dr. Falke. Möglicherweise interessiert sie sich für Bilder.

     Elisab. hat die Depression der letzten Zeit nun völlig überwunden u. man braucht keine Sorge eines Rückfalles haben. Es ist aber erstaunlich, wie sie sich auch in dieser Zeit der Depression beherrscht hat. Nie ist sie mit mit nutzlosen Klagen oder Launen lästig gefallen, wie ich das von M. her so gewöhnt war, ich kann mich immer noch nicht ganz an dieses disziplinierte Wesen gewöhnen u. erwarte immer noch halb unbewußt den Ausbruch einer weiblichen Laune. – Oft denke ich über Elisab. u. mein Verhältnis zu ihr nach. Ich mache mir dann zuweilen Vorwürfe, daß ich sie vielleicht nicht genug liebe. Vielleicht liebe ich sie nur, weil es mir gut geht, weil ich alles habe, was ich brauche, nicht nur Wohnung, Atelier u. tägliches Leben, sondern auch Freiheit des Denkens, Handelns u. Tuns, Freiheit meiner Persönlichkeit. Niemals engt Elisab. mich ein, außer, daß ich natürlich die gewöhnliche Rücksicht nehme, ohne die ein Zusammenleben garnicht möglich ist. Aber dann frage ich mich, wen oder was ich denn sonst noch im Leben liebe. – An M. denke ich kaum noch, ihre Abwesenheit ist mir eine Befreiung, es ist, als ob eine schwere Last von meinen Schultern genommen sei. Sogar daß M. mir nicht schreibt u. ich garnichts von ihr weiß, ist mir eine Befreiung. – Und was liebe ich sonst noch? – Früher war es das Leben mit u. in der Kirche was mich ganz beschäftigte, aber auch das ist abgefallen. Nicht, daß ich nicht mehr an Gott dächte –, dafür sorgt schon Elisab., die immer wieder von Gott spricht –; aber mein ganzes Sinnen u. Denken ist anders gerichtet: Mein Verhältnis zur Kirche war tatsächlich eine Flucht aus diesem Leben, mit dem ich nicht fertig wurde u. wohl auch nicht fertig werden konnte. Ich flüchtete in die Hoffnung auf eine jenseitige Glückseligkeit. – Es ist nun keineswegs so, daß ich diese Hoffnung nicht mehr fühlte u. daß ich jetzt im Irdischen verhaftet wäre; aber ich sehe jetzt, daß ich einen sehr großen Teil der Lehre Christi früher nicht verstanden u. nicht beachtet habe. Ich meine die Lehre Christi, die darin besteht, daß „das Wort Fleisch geworden“ ist. Auch in der Kirche wird diese Lehre nicht, oder zu wenig beachtet. Gott wurde Fleisch, weil er es wollte, – weil er die Materie liebt u. sie aus ihrem Todesschlaf erlösen will. Es ist das das Gegenteil von Weltflucht u. Verachtung des „Fleisches“. Paulus hat das wohl begriffen, wenn er sagt: „Wer reich ist, lebe, als ob er arm wäre“. Er sagt keineswegs, daß der Reichtum schlecht wäre u. daß man ihn verschenken müsse, sondern man soll ihn behalten, ihn zu würdigen wissen; aber man soll sein Herz nicht daran hängen.

[39]      Und so ist heute mein Verhältnis zu den materiellen Dingen. Ich habe begriffen, daß es Christenpflicht ist, sich um diese Dinge zu bekümmern u. nicht, sie zu fliehen u. sie zu verachten. –

     Was nun die Kirche selbst betrifft, so fühle ich kein besonderes Bedürfnis in den Gottesdienst zu gehen. Die Kirche in der Elsasserstraße ist gar zu unschön. Früher wäre das kein Grund für mich gewesen, dem Gottesdienst fern zu bleiben. Ich hätte gesagt, daß mein Geschmack u. mein Wohlbefinden garkeine Rolle spielt, daß Gottesdienst eben Dienst ist u. keinen Spaß zu machen braucht – u. das war gewiß richtig. Aber in dieser Auffassung, die an den preußigen Kommiß erinnert u. die das altpreußische Pflichtgefühl an die Spitze stellt, liegt auch die Gefahr einer großen Veräußerlichung u. Mechanisierung des religiösen Gefühls. Dieser Gefahr war ich, wie mir scheint, weitgehend erlegen. Früher mag ich vielleicht garkein Recht gehabt haben, mich dieser Gefahr zu entziehen, aber heute habe ich das Gefühl, erwachsen zu sein u. glaube, Anspruch erheben zu dürfen, selbständig nach eigenem Ermessen in dieser Frage zu handeln.

     So füllt mich also auch die Liebe zur Kirche mit all ihrer Schönheit u. Feierlichkeit nicht mehr in dem Maße aus wie früher. – Es bleibt also nur noch die Liebe zur Kunst übrig.

     Diese ist freilich – seitdem ich in der Friedrichstraße wohne, sehr bedeutend gewachsen. Ich liebe heute nicht nur die Betätigung in der Kunst, sondern ich liebe auch meine Bilder, u. zwar alle, auch die früher gemalten. Aus dieser Liebe heraus habe ich ja eben das alte Bild „Der Alte“ neu gemalt u. habe es jetzt erst fertig gemalt. – Früher habe ich mich zu solcher Liebe nie recht getraut. Das Malen war für mich eine Auseinandersetzung mit Ideen u. Gedanken u. wenn das geschehen war, dann war die Sache für mich erledigt. Ja, ich hatte sogar gegen gewisse Bilder eine heimliche Abneigung, wenn nämlich die Idee keine vollkommene Lösung gefunden hatte. Heute liebe ich diese Bilder alle u. ich freue mich darauf neue Bilder malen zu können, wie jetzt das neue Bild der Vagabunden.

     Das alles liegt mir nun sehr am Herzen. Aber wenn ich mir vorstelle, daß ich Elisabeth verlieren sollte u. daß ich diesen Verlust durch ein Opfer meiner sämtlichen Bilder vermeiden könnte, dann weiß ich bestimmt, daß ich bedenkenlos alle meine Bilder opfern würde, um sie zu erhalten.

     Es ist also so, daß mir nichts auf der Welt so lieb ist, wie Elisabeth –, daß aber diese meine Liebe viel zu gering u. klein ist. Wenigstens scheint es mir zuweilen so. Aber wahrscheinlich kann man die Größe einer Liebe nur in den Augenblicken ermessen, wenn man in Gefahr ist, sie zu verlieren. Davor möge mich Gott bewahren. –

[40]
Donnerstag, 30. Nov. 50.     

     Gestern war Frau Dr. Falke bei uns. E. hatte einen anstrengenden Tag, kam erst um 4 Uhr aus dem Dienst, hatte nicht gegessen u. bereitete rasch ein Mittagessen. Frau Dr. F. kam um 5 Uhr. Wir tranken Tee.

     Der Besuch ließ sich recht freundlich an. Frau Dr. F. fand sehr leicht eine Beziehung zu meinen Bildern, wenngleich sie auch nicht alle restlos bejahte; aber sie hatte keinen prinzipiellen Widerstand. Es scheint, daß sie den stärksten Eindruck von meinem Selbstbildnis hatte, sowie vom Bettler u. von dem Alten, der ja grade fertig geworden war. Auch der Bahnhof Birkenw., die Straße in Birkenw. u. seltsamerweise auch die Lupinen, die ziemlich abstrakt sind, machten Eindruck auf sie. Ich kann wohl mit Sicherheit damit rechnen, daß sie etwas kaufen wird, da sie ein Bild braucht. Sie möchte aber vorher ihren Mann herschicken, der aber anscheinend nicht viel zu sagen hat u. sie möchte, daß ich selbst vorher ihre Wohnung sehe. Sie wird Elisab. u. mich demnächst zu sich bitten. Es ist auch möglich, daß ich für ihre Wohnung ein Bild extra male. – Frau Dr. F. ist praktische Ärztin, wohnt in Steglitz, ist etwas jünger als Elisab. wirkt aber fraulicher u. älter. Sie ist intelligent, hat aber eine ausgesprochene Neigung zum Bürgerlichen. Sie müßte da eigentlich Elisab. u. mich ablehnen, doch tut sie das nicht, vielmehr hat sie für das Unbürgerliche ein ausgesprochenes Interesse ohne es für sich selbst zu wünschen. Sie hat dafür auch offenbar kein Talent. Sie wirkt auch äußerlich im ersten Augenblick sehr spießig, aber dann zeigt sich, daß sie das keineswegs ist. – Sie hat auch ihre sehr reichen Freunde Kaiser in Steglitz bereits für mich interessiert. Herr Kaiser hat ein Pianoforte=Geschäft, er ist bereit, Bilder von mir dort aufzuhängen. Ich werde mir das Geschäft vorher ansehen müssen. –

     Gestern vormittag grundierte ich die Leinewand für das neue Bild, wurde damit aber nicht fertig, weil die Schlemmkreide ausging. Die Innere Mission teilte mir die Maße des Christkönigs-Bildes mit, ich will nun gleich zu Schneider, um den Rahmen zu bestellen. Die Mission schreibt, daß ich das Bild nicht in Charlottenburg rahmen könnte, es müsse das in Nikolassee geschehen. Das ist sehr umständlich, da ich mit dem Rahmen extra nach Nikolassee fahren muß. – Am Sonnabend muß ich nach Potsdam fahren, um die Zeichnungen dort zur Ausstellung zu bringen. Solche Sachen sind lästig. –

     Berlin ist plötzlich voll von Kriegsgerüchten. Die UN=Truppen in Korea haben durch das Eingreifen Rot=Chinas in die Kämpfe einen sehr schweren Rückschlag erlitten Rot=China hat in Form von „Freiwilligen=Verbänden“ in die [41] Kämpfe eingegriffen; aber das ist natürlich nur eine Verschleierung. Jedenfalls ist die Lage sehr gespannt. An einen Kriegsausbruch in Europa aber glaube ich im gegenwärtigen Augenblick nicht, in der Weihnachtszeit werden keine Kriege begonnen u. nachher ist es zu spät.