Tafellied zur Crucianer-Feier am 2. Mai 1891
O alte Kastenherrlichkeit,
Wohin bist du geschwunden?
Ach längst vergangen bist du heut’
Wie wir einst dich gefunden!
Vergebens spähe ich umher,
Den Kasten finde ich nicht mehr,
O jerum, jerum, jerum.
O quae mutatio rerum!
Zwar steht noch an dem alten Ort
Des Kastens grau Gemäuer,
Indeß schon heißt’s: Mit dem auch fort,
Der Bauplatz ist zu teuer!
Das antiquierte Material
Verschändet nur das Areal!
O jerum, jerum, jerum.
O quae mutatio rerum!
Ach freilich, als man ihn einst baut’,
Hat man wohl nicht beim Rathe
Verlangt mit Donnergrollen laut
Nach einer Kraftfaçade
Vom Zippel-Zappelstil auch weit
Entfernt sah man ihn alle Zeit,
O jerum, jerum, jerum.
O quae mutatio rerum!
Nein, prunklos war er, ohne Zier,
Das musste man ihm lassen.
Nur scheibchenweise wurde hier
Das Taglicht zugelassen!
Dieweil der Schüler böser Chor
Die Fensterscheibchen oft zerstor,
Macht’ man sie möglichst kleine,
Für dreissig Pfennig eine!
Trotzdem war eins ihm sicherlich
Hellleuchtend vorbehalten:
Zur freien Blüte konnte sich
Des Jünglings Geist entfalten.
War düster auch das alte Haus,
Hell ging des Wissens Strahl doch aus
Von unsrer schola crucis.
Die all’ Zeit schola lucis!
Man pflegte dort seit alter Zeit
Nicht blos der Alten Dichtung,
Nein, wenn auch in Verborgenheit,
Die Kunstgewerberichtung!
Denn bei den Schülern stand in Gunst
Gar hoch all’ Zeit die Holzschnittkunst;
Das sah sofort ein Jeder
An Bänken und Katheder.
Nicht minder wurde die Chemie
Vom Cötus hoch gehalten,
Denn öfters fand man in der Früh’
Der Kohlensäure Walten,
Wenn einer hatt’ mit frevler Hand
Den Tintenfässern zugewandt
Die ganze Anschreibkreide:
Ei, war das eine Freude!
Geschätzt nicht minder eh'dem ward
Der Jugend Leibesübung,
Olymp’sche Spiele eigner Art,
Den Schwachen zur Betrübung.
Das griech’sche Wort weiss ich nicht mehr,
Doch weiss ich, dass wir deutsch sie sehr
Prosaisch, „Presswurscht“ nannten
Und alle wohl verstanden!
Gewüdigt ward von uns auch tief
Die Überbürdungsfrage,
Und die Gefahr, die in ihr schlief,
Sie lag uns klar zu Tage.
Drum manchmal wurde mit Verstand
Ein Mittel heimlich angewandt
Den Hirnstoff zu ergänzen;
Das nennten wir dann „schwänzen!“
So ging’ im Kasten schlicht und gut,
Bis man ans Ziel gelangte,
Mit Frack und mit Cylinderhut
Im Actus sich bedankte.
Drauf ging die Seelenwand’rung an,
Erst Kreuzspinn’ – Mulus – Fuchs alsdann,
Bis uns das Schiff der Wüste
Als Namensvetter grüsste!
Drum, Freunde, hebt die Gläser hoch:
Der Kasten sink’ in Trümmer,
Der gute Geist. fort lebt er noch,
Ein Kastengeist ist’s nimmer!
Es leuchtet aus dem neuen Haus
Ja stets der alte Wahrspruch aus,
Es bleibt schola crucis
All’ Zeit schola lucis!
Dr. M.