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TBHB 1950-11-06

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Textdaten
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Autor: Hans Brass
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Titel: TBHB 1950-11-06
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Entstehungsdatum: 1950
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Originaltitel: Montag, 6. Nov. 50.
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Ungekürzte Tagebuchaufzeichnungen vom 6. November 1950
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Einführung

[Bearbeiten]

Der Artikel TBHB 1950-11-06 zeigt die ungekürzten Tagebuchaufzeichnungen von Hans Brass vom 6. November 1950. Diese Aufzeichnungen erstrecken sich über zehn Seiten.

Tagebuchauszüge

[Bearbeiten]
[1]
Montag, 6. Nov. 50.     

[1]      M. hatte mich beim letzten Besuch um ihre Papiere gebeten, die ich in Aufbewahrung hatte. Dies veranlaßte mich gestern meine Dokumentenmappe durchzusehen, in der ich auch den Durchschlag eines Briefes fand, den ich Ende Dezember 1940 an ihren Sohn Kurt geschrieben hatte.

     Dieser war damals Soldat u. an der Front. Ich hielt mich verpflichtet, das gespannte Verhältnis, das zwischen uns herrschte, zu entspannen u. schrieb ihm deshalb einen kurzen, herzlichen Brief, in dem ich ihm vorschlug, angesichts des Krieges unsere Differenzen zu vergessen. Kurt beantwortete diesen Brief mit unerhörten Beschimpfungen gegen mich u. mit allerhand Anschuldigungen, u.a. auch die, daß ich das Erbe seines Vaters vergäudete u. mich von seiner Mutter ernähren ließe. Der Brief war so unerhört, daß ich ihn einfach nicht unbeantwortet lassen durfte. –

     So kam dieser Brief zustande. Da er allerhand Dinge enthält, die meine materielle Stellung M. gegenüber klarstellen, möchte ich diesen Brief hier aufbewahren u. klebe ihn hier ein.

[2]      Es gefällt M. nämlich, meine materielle Stellung zu ihr in all den Jahren unseres Beisammenseins dritten gegenüber so darzustellen, als hätte ich tatsächlich ausschließlich von ihr gelebt. Um das richtig zu stellen, folgt hier jener Brief.

     Mit diesem Brief hatte es übrigens damals eine eigenartige Bewandtnis. Ich hatte den Brief arglos M. zur Kenntnis gegeben, ehe er abgesandt werden sollte. Damals war M's Cousine Martha Bahnson zu Besuch in Ahr. Diese kam u. bat mich um meine Schreibmaschine, sie habe etwas zu schreiben. Natürlich gab ich sie ihr.

     Mehrere Wochen später fand ich zufällig in M's Schreibtisch einen Durchschlag jenes Briefes, aber nicht des Briefes, den ich geschrieben hatte, sondern eines ganz anderen Briefes, den M. selbst geschrieben, bzw. M. Bahnson diktiert hatte. Nur die letzte Seite mit meiner Unterschrift war original. Diesen Brief hat sie dann als den meinen an ihren Sohn Kurt geschickt. Selbstverständlich fehlten darin alle meine Schilderungen der tatsächlichen Lage.

     Auf einen Kommentar dazu will ich heute lieber verzichten. Nur dies füge ich noch hinzu, daß ich M. wirklich im Verdacht habe, daß sie dieselben Schilderungen meiner materiellen Abhängigkeit von ihr, die sie jetzt anderen Leuten macht, auch schon früher gemacht hat u. daß ihr Sohn Kurt diese Ansichten über mich von ihr selbst bekommen hat. –

     Heute nachmittag 5 Uhr war ich bei Carl Hofer. Dr. Sinn hat dieses Zusammentreffen arrangiert. Er hat sich in seiner Naivität davon einen besonderen Vorteil für mich versprochen, aber ich bezweifelte das von vorn herein. Ich ging trotzdem hin, um Dr. Sinn nicht zu verletzen.

     Der Besuch verlief, wie von mir erwartet. Hofer wohnt in der Bahrstraße 9 am Fehrbelliner Platz. Es ist eine herrliche Gegend, vornehm, elegant, aller Komfort usw. In der Bahrstraße stehen viele kleine Einfamilienhäuser, eines davon bewohnt Hofer.

[3]      Ein Dienstmädchen öffnete mir, führte mich herein, nahm mir Mantel u. Hut ab u. forderte mich auf, hinauf ins Atelier zu gehen, der Herr Professor erwarte mich.

     Ich betrat einen Atelierraum, der noch bedeutend größer ist als der meine. Hofer stand an seinem Arbeitstisch in der Mitte des Ateliers im weißen Kittel, auf dem Tisch eine Zeichnung, an der er gearbeitet hatte. Ich hatte einen großen Mann erwartet, aber er ist etwas kleiner als ich u. schon sehr greisenhaft. Sein Gesicht u. sein Gebahren waren kalt u. abweisend, er schien mich zu fragen: „was störst du mich?“ – Immerhin bot er mir die Hand, wies mir einen Stuhl, setzte sich selbst u. –, sagte nichts.

     Da ich darauf vorbereitet war, hatte ich mir mein Verhalten vorher zurechtgelegt. Ich entschuldigte mich, wenn ich störte, doch habe Herr Dr. Sinn mich zu diesem Besuch angeregt. Was Herr Dr. Sinn damit bezwecke könne ich nur vermuten, er habe es mir nicht gesagt; aber ich glaubte, daß Herr Dr. Sinn die Absicht habe, seinem reichen Vetter Monheim ein Bild von mir zu verkaufen u. daß er sich, da er von Kunst nichts verstehe, seines –, Hofers –, Urteil bedienen wolle. Und damit packte ich einige Fotos aus, vom Jahre 1921 bis jetzt.

     Hofer betrachtete die Sachen ziemlich flüchtig u. entsann sich jetzt, daß er meine Bilder aus der Novembergruppenzeit gesehen hatte. Er meinte, daß ihm jene abstrakten Bilder besser gefielen als das, was ich heute machte. Als ich sagte, daß ich im Osten lebte u. daher nicht in dieser Art arbeiten könne, meinte er: „Warum ziehen Sie denn nicht in den Westen?“ – Ich dachte: Mein Gott was bist du für ein Dummkopf. Laut sagte ich, indem ich mich in seinem Atelier umsah, daß es mir wohl kaum gelingen würde, im Westen einen so schönen Arbeitsraum zu finden, während ich im Osten jetzt wenigstens einen solchen gefunden hätte.

     In dieser Weise quälte sich das Gespräch etwa eine halbe Stunde lang hin, bis ich aufstand u. mich verabschiedete. Hofer versicherte mir, er werde Dr. Sinn ein paar Zeilen schreiben u. ihm sagen, daß meine Bilder gut seien. Damit war dieser Besuch beendet u. ich atmete erleichtert auf, als ich wieder auf der Straße stand.

     Das Ganze war ein großer Quatsch!

Es folgt der eingeklebte Brief an Kurt Wegscheider aus dem Jahr 1940
[4]
Ahrenshoop, Ende Dezember 1940.

Herr Wegscheider !

     Sie haben meinen von Geiste der Versöhnung diktierten Brief in einer Weise erwidert, die es schwer macht, eine passende Antwort darauf zu finden. Trotzdem muss ich Ihnen antworten, nicht, weil ich auf "Verhandlungen" hoffe, zu denen ich nicht die geringste Veranlassung habe, sondern weil ich an die Ehrlichkeit glauben will, mit der Sie die Hoffnung ausdrücken, eines Tages doch wieder eine annehmbare Form des Verkehrs mit mir zu finden. Das war die Absicht meines ersten Briefes und sie ist es heute wieder.

     Zuvor aber zwingt mich die Selbstachtung, den Ton Ihrer "etwas scharf klingenden Worte", wie Sie es nennen, zurückzuweisen. Sie entschuldigen sich mit einem siebzehn-monatlichen Soldatentum. Ich bin im sehr viel blutigeren Weltkriege sehr viel länger als siebzehn Monate Soldat gewesen und habe sehr viel länger als acht Monate in vorderster Infantriefront gelegen, doch hätte ich nie gewagt, einem dreiundzwanzig Jahre älteren Mann in ähnlicher Weise zu schreiben. Wenn Sie es dennoch tun, so kann ich das nur bedauern, es fällt auf Sie zurück. Sagen aber muss ich, dass es nicht "etwas scharf klingende Worte" sind, die Sie da geschrieben haben, sondern empörende Beleidigungen, ehrenrührige Beschuldigungen, für die Sie sich nicht einmal die Mühe geben, den Schatten eines Beweises beizubringen.

     Und nun zu Ihren Beschuldigungen.

Sie werfen mir vor, dass ich im Hause Ihrer Mutter "Herr im Hause spiele" und "Rücksichtnahme verlange", falls Sie hierher kommen sollten. Sie behaupten, dass ich meinen Einfluss auf Ihre Mutter gegen Sie missbrauche und Sie dadurch verhindere, Ihre Mutter zu besuchen. Sie sagen, dass ich ohne die geringste Berechtigung als energischer Haushaltungsvorstand auftrete", dass ich mich zwischen Sie und Ihre Mutter stelle und diese sogar "gegen Sie aufhetze". Alles das nennen Sie eine "empörende Unverschämtheit".

     Hiermit haben Sie wohl, wie mir scheint, die eigentliche und letzte Ursache Ihrer feindlichen Stellung gegen mich offen aufgedeckt. Ich bin Ihnen dafür dankbar. Ich bin mir in der Tat bewusst, dass ich bei gewissen Anlässen die leichte Erregbarkeit meines Temperaments Ihnen gegenüber nicht gemeistert habe. Ich beklage diese Schwäche mit wirklicher Aufrichtigkeit und freue mich, dass Sie mir durch Ihre offenen Worte Gelegenheit geben, sie wegen dieser meiner Heftigkeiten um Entschuldigung zu bitten. Ich tue es hiermit und bitte Sie, versichern zu dürfen, dass ich, wenn ich mich oft leider auch in der Form vergriffen habe, doch die beste Absicht verfolgte.

[5]
2.

     Was nun aber meine Stellung im Hause noch zu Lebzeiten Ihres Vaters betrifft, so waren Sie wahrscheinlich noch zu sehr mit Ihrer Entwicklung beschäftigt, um dieselbe ganz übersehen zu können. Ihr Vater bat mich damals, die Verwaltung der hiesigen Grundstücke zu übernehmen, denn es war Nachkriegs- und Inflationszeit. Die Gegend wimmelte von landfremdem Gesindel, welches alles stahl, was erreichbar war. Er gab mir zur Verteidigung seines Besitzes, einen Revolver und eine schriftliche Vollmacht, nach der ich ihn in allen Angelegenheiten der hiesigen Grundstücke rechtsgültig zu vertreten hatte. Wenn Sie bedenken, dass er mir bald danach die Duz-Freundschaft antrug, so werden Sie erkennen, dass es sich nicht um eine rein geschäftliche Angelegenheit handelte, sondern Sache persönlicher Wertschätzung und des Vertrauens war.

     Ich bin mir bewusst, dieses Vertrauen gerechtfertigt zu haben indem ich Ihrem Vater in verschiedenen Fällen, z.B. bei der Regelung der von der Gemeindeverwaltung liderlich geführten Steuerlisten-, nützlich sein und ihn vor Doppelzahlungen bewahren konnte. Auf meinen Vorschlag liess er die Zentralheizung einbauen, die aus dem nur im Sommer bewohnbaren Hause ein Dauerwohnhaus machte und es ermöglichte, dass Ihre Mutter nach dem Tode Ihres Vaters ein festes Heim besass.

     In neuerer Zeit sind auf meinen Vorschlag Wasserleitung, Badestube, elektr. Küche eingerichtet und sehr viele andere bauliche Veränderungen vorgenommen worden, die ich nicht im Einzelnen aufführen will. Der Nutzungswert des Gebäudes ist dadurch bedeutend erhöht worden, wie der einfache Augenschein beweist und alle Ihre Geschwister bestätigen. Trotzdem behaupten Sie, ich sei "lediglich für die Schrumpfung, nicht für die Mehrung der wirtschaftlichen Hinterlassenschaft Ihres Vaters" tätig gewesen. Ich bedaure, an Ihrem guten Willen zur Objektivität zweifeln zu müssen.

     Da ich garkeine Besitzinteressen an den hiesigen Grundstücken habe, würde man es mir nicht als Vergehen anrechnen können, wenn ich nichts für die Mehrung dieses Besitzes getan hätte. Da ich es aber trotzdem unzweifelhaft getan habe, und zwar immer in ausdrücklicher Rücksicht auf die Erben, also auch auf Sie, so glaube ich allerdings eine entsprechende Rücksichtnahme auf meine Person grade von denen erwarten zu dürfen, die einst die Nutzniesser dieses Besitzes sein werden. Ihre Geschwister verweigern mir dieselbe auch nicht.Vorläufig allerdings gehört dieser Besitz, wie Sie ganz richtig bemerken, allein Ihrer Mutter. Solange diese wünscht, dass ich mich in ihrem Hause frei bewege, habe ich keinen Grund, als ein geduldeter

[6]
3.

"Gast im Hintergrunde zu stehen". Es bedarf keiner Erwähnung und ist Sache des natürlichen Taktgefühls, dass weder ich mich in die Liebe zwischen Mutter und Kinder, noch diese sich in die Freundschaft zwischen Ihrer Mutter und mir eindrängen. Alle Ihre Geschwister bringen dieses Taktgefühl auch mühelos auf, die überaus herzlich verlaufenden Besuche Ihres Stiefbruders Klaus, Ihrer Schwester Ruth und ihres Mannes und die ständige Gegenwart Ihres Bruders Fritz beweisen das hinreichend. Wenn Sie allein dieses Taktgefühl nicht aufzubringen vermögen, so bedaure ich das tief, kann aber daran nichts ändern. Vielleicht kann Ihnen eine sachlichere Betrachtung der Gegebenheiten zur Gewinnung eines richtigen Standpunktes nützlich sein: Wenn Sie nämlich mich einen Gast im Hause Ihrer Mutter nennen, so sind Sie im Falle Ihres Besuches genau ebenso Gast Ihrer Mutter. Sie wie ich hätten die Pflicht, auf unsere Gastgeberin Rücksicht zu nehmen, denn es handelt sich hier doch wohl um die Rücksicht, die Sie Ihrer Mutter schulden und nicht um eine Rücksicht die ich Ihnen schulde!

     Weiter beklagen Sie sich, dass ich "als energischer Haushaltungsvorstand" auftrete. Abgesehen von dem, was ich bereits dazu gesagt habe und gern nochmals wiederhole: dass es mir aufrichtig leid tut, wenn ich mich gelegentlich von meinem reizbaren Temperament habe hinreissen lassen, muss ich aber doch auch sagen, dass ich hier im Hause weder Gast, noch Hausverwalter, noch Portier bin. Ich bin der Freund Ihrer Mutter und in dieser Stunde will ich Ihnen, Herr Wegscheider, auch nicht verschweigen, dass ich sehr wohl auch "Haushaltungsvorstand" sein könnte! Wenn ich es nicht bin, so liegt das an mir! Ich will Ihnen auch nicht verschweigen, dass ich, wenn ich es nicht bin, ein Opfer gebracht habe, und zwar ein sehr grosses und in erster Linie in Rücksicht auf Sie!

     Wenn Sie sagen, dass ich mich zwischen Sie und Ihre Mutter stelle und diese sogar "gegen Sie aufhetze", so darf ich Ihnen erwidern, dass Sie Ihre Mutter falsch einschätzen. Sie ist nicht so. Sie ist sehr viel grösser. – Begreifen Sie denn garnicht, wie sehr sie damit Ihre Mutter beleidigen?!

     Und nun die zweite Serie Ihrer Anschuldigungen.

     Sie "erwarten von mir als selbstverständlich, dass ich in Zukunft keinerlei Verfügungen über das Vermögen Ihrer Mutter treffe, mag es auch gegen mein Interesse sein, sondern Ihre Mutter an Sie verweise."

     Sie unterstellen also, dass ich jemals Verfügungen über das Vermögen Ihrer Mutter getroffen hätte und zwar in meinem Interesse, d.h. zu meiner persönlichen Bereicherung. Diese und die nach folgenden Beschuldigungen kann ich nur mit dem von Ihnen [7] gebrauchten Wort zurückweisen: "eine empörende Unverschämtheit!"

     Es kann Ihnen ja garnicht unbekannt sein, dass die Bunte Stube von Anfang an eine Idee Ihrer Mutter war, und dass sie zunächst einzig und allein mit den Erzeugnissen meiner Hände Arbeit ins Leben gerufen wurde. Gewiss waren meine kunstgewerblichen Arbeiten nichts Besonderes und meine Kenntnisse der kaufmännischen Dinge waren gleich Null. Ich entstamme, wie Sie wissen, einer Offiziersfamilie, in der man dem Kaufmannstande keine übertriebene Hochachtung zollte. Mein Künstlerberuf hat mich dieser fremden Welt auch nicht näher gebracht. Es ist kein Wunder, dass das Geschäft zunächst schwere Zeiten durchzumachen hatte, denn auch Ihre Mutter verstand von all dem nichts. Trotzdem wuchs das Geschäft viel rascher und kräftiger, als wir voraussehen konnten und bewies somit, dass die Idee sehr gut war.

     Das rasche Wachstum und die weitere Ausdehnung des Handels auf Dinge des täglichen Bedarfs geschah gegen meinen Willen, auf Betreiben Ihrer Mutter allein. Der Erfolg hat ihr Recht gegeben, ich aber wurde dadurch immer unlustiger und uninteressierter, denn abgesehen davon, dass das Geschäft von Krise in Krise geriet, wurde ich dadurch von meinem eigentlichen Beruf abgezogen. Vielleicht ist Ihnen unverständlich, was das für mich bedeutete. Für Sie besteht ein Beruf in irgend einer Methode des Geldverdienens, für einen Künstler aber ist Beruf eine Berufung, der er mit dem Herzen dient. Schliesslich geschah auch, was ich fürchtete: ich musste meinen Beruf gänzlich opfern, weil Missgunst und Neid von aussen her das Geschäft bedrohten. Ich übernahm die Gemeindeverwaltung. Durch intensive Fremdenwerbung verschaffte ich dem Geschäft die nötige Kundschaft. Ich bezahlte dafür den Preis meines Berufes,- gewiss nicht für das Geschäft, welches mir längst zum abscheulichen Ärgernis geworden war, sondern aus Freundschaft für Ihre Mutter.

     Sie wissen, wie ein schwerer Unfall meiner Tätigkeit ein jähes Ende setzte. Niemals hatte ich aus dem Geschäft den geringsten Vermögensvorteil gezogen, vielmehr zahlte ich als Gemeindevorsteher monatlich 100- M an Ihre Mutter Pension. Ich stand plötzlich völlig mittellos, krank und arbeitsunfähig da und wäre nun allerdings darauf angewisen gewesen, mir "die Kosten meines Lebensunterhaltes von Ihrer Mutter auszahlen zu lassen", wie Sie sich auszudrücken belieben.

     Anstatt dessen kehrte ich aber nach Berlin zurück, viel zu verbittert, um mich in den nun folgenden fünf Jahren noch mit einem Gedanken an das Geschäft zu belasten. Ihre Mutter sah ich nur im Winter. So erlebte ich aus der Entfernung die immer stärker werdende Abwärtsbewegung des Geschäftes, die immer höher steigende Not,

[8]
5.

in die Ihre Mutter geriet und schliesslich den Beginn eines völligen Zusammenbruches. In dieser ganzen Zeit vermochten Ihre kaufmännischen Ratschläge und Hilfen, die Sie, Herr Wegscheider, Ihrer Mutter gewährten, nichts an der Entwicklung zu ändern. Ich aber teilte im Winter noch meine karge Erwerbslosen-Unterstützung, von der ich lebte, mit Ihrer Mutter. Sie können vielleicht verstehen, wenn ich es darum ablehne, Ihre Mutter im Falle des Bedarfs an Sie zu verweisen.

     Ein solcher Bedarf liegt aber heute garnicht mehr vor. Ihre Meinung, dass ich "die kaufmännischen Fähigkeiten nicht besitze das Geschäft zu führen, sondern erneut Sorgen heraufbeschwöre", mag zutreffend sein, wenn Sie dabei an eine besondere Begabung des genialen Kaufmanns denken. Die besitze ich freilich nicht. Aber dieses Geschäft bedarf einer solchen Begabung nicht, es genügen dafür Ordnung, Gewissenhaftigkeit und anständige Gesinnung. Im übrigen "führe" ich das Geschäft garnicht, ich arbeite nur mit, und zwar nicht einmal ganz freiwillig, sondern weil es mir das Gewissen gebietet.

     Obwohl ich nämlich fest entschlossen war, nie wieder nach Ahrenshoop zurückzukehren, habe ich mich im Augenblick der höchsten Gefahr auf die inständigen Bitten Ihrer Mutter und die ernstesten Vorstellungen Ihres Onkels Otto Wendt schweren Herzens bereit erklärt, dem Geschäft abermals meine Mitarbeit zu schenken. So bin ich also nicht hier, weil ich sonst nirgends sein könnte, sondern weil mich die Freundespflicht gegen Ihre Mutter dazu zwingt.

     Statt vieler Worte darf ich Ihnen die Umsatzzahlen der seitherigen Jahre nennen. Der letzte Jahresumsatz vor meiner Rückkehr betrug lt. Kassenbuch:      25 597,-

Seither im Jahre 1937      33 176,-

1938      44,154,-

1939      69,947,-

     Im Jahre 1940 wird der Umsatz nur wenig unter der letzten Zahl liegen, da wir überhaupt keine Angestellten hatten und die Arbeit allei nicht ganz schaffen konnten.

     Entsprechend dem Umsatz ist der Reinverdienst gestiegen, der noch im Jahre 1936 fast gleich Null war.

     Meine "leichtfertige Geschäftsmoral" hat immerhin erreicht, dass das Geschäft in diesen drei Jahren räumlich ganz bedeutend erweitert und umgestaltet wurde. Alle aus den Umbauten und Neuanschaffungen von Inventar entstandenen Kosten sind bezahlt, - ebenso wie die Einrichtungen und Umbauten im grossen Hause,- die erheblichen schulden, die ich vorfand in der Form von Darlehn, Warenschulden und Wechselverpflichtungen sind abgetragen und das Bareinkommen Ihrer Mutter und Ihres Bruders ist, wie die Einkommensteuer-Veranlagung

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6.

beweist, sehr gut. Ihre Mutter lebt heute sorgenfrei. Nur eine einzige Schuld ruht noch auf dem Geschäft, nämlich ein kleiner Betrag von 1000,- M ser mir persönlich gehört und der ein von meiner Mutter zu erwartendes Erbteil darstellt, welche dies in bar einzahlte in einer Zeit, da Sie selbst, Herr Wegscheider, nur in abfälligen und kreditgefährdenden Ausdrücken von dem Geschäft Ihrer Mutter sprachen und entprechend handelten. Die gefährliche Art, in der Sie selbst den Kredit des Geschäfts in schwerster Zeit geschädigt haben, geht unter vielem anderen aus einem Brief hervor, der bei den Geschäftsakten liegt. Er ist datiert vom 6.8.34. und geschrieben von einem Geschäftsfreunde, dem Ihre Mutter geldlich verpflichtet war. Es heisst darin: ".... muss ich Sie nun doch ernstlich bitten, mir doch auch entgegen dem schlechten Willen Ihres Sohnes irgend eine Sicherheit zu geben .... wo Kurt sich mir gegenüber bestimmt nicht fein benommen hat. Es würde mir jedenfalls sehr leid tun, wenn ich durch dieses Verhalten ihres Sohnes nun doch noch einmal zu Schritten gezwungen würde, die unser bisher so gutes Einvernehmen stören müssten."

     Sie, Herr Wegscheider, haben es gewagt, mir leichtfertige Geschäftsmoral verzuwerfen! Ich wiederhole, dass Sie sich irren, wenn Sie meinen, dass ich hier das Geschäft "führe". Vielmehr ist, wie Sie wissen müssen, Ihr Bruder Fritz neben Ihrer Mutter Mitinhaber des Geschäfts, und zwar auf meinen Vorschlag. Er ist absolut selbständig und durchaus in der Lage, das Geschäft verantwortlich zu führen, ebenso wie Ihre Mutter. Ob das Geschäft angesichts seiner Einberufung zum Militärdienst geschlossen werden soll oder nicht, braucht nicht Gegenstand Ihrer Sorge zu sein.

     Ich muss wohl noch bemerken, dass ich niemals, auch jetzt nach meiner Rückkehr nicht, irgend ein Gehalt für meine Mitarbeit beziehe. Das Geschäft bestreitet nur meinen einfachen Lebensunterhalt.Allerdings hat es auch die Kosten einer schweren Erkrankung und Operation getragen, die mich hart an die Grenze des Todes brachte, denn ich erlitt dieses im Dienste für das Geschäft. Ihre Mutter und Ihr Bruder erachteten es als eine Ehrenpflicht, mir in dieser Lage ihre Achtung, Liebe und Dankbarkeit zu beweisen. Ihnen aber blieb es vorbehalten, in empörenden Beleidigungen meine Ehre in Zweifel zu stellen und mich aufzufordern, mir "die Kosten meines Lebensunterhaltes anderweitig auszahlen zu lassen".

     Herr Wegscheider, Sie habe mich gezwungen, Ihnen einmal klar und deutlich zu sagen, wie die Dinge wirklich liegen. Es liess sich das leider nicht in wenigen Worten tun. Leider habe ich darauf verzichten müssen, es in dem freundlichen Tone zu tun, den mein erster Brief anschlug. Sie haben mir darauf mit einer üblen Flut

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7.

von Beschimpfungen geantwortet. Ich habe dem nun Tatsachen entgegengestellt, die teils akten- oder buchmässig festliegen, teils von Ihrer Mutter, Ihren Geschwistern und Ihrem Schwager ohne weiteres bestätigt werden können. Sie sind sehr im Irrtum, wenn Sie glauben, ich wolle "auf Verhandlungen rechnen".

     Ich erkläre Ihnen nun, das auf dieser Grundlage, d.h. auf Anerkennung aller Tatsachen, die in diesen Briefe festgestellt sind, die am Schlusse Ihres Briefes ausgedrückte Hoffnung auf Verwirklichung der von mir angebotenen freundschaftlichen Gesinnung für mich einen Wert haben kann. Sie haben, wie ich Ihnen zugegeben habe, ein gewisses Recht gehabt, mir zu zürnen wegen der allzugrossen Reizbarkeit, mit der ich Ihnen zuweilen entgegengetreten bin. Mit den Beleidigungen Ihres Briefs aber haben Sie nur den Beweis erbracht, dass meine gelegentliche Heftigkeit wohl ihren Grund gehabt hat und insofern entschuldbar ist. Trotzdem bin ich auch jetzt noch bereit, Ihren Brief wie die Durchschläge dieser Antwort im Ofen zu verbrennen und in meinem Gedächtnis zu löschen.

     Die Entscheidung darüber liegt ganz bei Ihnen.